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Das Prämierte Buch

Dirk Reinhardt: Train Kids

Gerstenberg, 2015

ISBN 978-3-8369-5800-4

Ab 13 Jahren

 

Der 14-jährige Miguel aus einem Dorf in den Bergen von Guatemala bricht auf, um seine Mutter wiederzufinden. Vor Jahren hat sie ihn und seine Schwester zurückgelassen, um in die USA zu gehen und dort zu arbeiten. Viele Jahre bleibt sie in der Fremde – und kehrt nie zurück, obwohl sie es so oft verspricht.

Schweren Herzens lässt er seine Schwester zurück und macht sich auf den langen Weg nach Norden. An der Grenze zu Mexiko trifft er vier andere Jungs, die das Gleiche vorhaben wie er. Sie beschließen, die Reise gemeinsam zu versuchen. Alle sind getrieben von der Sehnsucht nach Menschen, die sie verloren haben – und von der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Die einzige Möglichkeit, Mexiko zu durchqueren, sind die Güterzüge. Schnell wird Miguel und den anderen klar, dass sie nur Teil eines viel größeren Trecks sind, der nach Norden rollt. Viele Tausende sind als blinde Passagiere auf den Zügen unterwegs. Und große Gefahren warten auf sie. Ein Fehltritt beim Aufspringen auf die Waggons, eine Unachtsamkeit auf den Dächern, ein leichtsinniger Schlummer in der Nacht – und ihr Leben kann vorbei sein. Korrupte Polizisten und geldgierige Räuberbanden machen Jagd auf sie. Sie leiden unter Hunger und Durst, unter der Hitze im Dschungel, der Kälte im Gebirge und der Trockenheit in der Wüste.

Schließlich erreichen sie Nuevo Laredo, die Grenzstadt am Rio Bravo. Um die Grenze zu überqueren, die wie eine Festungsmauer gesichert ist, müssen sie Dinge tun, die sie nie tun wollten. Auch ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt. Mehr als einmal zweifeln sie, ob es all das wert ist. Doch schließlich ist sie da: die Nacht der Entscheidung, in der sie über den Fluss setzen ...

Hintergrund der Geschichte

Schätzungsweise 50.000 Kinder und Jugendliche aus Mittelamerika sind ständig auf den Güterzügen in Mexiko unterwegs, um sich zu ihren Angehörigen in den USA durchzuschlagen. Ihre Reise gehört nach Ansicht von Amnesty International zu den »gefährlichsten der Welt«.

Die Begründung der Jury

Mit „Train Kids“ hat Dirk Reinhardt ein literarisches Road Movie zum Thema Flucht und Migration vorgelegt, dessen Handlung im Wesentlichen in Mexiko angesiedelt ist, deren hierin beschriebenen Motivationen der Menschen zur Flucht und den damit verbundenen Strapazen aber auch in anderen Teilen der Welt ähnlich aktuell vorkommen könnten. Die fünf Protagonisten Miguel, Fernando, Emilio, Jaz und Ángel bilden eine Zufallsgemeinschaft auf ihrer Flucht vor Armut, Unterdrückung und Zukunftslosigkeit in ihrer Heimat. Ziel ihrer Reise durch Mexiko sind die USA, ihr Antrieb ist der Traum von einem besseren Leben. Die Reise und dieser Traum stehen im Zentrum des Romans. Alle fünf Jugendlichen suchen nach individuell unterschiedlichen traumatischen Erlebnissen ihren Platz in der Welt - und nähern sich während der gemeinsamen Reise teilweise der Erkenntnis, dass dieser Platz für sie nicht jenseits der Grenze zu den USA liegen wird.

Mit ausgeprägter Erzähldynamik kombiniert der Autor das actiongeladene Geschehen während der Reise mit Rückblicken auf das bisherige Leben der fünf Jugendlichen. Der Leser wird so Zeuge der Demütigungen und existenziellen Bedrohungen, denen die Kinder in ihrer Heimat ausgesetzt gewesen sind und die sie zu der verzweifelten Entscheidung geführt hat, ihr Leben zu riskieren in der Hoffnung, tausende Kilometer entfernt von dem vertrauten Umfeld eine unsichere Zukunft zu finden. Die dramatischen und erschütternden Ereignisse während ihrer Odyssee lassen der Gruppe, aber auch dem Leser kaum eine Atempause, jede neue Etappe durch Wüste oder Gebirge verstärkt immer mehr das Wissen, wie ohnmächtig die Flüchtlinge denjenigen Erwachsenen, aber auch Gleichaltrigen ausgesetzt sind, die die Not der Flüchtenden zur eigenen Bereicherung nutzen: die fünf sind Spielball von Gier, Schikanen, Rassenhass und Brutalität.

Anhand mitreißender Bilder und durch ausgiebige Recherchen in Mexiko fundierte Beschreibungen gelingt es Dirk Reinhardt, den Leser zu einem Mitglied der Gruppe zu machen und ihn emotional in den Verlauf der Geschichte einzubinden, ihn jede Enttäuschung, aber auch jeden neuen Hoffnungsschimmer, miterleben zu lassen.

Die vielen Rückschläge lassen die einzelnen Mitglieder der kleinen Gruppe zu sehr unterschiedlichen Erkenntnissen gelangen und noch während der Durchquerung Mexikos eigene, neue Wege einschlagen. Nur zwei –Miguel und Jaz- überqueren schließlich die Grenze in die USA, doch es bleibt wenig Hoffnung, dass sie ihren Traum hier werden leben können.

Dirk Reinhardt hat zu einer Zeit, in der das Problem von Millionen von Flüchtlingen seine Fokussierung auf Europa und den Nahen Osten genommen hat, den Blick auf ein ausgeblendetes Thema gelenkt: die erschütternden Schicksale von jugendlichen Flüchtlingen in Mittelamerika. Er schärft und erweitert damit wieder eine Thematik, die noch immer mit einem zu sehr eurozentristischen Blick betrachtet wird. Sein Buch ist so emotional bewegend wie authentisch, so erschütternd wie einfühlsam dem Mut der Kinder und Jugendlichen gegenüber; so thematisch und literarisch wertvoll wie politisch notwendig.

Der Verlag

Gerstenberg

Der Gerstenberg Verlag gehört zu den traditionsreichsten Verlagshäusern Deutschlands. Schon 1792 gründete Johann Daniel Gerstenberg in Sankt Petersburg eine Verlagsbuchhandlung. 1797 siedelte er nach Hildesheim über, wo das Verlagshaus bis heute am historischen Marktplatz steht. Der Gerstenberg Verlag verlegte Bücher, die er auch über die Gerstenbergsche Buchhandlung vertrieb; bald war eine Druckerei angegliedert. Zum wichtigsten Verlagszweig wurde jedoch die Hildesheimer Allgemeine Zeitung, die übrigens die älteste noch bestehende Tageszeitung Deutschlands ist. Bis heute ist die Firma Gerstenberg ein Familienunternehmen – inzwischen in der siebten Generation.

Als Buchverlag hat der Gerstenberg Verlag eine wechselvolle Geschichte erlebt; seine jüngste Neugestaltung erlebte er im Jahre 1981 mit dem Aufbau des Kinderbuchprogramms. Wenig später wurde Eric Carles Kleine Raupe Nimmersatt erstmals in Hildesheim veröffentlicht, neben Rotraut Susanne Berners Wimmelbüchern das bekannteste aller Gerstenberg-Bücher.

In der Kinder- und Jugendliteratur sind erfolgreiche Autorinnen und Autoren wie Timothée de Fombelle, Herbert Günther, Heinrich Hannover, Sylvia Heinlein, Rudolf Herfurtner, Joke van Leeuwen, Jan de Leeuw, Gunnel Linde, Frida Nilsson, Gudrun Pausewang, Harald R. Eeg, Dirk Reinhardt, Lilli Thal, Sigrid Zeevaert und Floortje Zwigtman vertreten. 1999 erschien mit der von Rotraut Susanne Berner illustrierten Gedichtsammlung für Kinder Dunkel war's, der Mond schien helle das erste von Gerstenbergs "Hausbüchern", die sich zu einem wichtigen Programmsegment entwickelten.

International außerordentlich erfolgreich sind die einzigartigen Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner, ein Zyklus von Bilderromanen, die über 80 Figuren im Jahres- und Tagesverlauf vorstellen. Die Geschichten aus der Kleinstadt Wimmlingen feierten 2013 ihr zehnjähriges Jubiläum und erscheinen in über 17 Ländern.

Parallel zum Kinderbuchprogramm wird das Gerstenbergprogramm für Erwachsene weiterentwickelt. KochKunst, Gartenlust, Lifestyle und Kulturgeschichten prägen das Programm. Illustrierte Bände in besonderer Ausstattung hat Robert Nippoldt gestaltet: Sein Jazz-Buch wurde von der Stiftung Buchkunst als schönstes Buch des Jahres ausgezeichnet.

Ein neues Segment zeigt, dass sich der Verlag kreativ weiter entwickelt: 2009 kam zum 40. Geburtstag der Kleinen Raupe Nimmersatt erstmals ein Non-Book-Sortiment auf den Markt.

Der Name Gerstenberg steht heute dafür, dass inhaltlich anspruchsvolle und ästhetisch reizvolle und innovative Bücher auf dem Markt erfolgreich sein können.

Der Gerstenberg Verlag ist Mitglied in der avj – Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V..