Nevin Aladağ - Colors

Nevin Aladağ, Colors (seit 2008), courtesy: Nevin Aladağ, Foto: Trevor Good

Colors ist eine für den Lichtparcours weiterentwickelte Werkreihe Nevin Aladağs, in der sie Lampen mit farbigen und strukturierten Feinstrumpfhosen überzieht. Eingekleidet werden Pendelleuchten des dänischen Designers Poul Henningsen (1894–1967), sogenannte PH-Lampen, die aus übereinander angeordneten, verschieden großen tellerartigen Elementen zusammengefügt sind. Diese als Designklassiker geltenden Lampen würden eine behagliche Atmosphäre kreieren und damit den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Nevin Aladağ verkleidet diese aus kühlen Materialien wie Aluminium und Kupfer gefertigten Pendelleuchten mit synthetischen, industriell gefertigten Nylonstrumpfhosen. Der seidene Glanz lässt sie zart und empfindlich erscheinen, doch wird durch die Spannung des Stoffs zugleich dessen Widerstandsfähigkeit demonstriert.

Indem diese Innenleuchten zu farblich modifizierten Straßenlaternen umgestaltet werden, spielt die Künstlerin nicht nur mit einer Vision von einem bunt leuchtenden, abendlichen Stadtbild, sondern gibt dem Lampenkörper eine neue Form, die im Widerspruch zur sich dem Körper anpassenden Strumpfhose steht. Eine Form, „welche die Form der Lampe unterstützt, aber der Form gleichzeitig eine neue Identität verleiht“ (Zitat Nevin Aladağ). Was kennzeichnet diese Identität? Durch die verschiedenfarbigen Feinstrumpfhosen erscheint eine Haut in einer Reihe von verschiedenen Möglichkeiten von Farbe. Und durch die Verschiebung unserer Wahrnehmung eines klar als Innen bzw. Außen definierten Raumes entpuppt sich der öffentliche Raum als Ort, an dem vermehrt Privates verhandelt und damit zum Teil des politischen und sozialen Miteinanders wird. Das Private wird öffentlich. So ist die Arbeit Colors in ihrer US-amerikanischen Schreibweise nicht nur ein ästhetisches Farbspiel, sondern spielt vor dem Hintergrund emanzipativer Bewegungen auch auf Fragen nach kultureller Herkunft, Gender und dessen Zuschreibungen an.

Zur Künstlerin

© Foto: Michaela Heyse (Stadt Braunschweig)Nevin Aladağ, Colors (seit 2008), courtesy: Nevin Aladağ, Entwurfsausstellung

In ihrer multimedialen Arbeitsweise formuliert Nevin Aladağ (*1972 in Van, Türkei) Fragen nach kultureller Herkunft und Identität. Dabei geht es nicht um die Anklage oder dem Aufzeigen eines Verlustes, sondern vielmehr um das Herausarbeiten verschiedener Rollenklischees, Strategien der Selbst- und Fremdwahrnehmung, um auf bestimmte vorgefasste Erwartungen in der Gemeinschaft aufmerksam zu machen. Mit skulpturalen, fotografischen oder performativen Elementen macht die Künstlerin Bedeutungen und Bindungen sichtbar, die in unserem Alltag und unserer diversen Gesellschaft weniger beachtet werden. Die formal-ästhetische Ausarbeitung löst häufig eher einen Handlungsimpuls vonseiten der Betrachter aus, als sich in der passiven Rezeption zu verlieren.

Indem sie Alltägliches aus den gewohnten Zusammenhängen löst, erweitert, sampled oder synchronisiert, werden immer wieder scheinbar fremde Lebensentwürfe mit der eigenen kulturellen Identität in Verbindung gebracht — nicht ohne selbstkritisch mit der eigenen Rolle in diesem Spiel konfrontiert zu sein. Nevin Aladağ lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Arbeiten wurden zuletzt im Martin-Gropius-Bau in Berlin und in der Kestnergesellschaft Hannover gezeigt.

Ausstellungen (Auswahl)

2019 Big Orchestra, Schirn Kunsthalle, Frankfurt (upcoming) And Berlin Will Always Need You. Kunst, Handwerk und Konzept Made in Berlin, Martin-Gropius-Bau, Berlin Water Lines, The High Line, New York City, New York, USA

2018 Nevin Aladağ. Teil 2: Social Fabric, kestnergesellschaft, Hannover (solo) Nevin Aladağ. Teil 1: Best Friends, kestnergesellschaft, Hannover (solo) Honey, I Rearranged the Collection, Hamburger Kunsthalle, Hamburg (solo) Worlds Otherwise Hidden, Kemper Museum of Contemporary Art, Kansas City, Missouri, USA

2017 Nevin Aladağ. Fünf Steine Spiel, Salzburger Kunstverein, Salzburg, Österreich (solo) Viva Arte Viva, La Biennale di Venezia, 57th International Art Exhibition, Venedig, Italien Learning from Athens, documenta 14, Kassel, Kassel und Athen, Griechenland @G: Nevin Aladağ. Traces, Museum Tinguely, Basel, Schweiz

2016 Nevin Aladağ, Lentos Kunstmuseum Linz, Linz, Österreich (solo) Wolfsburg Unlimited, Kunstmuseum Wolfsburg, Wolfsburg

2015 Performance Parcours, Art International Istanbul, Istanbul, Türkei Repairing the City, Edith-Russ-Haus, Oldenburg

2014 Marsch, Rückwand, Kunsthalle Basel, Basel, Schweiz (solo) A House of Several Stories, Signal – Center for Contemporary Art, Malmö, Schweden

2013 Rehearsal of the Real, Albrecht Dürer Gesellschaft, Kunstverein Nürnberg, Nürnberg

2012 Nevin Aladağ, Rampa Gallery, Istanbul, Türkei (solo) Present Unlimited, Fabrika 126, Sofia, Bulgarien The F-Word, Shedhalle, Zürich, Schweiz

2011 Move. Kunst und Tanz seit den 60ern, Haus der Kunst, München Eyes Looking for a Head to Inhabit, Muzeum Sztuki, Lodz, Polen Diaspora, Jüdisches Museum, Berlin

2010 Pattern Matching, Wentrup Projects, Berlin (solo) A Dream ... But not yours: Contemporary Art from Türkei, National Museum of Women in the Arts, Washington DC, USA

2009 What keeps Mankind alive?, The 11. International Istanbul Biennial, Istanbul, Türkei Who killed the painting?, Neues Museum Weserburg, Bremen

2008 Shifting Indentities, Kunsthaus Zürich, Zürich, Schweiz Nevin Aladağ, Outlet, Istanbul, Türkei (solo) 8th Taipei Biennial,Taipei Museum of Fine Arts, Taipei, Taiwan

2007 Gegenstände/Handlungsformen, Badischer Kunstverein, Karlsruhe All Over Rhythm, Kunsthalle Palazzo, Liestal, Schweiz (solo)

2006 Gemeinschaft des Augenblicks, Hebbel am Ufer, Berlin (solo) Indirect speech, Kunsthalle Fridericianum, Kassel Asterismo, Museo Tamayo, Mexiko City, Mexiko

2005 Fokus Istanbul, Martin-Gropius-Bau, Berlin Coolhunters, ZKM, Karlsruhe

2004 Rendez-Vous, Centre d ́Art Contemporain, Lyon, Frankreich Love it or leave it, Cetinje Biennale, Cetinje, Montenegro

2003 Freeze – Spin, Künstlerhaus Bethanien, Berlin (solo)

2002 Fluxus und die Folgen, Wiesbaden

2001 German Leitkultur, Museum Fridericianum, Kassel

1999 Nevin Aladağ, FriArt Centre d’Art Contemporain, Fribourg, Schweiz (solo)