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Rezensionen

Hier finden Sie unabhängig von der Vergabe des Friedrich-Gerstäcker-Preises Rezensionen zu Jugendbüchern jedes Genres, die von Jugendlichen (nicht nur den Jugendjury-Mitgliedern) verfasst werden:

Eragon - Das Vermächtnis der Drachenreiter

Christopher Paolini
cbj Verlag, 2004

Fängt man an „Eragon – Das Vermächtnis der Drachenreiter“ zu lesen, fühlt man sich enttäuschender Weise schon bald an den „Herrn der Ringe“ erinnert. So gibt es in Christopher Paolinis Fantasywelt, die wie Tolkiens Klassiker mit einer Landkarte illustriert ist, Zwerge, Elfen, Menschen, Zauberer, Urgals (die den Orks verdächtig ähneln) und weitere fiktionale Wesen, die alle eine eigens für sie neu erfundene Sprache sprechen, die leider auch nicht sofort „übersetzt“ wird. Der Leser muss die Lektüre erst unterbrechen und ganz ans Ende des 600-Seiten-Werkes blättern, um hinter die Bedeutung der Worte zu kommen, die die oben aufgelisteten Kreaturen von sich geben.
Genau wie Tolkiens Gefährten muss Eragon den einen bösen Herrscher verbannen, der alle Völker unterdrückt und hat die Aufgabe alles zum Guten zu wenden.
Hat der damals 15-jährige Autor also nur ein „Patchworkbuch“ aus ein paar eigenen Ideen und Tolkiens genialen Einfällen fabriziert? Enttäuschung macht sich breit.
Entschließt sich der Leser allerdings nach anfänglicher Entmutigung weiter zu lesen, wird er von Paolini reich belohnt. Der junge Autor zündet ein Feuerwerk an Ideen, eröffnet immer wieder ungeahnte Wendungen. Schon bald wird klar, dass Eragon eben nicht ein Buch ist, das auf der Erfolgswelle der Fantasyromane mitschwimmen will und sich deshalb Ideen aus Bestsellern abguckt. Eragon ist definitiv jede seiner Seiten wert.
Doch nun zur Handlung: Während er im Gebirge jagt, findet der 15-jährige Eragon einen seltsamen blauen Stein. Dass es sich dabei um ein Ei handelt, bemerkt er erst eines Nachts, als ein kleiner Drache dem Ei entschlüpft. Bald darauf tauchen geheimnisvolle, Furcht einflössende Gestalten in dem kleinen abgelegenen Dorf, in dem Eragon mit seinem Onkel und Cousin wohnt, auf. Es sind Schergen des Königs Gallbatorix, der einst ein Drachenreiter war und dann anfing alle Macht an sich zu reißen. Die Gestalten interessieren sich für Eragons Drachenei und ihnen ist jedes Mittel recht um es zu bekommen. Nicht ahnend dass der Drache bereits geschlüpft ist, setzten sie Eragons Zuhause in Brand und töten dabei seinen Onkel. Wild entschlossen den Tod seines Onkels zu rächen, will Eragon den Wesen folgen. Doch er wird von dem alten Geschichtenerzähler Brom, der ungewöhnlich viel über die Drachenreiter weiß, aufgehalten. Erst als sich Eragon bereit erklärt, Brom auf seiner Reise mitzunehmen, kann die Verfolgung beginnen.
Christopher Paolini schafft es das ganze Buch über, eine atemberaubende Spannung aufrecht zu erhalten. Immer wieder ergeben sich neue Fragen: Wer sind die seltsamen Wesen, wurden sie wirklich vom König geschickt? Was führt der geheimnisvolle Brom im Schilde, der mehr weiß, als er zugeben will. Woher kommt das Ei? Wer sind Eragons Eltern? Das sind nur einige der Dinge, auf die der junge Drachenreiter eine Antwort sucht. Bald entwickelt sich Eragons anfängliche Jagd nach Gerechtigkeit zu einer Suche nach dem ältesten Geheimnis des Landes Alagaësias: dem Vermächtnis der Drachenreiter. Schneller als ihm lieb ist wird der Held der Geschichte in die Intrigen und Machtkämpfe des Landes verwickelt und muss zusehen, wie er die immer neuen sich vor ihm aufbäumenden Gefahren meistert.
„Eragon – Das Vermächtnis der Drachenreiter“ ist ein wahnsinnig vielseitiges Buch, das man, hat man erst einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen kann. Ein klares Muss für alle Fantasyfans, das mit einigen am Ende offenen Fragen nach einer Fortsetzung schreit. Hoffentlich wird Paolini bald fertig…

(Lisa-Marie Lührs)

Das silberne Segel

Wolfram Eicke
Rowohlt Taschenbuch Verlag
(Reinbek bei Hamburg, Dezember 2005)

Als Soldaten im Dreißigjährigen Krieg ein Dorf überfallen ist der fast vierzehnjährige Randolf der einzige Überlebende seiner Familie. In seinen Träumen ruft ihn sein toter Vater dazu auf, ein silbernes Segel zu suchen. Für Randolf beginnt eine Reise durch das vom Krieg gebeutelte Land bis an die Nordseeküste, immer auf der Suche nach neuen Informationen über das mysteriöse Segel, dass den Menschen neue Hoffnung geben soll. In Glücksstadt schließlich gerät Randolf in die Fänge des gefürchteten Piratenkapitäns Eisenfuß, der ebenfalls auf der Suche nach dem Segel ist. Dieser hat jedoch nicht so uneigennützige Beweggründe wie Randolf und will mit dem Silber nur reiche Beute machen. Auf hoher See muss Randolf Mut beweisen und die Rätsel lösen, die sich um das geheimnisvolle Segel ranken.

Der erste Teil von Wolfram Eickes Buch wirkt holperig und an einigen Stellen ziemlich konstruiert. So erscheint ein Aufeinandertreffen Randolfs mit einem Mann namens Wallenstein „erzwungen“. Leider wird auch kein größerer Bezug zur historischen Persönlichkeit „Wallenstein“ hergestellt. Insgesamt wird der historische Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges nur sehr knapp in einer Fußnote behandelt.

Die Geschichte kommt erst sehr spät, im zweiten Teil des Buches, richtig ins Rollen. Ist vorher sehr langwierig von den Umständen Randolfs Reise berichtet worden, gewinnt die Erzählung nun immer mehr an Spannung. Wolfram Eicke gelingt es, die starke Entwicklung seines Protagonisten nachvollziehbar und einfühlsam zu schildern.
Besonders gelungen ist meiner Meinung nach der etwas andere Blick auf die Gefühlswelt und die Beweggründe der „Bösen“, den der Autor dem Leser immer wieder ermöglicht (man bekommt am Ende fast Mitleid mit den Schurken).

„Das silberne Segel“ ist eine klassische Abenteuergeschichte, von einem Jungen, der auszog, die Welt zu retten. Gott sei dank macht Wolfram Eicke daraus keine kitschige Heldensaga, sondern erzählt eine schöne Geschichte über die Kraft der Freundschaft und des Vertrauens.

Das Buch ist für alle geeignet, die gerne kurzweilige Abenteuergeschichten lesen und schon immer wissen wollten, warum man zu einem bösen und gefürchteten Piratenkapitän werden kann.

(Lisa-Marie Lührs)

Gwydion - Der Weg nach Camelot

Peter Schwindt
Ravensburger Buchverlag (2006)

Aus irgendeinem Grund scheinen Abenteuer-Fantasy-Romane immer dem gleichen Muster zu folgen: Junge lebt als einfacher Bauer in idyllischem Dorf (hat meist schon mindestens ein Elternteil verloren), Dorf wird angegriffen, Junge flieht / zieht aus um eine bessere Welt zu schaffen, Junge wird Held. (Siehe z.B. „Herr der Ringe“, „Eragon“, „Das silberne Segel“).
So scheint auch Peter Schwindt seine Geschichte um den jungen „Gwyn“ nach dem gleichen Plan aufgebaut zu haben. Gwyn beschließt nämlich, nachdem sein Dorf von Sachsen angegriffen wurde, nach Camelot zu ziehen, um dort bei König Artur zum Ritter ausgebildet zu werden.
Wo König Artur ist, ist der Druide Merlin nicht weit: Dieser erkennt in dem einfachen Bauernjungen „Gwyn“ nämlich „Gwydion“, den Träger des Einhornmedaillons. Und auch das Böse darf natürlich nicht fehlen: In diesem Buch findet es seine Verkörperung in „Mordred“, der dem König samt seiner Tafelrunde schon 13 Jahre zuvor einige Schwierigkeiten bereitet hat und nun, so scheint es, wieder auferstanden ist.
Doch sollte man Peter Schwindt nicht allzu scharf für seinen etwas „traditionell“ geratenen Buchaufbau tadeln, denn er schafft es wunderbar keltische Sagengestalten wie Merlin oder König Artur in seine Geschichte einzubauen und behält im gesamten Buch den geschichtlichen Hintergrund des „Nachrömischen“ Britanniens, wo die Erzählung spielt, im Auge.
Wer anfängt „Gwydion“ zu lesen und seine ganze Geschichte erfahren will, sollte sich darauf einstellen, noch weitere Bücher über den jungen Briten kaufen zu müssen. Dem Autor gelingt es meisterlich, ein undurchsichtiges Netz von Intrigen und Geheimnissen zu spinnen, das wohl erst in den folgenden Gwydion-Bänden endgültig aufgelöst wird.

(Lisa-Marie Lührs)

Die Geschwister Apraksin - Das Abenteuer einer unfreiwilligen Reise

Karla Schneider
Hanser, 2006

Am Anfang sind sie noch zu fünft: Klascha, Polly, Ossja, Fedja und Dillotschka. Sie sind Waisen und leben in einer schwierigen Zeit, in Russland kurz nach der Oktoberrevolution. Aber noch haben sie ihre Kinderfrau, ein eigenes Heim, genügend zu essen…
Doch alles ändert sich schlagartig, als ihr Haus von einer Behörde beschlagnahmt wird und sie in Heime untergebracht werden sollen. Bei Nacht fliehen sie mit nur wenigen Gepäckstücken und ein paar gut versteckten Goldmünzen.
Die fünf Geschwister begeben sich mit einer Theatergruppe nach Rostow am Don. Weiter geht es zum Schwarzen Meer. Schließlich wird Moskau ihr Reiseziel.
Auf ihrer gefährlichen Flucht erleben sie viele Abenteuer, begegnen vielen Menschen, guten sowie bösen. Nie wollen sie sich trennen, doch werden sie das schaffen?

Karla Schneider erzählt detailliert eine spannende, lebhafte Geschichte mit viel geschichtlichem Hintergrundwissen. Alle Figuren werden genauestens skizziert und die Handlung ist glaubwürdig. Erzählt wird aus der Perspektive von Polly der Zweitältesten.
Leider sind manche Sachen sehr durchsichtig und leicht vorhersehbar. Außerdem scheinen alle Hauptfiguren ziemlich viel Glück zu haben, da sie meist an die richtigen Leute geraten. Ansonsten ist „Die Geschwister Apraksin – Das Abenteuer einer unfreiwilligen Reise“ ein interessanter, unterhaltsamer Roman und ich würde ihn auf jeden Fall weiterempfehlen.

(Sarah Ahlrichs)

Lucas

Kevin Brooks
Deutscher Taschenbuch Verlag (2005)

Als eines Tages ein seltsamer Junge auf die Insel vor der englischen Küste kommt, auf der Cait lebt, gerät ihr ganzes Leben durcheinander. Sie trifft den Jungen, von dem sie nur seinen Namen kennt – Lucas – nach und nach immer öfter und freundet sich allmählich mit ihm an. Die Dorfbewohner jedoch beäugen den Fremden mit Argwohn und Misstrauen. Sie machen ihn für alles verantwortlich, was auf der Insel schief läuft. Schon bald spitzt sich die Lage zu. Cait steht mutig zu Lucas und muss mit ansehen, wie die Einheimischen, allen voran eine Gruppe Jugendlicher, immer drastischere Mittel benutzt, um Lucas los zu werden.

Kevin Brooks gelingt es mit einer sprachlich sehr gut geschriebenen und authentischen Schilderung der Ereignisse aus der Sicht von Cait eine Geschichte zu erzählen, die den Leser schon bald in ihren Bann zieht und nicht mehr los lässt.
Er schafft es, die Probleme der auf der Insel lebenden Jugendlichen nicht überzeichnet sondern glaubhaft, wenn auch in einigen Fällen nicht immer nachvollziehbar rüberzubringen. Besonders seine Schilderungen über den Umgang mit Fremden regen zum Nachdenken an.
Brooks deckt in seinem Roman das ganze Gefühlsspektrum ab, dass einem Autor zur Verfügung steht: Liebe, Hass, Ignoranz, Schmerz, Zweifel, Trauer, Enttäuschung,…
Er dehnt nicht nur die Gefühlswelt seiner Charaktere in ungeahnte Weiten aus, sondern schafft es auch, den Leser auf eine Gefühlsachterbahn mit Höhen und Tiefen zu bringen: Zum Ende des Buches steigt die Spannung ins Unermessliche.

Der Roman „Lucas“ von Kevin Brooks wurde zu Recht für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Die Geschichte ist lebendig, fesselnd und geheimnisvoll erzählt und regt zum Nachdenken an.

(Lisa-Marie Lührs)

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