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Das prämierte Buch

Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich

Carl Hanser Verlag, 2016
ISBN: 978-3-446-25306-3
Ab 13 Jahren

Das Los der 15-jährigen Madina teilen viele Flüchtlingskinder: Sie alle sind Brückenbauer zwischen ihren Familien und dem neuen Leben in der westlichen Welt. Nach einer beschwerlichen Flucht vor dem Krieg in ihrer Heimat ist Madina endlich angekommen, in einem Land, das Sicherheit verspricht. Doch nicht allen in ihrer Familie fällt es leicht, Fuß zu fassen. Und so ist es an Madina, Mittlerin zu sein zwischen ihrer Familie im Flüchtlingsheim und dem unbekannten Leben außerhalb. Sie nimmt das Schicksal ihrer Familie in die Hand und findet in Laura eine Freundin, die für sie in der Fremde Heimat bedeutet. Eine bewegende Geschichte über Freundschaft, Migration und das Erwachsenwerden in Zeiten von Krieg und Verfolgung.

Die Begründung der Jury

„Julya Rabinowich legt mit „Dazwischen: Ich“ ein wertvolles literarisches Werk zum Thema Flucht und Integration vor. Die 15-jährige Erzählerin ist mit ihren Eltern, dem jüngeren Bruder und der Tante aus einem vom Krieg zerstörten Land geflohen. Die Familie wartet wie viele andere in einem Übergangsheim für Flüchtlinge auf die behördliche Entscheidung, ob dem Asylantrag stattgegeben wird. Während Madina die fremde Sprache erlernt hat, die Schule besucht und erste Freundschaften knüpft, kämpft in der Familie jeder auf seine Art mit der neuen Situation. Das junge Mädchen gerät mehr und mehr zwischen die Kulturen. Hier das alltägliche und von jugendlichen Wünschen und Träumen geprägte Lebensumfeld im Aufnahmeland, dort die Lebensentwürfe der Eltern, im Besonderen des Vaters, und die gewohnten Traditionen. Madinas Alltag, geprägt von Vergleichen mit Gleichaltrigen und Dankbarkeitsgefühlen gegenüber Helfenden und von dem Wunsch, so zu sein und so zu leben wie alle Mädchen, wird zur Zerreißprobe. Das Familiengefüge ist einer schweren Belastung ausgesetzt.
Julya Rabinowich gelingt in einem fließenden Wechselspiel von Tagebuch-Monolog und Erzählung ein beeindruckender Roman über das Leben eines geflüchteten jungen Mädchens. Die empathische und authentische Darstellung von Madinas schmerzhaftem Weg in das Erwachsenenleben hat sie mit Mut, Kraft und mit Hoffnung unterlegt. Darüber hinaus zeigt sie, dass der Krieg in der Fremde für die Geflüchteten nicht zu Ende ist. Sensibel verweist sie in kleinen Szenen auf Traumatisierungen und zeigt die Sorge um die Menschen, die zurückgelassen wurden. Eindringlich vermittelt sie die Belastung für alle Familienmitglieder und zeigt, wie viel Kraft aufgebracht werden muss, um in der Fremde neu anzufangen.
Die Sprache, ganz aus dem jugendlichen Empfinden heraus mal abgehackt in Kurzsätzen ohne Personalpronomen, mal kluge Lebensweisheiten transportierend, später in kurzen poetischen Traumsequenzen, zeichnet sich aus durch souveräne sehr lebensnahe Dialoge und spiegelt detailreich die Gefühlslagen der jungen Protagonistin ebenso wie das komplexe Thema Flucht und Integration wider.
Somit steht Madinas Weg aus Krieg und Zerstörung in eine neue, fremde Heimat exemplarisch für Tausende junger Geflüchteter aus unterschiedlichen Krisengebieten. Der literarisch und thematisch gleichermaßen wertvolle Roman ist auch ein aufrüttelnder Aufruf, das Leiden der Zivilbevölkerung in Kriegs- und Krisengebieten nicht aus dem Bewusstsein auszublenden. Insofern ist der Roman in seiner politischen Aktualität als notwendig zu begrüßen. Er ist darüber hinaus ein an der Realität orientiertes, eindringliches Gesellschaftsbild eines Aufnahmelandes, das mit den Lebensvorstellungen der Geflüchteten konfrontiert wird. In dieser Spiegelbetrachtung ist der Roman „Dazwischen Ich“ eine aktuell erforderliche Bestandsaufnahme und ein Appell zu einem immer wieder notwendigen Perspektivwechsel, wenn Toleranz und Solidarität nicht leere Worte bleiben sollen.“

Der Verlag

Hanser Literaturverlag

Zwei ganz unterschiedliche Verlagsteile unter einem Dach, Literaturverlag und Fachverlag für Zeitschriften und Bücher – das war die Geschäftsidee von Carl Hanser, als er seinen Verlag 1928 in München-Bogenhausen gründete, wo er noch immer ansässig ist. Unabhängigkeit durch Vielseitigkeit war sein Konzept.

Das erste Hanser Kinderprogramm erschien mit zehn Titeln im Herbst 1993. Seitdem ist es stetig gewachsen und versammelt Bilderbücher, Romane und Erzählungen für Kinder und Jugendliche sowie Kinder- und Jugendsachbücher von hoher literarischer und künstlerischer Qualität. Von Beginn an war es der Anspruch des Hanser Kinderbuchs, dem Erwachsenenbuch im Hause auf Augenhöhe zu begegnen. Auch deshalb waren und sind viele Hanser Kinderbücher „Grenzgänger“ – Bücher für Kinder und Erwachsene.
Jostein Gaarders Sofies Welt ist vielleicht das bekannteste Buch dieses Typs überhaupt. Es stand im Startprogramm von 1993. Autorinnen und Autoren wie Rafik Schami, Joyce Carol Oates, David Grossman, Friedrich Ani, Amelie Fried, Rudolf Herfurtner, Franz Hohler, Jutta Richter, Per Olov Enquist, Bart Moeyaert oder Hans Magnus Enzensberger setzen diese Tradition auf ihre je eigene Weise fort.

Prägend für das Erscheinungsbild der Hanser Kinderbücher waren und sind Illustratorinnen und Illustratoren, die unbestritten zu den Großen ihres Faches zählen. Rotraut Susanne Berner, Quint Buchholz, Wolf Erlbruch, Helme Heine, Ole Könnecke, Reinhard Michl, Peter Schössow, Peter Sis, Hans Traxler und Henrike Wilson seien hier stellvertretend genannt.
Zehn Mal haben Hanser Kinder- und Jugendbücher bis heute den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten, zuerst Sofies Welt, zuletzt Gehört das so??! von Peter Schössow und Denk nicht, wir bleiben hier von Anja Tuckermann, die 2009 auch den Friedrich-Gerstäcker-Preis für ihr Buch MANO erhielt. Auch mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis wurden mehrfach Hanser Kinderbücher ausgezeichnet, ebenso mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis und dem Luchs von Radio Bremen und der ZEIT. Den Jahresluchs 2009 erhielt Sally Nicholls für ihren Jugendroman Wie man unsterblich wird.