Aktuelle Verleihung

© Stadt Braunschweig / Daniela NielsenPreisträgerin Adriana Hölszky

Braunschweig ehrt die Komponistin Adriana Hölszky mit dem Louis Spohr Musikpreis 2019

Braunschweig. Am 20. Oktober 2019 erhielt die rumänisch-deutsche Komponistin Adriana Hölszky den renommierten Louis Spohr Musikpreis der Stadt Braunschweig.

Bereits am Vorabend der Preisverleihung wurde die Preisträgerin in einem Gesprächskonzert im Roten Saal vorgestellt. Moderatorin Julia Spinola lieferte der Komponistin zu Leben und Werk die entscheidenden Stichworte, die dankbar von der Komponistin aufgenommen wurden. Ausführlich berichtete sie, wie sie zum Komponieren kam, wie sie ihre eigene Tonsprache entwickelte und was in der Rückschau auf ihr Leben und Schaffen ihre Karriere ausmachte.

Eindrucksvoll waren auch sämtliche Tonbeispiele, die sowohl live vorgetragen als auch von einigen CDs eingespielt wurden. Zu hören waren Ausschnitte aus dem szenischen Konzertstück „Message“, aus „Tragödia“, „Karawane“, „Vampirabile“ und live das Duo Monika Hölszky-Wiedemann (Violine) und Stefan Hussong (Akkordeon) mit „Wolke und Mond“ und „Highway for One“.

Adriana Hölszky kommentierte ihre Werke mit fast britischem Understatement und dennoch so plastisch und anschaulich, dass am Ende der Veranstaltung jeder aus dem Publikum ganz besondere Eindrücke aus der Arbeitsweise und der Klangsprache der Komponistin mitnehmen konnte. Das ihre tat auch die einfühlsame und fachlich fundierte Moderation ihrer Gesprächspartnerin Julia Spinola.

Am nächsten Tag folgte die eigentliche Preisverleihung im Rahmen des Sinfoniekonzerts des Staatstheaters Braunschweig in der Braunschweiger Stadthalle. Nach den „Five Klee Pictures op. 12“ von Peter Maxwell Davies erfolgte die Laudatio durch Julia Spinola, Bürgermeisterin Ihbe gratulierte der Preisträgerin, verlas den Text der Preisurkunde und überreichte einen silbernen Taktstock. In einer emotionalen Dankesrede betonte Adriana Hölszky, wie sehr sie die Ehrung berührte, dass sie sich erinnere, wie herzlich sie schon 1998 bei der Uraufführung von „Wolke und Mond“ vom Braunschweiger Publikum aufgenommen wurde und wie viel ihr die diesjährige Ehrung in Braunschweig bedeutet. Sie dankte vor allem auch dem Dirigenten Srba Dinić, den Musikern des Staatsorchesters, mit denen sie ihr Werk geprobt hatte, und den Organisatoren der Preisverleihung. Anschließend erklang ihr Stück „Requisiten“, ausgeführt von einem neunköpfigen Ensemble des Staatsorchesters. 

Nach der Konzertpause beendeten Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchesterfassung von Maurice Ravel einen sehr eindrucksvollen und emotionalen Sonntagvormittag.

© Stadt Braunschweig / Daniela NielsenLaudatorin Julia Spinola

Die Laudatio auf Adriana Hölszky

Es ist immer eine beglückende Erfahrung, wenn man sich in einer Jury so überzeugt und einstimmig auf einen Preisträger oder eine Preisträgerin einigen kann, wie dies vor einigen Monaten bei unserer Entscheidung über die Vergabe des diesjährigen Louis-Spohr-Preises an Sie, liebe Frau Hölszky, geschah. Dennoch ist es keine bloße Floskel, wenn ich sage, dass mich diese Entscheidung in diesem Fall darüber hinaus in ganz besonderer Weise freut. Wir leben in einer zunehmend unsicheren, gefährdeten und roheren Welt, in der geistige Trägheit, die Vereinnahmung durch populistische Meinungsmacher, Fanatismus, Hass, Ausgrenzung und Gewaltbereitschaft fröhliche Urstände feiern. Die Gründe dafür sind vielfältig und komplex. Jenseits des Politischen scheint mir der geistige Nährboden in einem Denken zu liegen, das in Voreinstellungen, festgefahrenen Meinungen, mangelnder Neugierde und Klischees befangen ist. Als Musikkritikerin bin ich der festen Überzeugung, dass die Kunst, und in sehr herausgehobener Weise die Musik, das Medium sein kann, das aus den Stereotypisierungen des Denkens und des Fühlens einen Ausweg weisen kann. Dies nicht nur, weil die Musik uns sehr unmittelbar, somatisch berühren kann, sondern weil sie es vor allem auch erlaubt, Ambivalenzen und Gegensätze auszudrücken, also Widersprüchlichstes in Gleichzeitigkeit aufeinanderstoßen zu lassen, ohne sofort nach dem vereinheitlichenden Kompromiss zu schielen.

In Adriana Hölszkys Musik entsteht die Form bisweilen als Explosion von Gegensätzen, durch Klangenergien, die einander befeuern oder negieren, durch unheimliche Wanderklänge, die surreale räumliche Dimensionen aufzureißen scheinen. Eine solche Musik bietet uns die Möglichkeit, über die Begrenzungen unserer Wahrnehmung ein Stück weit hinauszugelangen, im emphatischen Sinne neue, das heißt einzigartige und zutiefst persönliche Erfahrungen zu machen, die es uns erlauben, uns aus der geistigen Vereinnahmung, vor der wir alle nicht sicher sind, wenigstens vorübergehend zu befreien.

Wie weit diese Befreiung gehen kann, das zeigt auf einzigartige, aufwühlende Weise Ihre Musik, liebe Frau Hölszky, die so radikal wie kaum eine andere auf der Suche nach dem ungegängelten Ausdruck ist. Ich möchte Sie gerne zitieren: „Nur durch die souveräne Selbstständigkeit im Musikdenken, durch die Suche des transzendentalen Moments, der Utopie, wird die Phantasie fruchtbar“, haben Sie einmal geschrieben – und während diese Maxime mancherorts selber schon wieder zum „Stil“ oder zur Allüre zu erstarren droht, sehe ich sie in Ihrem Werk tatsächlich verwirklicht: mit großer Konsequenz, aber auch mit einer überbordenden, ja geradezu anarchischen Phantasie und schöpferischen Kraft, die einen beim Hören ihrer Musik geradezu physisch angreift.

Ein paar Worte zur Biographie:

Geboren wurde Adriana Hölszky als Tochter eines aus Ungarn stammenden Vaters und einer deutschstämmigen Mutter 1953 in Bukarest, wo sie bis zur Übersiedlung Ihrer Familie nach Stuttgart im Jahr 1976 lebte. Mit fünf Jahren erhielt sie den ersten Klavierunterricht, begann schon als Achtjährige, während ihrer Ausbildung am Musiklyzeum in Bukarest, mit der Komposition erster Musikstücke und nahm 1972 am Konservatorium in Bukarest ein Kompositions- und Klavierstudium auf. Schon damals interessierte sie sich für die Möglichkeiten eines ungeschönten Ausdrucks: Das Studium brachte sie auch mit der rumänischen Folklore in Berührung, mit Gesangstechniken, die nicht nur den perfektionierten Wohlklang kultivieren, sondern auch Unsauberes und Geräuschhaftes mit einbeziehen. Diese Erfahrungen führten sie schon am Anfang ihrer kompositorischen Laufbahn zu einem ganz neuartigen imaginären vokal-instrumentalem Theater, in dem neben dem Gesang auch alle nur vorstellbaren Stimmlaute vom Schmatzen bis zum Krächzen ein Amalgam mit instrumental erzeugten Klängen, mit Gesprochenem und Gespielten eingehen. Die Titel dieser Werke verweisen auf grell Abgründiges, Spukhaftes: Sie heißen zum Bespiel „Vampirabile“ oder „…es kamen schwarze Vögel“.

Aber noch einmal zurück ins Jahr 1976, als die Familie nach Deutschland zog:

Die Flut der neuen Eindrücke, die Adriana Hölszky nach der Übersiedlung in den Westen gewann - in der Sommerakademie des Mozarteums in Salzburg, bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik und an der Musikhochschule Stuttgart – muss wie ein kleiner Kulturschock gewirkt haben. Ihre Skepsis gegenüber politischen und ästhetischen Dogmen jedweder Couleur bewahrte sie jedoch davor, sich von den rivalisierenden ästhetischen Richtungen der Neuen Musik auf der kompromisslosen Suche nach der eigenen Identität beirren zu lassen.

Der Durchbruch erfolgte mit der Uraufführung des ersten abendfüllenden Bühnenwerks 1988 bei Hans Werner Henzes erster Musiktheaterbiennale in München mit „Bremer Freiheit“ nach Rainer Werner Fassbinder. Schon dieses Musiktheaterwerk hatte mit der traditionellen Vorstellung einer linearen Vertonung der Textvorlage nichts mehr zu tun. Hölszkys Musik schuf ihre eigene dramatische Realität, einen konterkarierenden, die Vorlage ironisierenden Subtext. In den zahlreichen weiteren großen Bühnenwerken, die folgten, von „Die Wände“ nach Jean Genet über die wort- und handlungslose „Tragödia“, zu „Giuseppe e Silvia“ und „Dämonen“, um nur einige zu nennen, hat Adriana Hölszky je werkspezifische, einzigartige Formen geschaffen – sowohl, was den Umgang mit dem Text betrifft, als auch in der kompositorischen Behandlung von Stimmen, Chor, Orchester und Elektronik. Daneben entstand eine Flut nicht minder aufregender Werke für Orchester, Ensemble und Soloinstrumente und Stimmen.

Adriana Hölszky zählt längst zu den wichtigsten Komponistinnen unserer Zeit. Ihre Erfahrungen hat sie als Dozentin, später als Professorin in Stuttgart, Darmstadt, Rostock und Salzburg an die nächste Generation weitergegeben. Zahlreich sind natürlich auch die Auszeichnungen und Preise, die sie gewann.

Zwei Pole sind es, die sich im Schaffen Adriana Hölszkys fruchtbar verbinden: Eine ungebärdige, ja anarchische Fantasie und eine Fähigkeit zu nachgerade naturwissenschaftlich analytischem Denken. Gerade weil sie dem Reglementierten, vorab Gesetzten zutiefst misstraut, komponiert sie hochkomplex und differenziert: In einer Welt voller Standardisierungen ist das Unbotmäßige nicht umstandslos zu haben.

Die produktive Verunsicherung, die von Adriana Hölszkys Musik ausgeht, ist gerade in unserer Welt des konditionierten Ausdrucks und der wohnzimmertauglichen Häppchenkultur wichtiger denn je.

(Julia Spinola)