Paul Schwer - Die Wärterin

Paul Schwer, Modell: Die Wärterin, Foto: Paul Schwer

Ausgangspunkt von Paul Schwers künstlerischen Überlegungen zur Wärterin ist das ehemalige Toilettenhäuschen in der klassizistisch anmutenden Steintorbrücke zwischen Herzog Anton Ulrich-Museum und dem Museum für Photographie. Der Titel ist eine Hommage an die Wärterin, die in der Vergangenheit einen Verkaufsstand zwischen Frauen- und Männertoiletten betrieb. Die markante Form der Architektur aus einem Viertelkreis und einem Band aus schmalen Fensteröffnungen verdoppelt Paul Schwer mit einem transparenten, pink bemalten Kunststoff und lässt diese wie eine Spiegelung aus Licht schräg über der als Sockel dienenden Architektur schweben. Eine weitere dunkelgrüne transparente Form greift die Treppe auf und leitet die Bewegung vom Eingang des Toilettenhäuschens in den Park. Nachts werden die Farbelemente beleuchtet und durch besondere performative Veranstaltungsformate aktiviert, in denen z. B. dramaturgisch gesteuerte Lichtabläufe, Klang und Farbkompositionen zusammenwirken. Die ablesbare malerische Geste auf den Kunststoffplatten reagiert mit dem Sonnenlicht. So entsteht eine Farbkomposition im Raum, deren leuchtender Körper einen Kontrast zum herrschaftlichen HAUM, der Steintorbrücke als Stadttor und den beiden Torhäusern bildet. Die beiden architektonischen Elemente aktivieren den aufgegebenen Ort und kreieren ein Spiel zwischen Dynamik und Statik, ein Spiel zwischen Aufbau, Abbau, Verfall und Status quo. Denn im Angesicht der scheinbaren Fragilität erweckt diese Architektur nicht das Gefühl des Heimeligen. Vielmehr erscheint sie wie eine zeitgenössische Ruine, ein Übergangsraum oder temporärer Transformationsraum, der durch sein Spiel mit dem Licht den Umraum (re-)aktiviert.

Zum Künstler

Das bildhauerische Werk von Paul Schwer (*1951 in Hornberg, im Schwarzwald) ist vor dem Hintergrund seiner Auseinandersetzung mit malerischen Thematiken der Fläche, Farbe, Oberfläche des Bildträgers, Licht und Transparenz in seiner künstlerischen Ausbildung als Maler zu reflektieren. Man könnte ihn als Glasmaler mit anderen Mitteln bezeichnen, der im Zuge seines Schaffens malereibezogene Konzepte verräumlicht, sich von der Leinwand, dem Zweidimensionalen, gelöst hat und seitdem dreidimensionale Farbraumbilder, die auch körperlich erfahren werden können, schafft. Wenn nicht begehbar, dann setzen sie den Betrachtern doch eine gewisse körperliche Präsenz entgegen. Dass seine bevorzugten Materialien wie Plexiglaselemente, Neonröhren und Folien aus dem industriellen Bereich und das Licht und dessen Effekte aus der Steckdose kommen, sind dabei nüchterne aber nicht unwesentliche Aspekte. Denn Schwer, der auch als Jugend- und Kinderpsychiater gearbeitet hat, geht es genau auch um unsere menschliche Wahrnehmung und was die Betrachter – nüchtern und/oder illusioniert – daraus machen. Grundlegend sind für diese Entwicklung auch die von ihm als synästhetischer Rausch erlebten Großstädte, die sich in einem ständigen räumlichen und architektonischen Veränderungsprozess befinden, wo Abrisse und Neubauten als rabiate Eingriffe das Gesicht der Stadt täglich verändern. 2018 zeigte das Museum Goch und das Museum Ratingen eine umfangreiche Einzelausstellung. In diesem Jahr sind seine Arbeiten u. a. im Kunstverein Pforzheim zu sehen.

Ausstellungen (Auswahl)

2019 Psifiakos Digital Destruction, Daily Lazy, im Rahmen des Transfer International Athen NRW, Athen, Griechenland Trockenbau-Twist, Kunstverein Pforzheim, Pforzheim

2018 Von beiden Enden, Museum Goch, Goch; Museum Ratingen, Ratingen (solo) Gallery Sofie Van de Velde, Antwerpen, Belgien Light Box, Kunstmuseum Celle, Celle (solo)

2017 Signal, Lichtkunst der Sammlung Robert Simon im Kunstmuseum Celle, Celle Play, Seaside, Sculpture project of the Busan Biennale, Busan, South Korea Imagined homes, Antike und Beton, Parallelprogramm der 6. Thessaloniki-Biennale, Goethe-Institut, Thessaloniki, Griechenland Krisenraum, Lutherkirche Bonn, Bonn (solo)

2016 SCRIPT, Borussan Contemporary, Istanbul, Türkei Museum = K(x+y) /D, IKOB – Museum für Zeitgenössische Kunst Eupen, Eupen, Belgien Shining Shelter, Clemens Sels Museum, Neuss (solo)

2015 The shape of things to come, Pi Artworks Gallery, London, Großbritannien (solo) Die Kraft der Idee, Kunstmuseum Celle, Celle Domestic space/Paper Edition, Zweigstelle Berlin, Berlin Reset, Clemens-Sels-Museum, Neuss Galerie Karl Pfefferle, München (solo)

2014 rough cuts, mit Claudia Desgranges, MMIII Kunstverein Mönchengladbach GMMIII, (mit Claudia Desgranges) Mönchengladbach (solo) Konzeption Landschaft, Billboard-Skulpturenprojekt Hoeschplatz, Leopold-Hoesch- Museum, Düren Scheinwerfer 2, Lichtkunst in Deutschland im 21. Jahrhundert, Kunstmuseum Celle, Celle Lichtschlag, permanente Lichtinstallation, IKOB – Museum für Zeitgenössische Kunst, Eupen, Belgien (solo) Museum Art Plus, Donaueschingen (solo)

2013 Spot on, Borusan Contemperary, Perili Kösk, Istanbul, Türkei (solo) Spaces, Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg Wiedersehen, Museum gegenstandsfreier Kunst, Otterndorf home, IKOB – Museum für Zeitgenössische Kunst, Eupen, Belgien (solo) Travellin` Light, Kunstverein Ruhr, Essen (solo) Das Fruchtfleisch unserer Architektur, mit Joris van den Moortel, Galerie Pfefferle, München (solo)

2012 Neutrinos, Kunstverein Ulm, Ulm (solo) Umma – Ummarum, mit Gereon Krebber, Galerie Robert Drees, Hannover (solo) Reset – Abstract Painting In A Digital World, Arti et Amicitiae, Amsterdam, Niederlande Home, Skulpturenprojekt Donaueschingen, Heimattage Baden-Württemberg, Donaueschingen

2011 Morning Margareta, Kunstverein Bremerhaven, Bremerhaven (solo) Blast (Bildperformance), Kunstakademie Hue und Saigon, Goethe-Institut Vietnam, Ho-Chi-Minh-Stadt, Vietnam Museum gegenstandsfreier Kunst, Otterndorf (solo)

2010 Kunstmuseum Singen, Singen (solo) Museum für Kommunikation, Luminale, Frankfurt plus de lumière, Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg Viermal Malerei aus Deutschland, Kunstmuseum X`ìan, X`ìan China Galerie Kai Middendorff, Frankfurt (solo)

2009 fugue, Kunstverein Augsburg, Augsburg (solo) Museum Ludwig, Koblenz (solo) Skulpturenprojekt Art Cologne, Köln Neulicht am See, Nachtaktives Internationales Kunstprojekt, Maschsee Hannover, Hannover home not at home, mit Andrea Ostermeyer, Kulturstiftung Schloss Agathenburg, Agathenburg (solo)