Symposium über die Braunschweiger Schriftstellerin Ina Seidel
(Braunschweiger Zeitung, von Martin Jasper)
Ina Seidel ist nicht zu retten. Langsam entschwindet die Dichterin dem öffentlichen
Bewusstsein, freiwillig gelesen wird sie wohl kaum mehr.
Langlebiger als ihr Ruhm als zweitbeste Braunschweiger Dichterin scheint die Erinnerung an Braunschweigs berühmteste Nazisse zu sein. Schuf sie doch wahrhaft schauderhaft schwärmerische Verse zu Führers 50. Geburtstag und war ihm auch sonst sehr gewogen.
Darin aber ist sie ein spannender Fall: Wie konnte die hochgeistige Dichterin aus großbürgerlichem Hause sich schwärmerisch verfangen in den Fängen des finstersten Ungeistes? Das hatte ja doch wohl tiefere Gründe als die von Carl Zuckmeyer spöttisch vermutete „Mangelnde Drüsentätigkeit".
Und nicht zuletzt die Verleihung des Raabe-Preises an die Autorin des „Wunschkindes" 1948 steht ja auch beispielhaft für die Verdrängung in der Adenauer-Zeit.
Die Stadt Braunschweig stellt sich jetzt ihrem literarischen Problemfall in einem Symposium. Deutlich wurde in den Vorträgen und Debatten eben jene Grundlinie der bildungsbürgerlichen Verstrickung: Im Herzen unpolitisch, romantisch und konservativ, sich über banale Alltäglichkeiten erhaben dünkend, verfiel man den Verlockungen der nationalistischen Mythenbildung. Hans Sarkowicz sprach vom „Pakt der Modernisierungsflüchtigen".
Professor Ralf Schnell charakterisierte Seidels Werk als völkisch-nationale Literatur, die in der Spätromantik wurzele. Der Kölner Germanist wies nach, wie sehr die national-konservative Schriftstellerschaft im Irrtum war, als sie glaubte, von der hohen warte ihrer geistigen Überlegenheit herab die neuen Machthaber beeindrucken zu können. In Wahrhit wurde sie von Anfang an instrumentalisiert im Sinne nationalsozialistischer Herrschafts-Ideologie.
Darin bestand auch das Dilemma der inneren Emigration: Jene, die meinten im „Dritten Reich" die werte der deutschen Kultur hochhalten und retten zu müssn, wurden zu Stabilisatoren des Regimes, das sich mit ihnen schmückte und seine Inhumanität tarnte.
Als eine der zentralen Kontinuitäten im Schreiben und Denken der Ina Seidel über den Zusammenbruch des Nationalsozialismus hinaus machte Hans Sarkowicz die Opferideologie aus. Einer ihrer frühen Verse laute: „Opfer ist des Opfers letzter Sinn". Auch ihr berühmtester Roman „Das Wunschkind" kreise um ein „zirkuläres Muttermodell" Zwischen Krieg, Blut, Erde Mutterschaft - und wieder Krieg. Geschrieben im Gestus eines Mystizismus von Flut und Milch und Blut und Traum und Trauer - mit dem hintergründigen Bewusstsein: In dieser Welt gibt es ja eh keinen Frieden. Dies sei dem Opferritus der Nazis sehr verwandt gewesen.
Auch nach dem Krieg habe Ina Seidel sich wie viele andere in der Opferrolle gesehen. Zwar habe sie ihre Hitler-Verse als Ausfluss mangelnder politischer Erziehung und irreführender Informationen bedauert. Aber in ihrem Rechtfertigungsroman „Michaela" schildere sie sich und ihre bürgerlichen Kreise als Wahrer höherer Werte in einer Aura geschichtsloser Überzeitlichkeit, äußerlich von Barbaren bedroht. So habe sie letztlich „Verklärung statt Analyse" betrieben.
So erwies sich der „museale Fall" Ina Seidel doch als Knotenpunkt spannender Fragen. Vor allem die Trennbarkeit zwischen „höherer" Kultur und „niederer" Politik bleibt nach diesem Symposium als gefährliche Schimäre zurück.