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Preisverleihung 2016

Am 21. April überreichte Bürgermeisterin Annegret Ihbe den Friedrich-Gerstäcker-Preis vor etwa einhundert Gästen in einer Feierstunde im Braunschweiger Altstadtrathaus dem Autor Dirk Reinhardt. Die Laudatio hielt Dr. Ina Brendel-Perpina aus Bamberg und die Jugendjurymitglieder Eline Günzler, Leonie Krusche und Daniel Erfurt würdigten den Autor und sein Preisbuch "Train Kids" ebenfalls anhand ausführlicher Statements. 

Die Jugendlaudatoren Eline Günzler, Leonie Krusche und Daniel Erfurt, Preisträger Dirk Reinhardt, Laudatorin Dr. Ina Brendel-Perpina, Bürgermeisterin Annegret Ihbe und Lektorin Birgit Lockheimer (v. l. n. r.)
Die Jugendlaudatoren Eline Günzler, Leonie Krusche und Daniel Erfurt, Preisträger Dirk Reinhardt, Laudatorin Dr. Ina Brendel-Perpina, Bürgermeisterin Annegret Ihbe und Lektorin Birgit Lockheimer (v. l. n. r.)

LAUDATIO

auf Dirk Reinhardt für seinen Roman Train Kids
von Dr. Ina Brendel-Perpina :

„Wen es trifft,
der wird aufgehoben
wie von einem riesigen Kran
und abgesetzt
wo nichts mehr gilt,
wo keine Straße
von Gestern nach Morgen führt.“ (1)
                  Hilde Domin (1953)

Diese Verse, meine sehr verehrten Damen und Herren, stammen aus einem Gedicht von Hilde Domin aus dem Jahr 1953. In ihnen verdichtet sich das Gefühl der existenziellen Verunsicherung, dem Menschen auf der Flucht ausgeliefert sind. In ihnen kommt zum Ausdruck, welches Schicksal die erzwungene Migration Millionen von Menschen auferlegt, denen, die gegenwärtig hier in Europa ankommen, aber auch den zahlreichen Flüchtlingen in anderen Teilen der Welt.

Massenflucht als Folge von Kriegen, verursacht durch Terror und Verfolgung, Naturkatastrophen oder existenzbedrohende Armut, ist trotz ihrer brennenden Aktualität nicht nur ein Phänomen der Gegenwart, sondern gehört zur Menschheitsgeschichte. Von allen Orten und zu allen Zeiten mussten Menschen immer wieder fliehen, oft ohne Aussicht auf eine Rückkehr in ihre Heimat.

Jede Flucht ist für jeden Menschen ein traumatisches Erlebnis. Um wieviel mehr aber noch für Kinder und Heranwachsende. Auch wenn wir davon ausgehen, dass sich Kinder schneller an veränderte Lebensumstände anpassen können, sind sie es, die besonders unter Ausgrenzung und Entwertung leiden. In den vielen Fällen, in denen Heranwachsende sich allein auf die Flucht begeben müssen, sind sie ohne ihre vertrauten Bezugspersonen auf sich selbst gestellt. Schutzlos.

Flucht und Migration sind seit jeher Grundthemen der Literatur. Dem Charakter der Literatur ist es eingeschrieben, Einzelschicksale exemplarisch auszuleuchten. Die literarischen Geschichten geben den Flüchtenden ein Gesicht.

Bei Dirk Reinhardt heißen sie Miguel, Fernando, Jazmin, Emilio und Angel. Diese Kinder und Jugendlichen sind die Train Kids. Sie stammen aus den Armenvierteln Mittelamerikas und begeben sich als blinde Passagiere auf die Güterzüge durch Mexiko, um über Tausende von Kilometern in das Land ihrer Träume, die USA, zu gelangen. Als Leser fragen wir uns: Werden sie ihre Eltern dort finden? Wird sich die Hoffnung auf ein besseres Leben erfüllen? Ja, werden sie überhaupt jemals ankommen? Denn die Reise ist lebensgefährlich.

Und so beginnt der Roman mit dem Satz: „Wenn wir über den Fluss setzen, [...] dann sind wir im Krieg.“ (2) Diese Ankündigung wird sich bewahrheiten, denn das zu durchquerende Grenzgebiet ist, so die Kraft der sprachlichen Bilder im Roman, die Hölle, eine Bestie, der Zug ein Todeszug. Auf der Flucht erwarten die Protagonisten die Gewalten der Natur, Unfälle, organisierte Banden und immer lauert am Rand der Schienen die Gefahr, aufgegriffen und wieder zurückgeschickt zu werden. Die anfängliche Zufallsbegegnung der jungen Grenzgänger erweist sich als Schicksalsgemeinschaft. Auch wenn Fernando, der Erfahrene, die Gruppe anführt, ist es der kindliche Angel, dem die Jugendlichen die Rettung vor den Zetas verdanken. Trotz ihres eisernen Durchhaltevermögens und unerwarteter Hilfsbereitschaft von Menschen, die sich dabei selbst in Gefahr begeben, werden nur zwei von ihnen am Ende ankommen.

„Es ist schon seltsam“, heißt es am Schluss des Romans, „Irgendwie hängt das Schicksal an so winzigen Fäden. Sie sind so fein und dünn, dass man sie gar nicht sehen kann. Eigentlich sind sie fast gar nicht da.“ (3)

Auch Texte sind Gewebe von Fäden und die hält Dirk Reinhardt mit Bravour in der Hand.

Beeinflusst von großen Vorbildern wie Mark Twain oder Jack London gelingt dem Autor ein spannender Abenteuerroman mit großem Sog. Die Dynamik der Handlung und innerhalb der Figurengruppe lässt ein Roadmovie entstehen, bei dem das Motiv der Reise als existenziell und politisch gestaltet wird.

Aus der Sicht von Miguel im narrativen Präsenz erzählt und immer wieder durch Rückblenden gebrochen, treten die aufwühlenden Erlebnisse ganz nah an den Leser heran. Wir spüren die Kälte der Nacht, die peitschenden Äste, an denen der Zug vorbeifährt, und wir hoffen und bangen mit den Jugendlichen.

Durch seine Recherchen vor Ort, seine Gespräche mit den Jugendlichen, ist Dirk Reinhardt ein authentisches und engagiertes Porträt gelungen, mit Schilderungen, in denen sich das Fiktive und das real Erfahrbare überzeugend durchdringen. Über die Momente des Abenteuers, die Begegnung mit fremden Welten und die Bewältigung extremer Herausforderungen zeigen sich auch Verbindungen zu den anderen Werken des Autors.

Dirk Reinhardt hat seinen Roman den jugendlichen Flüchtlingen in Mittelamerika gewidmet, in der Hoffnung, dass dieser ihrem Schicksal, ihrem Mut und ihrer Lebensfreude gerecht werden möge. (4) Dass auch der Autor, wie er selbst sagt, von den Jugendlichen eine Menge lernen durfte, ist die Gegengabe, die dem literarischen Chronisten zuteilwird.

Sehr verehrte Damen und Herren, der diesjährige Friedrich-Gerstäcker-Preis zeichnet den Schriftsteller Dirk Reinhardt für seinen Roman Train Kids aus und der Roman ist wiederum eine Auszeichnung für den Friedrich-Gerstäcker-Preis. Dessen Grundgedanke, dem der Aufruf zu Toleranz und Weltoffenheit innewohnt, könnte zur Stunde nicht eindringlicher aktualisiert sein.

Train Kids ist im besten Sinn der Roman der Stunde.

Wen es trifft, der wird abgesetzt, wo nichts mehr gilt.

Die literarische Gestaltung von Train Kids vergegenwärtigt diese Erfahrung des unbehausten Menschen und stellt dabei die Kinder in den Mittelpunkt. Der Roman ermöglicht jugendlichen wie erwachsenen Leserinnen und Lesern eine ungewohnte Perspektivenübernahme, die unbequem ist und unbequem sein muss. Denn gute Literatur zeichnet sich genau dadurch aus.

Aus diesem Grund, lieber Dirk Reinhardt, gratulieren wir Ihnen herzlich zum Friedrich-Gerstäcker-Preis 2016.


(1) Domin, Hilde: Gesammelte Gedichte. S. Fischer: Frankfurt/ M. 1987.

(2) Reinhardt, Dirk: Train Kids. Gerstenberg: Hildesheim 2015, S. 5.
(3) Ebd., S. 308.
(4) Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=rTnpwvg1MkI (aufgerufen am 06.04.2016)