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Die Stadt Braunschweig und die Reformation

Im Jahr 2017 wird weltweit an den 500. Jahrestag des Beginns der Reformation gedacht. Die Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers war der Beginn vielfältiger und tiefgreifender Veränderungen in Kirche und Gesellschaft. Die Stadt Braunschweig hat in diesem Kontext eine durchaus beachtenswerte Rolle gespielt und so gibt es ausreichend Anlass, auch in unserer Stadt an das Zeitalter der Reformation zu erinnern.

Zunächst gilt es die besondere Rolle zu betonen, die Städte und Bürgertum bei der Ausbreitung der Reformation gespielt haben. Die Städte waren Zentren von Wirtschaft, Bildung, Innovation und Kommunikation an der Schwelle zur Neuzeit. Die Bürger verstanden ihre fest in der göttlichen Weltordnung verankerte Stadtgesellschaft als eine Art „Sakralgemeinschaft“. Die religiöse Haltung wurde bestimmt durch eine intensive Frömmigkeit und Hinwendung zu Glaubensfragen, die letztlich die Basis für den Erfolg der Ideen der Reformation waren. Ganz wesentlich für die schnelle Verbreitung der ungemein erfolgreichen Schriften der Reformatoren war außerdem der in den Städten beheimatete Buchdruck. Braunschweig war zwar kein Zentrum dieses neuen Mediums, die Schriften der Reformatoren waren aber schon in kürzester Zeit nach ihrem Erscheinen auch an der Oker verfügbar.

Der Beginn des reformatorischen Geschehens in Braunschweig ist mit dem Wirken des Benediktinermönchs Gottschalk Kruse verknüpft. Kruse, der in Erfurt und Wittenberg studiert und Martin Luther dabei persönlich erlebt hatte, begann in seinem Kloster öffentliche Lektionen über das Matthäusevangelium zu halten, die auch in der Bürgerschaft großen Zuspruch fanden. Aus der Feder von Kruse stammt die früheste Reformationsschrift in Niedersachsen, die 1522 bei dem einzigen damals in Braunschweig tätigen Drucker Hans Dorn publiziert wurde. Ein nachhaltiger Erfolg war Kruse aber nicht vergönnt, Rat und Klerus wiesen ihn 1523 aus der Stadt. Später wirkte er als Reformator in Harburg und Celle. Neuen Schwung erhielt die Reformation in den Folgejahren durch das Wirken reformatorisch gesinnter Prädikanten, den eigentlichen Pfarrern nachgeordneten Geistlichen an den Pfarrkirchen der Stadt. 1527 vollzogen zwei von ihnen, Johannes Oldendorp und Heinrich Lampe, an der Magnikirche erstmals die Taufe in deutscher Sprache und teilten das Abendmahl in beiderlei Gestalt aus. Zugleich waren immer dringlichere Wünsche aus der Bürgerschaft an den Rat herangetragen worden, das gesamte Kirchenwesen nach der neuen Lehre umzugestalten.

Der Rat hatte sich mit Rücksicht auf Kaiser Karl V. und den welfischen Landesherrn, Herzog Heinrich den Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel, lange Zeit in dieser Hinsicht zurückgehalten. 1528 gab er diese Zurückhaltung auf und beauftragte Johannes Bugenhagen mit der Erarbeitung einer neuen Kirchenordnung.

Bugenhagen gehörte zu den engsten Vertrauten Luthers und verfügte als Stadtpfarrer von Wittenberg auch über die notwendige Erfahrung für die Neuausrichtung des Braunschweiger Kirchenwesens. Seine umfassende Kirchenordnung, die am 5. September 1528 öffentlich verkündet wurde, regelte nicht nur Fragen der Kirchenorganisation und des Gottesdienstes, sondern betraf in gleicher Weise das Schul- und Fürsorgewesen der Stadt.

Johannes Bugenhagen setzte seine reformatorische Tätigkeit in der Folge u. a. in Hamburg, Lübeck und Skandinavien fort. Die Braunschweiger Kirchenordnung hatte dabei durchaus eine Vorbildfunktion. Mit dem Erlass der Kirchenordnung war die Reformation in Braunschweig aber noch nicht endgültig durchgesetzt. Es folgte eine Phase der inneren und äußeren Absicherung des evangelischen Bekenntnisses. Nach innen galt es, eine Einigung mit den altgläubigen Teilen der Bürgerschaft zu finden und unter den Geistlichen eine Einheitlichkeit bei der Auslegung der evangelischen Lehre zu erreichen. Nach außen eskalierte der Konflikt mit Herzog Heinrich dem Jüngeren, der einer der profiliertesten Gegner der Reformation unter den deutschen Fürsten war. Eine Einigung brachte nach mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen erst der Friedenschluss von Wolfenbüttel (1553), in dem die Gültigkeit des evangelischen Bekenntnisses in der Stadt festgeschrieben wurde. Das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel trat erst nach Heinrichs Tod (1568) zur Reformation über.

Die Einführung der Reformation in der Stadt Braunschweig war also kein einmaliger Akt, sondern ein über Jahre währender Prozess. Die Bürger haben diesen Prozess der Umgestaltung ihres Kirchenwesens wesentlich initiiert und mitgestaltet.

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