Kreativ die Welt verbessern

Ein Designer nutzt seine Fähigkeiten, um Veränderung zu bewirken und Neues zu schaffen. Die Studierenden des Studiengangs Transformation Design an der HBK Braunschweig nehmen dabei das große Ganze in den Blick – und arbeiten an nachhaltigen Lösungen für eine bessere Zukunft.

Was haben ein Geisteswissenschaftler, eine Biologin und ein Landschaftsarchitekt gemeinsam? Alle drei studieren Transformation Design an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig. Seit dem Wintersemester 2015/2016 wird der Master-Studiengang am Johannes-Selenka-Platz unterrichtet und erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Und zwar bei Studierenden mit unterschiedlichstem Background. „Transformation Design ist ein extrem interdisziplinärer Studiengang“, berichtet Andreas Unteidig, der es wissen muss: Gemeinsam mit Irina Kaldrack leitet er das Fach an der Braunschweiger Kunsthochschule. Etwa die Hälfte der Studierenden komme „aus grundständigen Designstudiengängen wie Grafik- oder Produktdesign“, der Rest sei bunt gemischt. Und das sei durchaus so gewollt, betont der 39-jährige Wahl-Berliner: „Es macht einfach Sinn, derart komplexe Herausforderungen mit einer möglichst vielstimmigen Perspektive anzugehen.“

© HBKDr. Andreas Unteidig leitet gemeinsam mit Dr. Irina Kaldrack den Studiengang Transformation Design an der HBK.

Aber um welche Herausforderungen geht es denn eigentlich in dem Fach, das zuletzt an immer mehr Hochschulen eine Heimat gefunden hat? „Transformation-Design-Studiengänge verbinden Ästhetik mit Werten wie Fairness“, schrieb die Süddeutsche Zeitung in einem Artikel aus dem November 2020, in dem auch Unteidig zu Wort kommt. Es gehe „um die großen Herausforderungen unserer Zeit“, erläutert der HBK-Dozent gegenüber Besser Smart, und zwar „mit dem Fokus auf eine Transformation zu einer sozial gerechteren und ökologisch nachhaltigeren Zukunft“. Im Grunde, so Unteidig weiter, nehme man „das klassische Design-Denken, das ja immer mit Veränderung zu tun hat, aus seinem industriellen Kontext und überträgt es auf Zukunftsgestaltung und gesellschaftliches Wirken“.

Vom Klimawandel bis zu digitaler Teilhabe

Das Themenspektrum der Entwurfsprojekte, an denen die Studierenden in jedem Semester arbeiten, ist breit gefächert. Da geht es um neue Modelle der Arbeitsorganisation ebenso wie um die Klimakrise; der Strukturwandel im ländlichen Raum ist genauso Forschungsfeld wie digitale Teilhabe. „Innerhalb eines Themas müssen sich die Studierenden selbst ein Projekt suchen. Statt eines klaren Arbeitsauftrages dürfen sie sich also selbst einen Bereich wählen, den sie gestalten wollen“, betont Unteidig, dass dem Ideenreichtum der angehenden Master-Absolventen viel Freiraum gelassen wird.

© HBKDas von Studierenden des Transformation Design entwickelte "TecKit" soll Obdachlosen die Teilnahme am digitalen Leben ermöglichen.

Einen Blick auf die konkreten Projekte und Ergebnisse, die aus diesem kreativen Umfeld entstehen, erlaubt der Blog „Transformazine“. Hier findet sich etwa ein „TecKit“ zur digitalen Inklusion von Obdachlosen, für die ein Smartphone in der Regel unbezahlbar ist. Ein anderes Projekt, eine Masterarbeit, versteht sich als Toolkoffer für private Waldbesitzer, um deren Zusammenarbeit und damit letztlich Artenvielfalt und Naturschutz zu stärken. Zu mittlerweile überregionaler Bekanntheit hat es das Start-up Amberskin gebracht, das aus Hefekulturen eine ressourcenschonende und vegane Leder-Alternative herstellt. Mitgründer Arved Bünning gehörte zu den ersten Absolventen des Transformation-Design-Masters in Braunschweig – und sein innovatives und nachhaltiges Produkt ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wofür das Fach stehen kann. Tatsächlich würden Studierende des Transformation Design aber eher selten auf Produktinnovationen abzielen, stellt Unteidig klar. Deutlich öfter seien „Strukturen, Kampagnen, Orte, Beziehungsgeflechte oder Netzwerke“ der Gestaltungsgegenstand.

© HBKDas aus fünf jungen Frauen bestehende Kollektiv Zukunfts*archiv widmet sich unter anderem Feministischer Transformationsforschung. In diesem Zusammenhang ist auch die "Tragetasche" entstanden.

„Einmischen und Sinnvolles tun“

Das Transformation Design ist an der HBK noch immer ein kleiner Studiengang, die Regelgröße einer Kohorte, also der Studierendengruppe, die pro Semester das Master-Studium aufnimmt, liegt bei gerade einmal 15 Personen. Zu Beginn sei es noch schwierig gewesen, diese 15 Bewerber überhaupt zu finden, berichtet Andreas Unteidig, „weil der Studiengang neu war und viele vielleicht gar nicht wussten, was damit anzufangen ist“. Dies habe sich bis zum Beginn des Wintersemesters 20/21 deutlich verändert: „Mittlerweile haben wir Probleme, uns zwischen den Bewerbern zu entscheiden und müssten eigentlich aufstocken. Dieses Semester haben wir deshalb 19 Studierende aufgenommen.“ Insgesamt hätte es 89 Bewerbungen gegeben, erinnert sich der Designwissenschaftler, der selbst in Köln und New York studiert hat, „und es waren ziemlich viele gute Leute dabei“. Dass das Interesse an einem Studiengang, der sich Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit auf die Fahne geschrieben hat, immer größer wird, wundert Unteidig nicht: „Es gibt gerade bei jungen Menschen ein kollektives Krisenbewusstsein. Da sucht man natürlich auch nach Angeboten, bei denen man sich einmischen und etwas Sinnvolles und Gutes tun kann.“

 

© Frank Sperling / HBKDie Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig mit ihrer markanten Bibliothek (rechts), die aus Elementen des mexikanischen Pavillons der Expo 2000 errichtet wurde.

Die berufliche Perspektive nach einem Studium des Transformation Design erweist sich als äußerst vielgestaltig. Stellenanzeigen, die explizit nach Absolventen des Fachs suchen, sind eher selten. „Der Studiengang bildet Menschen für Tätigkeiten aus, die es so notwendigerweise noch gar nicht gibt“, weiß Unteidig. Dennoch, oder gerade deswegen, fänden viele Absolventen ihre Nische in etablierten Berufen. Andere würden auch den Studiengang selbst zum Gestaltungsgegenstand machen, unter der Fragestellung, wie man als Transformation Designer – mit seinen jeweiligen individuellen Vorkenntnissen – arbeiten könne, ohne schließlich doch in einer klassischen Agentur zu landen. „In diesem Zusammenhang passiert es dann natürlich auch, dass sich die Studierenden mit den Entwürfen, die sie im Studium entwickelt haben, selbständig machen“, berichtet Andreas Unteidig. „Und es ist schön zu sehen, wenn das klappt.“

Tex: Christoph Matthies, 15.02.2021