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Patronengurt gehörte legendärem Anführer der Ovambanderu

Braunschweig, 03.11.2021 | Referat Kommunikation

Die männlichen Angehörigen der Delegation der Ovambanderu erschienen zur Vorstellung des Untersuchungsergebnisses in festlicher Kleidung, die zu besonderen Anlässen getragen wird. Sie ist der Uniform der deutschen Kolonialtruppen nachempfunden und soll die Tapferkeit der Gemeinschaft in den Kämpfen gegen die Besatzungsmacht symbolisieren. Die weiblichen Mitglieder der Delegation trugen ebenfalls ihre traditionelle Festkleidung. Auf dem Bild sind unter anderem Freddy Nguvauva (5.v.l.), Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse (6.v.l.), Ethnologe Dr. Rainer Hatoum (5.v.r.) und Museumsdirektor Dr. Peter Joch (3.v.r.) zu sehen.© Stadt Braunschweig / Daniela Nielsen

Der im Städtischen Museum Braunschweig verwahrte Patronengurt ist authentisch und gehörte Kahimemua Nguvauva, dem legendären Anführer der namibischen Ovambanderu. Zu diesem Ergebnis  kam eine Delegation Experten der Gemeinschaft der Ovambanderu, die aus Namibia anreiste und den Gurt am gestrigen Dienstag, 2. November, eingehend untersuchte. Der Patronengurt, der Kahimemua Nguvauva 1896 vor dessen Exekution durch die deutschen Kolonialtruppen nach einem gescheiterten Aufstand der Ovambanderu  abgenommen worden war, kann nun - sollte der Rat der Stadt Braunschweig zustimmen - nach Namibia zurückgeführt werden. Er ist für die Gemeinschaft der Ovambanderu als spirituelles Identifikationssymbol von enormer Bedeutung und ein Schatz von nationaler Tragweite. Nguvauva wurde vom namibischen Staat offiziell zum Helden erklärt und symbolisch auf dem Heldenacker bei Windhoek begraben. In den Legenden der Ovambanderu werden ihm übermenschliche Eigenschaften zugeschrieben.

Historisch verbürgt ist, dass der aus Meerdorf bei Braunschweig stammende Kaufmann Gustav Voigts Kahimemua nach dessen Gefangennahme den Patronengurt abnahm und unter Eigentumsvorbehalt dem Städtischen Museum Braunschweig überließ. Allerdings verlor sich im Laufe der Zeit seine Spur. Im Bestandsverzeichnis von 1968 war der Gürtel nicht mehr enthalten. Aufzufinden war nur die alte Karteikarte, auf der das Objekt verzeichnet war. Schließlich entdeckte man an einem anderen Ort einen Patronengürtel. Neu entdeckte Fotografien aus Namibia legten nahe, dass es sich um den Gurt des Ovambanderu-Anführers handeln könnte. Weder ethnologische noch genetische Untersuchungen konnten die Herkunft jedoch eindeutig klären.

Eine mehrstündige Untersuchung des Gürtels durch die Expertenkommission aus Namibia brachte jetzt Gewissheit. Machart und Material belegen, dass das Stück nach einem Muster des Stammes der Nama auf dem Gebiet des heutigen Namibia im 19. Jahrhundert aus Rindleder angefertigt wurde. Viehfett und rotes Pflanzenpulver dienten als Weichmacher und gaben dem Gürtel die charakteristische Farbe, die Löcher wurden mit der Klaue eines Tieres gestochen.

Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse würdigte die Klärung der Herkunft des Patronengurts als wichtigen Schritt der Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit einerseits und als  Zeichen für eine zukünftige partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Braunschweig und der Gemeinschaft der Ovambanderu andererseits. Museumsdirektor Dr. Peter Joch sprach von einem historischen Moment. Beide Seiten betonten, der heutige Tag sei der Beginn eines vertieften Dialogs, der auf vielen Ebenen fortgeführt werden soll. In der Dauerausstellung des Städtischen Museums soll eine Vitrine eingerichtet werden, die von den Ovambanderu zu Themen ihrer Geschichte bestückt wird und die Kooperation mit einer Herkunftsgesellschaft dauerhaft dokumentiert.

Ziel des Museums ist es, einen Vertrag zwischen der Stadt Braunschweig, den Ovambanderu und den Erben Gustav Voigts‘ über die Rückgabe des Patronengurts zu schließen. Ein entsprechender Entwurf würde dem Rat zur Entscheidung vorgelegt. Die nächsten Schritte hängen davon ab, von wem ein Restitutionsanspruch erhoben wird. Dies könnten die Ovambanderu, die in Namibia lebenden Nachfahren Voigts‘ oder der namibische Staat sein.