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Nachkriegszeit

Aufruf des Oberbürgermeisters zur Trümmerräumung 1945 (Quelle: Stadtarchiv Braunschweig, Sign.: E 66: 14)

Nachdem am 12. April 1945 zunächst die Amerikaner einmarschiert waren, wurden diese bereits am 5. Juni durch englische Besatzungstruppen abgelöst und eine Militärverwaltung eingerichtet. Mit der Gründung des Landes Niedersachsen endete 1946 Braunschweigs Rolle als Landeshauptstadt. Aus dem damals eingerichteten Verwaltungsbezirk wurde am 1. Februar 1978 der neue, um die kreisfreie Stadt Wolfsburg und die Landkreise Gifhorn, Göttingen, Northeim und Osterode/Harz vergrößerte Regierungsbezirk Braunschweig gebildet, der bis Ende 2004 Bestand hatte.

Trümmerbahn auf dem Schlossplatz 1947 (Quelle: Stadtarchiv Braunschweig, Sign.: H XVI H II 4)

Die unmittelbare Nachkriegszeit war in erster Linie durch Lebensmittel- und Wohnungsmangel gekennzeichnet. Dazu kam im Februar 1946 ein gewaltiges Okerhochwasser. Erst 1963 war die Trümmerräumung, zu deren Zweck man seit Juni 1946 eine Trümmerbahn einsetzte, abgeschlossen. Der Wiederaufbau der im Krieg weitgehend zerstörten Innenstadt orientierte sich an dem vom damaligen Landeskonservator Kurt Seeleke entworfenen Konzept der „Traditionsinseln“, das die Rekonstruktion der traditionellen Bausubstanz in der Nähe der alten Kirchen vorsah. Auf diese Weise wurde das mittelalterlich geprägte Stadtbild in den Bereichen um Dom, Aegidien-, Magni-, Martini- und später auch Michaeliskirche erhalten. Parallel dazu entstanden seit den 1960-er Jahren neue Wohngebiete in der Weststadt, in Melverode, am Heidberg sowie im Kanzlerfeld und am Schwarzen Berg. Zur Förderung der Infrastruktur wurde das Industriegebiet am Mittellandkanal im Bereich der Hansestraße und am Hafen ausgebaut. Die verkehrstechnische Anbindung verbesserte sich durch den Neubau der Westtangente (A 391) sowie den Ausbau der Anschlüsse zur A 2 (Dortmund-Berlin) und A 39 (Salzgitter-Braunschweig). Durch die Inbetriebnahme des neuen Personenbahnhofs im Bereich des Berliner Platzes am 1. Oktober 1960 erfuhr auch der überregionale Bahnverkehr eine Aufwertung. Für die Einbindung Braunschweigs in den Interzonenverkehr vom Ruhrgebiet und Hannover nach Westberlin und in die Länder des damaligen Ostblocks waren nun die Weichen gestellt. 1979 erfolgte der Anschluss des Bahnhofs an das Intercity- und 1993 schließlich an das Intercity-Express-Netz.

Weichenschmierer am neuen Hauptbahnhof 1962 (Quelle: Stadtarchiv Braunschweig, Sign.: H XVI: E IV 2b)

Die durch die Stilllegung des alten Bahnhofs entstandenen Freiflächen ermöglichten den Ausbau des Bürgerparks und beherbergten bis 1973 die Verbrauchermesse „Harz und Heide“. Diese erstmals im Jahr 1949 veranstaltete Landwirtschaftsmesse wandelte sich im Laufe der Zeit zur Verbrauchermesse und stellt bis heute einen alljährlichen Publikumsmagneten dar. Mit der Eröffnung der Schlosspassage als neuer Einkaufszone zwischen Bohlweg und Münzstraße wurde ebenfalls 1949 der Startschuss zur Entwicklung Braunschweigs als Einkaufsstadt gelegt. In diesen Zusammenhang gehört die Errichtung des Kaufhauses Horten 1974, heute Galeria Kaufhof.

Mit dem nicht zuletzt durch die Zonenrandlage bedingten Niedergang der Konservenindustrie nach 1945 verschob sich der wirtschaftliche Schwerpunkt zunehmend in Richtung Maschinen- und Automobilbau. Neben dem Volkswagenkonzern siedelten sich zahlreiche Automobilzulieferbetriebe an. 1982 verlegte die Finanzdienstleistungssparte von VW zudem ihren Sitz von Wolfsburg nach Braunschweig. Die Braunschweiger Siemens-Niederlassung, die sich aus der Firma Jüdel & Co entwickelt hatte, zählt heute zu den Branchenführern in der Signal- und Steuerungstechnik für Bahnanlagen. Beide Konzerne sind heute die größten Arbeitgeber der Stadt. Infolge der Abwanderung von traditionellen Firmen wie Büssing/MAN, Rollei oder Voigtländer in den 1970-er Jahren stand in der darauf folgenden Dekade die Computerproduktion im Vordergrund. Commodore und Toshiba betrieben in dieser Zeit ein Halbleiter- bzw. Fertigungswerk für Bürocomputer.

Meisterfeier der Eintracht-Fußballer 1967 (Quelle: Stadtarchiv Braunschweig, Sign.: H XVI: C X 3)

Die Etablierung einer Reihe von wissenschaftlichen Einrichtungen verlieh Braunschweig den Ruf einer „Stadt der Forschung“. 1947 wurde die Physikalisch-Technische Bundesanstalt gegründet, nach deren Atomuhr sich die deutschlandweite Zeitmessung richtet. Aus der 1936 gegründeten Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt ging das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt hervor. Die „Technische Hochschule“ wurde 1968 um eine philosophische und staatswissenschaftliche Fakultät ergänzt und in „Technische Universität“ umbenannt. Aus der Werkkunstschule entstand 1963 die einzige niedersächsische Staatliche Hochschule für Bildende Künste (seit 1978 Hochschule für Bildende Künste).

Bemühungen um die schnelle Wiederbelebung der Kultur nach dem Krieg fanden u.a. in der Renovierung und Neueröffnung des Staatstheaters und der Einrichtung der Raabe-Gedenkstätte im Jahre 1948 ihren Ausdruck. Um das geistige und künstlerische Vermächtnis von Wilhelm Raabe, Friedrich Gerstäcker, Louis Spohr und Rudolf Wilke zu pflegen, wurden gleichnamige Preise gestiftet und regelmäßig vergeben. Unter den Raabe-Preisträgern finden sich Namen wie Ina Seidel (1949), Hermann Hesse (1950) oder Uwe Johnson (1975).

Ebenfalls 1948 wurde die Braunschweigische Musikgesellschaft gegründet. Renommierte Musikveranstaltungen von der „Internationalen Kammermusik“ bis zum heutigen „Braunschweig Classix“-Festival haben seither einen festen Platz im Kulturkalender. Durch den Bau der Stadthalle erhielt die Stadt 1965 eine zentrale Veranstaltungsstätte für Musik-, Kultur- und Sportveranstaltungen, Messen und Tagungen.

Das sportliche Aushängeschild der Stadt war und ist auf dem grünen Rasen des zwischen 1921 und 1923 im Norden der Stadt errichteten Stadions an der Hamburger Straße zu finden. Die Fußballer des BTSV „Eintracht“ gewannen 1967 an dieser legendären Stätte die Deutsche Meisterschaft.

DDR-Autos auf dem Ruhfäutchenplatz 1989 (Quelle: Stadtarchiv Braunschweig, Sign.: H XVI: H I 1989)

Internationale Kontakte unterhält Braunschweig durch Städtepartnerschaften mit den Städten Bath (Großbritannien), Nimes (Frankreich), Omaha (USA), Kasan (Russische Föderation), Kiryat Tivon (Israel), Sousse (Tunesien) und Bandung (Indonesien). Nachdem man schon am 8. Dezember 1987 mit Magdeburg eine Städtepartnerschaft geschlossen hatte, ermöglichte im November 1989 die neue Reisefreiheit nach der Maueröffnung zehntausenden DDR-Bürgern einen Kurzbesuch in Braunschweig.

Seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 nimmt Braunschweig in Industrie, Handel und Wissenschaft wieder eine zentrale Position in Deutschland ein. Geprägt durch die enge Zusammenarbeit von Forschung und Wirtschaft ist die Stadt heute ein moderner und zukunftsorientierter Wirtschaftsstandort in der wichtigsten Industrieregion des Landes. Gerade die Besinnung auf ihr historisch gewachsenes Potential bietet der Stadt die Chance, sich vom bisherigen Oberzentrum in der Region Südost-Niedersachsen zu einem überregionalen Knotenpunkt zu entwickeln und somit auch in Zukunft vom europäischen Wettbewerb zu profitieren.