Tim Etchells - IN THE TREES

(aktualisierter Entwurf für den Lichtparcours 2020)

Die ortsspezifische Konzeptionierung ist für die künstlerische Praxis von Tim Etchells wesentlich. Mit der Wahl der Wallanlage am Löwenwall als Standort entschied sich der britische Künstler, welcher international bekannt ist für seine durchdachten, standortbezogenen, leuchtenden Wortphrasen in den verschiedensten, räumlichen und institutionellen Kontexten, für einen neuen Entwurf.

Auf dem ca. 50 Meter langen Mauersegment am okerseitigen Fuß des Löwenwalls soll auf einer Höhe von ca. 2,10 Metern der Schriftzug THE SOUND YOU ARE FRIGHTENED OF IS ONLY THE WIND IN THE TREES in ca. 50 cm hohen Buchstaben und über eine Länge von 30 Metern mit verschiedenen Lichtintensitäten leuchten. Aus Stahl geformte und von einfarbigen LEDs beleuchtete, aus einzelnen Buchstaben geformte Worte werden so programmiert, dass die verschieden aufleuchtenden Buchstaben zu verschiedenen Zeiten immer neue assoziative Zusammenspiele ergeben.
Aus: THE SOUND YOU ARE FRIGHTENED OF IS ONLY THE WIND IN THE TREES wird SOUND …  OF … THE WIND IN THE TREES oder YOU ARE FRIGHTENED …. OF … THE TREES. Manche Worte treten damit durch das Aufleuchten besonders hervor, andere in den Hintergrund.

Etchells geht damit einen besonderen, spielerischen Dialog mit diesem historischen Ort ein, welchen der Architekt Peter Joseph Krahe 1820 zum Löwenwall umgestaltet hat. Die aufleuchtende Wortphrase interagiert mit der natürlichen Umgebung und bezieht die umgebenden Klänge und Geräusche mit ein. Einerseits reflektiert er damit auf die Parksituation, den vielen Bäumen und deren Rauschen der Blätter. Gleichzeitig bezieht er das Rauschen der Geräusche auf der viel befahrenen Kurt-Schumacher-Straße ein. Aktuelle Bezüge zu gegenwärtigen Diskussionen rund um den Klimaschutz bzw. das Verhältnis von Umwelt- und Verkehrspolitik werden hier ebenso assoziativ angeregt, wie eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Stadt.

Denn die Worte YOU ARE FRIGHTENED OF lassen sich auch in Bezug setzen zur historischen, baulichen Struktur bzw. Funktion des Mauersegments, an deren Stelle sich früher die gewaltige Wallanlage erstreckte. Diese Befestigungsanlage diente früher zum Schutz, um Ängste zu dämmen und ruhig schlafen zu können. Heute werden Mauern aus anderen Gründen gezogen, unter anderem auch aus Lärmschutzgründen oder - wie damals - aus Angst vor vermeintlich Fremden usw. .

Der vollständig erleuchtete Satz liest sich wie eine Behauptung, ein Auszug aus einem Gedicht oder Märchen, welches versucht, eine beruhigende Geschichte zu erzählen, die Vergewisserung und Zuversicht bringt, die beruhigen soll. Doch geht es letztlich darum, dass Ängste meistens in irrationalen aber auch phantasievollen Illusionen und zweifelhaften Imaginationen verankert sind. Gerade deshalb sind Vergewisserungen durch eine beruhigende Autorität (Wer spricht hier?) zunächst scheinbar notwendig - deren Behauptungen sich aber manchmal auch am Ende ins Gegenteil verkehren. Warum machen uns bestimmte Dinge Angst? Wozu brauchen wir physische und emotionale Schutzmauern?

In the trees ist, wie viele der Werke von Tim Etchells, mehrdeutig und spricht verschiedene narrative Ebenen an. Die Arbeit erzeugt in ihrer Ambiguität einen reizvollen ästhetischen Bruch, der nicht nur darin aufgeht, sondern auch im poetischen, politischen und aktuellem Diskurs assoziativ und psychologisch erfahrbar sein wird.

Zum Künstler

Tim Etchells (*1962 in Stevenage, Großbritannien) ist Künstler, Schriftsteller und Autor von Performance- und Theaterstücken. Neben seiner Arbeit als freischaffender Künstler, die sich in Videos, Performances, Fotografie, Installationen, Text-Projekten und Literatur ausdrückt, ist er auch Mitgründer der Performance-Gruppe Forced Entertainment (gegründet 1984) und erarbeitet kollaborativ mit anderen Künstlern, Choreografen und Fotografen verschiedene Bühnenprojekte. Seit 2008 konzentriert sich seine künstlerische Praxis auf das Exponieren von Sprache in dessen verschiedensten Ausformungen. Grundlegend ist dafür der Einsatz von LED und Neonröhren, mit denen er Worte und Satzfragmente auf spielerische und poetische Weise (ver-)formt und damit die Abstraktion und Widersprüchlichkeit von Sprache ausstellt. Auf der anderen Seite steht die Klarheit der Form, die Geschwindigkeit und Lebendigkeit in der Kommunikation miteinander, in der Bilder, Geschichten und Ideen verhandelt werden. Viele seiner Arbeiten werden für den öffentlichen Raum konzipiert und adressieren damit direkt die Menschen in dessen Umgebung. Etchells schafft damit poetische Momente des Innehaltens und Reflektierens in einem zumeist lauten und hektischen Stadttreiben. Tim Etchells lebt in London und lehrt als Professor für Performance an der Lancaster University. In Deutschland waren seine Arbeiten zuletzt in der Kunsthalle Mainz und in der Galerie Patrick Ebensperger in Berlin zu sehen.

Ausstellungen (Auswahl)

2019 Something Common, Ebensperger Rhomberg, Salzburg, Österreich Between Us, Kunsthalle Mainz, Mainz A Temporary Sadness/A Beautiful Silence, Patrick Ebensperger, Berlin (solo)

2018 In So Many Words, Lân fan taal, European Capital of Culture, Leeuwarden, Niederlande

2017 Was sind die Wolken? (What Are the Clouds?), Kunstgebäude Stuttgart, Stuttgart Emergency, One Day Performance as part of Savvy Radio in Documenta 14, Kassel Together Apart, Kunstverein Braunschweig, Braunschweig (solo)

2016 Eyes Looking, video installation commissioned as part of New York Times Square Arts, New York City, New York, USA The Give & Take, Tate Exchange Residency, Tate Modern, London, Großbritannien

2015 And for the Rest (Basel), Poster installation project in public spaÖffentlichter Raum Basel, Basel, Schweiz The Facts on the Ground, VITRINE Gallery, London, Großbritannien (solo)

2014 Where the Heart Is, Algernon Firth Building, Leeds, Großbritannien Natalie Gorgeous, Subway Gallery, Middlesborough, Großbritannien

2013 A Stitch in Time, Permanent public space LED commission for Lumiere, Derry-Londonderry, Großbritannien A Buddy for a Text, Forum Stadtpark, Graz, Österreich Acts of Voicing, Total Museum of Contemporary Art, Seoul, Korea

2012 Acts of Voicing, Stuttgart Kunstverein, Stuttgart Will Be…, Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt Empty Stages, mit Hugo Glendinning, Festival D’Avignon, Avignon, Frankreich (solo)

2011 From Afar, Bunkier Sztuki, Krakow, Polen (solo) For Real!, Kunst Halle St. Gallen, St. Gallen, Schweiz

2010 Over the Table, Aiichi Trienale, Nagoya, Japan Fog Game, Künstlerhaus Bremen, Bremen (solo) Tim Etchells, Gasworks, London, Großbritannien (solo)

2009 The Malady of Writing, MACBA, Barcelona, Spanien What A Wonderful World, Goteborg Biennale, Göteborg, Schweden DLA Piper Series: This is Sculpture, Tate Liverpool, Liverpool, Großbritannien

2008 Fressen Oder Fliegen, Hebbel Theater, Berlin Manifesta 7, Rovereto, Italien Wait Here..., Butcher’s Project Space, London, Großbritannien (solo)

2007 Long Relay, mit Adrian Heathfield, Serpentine Gallery, London, Großbritannien Drama Queens, Skulptur Projekte Münster, Münster

2006 Neon, Exit Art, New York City, New York USA Project 2023, Moderna galerija, Ljubljana, Slowenien Protections, Kunsthaus Graz, Graz, Österreich Action Adventure, Canada Gallery, New York City, New York, USA

2005 Listen, International Film Festival Rotterdam, Rotterdam, Niederlande Money For Nice, mit Vlatka Horvat, Victoria and Albert Museum, London, Großbritannien

2004 Group Dynamics, Part of Zagreb – Cultural Capital 3000 Platform, Zagreb, Kroatien Institute of Failure, mit Matthew Goulish, Museum of Contemporary Art, Chicago, Illinois USA

2003 La Guerre, Palais de Tokyo, Paris, Frankreich

2002 Institute of Failure, mit Matthew Goulish, Saatchi Headquarters, London, Großbritannien

2001 Void Spaces, Chapter Art Centre, Cardiff, Großbritannien

2000 Surrender Control, ICA – Institute for Contemporary Art, London, Großbritannien Microwave Festival, Hong Kong, China ArtFuture Festival, Taipei, Taiwan