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Braunschweiger Originale

 

Harfen-Agnes, Rechen-August, Deutscher Hermann und Tee-Onkel, die  einst sogenannten Braunschweiger Originale waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts stadtbekannt. Dabei sind ihre persönlichen Geschichten tragisch und skurril zugleich, wie der Artikel von Eckhard Schimpf, Autor zahlreicher Braunschweig-Bestseller, verdeutlicht.

"Braunschweigs Originale? Es gab eine ganze Reihe bemerkenswerter Typen in dieser Stadt. Aber lediglich vier waren wirklich berühmt: Harfen-Agnes, Rechen-August, Deutscher Hermann und Tee-Onkel. Nur ältere Braunschweiger werden sich heute noch daran erinnern, dass es diese Originale überhaupt mal gegeben hat. Deshalb sollte man sie vor dem Vergessen bewahren. Denn sie gehören zur Historie dieser Stadt, zu ihren Eigenheiten. Und sie dürfen vor allem als Facetten eines typischen Menschenschlags gelten, der hier einst vorherrschend gewesen ist. Bauernschlau, aufmüpfig, geschäftstüchtig durch 1000 Jahre Handel in dieser Stadt, Fremden gegenüber skeptisch, nicht selten aufbrausend und mit recht derbem Humor versehen.Wie Till Eulenspiegel, diese grandiose Figur, die als überragender Beitrag Braunschweigs zur Weltliteratur gelten darf. Eine recht umfassende Biografie über die Braunschweiger Originale hat Günter K. P. Starke 1987 geschrieben. „Mensch, sei helle“ heißt das Büchlein aus dem Johann-Heinrich-Meyer-Verlag.

Harfen-Agnes, Rechen-August, Deutscher Hermann und Tee-Onkel waren eigentlich gescheiterte Existenzen. Arme Teufel am Rand der Gesellschaft, in der teilweise dürftigen Enge der alten Fachwerk-Stadt lebend, die später im Feuersturm des Krieges versank. Im Gegensatz zu anderen Sonderlingen zeigten sich diese Vier gewitzter. Sie nutzten ihre Auffälligkeit, ihre Schwächen und erschlossen sich daraus eine Einnahmequelle, wenn auch eine karge. Sie lebten von den Groschen, die ihnen die Bürger zusteckten. Das taten sie gern; denn die Popularität der vier Originale war groß. Sie gehörten einfach zum Stadtbild, wurden fremden Besuchern auch gern vorgeführt. Harfen-Agnes und Rechen-August wurden auch immer wieder zu irgendwelchen privaten Festen eingeladen, wo sie dann zur allgemeinen Belustigung auftraten. Es gab bis in die 1940er-Jahre hinein in Braunschweig und Umgebung wohl niemanden, der sie nicht kannte.

Harfen-Agnes

Harfen-Agnes (Stadtarchiv Braunschweig)
Harfen-Agnes (Stadtarchiv Braunschweig)

Berühmt war vor allem Harfen-Agnes (1866-1939). Agnes Schosnoski kam in Braunschweig unehelich zur Welt. Die Mutter starb früh, Agnes – angeblich „geistig minderbemittelt“ – wurde in eine Erziehungsanstalt gesteckt. Dann zog sie mit 14 Jahren an der Seite ihres Vaters Hans Glindemann umher, der Straßensänger war. Nach dessen Tod tourte sie allein mit ihrer Gitarre durch die Straßen und Kneipen. Jahrzehnte lang. Jeden Tag. Agnes trug meistens einen breitrandigen Strohhut, der oft mit Blumen geschmückt war. Ihr grauer, langer Mantel enthielt an der Seite eine riesige Tasche, in der die Münzen verschwanden. Wenn Agnes mal wieder von frechen Löken geärgert wurde, wütete sie in derbstem Braunschweigisch: „Glaaach, maache Dir Baaane. Du Lattcher.“ Agnes hat einen Teil ihrer Lieder selbst geschrieben, darunter auch den Hit: „Mensch, saa helle, wenns ooch duster ist.“

Wenn sie dazu aufgefordert wurde (und das geschah oft), sang sie auch andere Lieder wie zum Beispiel „Hofraths Rieke“. Mit allen vier Strophen: „17 Jahre war ich grade, als ich kam in diese Stadt, wusste gar nicht, was die Liebe und das Herz zu sagen hat.“1939 fiel Harfen-Agnes in der so genannten „Heilanstalt“ in Königslutter dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer.

Rechen-August

Rechen-August (Stadtarchiv Braunschweig)
Rechen-August (Stadtarchiv Braunschweig)

August Tischer wurde berühmt als Rechen-August (1882-1928). Stets im schwarzen Gehrock und mit Zylinder, im Knopfloch eine weiße Chrysantheme. Er glänzte mit phänomenaler Mathematik-Begabung, war aber ansonsten von schlichtem Gemüt. Für ein paar Groschen multiplizierte und dividierte er in Cafés, Gartenlokalen oder vor Studenten in Sekundenschnelle zehnstellige Zahlen. Er präsentierte sich gern auch in Braunschweigs Hochschule. Immer wieder kamen Professoren, um ihn zu testen. Doch das Rätsel um seine irrwitzigen Fähigkeiten blieb. Nach Augusts Tod stellte sich heraus, dass sein Gehirn 300 Gramm mehr wog als das anderer Menschen.

Deutscher Hermann

Deutscher Hermann (Stadtarchiv Braunschweig)
Deutscher Hermann (Stadtarchiv Braunschweig)

Julius Skasa tingelte als Deutscher Hermann herum, auch er eine tragische Figur (1852-1927). Ein Unglücksfall prägte sein Leben. Als Feldwebel schubste er einen Soldaten ins Wasser, der zuvor über Herzschmerzen geklagt hatte. Der Jüngling erlitt einen Herzschlag, und Skasa wurde daraufhin aus der Armee ausgeschlossen. Das hat er niemals verwunden, wie seine Tochter Maria Tönnies noch in den 1970er-Jahren erzählte. Skasa arbeitete dann als Scheren- und Messerschleifer, der von Haus zu Haus zog. Man kannte ihn überall und beschäftigte ihn auch ständig. Seine Uniformjacke blinkte voller Orden und Kriegsauszeichnungen, die er natürlich nie selbst erworben hatte. Es verging kein Tag, an dem man ihn nicht in der Stadt sah. Versprach man ihm ein paar zusätzliche Groschen, dann nahm er Haltung an, klappte die Hacken zusammen und grüßte militärisch korrekt.

Tee-Onkel

Tee-Onkel (Stadtarchiv Braunschweig)
Tee-Onkel (Stadtarchiv Braunschweig)

Auch der Tee-Onkel Alfred Kühner (1877-1945), ein gescheiterter Drogist, schlug sich als Straßenhändler durch. Die Leute kauften bei ihm Seife und Schuhcreme. Als Teeverkäufer hatte er begonnen, war mit dem Ruf „Tee, Tee“ umhergetippelt. Für ein kleines Honorar gab er auch Gesundheitstipps auf Naturheilbasis. Und es gab nicht wenige, die seinen Empfehlungen vertrauten. Bei Rheuma, Kopfschmerzen, Sodbrennen, Erkältungen."