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Industrieller Aufbruch

Alter Hauptbahnhof (Quelle: Stadtarchiv Braunschweig, Sign.: H XVI E IV 1)
Durch den Beitritt des Herzogtum Braunschweigs zum Deutschen Zollverein 1841, die Agrarreform 1854 sowie die Einführung der Gewerbefreiheit von 1864 wurden entscheidende Impulse für Industrieansiedlungen in der Residenzstadt gelegt. Der industrielle Aufbruch im engeren Sinne begann im Jahr 1838 mit dem Eisenbahnbau. Nachdem mit den Nachbarstaaten Hannover und Preußen keine Einigung über eine gemeinsame Planung erzielt worden war, entschloss man sich zu einer eigenen Konzeption innerhalb der Grenzen des Herzogtums. In der Folge wurden im genannten Jahr die erste deutsche Staatsbahnlinie von Braunschweig nach Wolfenbüttel sowie ein erster Bahnhof auf dem Gelände der heutigen Nord/LB am Bruchtorwall gebaut. Auch wenn die weiteren Entwicklungen des Eisenbahnbaus durch die verkehrsungünstige Lage des Kopfbahnhofs und den durch Hannover dominierten strategischen Bahnlinienausbau für Braunschweig ungünstig verliefen, war durch den verheißungsvoll frühen Einstieg in den Eisenbahnbau eine stabile Grundlage für die weitere Industrialisierung gegeben.
Mitarbeiter der Firma Jüdel & Co (Quelle: Stadtarchiv Braunschweig, Sign.: H XVI D IV 1)

Zunächst zog sie die Gründung von Betrieben, die für die Eisenbahn produzierten, nach sich. Hierzu gehörten vor allem das staatliche Unternehmen „Eisenbahnwerkstätte“ (1838), die Maschinenfabrik Friedrich Seele & Co. (1853) sowie die „Braunschweigische Eisenbahnwagen-Bauanstalt AG“ (1871). Weiterhin entwickelten sich auf dem Gebiet des Eisenbahnsignalbaus in Braunschweig zwei bedeutende Firmen, die einen entscheidenden Beitrag zur Technisierung von Weichen- und Signalanlagen lieferten. Dazu gehörte die Firma „Max Jüdel & Co.“, die bereits im Jahr 1897 einen Vertrag mit der „Siemens & Halske AG“ in Berlin abschloss, in der sie später aufging. Heinrich Büssing, der zunächst technischer Leiter bei „Max Jüdel & Co.“ gewesen war, gründete daraufhin 1899 die „Heinrich Büssing & Sohn GmbH“. Neben der Produktion von Eisenbahntechnik wurden in der bis 1976 bestehenden Firma später vor allem Fahrzeugkarosserien gefertigt.

Siegelmarke der Zuckerraffinerie zu Braunschweig (Quelle: Stadtarchiv Braunschweig, Sign.: H XVI D IV 1)
Zwei weitere Pfeiler der Industrialisierung waren neben der Eisenbahnindustrie ausschlaggebend für Braunschweig. Einer davon war die Weiterverarbeitung agrarischer Rohprodukte, wie beispielsweise die Zuckerindustrie. Seit etwa 1850 erfolgte in der Region ein intensiver Anbau von Zuckerrüben, der die Gründung von Zuckerfabriken im Umland Braunschweigs begünstigte. Einen weiteren Aufschwung nahm die Zuckerindustrie, als 1861 der Zollverein diesbezügliche Ausfuhrprämien beschloss und somit die Konkurrenz durch eingeführtes Zuckerrohr begrenzt wurde. In der Folge wurden unter anderem in Broitzem, Eichthal, Rautheim, Salzdahlum und Schöppenstedt zuckerverarbeitende Fabriken gegründet. In den 1870-er Jahren wurde in Braunschweig Deutschlands erste „Schule für Zuckerindustrie“ eingerichtet, was die Bedeutung des Gebiets zwischen Harz und Heide für die Süßwarenproduktion verdeutlicht. Durch den Bedarf der Zuckerindustrie wiederum wurde die Maschinenproduktion weiter gefördert. So richtete die Maschinenfabrik „Friedrich Seele & Co.“ bald ihre gesamte Produktion auf die Zuckerindustrie aus. Um 1865 führte sie zum Zweck der Weiterentwicklung von Produktionstechniken in der Zuckerfabrik Rautheim Versuche durch, mit dem ein Vorsprung vor der Konkurrenz erzielt werden sollte. Kurze Zeit später nahm die „Friedrich Seele & Co.“ eine führende Rolle in der Zuckerproduktion ein. Im Jahr 1870 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, wurde aus ihr die „Braunschweigische Maschinenbauanstalt“ (BMA), die in der Folge eine Blütezeit erlebte. Durch Überkapazitäten kam es jedoch 1885 zu einer allgemeinen „Zuckerkrisis“, die über einen längeren Zeitraum anhielt und auch Zulieferer wie die BMA traf. Daraufhin ging die Zuckerproduktion im Herzogtum allmählich zurück.
Mühle Rüningen (Quelle: Stadtarchiv Braunschweig, Sign.: H XVI D IV 7)
Von entscheidender Bedeutung für den industriellen Aufschwung war daneben der Maschinenbau für die Getreideweiterverarbeitung. Dieser Bereich der Maschinenproduktion ist vor allem mit dem Namen Gottlieb Luther verbunden, der mit der 1846 gegründeten Fabrik „G. Luther, Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt“ hauptsächlich Getreidemühlen und Getreidespeicher produzierte. Neben einer Produktionsversuchsstelle in der Mühle Rüningen wurde ein Zweigwerk in Darmstadt errichtet, bevor 1898 die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft erfolgte. Im Jahr 1925 ging das Unternehmen in der MIAG auf, aus der dann 1941 die sogenannten „Lutherwerke“ (Flugzeugbau)  ausgegliedert wurden. Auch das 1895 gegründete Konkurrenzunternehmen „Amme, Giesecke und Konegen“, das sich bereits 1908 zu einer der bedeutendsten Mühlenbauanstalten Europas sowie zur größten Maschinenfabrik im Herzogtum entwickelt hatte, mündete im weltweit agierenden MIAG-Konzern.
Spargelschälerinnen in der Konservenfabrik Krone&Co (Quelle: Stadtarchiv Braunschweig, Sign.: H XVI D IV 1)

Von ausschlaggebender Bedeutung für Braunschweig als Industriestadt war weiterhin die Konservenindustrie mit ihren Zulieferern. Schon im Zeitraum zwischen 1850 und 1870 entstanden in der Stadt Konservenfabriken, als deren älteste die Firma „P.W. Daubert“ gilt. Weitere Unternehmen waren die „Gebrüder Grahe“ sowie „A.W. Querner“. Zunächst wurde vor allem Spargel konserviert. Große Fortschritte machte die Branche mit der Entwicklung eines Kessels zur Sterilisation („Autoklav“) von Lebensmitteln, der kurze Zeit später bereits durch einheimische Firmen, wie die Maschinenfabrik „Karges“ produziert wurde. Zum Massenprodukt wurde die Konserve schließlich durch den Bedarf an Lebensmitteln während des Ersten Weltkriegs. Begünstigt wurde die hiesige Konservenfabrikation hauptsächlich durch den Gemüseanbau im Umland von Braunschweig.

Der dritte wichtige Sektor für den Aufstieg Braunschweigs zur Industriestadt war die Metallverarbeitung. Mit den Firmen „Jördens & Co.“, „Jäntsch & Co.“ sowie dem „Braunschweiger Hüttenwerk“ entstanden größere Gießereien. Ebenfalls zu nennen ist die, von August Wilke gegründete „Dampfkessel- und Gasometerfabrik AG“ an der Frankfurter Straße. 1884 rief dieser erneut mit der „R.A.Wilke – Maschinenfabrik“ ein neues Unternehmen ins Leben. Hier wurden neben Metallbehältern auch Stahlkonstruktionen und Dampfkessel gefertigt.

Neben den genannten Industriezweigen waren in Braunschweig auch Jute- und Flachsindustrie, optische Industrie (Friedrich Voigtländer AG, Franke & Heidecke später Rollei-Werke), Brauereien (u.a. Feldschösschen, Balhorn, Wolters), Verlagswesen (Vieweg & Sohn, Westermann, Litollf) sowie die Pianoforte-Fabrikation („Grotrian-Steinweg“, „Zeitter und Winkelmann“ sowie „Schimmel“) vertreten.

Wohngebiet Bebelhof (Quelle: Stadtarchiv Braunschweig, Sign.: H XVI A V 1)

Die Arbeits- und Lebensbedingungen zur Zeit des industriellen Aufbruchs waren im Vergleich zu den heutigen Verhältnissen eher schlecht. So betrug die Arbeitszeit im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht selten 10 Stunden am Tag und dies an 6 Tagen pro Woche. Die Lohnhöhe wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend durch Tarifverträge geregelt. Auch beim Wohnungsbau versuchte man verstärkt, auf die Bedürfnisse von Arbeitern und einkommensschwachen Bevölkerungsschichten einzugehen. So entstand beispielsweise ab 1929 die Wohnsiedlung „August-Bebel-Hof“, bei der alle 450 Wohnungen mit Bad und WC, Zentralheizung und Warmwasserversorgung ausgestattet waren. Durch soziale Einrichtungen der Arbeitgeber, wie Werkkranken- und Pensionskassen sowie das Engagement von Gewerkschaften verbesserte sich allmählich auch die soziale Lage der Arbeiter.