Die grünste Batterie der Welt

Vor einigen Jahren nutzten zwei ehemalige Top-Manager von Tesla ihr einzigartiges Know-how und schufen in Schweden das Startup „Northvolt“ zur Produktion nachhaltiger Batterien für E-Autos. Nun haben die Skandinavier gemeinsam mit Volkswagen ein Joint-Venture in Braunschweig gegründet. „Northvolt Zwei“ soll ab 2024 in Salzgitter die grünste Batterie der Welt produzieren und zeigen, was möglich ist, wenn schwedische Startup-Mentalität auf deutsche Ingenieurskunst trifft.

Der Markt für Elektroautos wächst und damit auch der Bedarf an Energiespeichern. Bislang liegt deren Herstellung hauptsächlich in der Hand asiatischer Länder, allen voran China. Doch diese Abhängigkeit birgt wirtschaftliche und politische Risiken. Und so wird der Ruf nach europäischen „Gigafactories“ – das ist die von Tesla geprägte Bezeichnung der Großfabriken für Lithium-Ionen-Akkus – immer lauter. Ein Thema, das natürlich auch den Marktführer in Wolfsburg beschäftigt. Um die Abhängigkeit von außereuropäischen Zulieferern zu verringern und seine technologische Kompetenz in diesem Bereich voranzutreiben, baut Volkswagen gemeinsam mit Northvolt nun kurzerhand eine eigene Zellfertigung in Salzgitter und profitiert dabei von der Expertise aus dem hohen Norden rund um regenerative Energiequellen.

© Dominic Stripling / Volkswagen AGMichael Braun, kaufmännischer Leiter (CFO), und Fredrik Hedlund, Geschäftsführer (CEO) von Northvolt Zwei.

Grüner wird’s nicht

Wenn ich mich im Alltag über Elektromobilität unterhalte, höre ich oft den Einwand, der Herstellungsprozess sei so energieintensiv, dass die Vorteile gegenüber konventionellen Antrieben praktisch zunichte gemacht würden. Und das ist auch nicht vollkommen aus der Luft gegriffen, denn insbesondere die Produktion der Batteriezellen benötigt viel Energie. So lange diese nicht aus regenerativen Quellen stammt, ist wirklich „grüne“ Elektromobilität nur ein frommer Wunsch. Dessen sind sich auch die Profis bewusst: „Einer der Hauptgründe, warum sich Northvolt damals entschied, seine Fabrik in Nordschweden zu errichten, ist der uneingeschränkte Zugang zu grüner Energie aus Wasserkraft“, erzählt mir Fredrik Hedlund, Geschäftsführer (CEO) von Northvolt Zwei.

© Northvolt ABEin Reinraum in der Forschung und Entwicklung bei Northvolt in Schweden.

Am energieintensivsten sei die Herstellung der Kathode (eine Batterie besteht aus einer Kathode und einer Anode). „Der deutsche Energiemix ist nicht so grün wie der schwedische. Daher lassen wir die Kathode in Schweden beim Mutterkonzern produzieren“, so der zweifache Familienvater, der vor einem Jahr mit Frau und Kindern von Stockholm nach Braunschweig zog, um das neue Unternehmen aufzubauen. „Indem die Produktion der Kathode in Schweden verbleibt, können wir die umweltfreundlichste Batterie herstellen, auch wenn die eigentliche Produktion in Deutschland erfolgt.“

© Northvolt ABZwei grüne Batteriezellen aus Schweden, wie sie so ähnlich bald auch in Salzgitter produziert werden.

Ein Startup für nachhaltige Batteriezellen trifft auf einen Konzern, der die größte industrialisierte Fahrzeugproduktion betreibt und den globalen Endkundenmarkt bedient. „Beide erzählen auf diese Weise auch eine europäische Geschichte“, so Hedlund, der vor seiner Karriere bei Northvolt viele Jahre international für Sony Mobile tätig war. „Wenn Volkswagen und Northvolt beweisen können, dass ihre Idee erfolgreich ist und man Standards setzen kann, sendet dies einen starken Impuls für ganz Europa.“ 

Mit den Besten der Welt

Erst mit Fertigstellung des Werks im Jahr 2023 wird man auch in Salzgitter die Arbeit aufnehmen. Bis es so weit ist, befindet sich der Firmensitz im Braunschweiger ARTmax, das mit seinem Open Space der Startup-Mentalität mit ihren kurzen Entscheidungswegen und flachen Hierarchien den passenden Raum gibt. Doch warum fiel die Wahl überhaupt auf unsere Region? „Neben der Expertise ist die Entscheidung auch Teil der Transformationsstrategie von Volkswagen. Denn die Umstellung auf Elektromobilität ist mit vielen Arbeitsplätzen verbunden“, erzählt mir Michael Braun, kaufmännischer Leiter (CFO) von Northvolt Zwei. „Auf diese Weise möchte VW sicherstellen, dass Arbeitsplätze nicht wegfallen, sondern von der konventionellen in die elektrifizierte Antriebstechnologie verlagert werden.“

 

© Northvolt ABDas ARTmax ist ein idealer Kreativort für das junge Unternehmen.

Was stellt für die beiden international erfahrenen Manager – Michael Braun war als Finanzleiter für Volkswagen viele Jahre in China tätig – die größte Herausforderung beim Aufbau eines neuen Unternehmens dar? „Der Kampf um Kompetenz“, meint Hedlund. „Das Wissen in der Herstellung von Großbatterien ist in Europa vergleichsweise gering. Sein Aufbau wird noch einige Jahre dauern, während der internationale Wettstreit um die besten Köpfe weiter zunimmt.“ Doch mittlerweile ist er mehr als zuversichtlich, schließlich konnte Northvolt Zwei bereits rund hundert Arbeitsverträge mit Menschen aus 20 Nationen unterzeichnen.

Teil der Zukunft sein

Zum Vorteil der beiden Geschäftsführer gereicht ihnen die Tatsache, dass viele Batterie-Spezialisten idealistisch motiviert sind: „Wir sind ein europäisches Vorzeigeprojekt und werden von einer Vision angetrieben“, so Hedlund. „Die weltweit besten Leute kommen zu uns, weil sie sich mit unseren Zielen identifizieren und den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit vorantreiben möchten. Sie können hier Teil der Zukunft sein.“ Enge personelle Verbindungen bestehen auch zu Einrichtungen und Instituten der Region wie beispielsweise dem Center of Excellence Batteriezelle von Volkswagen oder dem Institut für Partikeltechnik von Prof. Kwade an der TU Braunschweig. „Wir stehen mit den Key Playern in der Region in engem Austausch“, ergänzt Braun.

© Northvolt ABStartup-Atmosphäre im Braunschweiger ARTmax.

Northvolt Zwei möchte aber nicht nur vom Standort profitieren, sondern auch selbst einen Beitrag zu seiner Weiterentwicklung leisten: „Wir können für die Region ein Vorzeigeprojekt sein, von dem alle profitieren“, ist Hedlund überzeugt und freut sich auf konstruktive Zusammenarbeit mit beiden Städten, um eine Lebens- und Arbeitsumgebung zu schaffen, die für internationale Spitzenkräfte noch attraktiver ist: „Was können wir hier vor Ort gemeinsam tun, um jene Kompetenzen zu fördern, die für unser aller Zukunft notwendig sind?“

Text: Stephen Dietl, 19.01.2021