Mathilde „Tilla“ von Praun
geboren am 26.07.1877 • gestorben 03.12.1962
Das langjährige Mitglied des Braunschweiger Landtages, Mathilde „Tilla“ von Praun, bewohnte das von dieser Stelle einsehbare Haus in der Helmstedter Straße 169 von 1949 bis zu ihrem Tod.
Geboren als Mathilde Ritter, wuchs sie als Kind des Zuckerfabrikdirektors Georg Ritter in wohlhabenden Verhältnissen in Braunschweig auf. Nach der Bürgerschule übernahm sie als sogenannte Haustochter die Haushaltsführung bei Familien in Halle an der Saale und Marburg, bevor sie 1898 den Amtsrichter Ferdinand von Praun aus Braunschweig heiratete. Gemeinsam bekamen sie vier Kinder.
In jungen Jahren engagierte sich von Praun als Seelsorgerin regelmäßig für die Strafgefangenen der Gefängnisse in Braunschweig und Wolfenbüttel. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs koordinierte sie die „Sammelstelle der vereinigten Männer- und Frauenvereine vom Deutschen Roten Kreuz“, indem sie gemeinsam mit 100 anderen Frauen die Militär- und Lazarettzüge vor Ort betreute. Nebenbei leitete sie das Schwesternheim und Krankenhaus des Deutschen Roten Kreuzes. Als einzige Frau wurde sie in den Verwaltungsrat der Neuerkeröder Anstalten berufen, die noch heute Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung unterstützen. Von Praun war zudem in der evangelischen Landeskirche aktiv. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 sammelte sie Spenden zur Unterstützung der notleidenden Bürgerinnen und Bürger der Stadt.
Aufgrund ihrer Mitgliedschaft in der Deutschen Volkspartei konnte sich von Praun 1923 in den Braunschweiger Landtag wählen lassen. Als Abgeordnete setzte sie sich für die Fürsorge kranker Menschen und Jugendlicher ein. Sie regte Diskussionen über die politische Gleichberechtigung von Frauen an. Auf ihre Initiative kamen Mitglieder des „Weltbundes für Frauenstimmrecht und staatsbürgerliche Frauenarbeit“ Ende der 1920er Jahre in Braunschweig zusammen. Da die Partei von Prauns politischen Themen aufgrund der Wirtschaftskrise keine Bedeutung beimaß, lehnte sie eine erneute Wahl zur Abgeordneten 1930 ab. Stattdessen ließ sich von Praun 1931 erfolgreich zur Stadtverordneten in Braunschweig wählen, wurde jedoch von den Nationalsozialisten 1933 zur Aufgabe ihres Mandats gedrängt und zog sich aus der Politik zurück.
Ihre ehrenamtliche Verbandsarbeit stellte sie erst im hohen Alter ein, verlor jedoch nie das Interesse an der wohltätigen Arbeit ihrer Mitstreiterinnen. Kurz vor ihrem Tod 1962 verlieh die Bundesrepublik ihr das Verdienstkreuz am Bande und ehrte ihr selbstloses Engagement in den Vereinen.
