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Aktuelle Ausstellung

"Mut gehört dazu" - Frauengeschichte im Stadtarchiv Braunschweig

 

In allen Epochen der facettenreichen Braunschweiger Stadtgeschichte haben Frauen ihre Spuren hinterlassen und beteiligten sich aktiv am Leben der Stadtgesellschaft. Oft finden sich in traditionellen Geschichtsdarstellungen nur wenige oder gar keine Informationen über ihre Mitwirkung an der Entwicklung und Gestaltung unserer Stadt. Über ihre Leistungen und Verdienste ist immer noch zu wenig bekannt. Daher widmet sich das Stadtarchiv in seiner neuen Ausstellung, die vom 21.Oktober 2018 bis 30. September 2019 gezeigt wird, der Braunschweiger Frauengeschichte.

Anhand von ausgewählten Biographien aus der Zeit vom 17.– 20. Jahrhundert möchte die Ausstellung die Lebenswege von Frauen in ihren unterschiedlichen Wirkungsbereichen und im Kontext der jeweiligen Zeit darstellen. Briefe, Fotografien, Porträts, Plakate, Flugblätter, Presseberichte, Akten und persönliche Papiere aus dem reichen Fundus der Archivbestände ermöglichen interessante Einblicke zu den einzelnen vorgestellten Frauen, die etwa in der Politik, im Schul- und Sozialwesen oder in den Bereichen Kultur und Sport bedeutende Verdienste erworben haben. Ergänzt wird die Schau durch einige Objekte zur Geschichte von Braunschweiger Frauenvereinigungen und der Frauenbewegung aus der Sammlung des Frauenarchivs.

Gesche Meiburg, Herzog August Bibliothek
Gesche Meiburg, Herzog August Bibliothek

Eine Frau, die als Stadtheldin in der Braunschweiger Geschichtsschreibung ihren Platz findet, ist Gesche Meiburg (um 1581 – 1617). Nach den Darstellungen in der städtischen Chronistik und zeitgenössischen Publizistik verteidigte sie mit mehreren anderen Frauen ihre Heimatstadt während der dreimonatigen und schwersten Belagerung der Stadt durch Herzog Friedrich Ulrich im Jahr 1615. Gesche Meiburg hat sich dabei als besonders mutige und furchtlose Kämpferin hervorgetan. Bemerkenswert ist, dass allein fünf Flugblätter von ihrem Wirken während der Belagerung zeugen.

Wilhelmine Reichard, Deutsches Museum München
Wilhelmine Reichard, Deutsches Museum München

 

Als erste deutsche Luftfahrerin gilt die in Braunschweig geborene Wilhelmine Reichard (1788 –1848). Zusammen mit ihrem Mann Gottfried Reichard, Aeronaut und später Professor für Physik, teilte sie ihre Leidenschaft für die Luftfahrt. Sie entwickelten und bauten Heißluftballons. Nach ihrem ersten eigenen Ballonaufstieg in Berlin im Jahr 1811 unternahm sie insgesamt 17 Luftfahrten von vielen größeren Städten Deutschlands (u.a. München, Hamburg, Braunschweig, 1818) aus. Trotz turbulenter Ballonfahrten und unglücklicher Landungen ging sie immer wieder mutig und entschlossen an den Start.

Wahlprogramm Martha Fuchs, H VII: 294
Wahlprogramm Martha Fuchs, H VII: 294

In der zweiten Vitrine werden vier Frauen und Frauenvereinigungen aus dem 20. Jahrhundert vorgestellt. Die aus einer sozialdemokratischen Familie stammende Martha Fuchs (1892–1966) zog 1923 mit ihrer Familie nach Braunschweig. Als eine der ersten Frauen wurde sie als Vertreterin der SPD 1925 in die Stadtverordnetenversammlung und 1927 in den Braunschweigischen Landtag gewählt. 1933 wurde sie von den Nationalsozialisten entlassen, verfolgt und 1944/1945 im KZ Ravensbrück inhaftiert. Nach Kriegsende war sie bedeutend am demokratischen Wiederaufbau als Mitglied des Stadtrates und niedersächsischen Landtags sowie als braunschweigische Ministerin für Volksbildung und niedersächsische Staatskommissarin für das Flüchtlingswesen tätig. Am 27. Mai 1959 wurde sie als erste und bis heute einzige Frau zur Oberbürgermeisterin der Stadt Braunschweig ernannt. Dieses Amt hatte sie bis zu ihrem Ruhestand am 14. September 1964 inne.

Frauenberatungsstelle, H XXVI Akz. 2004 / 075: 7
Frauenberatungsstelle, H XXVI Akz. 2004 / 075: 7

Die umfangreiche und vielfältige Sammlung des Frauenarchivs Braunschweigs, die sich seit 2004 im Stadtarchiv befindet, wird durch anschauliche Objekte zur Hebamme Ruth Levin (geb.1917) und zur Friseurmeisterin Karla Sasse (1908 – 1992) verdeutlicht. Während Ruth Levin 1967 das erste private Entbindungsheim in Norddeutschland eröffnete, betrieb Karla Sasse über 30 Jahre ein eigenes Frisör- und Kosmetikstudio. Aus dem einmaligen Fundus des Frauenarchivs sind auch mehrere Frauenvereine: der Braunschweiger Hausfrauenverband, die Fraueninitiative Braunschweig und einzelne Vereinigungen der Frauenbewegung für die Ausstellung ausgewählt worden

Hertha Kluge-Kahn, G IX 112: 35
Hertha Kluge-Kahn, G IX 112: 35

 

In der dritten Vitrine werden Archivalien zu fünf Frauen aus den Bereichen Kultur und Sport präsentiert. Albine Nagel begeisterte als Kammersängerin und Schauspielerin (1884 –1969) das Publikum des Hof- und Staatstheaters Braunschweig, bei dem sie seit 1912 engagiert war. Hertha Kluge-Kahn (1900 – 1992) trat in Braunschweig als Pianistin und Cembalistin in vielen Konzerten vor dem Zweiten Weltkrieg auf. Im Schloss Richmond veranstaltete sie nach 1945 die ersten öffentlichen Kammerkonzerte, bei denen international bekannte Ensembles auftraten.

Martina Kalanke-Kuchen,G IX 120: 5
Martina Kalanke-Kuchen,G IX 120: 5

 

Die Leichtathletin Ulla Zeuch, vormals Wagner (geb. 1938) war eine der führenden Sprint- und Hürdenläuferinnen in Deutschland während der 1960er-Jahre. Die MTV-Sportlerin erzielte mehrere Rekorde und Bestzeiten in diversen Laufwettbewerben und im Fünfkampf. Martina Kalanke-Kuchen (1919 – 2010) wirkte in Braunschweig als Fotografin und war langjährige Leiterin der städtischen Bildstelle. Ihre beeindruckenden Fotografien veröffentlichte sie in mehreren Büchern, die sie mit ihrem Mann, dem Stadtbaurat Karl Ludwig Kalanke herausgab.

Die in den drei Vitrinen zum überwiegenden Teil erstmals gezeigten Archivalien werden durch besonders sehenswerte Dokumente zum Thema der Ausstellung in der Galerie (Gang zum Lesesaal) ergänzt. Neben Porträts und Fotografien der ausgewählten Frauen können auch Plakate von Frauenvereinigungen und Wahlaufrufe für Frauen aus der Zeit der Weimarer Republik sowie Aufnahmen der bekannten Fotografin Gertrud Parrisius-Bingel (1918– 2012) betrachtet werden.

Die Ausstellung kann während der Öffnungszeiten des Stadtarchivs besichtigt werden. Der Eintritt ist frei. Führungen durch die Ausstellung sind auf Anfrage möglich.