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Zirpen, Zischeln, Knipsen: Es ist Heuschreckenzeit

Braunschweig, 16.08.2021 | Referat Kommunikation

© Mirko Dreßler / piclease

Wenn das Zwitschern der Vögel im Sommer nach und nach verstummt, erklingen die rhythmischen Gesänge der heimischen Heuschrecken. Mehr als 30 Arten davon gibt es in Braunschweig. Manche sind an ihren charakteristischen Lauten gut zu erkennen, zum Beispiel ein Grünes Heupferd im heimischen Garten. Die Sumpfschrecke wiederum erzeugt weithin hörbare Knipslaute und lebt in den Renaturierungsgebieten von Wabe und Schunter und im Naturschutzgebiet Riddagshausen. Die Blauflügelige Ödlandschnecke schließlich besiedelt zum Beispiel wenig genutzte Bahnanlagen und kann mit etwas Glück am südlichen Ringgleis beobachtet werden. Der Fachbereich Umwelt stellt die wichtigsten Heuschreckenarten in Braunschweig vor: 

Heuschrecken zählen zu den Insekten. Der Begriff „Heuschrecke“ lässt sich auf das althochdeutsche Verb „schrecken“ = „(auf)springen“ zurückführen und ist der Oberbegriff für eine Insektengruppe, deren Mitglieder durch ihre enorme Sprungkraft, ihre Lautäußerungen und stattliche Körpergröße auffallen. Zu ihnen zählen beispielsweise Grashüpfer, Ödlandschrecken, Grillen und Heupferde. 

„Komm her“ und „Bleib weg“

Meist sind es die Männchen, die man singen hört. Durch ihre Werbe- und Rivalengesänge übermitteln sie zwei Botschaften: „komm her“ an Weibchen und „bleib weg“ an konkurrierende Männchen. Dabei singen Heuschrecken nicht im eigentlichen Sinne wie wir Menschen mit unserer Stimme, sondern durch das Gegeneinanderreiben von Körperteilen - die sogenannte Stridulation. Grashüpfer erzeugen Töne durch Reiben der Hinterbeine entlang von Flügelleisten; Grillen und Heupferde reiben hierfür die Flügel aneinander.  

Heuschrecken sind typische Vertreter offener und grasreicher Landschaften. Besonders auf Wiesen und an Feldrainen, aber auch in Gebüschen, Wohngebieten, Gärten und Parks man es zirpen, zischeln und rattern. Ähnlich wie Vögel lassen sich die verschiedenen Arten anhand ihrer Gesänge gut erkennen, denn jede Art singt auf ihre Weise. 

Grünes Heupferd 

Einen der lautesten und im Konzert der Arten auch für Laien gut herauszuhörenden Gesang hat das Grüne Heupferd. Er lässt sich als ein anhaltendes Rattern, beschreiben. Vergleichbar mit dem gleichmäßigen Geräusch eines Rasensprengers oder eines Fahrrads im Leerlauf. Wer ein Grünes Heupferd im Garten hat, kann sich freuen, denn es frisst gern Blattläuse. Wem es gelingt sich vorsichtig an das Tier heranzupirschen, ohne dass es mit einem beherzten Sprung entschwindet, mag verblüfft sein über die leuchtend grüne Farbe, die langen filigranen Fühler und die beeindruckende Köpergröße des Insekts - bis zu fün Zentimeter. Betrachtet man die Kopfform genauer, wird schnell klar, warum es als „Pferd“ bezeichnet wird.  

Möglicherweise hat das Tier einen langen „Stachel“ am Hinterleib. Es besteht indes keine Gefahr. Es handelt sich lediglich um eine Legeröhre für die Eiablage. Sie zeigt, dass es sich um ein weibliches Tier handelt. 

Hat das Exemplar nur noch fünf statt sechs Beine, ist dies ein Hinweis auf die wichtige Rolle von Heuschrecken in der Nahrungskette. Sie schmecken beispielsweise Störchen, diversen anderen Vögeln, Igeln, Fledermäusen, Eidechsen oder Spinnen. Um dem Fraßfeind im letzten Moment zu entkommen, haben viele Heuschrecken einen Trick entwickelt. Sie können eines ihrer Sprungbeine abwerfen, wenn sie daran gepackt werden. Deshalb sieht man zum Ende des Sommers hin vermehrt Tiere, denen ein Hinterbein fehlt. 

Besuch zu Haus

Nicht zu verwechseln mit dem Grünen Heupferd ist die ebenfalls grüne, aber wesentlich kleinere und zartere Eichenschrecke. Eichenschrecken verirren sich zu dieser Jahreszeit häufig in Wohnungen, denn sie werden in der Dunkelheit vom Licht angezogen. Sie können vorsichtig mit einem großen Marmeladenglas einfangen und wieder in die Freiheit entlassen werden. 

Gefährdung durch intensive Landnutzung

Während anpassungsfähige Arten wie das Grüne Heupferd und die Eichenschrecke auch in Wohngebieten anzutreffen sind, gibt es unter den Heuschrecken viele Arten mit sehr speziellen Lebensraumansprüchen. Durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung, den großflächigen Einsatz von Insektiziden, die Zerstörung von Habitaten durch Bau- und Flurbereinigungsmaßnahmen, ist die Artenvielfalt der Heuschrecken bedroht.  

Blauflügelige Ödlandschrecke

Zu den bedrohten Arten zählt die schön anzusehende Blauflügelige Ödlandschrecke. Sitzend oder krabbelnd zunächst optisch unscheinbar, sich tarnfarbend dem kargen Untergrund anpassend, springt sie gelegentlich auf und fliegt ein Stück, wobei sie leuchtend blaue Hinterflügel entfaltet. Die Art ist in Niedersachsen stark gefährdet und gehört zu den besonders geschützten Arten. Sie ist wärmeliebend und besiedelt ausschließlich trockene, vegetationsarme Lebensräume wie Magerrasen, wenig genutzte Bahnanlagen oder Industriebrachen - eben ödes Land. In unserer Region sind solche Flächen selten und bedürfen in der Regel besonderer Erhaltungs- und Pflegemaßnahmen. In Braunschweig kommt die Art zum Beispiel auf den Sandmagerrasen am Waller Weg vor, die durch ein schonendes Beweidungsmanagement offengehalten werden. Weiterhin kann die Blauflügelige Ödlandschrecke an Bahnanlagen oder am südlichen Ringgleis bewundert werden.  

Klimawandel

Als wärmeliebende Art könnte die Blauflügelige Ödlandschrecke vom Temperaturanstieg infolge des Klimawandels profitieren. Es ist zu beobachten, dass mediterrane Heuschreckenarten sich in Richtung Norden ausbreiten. Mag sein, dass in einigen Jahren die südlich anmutenden Klänge des Weinhähnchens durch das Braunschweiger Land erschallen. Auch ist es nicht unwahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren die den Heuschrecken nahverwandte Gottesanbeterin, welche ihr Verbreitungsgebiet in Mitteleuropa deutlich erweitern konnte, bei uns in freier Wildbahn beobachtet werden kann. 

Flussauen und Sümpfe sind auch Heuschreckenlebensräume

Andere Heuschreckenarten wie die Sumpfschrecke oder die Kurzflügelige Schwertschrecke wiederum sind feuchteliebend und benötigen Habitate mit ausreichender Boden- und Luftfeuchtigkeit. Dazu zählen Feucht- und Nasswiesen, Röhrichte, Sümpfe oder Uferstaudenfluren. Im Stadtgebiet profitieren diese Arten von den umfangreichen Renaturierungsprojekten wie sie beispielsweise an Wabe und Schunter durchgeführt wurden. Dank der Schutz- und Pflegemaßnahmen in den angrenzenden Auen sind hier wertvolle Heuschreckenlebensräume entstanden. Ein weiterer Hotspot ist Riddagshausen. So können beim Spaziergang durch die feuchten Wiesen des Naturschutzgebietes derzeit die Laute der Sumpfschrecke vernommen werden. Sumpfschrecken zirpen nicht wie andere Heuschrecken, sondern sie erzeugen weithin hörbare Knipslaute, die vom Klang an eine etwas unregelmäßige tickende Uhr oder das Knacken eines elektrischen Weidezaunes erinnern. 

Heuschrecken beobachten

Wer sich daran versuchen will, Heuschreckenarten zu bestimmen, findet ähnlich wie für Vögel Bestimmungshilfen in Form von Büchern, CDs, Handy-Apps oder Klangbeispiele im Internet. Tipp: für die optische Bestimmung ist ein Fernglas hilfreich. Damit kann man die Tiere in Ruhe beobachten, ohne dass sie davonhüpfen und ohne dass man sie stört. 

Die Heuschreckenpopulation im eigenen Garten kann durch das Belassen naturnaher Ecken, in denen das Gras hochwachsen darf, gefördert werden. Das Mähen sollte erst im Oktober stattfinden. Dann ist die Eiablage der Heuschrecken bereits erfolgt und die Verluste für kommende Heuschreckengenerationen werden minimiert. 

 

© Christof Martin / picleaseGrünes Heupferd