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„Die Striche sind Wesen und haben eigene Schicksale“

Edgar Hilaire Germain Degas (Paris 1834 - 1917 Paris), Ballettänzerin (um 1874), Pastell
Zeichnungen aus der Graphischen Sammlung des Städtischen Museums

Man kann Zeichnungen als das unmittel- barste Zeugnis künstlerischer Gestaltung ansehen. Dennoch gehören sie in der Regel zu den weniger beachteten Kunstwerken. Meist im Dunkel der Archivschränke aufbewahrt, um sie vor dem schädlichen Licht zu schützen, werden sie nur selten und für kurze Zeiträume ausgestellt. Aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Neubaus des Städtischen Museums wird nun erstmals ein repräsentativer Querschnitt der umfangreichen Graphischen Sammlung gezeigt, die selbst in Fachkreisen bislang kaum bekannt ist. Bei der Vorbereitung zu der Ausstellung wurden teilweise sensationelle Entdeckungen gemacht. So fand sich ein bislang der Forschung unbekanntes Pastell von Edgar Degas, das 1982 als Vermächtnis von Marianne Kanter in die Sammlung gelangte.
Jacques François Courtin (Sens 1672 - 1752 Paris), Bildnis eines jungen Herrn (um 1720), Rote Kreidezeichnung

Bereits in der Gründungsphase des Städtischen Museums in den 1860er-Jahren kamen zahlreiche Graphiken in die Sammlung. Neben Ansichten der Stadt Braunschweig und des Umlandes sowie Arbeiten von Braunschweiger Künstlern bzw. Künstlern, die zeitweise hier tätig waren, sammelte man allgemein Werke der neueren Zeit in Ergänzung zu der im Aufbau befind- lichen "Galerie von Kunstwerken der Neuzeit" (Carl Schiller).

Donato Creti (Cremona 1671 - 1749 Bologna), Himmelfahrt eines Heiligen (um 1730), Braune Federzeichnung

Zum überwiegenden Teil handelte es sich um Stiftungen und Schenkungen. So schenkte Carl Schiller 1869 ein Album mit Handzeichnungen verschiedener Meister, woraus in der Ausstellung ein Blatt von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein gezeigt wird. Ein weiterer Schatz ist das Album des Kunstclubs, das 1862 in die Sammlung gelangte (hieraus das große Aquarell von Adolf Teichs). Es wurden aber auch Werke angekauft, z. B. auf den Ausstellungen des Braunschweiger Kunstvereins. Um 1900 umfasste die als Ausdruck des bürgerschaftlichen Engagements entstandene Sammlung von "Kupferstichen, Holzschnitten, Lithographien, Photographien, Zeichnungen u. s. w." bereits über 20.000 Blatt.

Götz von Seckendorff (Braunschweig 1889 - 1914 St. Hilaire bei Cambrai), Mondänes Paar (um 1911), Federzeichnung und Aquarell

Im 1906 bezogenen Neubau am Löwenwall wurden graphische Arbeiten in zwei Räumen im 2. Obergeschoss gezeigt. Nachdem die Realisierung einer "Galerie der modernen Meister" ins Stocken geraten war, konzentrierte sich die Sammlungspolitik zunehmend auf den regionalen Schwerpunkt. Dennoch kamen immer wieder in Sammlungskonvoluten auch Graphiken anderer Künstler in die Sammlung (z. B. Stiftung Tepelmann-Vieweg 1913, Sammlung Lucas 1919).

Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Graphische Sammlung umstrukturiert. 1960 richtete man einen Raum her, der sowohl zur wissenschaftlichen Arbeit als auch zur Vorlage für das interessierte Publikum gedacht war. 1962 wurde eine kleine Auswahlausstellung veranstaltet. Meist blieben die graphischen Arbeiten jedoch verborgen oder wurden in übergeordnete Ausstellungskonzepte integriert. Auch hier überwog zunächst der regionale Bezug. Als jedoch die Stimmen immer lauter wurden, in Braunschweig (wieder) dauerhaft einen Ort der Moderne zu schaffen, verstärkte sich die Sammeltätigkeit auf diesem Gebiet. Aus den Galerien Ralfs, Schmücking und Querschnitt wurden qualitätvolle Blätter angekauft. Als besonderer Glücksfall darf hierbei der Ankauf des Gästebuchs Otto Ralfs 1972 mit Blättern u. a. von Paul Klee, Kandinsky, Lyonel Feininger gelten, das wichtigste Dokument der Bemühungen, moderne Kunst nach Braunschweig zu bringen. Hieraus stammt auch das Zitat von Kandinsky im Ausstellungstitel, das die gewandelte Rolle der freien Zeichnung in der modernen Kunst veranschaulicht. Weitere Stiftungen aus Privatbesitz ergänzten die Sammlung. So gelangten 1989 mit dem Nachlass von Inka Gerdes aus Wolfsburg über 120 graphische Arbeiten moderner und zeitgenössischer Künstler in den Museumsbesitz. Heute umfasst die Graphische Sammlung etwa 50.000 Blatt, darunter rund 10.000 Handzeichnungen.

Johann Albrecht Friedrich Rauscher (Coburg 1754 - 1808 Coburg), Wasserfall (um 1795), Aquarell

Die Spannbreite der knapp 80 Werke umfassenden Ausstellung reicht von Altmeisterzeichnungen bis zur Moderne. Neben anerkannten Meistern wie Edgar Degas, Otto Dix, Willi Baumeister und Wassily Kandinsky werden auch weniger bekannte Künstler präsentiert, die den besonderen Reiz der Sammlung ausmachen. Einen Schwerpunkt bilden selbstverständlich auch Braunschweiger Künstler, die die Bedeutung der Zeichenkunst in Braunschweig bestätigen. Angefangen von den Stadtansichten von Anton August Beck und Porträts von Philipp Wilhelm Oeding bis zu Vorzeichnungen aus der Manufaktur Stobwasser und Architekturzeichnungen von Peter Joseph Krahe, dessen umfangreicher zeichnerischer Nachlass im Städtischen Museum verwahrt wird.

Die verschiedenen Sektionen geben einerseits Einblick in die Sammlungs- geschichte, die durch verschiedene Ankäufe, aber vor allem durch Schenkungen und Nachlässe gekennzeichnet ist. Andererseits werden auch exemplarisch die unterschiedlichen Funktionen von Zeichnungen von der Entwurfsskizze über das Vorlageblatt bis hin zum autonomen Kunstwerk erfahrbar gemacht.

Haus am Löwenwall
Öffnungszeiten:
Di – So: 10.00 – 17.00 Uhr

Eintritt frei!

 

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Impressum

Stadt Braunschweig
Platz der Deutschen Einheit 1
38100 Braunschweig
Telefon: +49 5 31 4 70-1
E-Mail: stadt@braunschweig.de
Umsatzsteuer-ID: DE 114878770

Die Stadt Braunschweig ist eine Körperschaft des Öffentlichen Rechts.
Sie wird vertreten durch den Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann.

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