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Sinti und Roma im Nationalsozialismus

Braunschweig, 26. Februar 2019 Stadt Braunschweig, Referat Kommunikation

Angehörige der Familien Ansin, Thormann und Laubinger/Steinbach Mitte der 1930er Jahre in Dessau-Roßlau (Fotograf: Hanns Weltzel, Quelle: University of Liverpool Library)
Angehörige der Familien Ansin, Thormann und Laubinger/Steinbach Mitte der 1930er Jahre in Dessau-Roßlau
(Fotograf: Hanns Weltzel, Quelle: University of Liverpool Library)

Eine einzigartige Wanderausstellung unter dem Titel „‘…vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig‘…- Die Verfolgung mitteldeutscher Sinti und Roma im Nationalsozialismus“ präsentiert der städtische Fachbereich Kultur und Wissenschaft vom 1. bis 29. März an zwei Standorten in der Weststadt: in der St. Emmaus-Kirche (Muldeweg 5) und im Kulturpunkt West (Ludwig-Winter-Straße 4). Zu sehen sind großformatige Fotografien von Männern, Frauen und Kindern, die wenige Jahre nach den Aufnahmen fast alle dem Genozid zum Opfer fielen. Aufgenommen hat sie der Fotograf Hanns Weltzel zwischen 1932 und 1939 in Roßlau.

Die Ausstellung wird am Freitag, 1. März, um 17  Uhr in der St. Emmaus-Kirche und um 18:30 Uhr im Kulturpunkt West eröffnet. Es sprechen Bürgermeisterin Annegret Ihbe, Siegfried Franz vom Vorstand des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti e. V. und Jana Müller, Initiatorin der Ausstellung. Anlass ist der Gedenktag an die Deportation der Braunschweiger Sinti am 3. März 1943.

Zwischen 1932 und 1939 fotografierte Hanns Weltzel mitteldeutsche Sinti und Roma in Roßlau bei Dessau (heute Dessau-Roßlau). Der in Roßlau lebende Fotojournalist pflegte freundschaftliche Beziehungen zu den Familien, die auf ihren Handelswegen regelmäßig nach Anhalt kamen. Weltzel veröffentlichte bis 1935 Artikel über Sinti und Roma in der Anhaltischen Presse. Zudem stand er mit der Gypsy Lore Society, deren Sitz sich in Liverpool befand, im Kontakt und schrieb Artikel für deren Journal. So gelangten erste Fotografien nach Liverpool.

Der Bestand von ca. 200 Fotografien befindet sich heute in der Bibliothek der Universität Liverpool. Es handelt sich um einzigartige Fotografien von Männern, Frauen und Kindern, die wenige Jahre nach den Aufnahmen fast alle dem Genozid zum Opfer fielen. Sie zeugen von gegenseitigem Respekt zwischen den Fotografierten und dem Fotografen und unterscheiden sich deutlich von Abbildungen der nationalsozialistischen Propaganda gegen Sinti und Roma.

Anfang 1938 verfügte die Geheime Staatspolizei Dessau das Aufenthaltsverbot für „Zigeuner“ in Roßlau und ganz Anhalt. Die Mehrheit der mehr als siebzig Menschen, die davon betroffen waren, wurde in das „Zigeunerlager am Holzweg“ in Magdeburg gezwungen. Dieses Internierungslager hatte die Stadt Magdeburg 1935 am Stadtrand errichtet. Im Juni 1938 wies die Kriminalpolizei Magdeburg zahlreiche Männer und männliche Jugendliche in das Konzentrationslager Buchenwald ein. Damit begann das Auseinanderreißen der Familien, die Hanns Weltzel fotografiert hatte. Bald trafen erste Todesnachrichten aus Konzentrationslagern in Magdeburg ein. Mit der Verhaftung aller „Zigeuner“ in Magdeburg am 1. März 1943 und deren Deportation nach Auschwitz einen Tag später wurde das Lager am Holzweg aufgelöst.

Die Initiatorinnen der Ausstellung, Prof. Eve Rosenhaft von der Universität Liverpool und Jana Müller vom Alternativen Jugendzentrum Dessau, sind der Frage nachgegangen, wer die von Weltzel Fotografierten waren und was mit ihnen geschah. Nach vielen Jahren der Forschungen, zunächst unabhängig voneinander, dann gemeinschaftlich, haben sie im Gedenken an die Opfer die hier gezeigte, umfangreiche Wanderausstellung aus 25 großformatigen Roll-ups herausgebracht. Unterstützung erfuhren sie auch von Nachfahren überlebender mitteldeutscher Sinti, die nach 1945 vor allem in Niedersachsen eine neue Heimat fanden, einige davon auch in Braunschweig und der Region.

Drei Veranstaltungen begleiten die Ausstellung:

Montag, 11. März, 19:30 Uhr: Roter Saal: Ede und Unku. Musikalische Autorenlesung mit Juliane von Wedemeyer, dem Violinist Roman Pokuta und dem Gitarrist Arno Manolito Steinbach.

Dienstag, 12. März, 19 Uhr: Kulturpunkt West: Das Kind auf der Liste, Lesung von und mit Annette Leo., begleitet von Raffaela Laubinger.

Samstag, 16. März, 19 Uhr: Kulturpunkt West: Konzert Romeo Franz Ensemble.

Der Eintritt zur Ausstellung an beiden Standorten sowie zu allen Begleitveranstaltungen ist frei.

Öffnungszeiten:

St. Emmaus-Kirche Di, Do, Fr 9 bis 12 Uhr, Mi 17 bis 19 Uhr sowie zu den Gottesdienstzeiten.
Kulturpunkt West Di, Do und Fr 9 bis 13 Uhr, Mi 9 bis 16 Uhr sowie zu allen öffentlichen Veranstaltungen.

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