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Neue Informationsstele erinnert an Opfer der NS-Justiz an der Gedenkstätte Buchhorst

Braunschweig, 13. Januar 2022 - Niedersächsisches Kultusministerium

© Stadt Braunschweig

Gemeinsam haben Vertreterinnen und Vertreter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, der Braunschweigischen Stiftung, der Oberbürgermeister der Stadt Braunschweig, Dr. Thorsten Kornblum, sowie Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne am  Donnerstag (13. Januar) eine Informationsstele zur Erinnerung an die Opfer der NS-Justiz an der Gedenkstätte Braunschweig-Buchhorst freigegeben. Sie soll an mindestens 25 Soldaten und Zivilisten erinnern, die von der NS-Militärjustiz bzw. vom damaligen Volksgerichtshof als Deserteure oder Widerstandskämpfer zu Tode verurteilt und am heutigen Standort der Stele erschossen wurden.

1937 wurde im Strafgefängnis Wolfenbüttel eine von 22 Hinrichtungsstätten im NS-Deutschland eingerichtet. Bis zur Befreiung durch US-Truppen wurden dort an 526 Männern und Frauen Todesurteile mit der Guillotine vollstreckt. Soldaten der Wehrmacht erschossen weitere Verurteilte aus dem Strafgefängnis auf dem Schießstand Braunschweig-Buchhorst. Der militärische Schießübungsplatz in der Buchhorst wurde 1876 für die Garnison Braunschweig angelegt und bis 1962 genutzt. Während des Nationalsozialismus wurden im nördlichsten der erhaltenen Kugelfänge des Schießstandes mindestens 25 Todesurteile vollstreckt. Zu den zuvor im Strafgefängnis Wolfenbüttel inhaftierten Opfern gehören Otto Kauffelt (1915–1940), Leo Pionke (1922–1944), Walter Siebert (1920–1944) sowie die sogenannten „Nacht und Nebel“-Gefangenen Arnould van de Walle (1898–1944) und Marcel Wastelain (1906–1944).

Die jetzt freigegebene Stele soll über die Nutzung des Schießplatzes als Hinrichtungsstätte informieren und an das Schicksal der Opfer erinnern. Sie ist eine von mehreren Informationsstelen an acht früheren Außenorten des Strafgefängnisses Wolfenbüttel. Initiiert wurden sie vom Projekt „outSITE Wolfenbüttel“ der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel.


Kultusminister Grant Hendrik Tonne kommentiert die Veranstaltung auch in seiner Funktion als Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten:
„Gerade in jüngster Zeit beobachten wir zunehmend eine nicht hinnehmbare Verharmlosung der Zeit des Nationalsozialismus. Dieser gefährlichen Entwicklung müssen wir uns entschieden entgegenstellen. Mit der Einweihung der neuen Informationsstele geben wir einen weiteren Impuls für eine reflektierte Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Zeit und setzen zugleich ein Zeichen für Offenheit, Vielfalt, Toleranz und Solidarität in einer lebendigen demokratischen Gesellschaft. Als Teil mehrerer Infostandorte bietet sie Besuchern die Möglichkeit, ihr kritisches Geschichtsbewusstsein im Sinne eines Erinnerns für die Zukunft zu schärfen. Zugleich bietet sie Familienangehörigen von zu Unrecht Verurteilten während der NS-Zeit einen Gedenkort und macht die politische Anerkennung ihrer Angehörigen als NS-Opfer sichtbar. Dafür danke ich den Initiatoren – besonders im Vernetzungsprojekt ‚outSITE Wolfenbüttel‘ - ausdrücklich.“


Dazu ergänzt Dr. Elke Gryglewski, Geschäftsführerin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten: „Mit den Stelen, die einen Bezug zwischen der Geschichte der Strafanstalt Wolfenbüttel und den mit ihr verbundenen Außenorten, Arbeitsorten, Hinrichtungsstätten, Gefängnissen und Beerdigungsorten herstellen, wird dies verdeutlicht. Vor allem, weil neben den Stelen auch Bildungsangebote gemacht werden, die es dem Publikum ermöglichen, sich der Geschichte anzunähern.


„‘Die Zukunft hat eine lange Vergangenheit!‘ – Das steht an der Gedenkstätte KZ-Außenlager Braunschweig Schillstraße“, erklärt Braunschweigs Oberbürgermeister Dr. Thorsten Kornblum und fügt an: „Als Stadtgesellschaft stellen wir uns der Verantwortung, die dieser Satz ausdrückt. Gewalt und Unrecht des Nationalsozialismus dürfen nicht vergessen und verdrängt werden. Auch heute senden wir ein klares Signal an diejenigen, die verharmlosen und leugnen. Die Gedenkstätte Buchhorst ist schon seit vielen Jahren im ‚Vernetzten Gedächtnis‘ verzeichnet, einer Internetplattform, die die Topografie der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft abbildet. Ich danke allen Stiftungen und Förderern für ihr Engagement für diesen wichtigen Erinnerungsort.“


Gerhard Glogowski, Ministerpräsident a. D. und Vorstandsvorsitzender der Braunschweigischen Stiftung, schätzt das Projekt besonders wegen seiner hervorragenden „Vermittlungsarbeit“ und erläutert dazu: „Das neue Vernetzungsprojekt ‚outSITE‘ ist beispielhaft für unser Projektfeld Landesgeschichte, denn es leistet für das Land Braunschweig und besonders für die Region Wolfenbüttel einen wichtigen Beitrag zur Förderung des bundesweit einmalig dichten Netzwerks von Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen in Niedersachsen.“


Ulrich Markurth, Präsident der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz kommentiert das Projekt wie folgt: „Erinnern und Gedenken sind wesentlich für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. Für die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz tragen wir die Verantwortung, dem Leid der Menschen an diesem historischen Ort Gesicht und Namen zu geben. Das Projekt ‚outSITE‘ schafft dafür den richtigen Rahmen, wir sind dankbar für die hervorragende Zusammenarbeit mit allen Beteiligten.“

Hintergrund

Das Forschungsprojekt "outSITE Wolfenbüttel" wurde 2018 initiiert. Sein zentrales Ziel ist es, die Vielzahl der Außenorte des Strafgefängnisses Wolfenbüttel im Nationalsozialismus zu erforschen, zu dokumentieren und wieder sichtbar zu machen. Historische Fotos bzw. Dokumente und Informationstexte in deutscher und englischer Sprache sollen jeweils der Gegenwart den historischen Kontext gegenüberstellen. Eine Medienwand im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel zeigt sämtliche Standorte und gibt entsprechende Informationen. Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, die Braunschweigische Stiftung und die Stiftung Zukunftsfonds Asse fördern das Projekt finanziell.
Die bereits im vergangenen November fertiggestellte Stele in der Buchhorst wurde vor der zunächst geplanten offiziellen Freigabe am 15. Dezember 2021 durch ein Feuer zerstört. Die Polizei geht nach bisherigen Angaben mutmaßlich von einem Brandanschlag aus. Inzwischen ist die Stele erneuert.