Wegbereiter für die Schule von morgen

Die Software der Firma IServ gehört in zahlreichen Schulen in Niedersachsen längst zum Rüstzeug, das Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler nicht mehr missen möchten. Doch auch in anderen Bundesländern ist die Smart-School-Lösung aus Braunschweig unaufhaltsam auf dem Vormarsch.

In Zeiten der Pandemie sind Online-Konferenzen oder Videotelefonate für mich wie für viele andere ein selbstverständlicher Teil des beruflichen Alltags. Dass ich mich mit einem Interviewpartner allerdings mittels dessen selbst entwickelter App unterhalte, war mir bisher noch nicht passiert. Jörg Ludwig, Programmierer und Gründer der Schulplattform IServ, genießt bei unserem Gespräch, wenn man so will, einen technologischen Heimvorteil.

© IServIm August 2000 begann an der Hoffmann-von Fallersleben-Schule die Entwicklung der IServ-Schulplattform. Der heute 37-jährige Jörg Ludwig war damals schon Teil des Projektteams.

Nach Worten ringen muss der sympathische Informatiker nicht, wenn er mir den Werdegang seines Unternehmens skizziert. Zu oft hat der Geschäftsführer von IServ die Erfolgsgeschichte seiner Firma in den vergangenen Wochen und Monaten schon erzählen dürfen. Und das zu Recht, denn sie ist spannend und inspirierend. Sie handelt von einem begabten Jungen (Ludwig), der erste Programmier-Erfahrungen am Heimcomputer seines Großvaters sammelte. Von einem engagierten Lehrer am Hoffmann-von-Fallersleben-Gymnasium (Dietrich Steger), der im Jahr 2000 mit IT-interessierten Schülerinnen und Schülern im Rahmen einer AG ein Schulserver-Projekt ins Leben rief, das schließlich sogar beim Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ ausgezeichnet wurde. Und sie handelt davon, wie schon nach kurzer Zeit immer mehr Schulen auf die Server-Lösungen des jungen Unternehmens setzten, das schließlich aus der AG entstanden war. „Die ersten 500 Schulen sind quasi von ganz allein auf uns zugekommen. Es hat sich einfach rumgesprochen, Lehrer sind ja untereinander gut vernetzt“, denkt Ludwig gern an die große Nachfrage schon in den Anfangstagen zurück.

„Wir werden gerade komplett überrannt“

Die Start-up-Jahre liegen längst hinter dem Unternehmen, das bis heute in Braunschweig zu Hause ist. Mittlerweile beschäftigt die IServ GmbH rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Büros befinden sich im Bültenweg und neuerdings auch an einem zweiten Standort, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kino in der Langen Straße. Doch während die Beschäftigten momentan ganz viel im Homeoffice arbeiten, sind die Server von IServ (fast) in der gesamten Republik im Einsatz. „Wir sind heute der größte Anbieter von Schulplattformen in Deutschland mit knapp 20 Prozent Marktanteil“, berichtet Ludwig. Rund 2,2 Millionen User zählt das IServ-Universum derzeit – und die Tendenz ist stark ansteigend. „Das Thema Digitalisierung an Schulen wurde lange Zeit nicht wirklich ernst genommen, weder von der Politik, noch von der Schulverwaltung. Das hat sich in diesem Jahr komplett gedreht“, hat der 37-Jährige festgestellt. 

© IServDie Herren der Server: Jörg Ludwig (links) und Vertriebsfachmann Benjamin Heindl mit der IServ-Hardware, die man heutzutage schon in vielen Schulen findet. Gewartet und mit Updates versorgt werden die Server übrigens von Braunschweig aus online.

Die Corona-Pandemie hat auch in der Verbreitung von IServ ihren Niederschlag gefunden. „Man traut es sich fast gar nicht zu sagen, weil die Situation für viele ja sehr tragisch ist. Aber für uns war 2020 der große Durchbruch“, kann Ludwig auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken. Haben Anfang des Jahres 2020 etwa 2500 Schulen die Braunschweiger Software genutzt, sind es heute rund 4200 – und ein Ende ist, bei insgesamt rund 40.000 Schulen in Deutschland, nicht in Sicht. „Wir werden gerade komplett überrannt“, freut sich der Chef über volle Auftragsbücher. Wäre sein Unternehmen an der Börse notiert, dürfte ihm eine Kaufempfehlung der Analysten wohl sicher sein.

© IServIm Norden und Westen stark, im Osten noch mit viel Potenzial: An rund 4200 Schulen ist die IServ-Schulplattform schon im Einsatz - mit deutlich ansteigender Tendenz.

„Die Idee hinter IServ war ursprünglich, über die Schule hinaus in Kontakt bleiben zu können. Damals gab es ja noch kein WhatsApp oder Facebook oder so etwas“, erinnert sich Ludwig an die Jahrtausendwende. Anfangs also in erster Linie als Kommunikationsplattform entwickelt, ist IServ heute sehr viel mehr als nur das. Benjamin Heindl, der zweite Geschäftsführer neben Ludwig, umreißt in einem Imagefilm des Unternehmens die Einsatzfelder: „IServ deckt vier große Teilbereiche in der Arbeit der Schule ab: Kommunikation, Organisation, Netzwerkverwaltung und Pädagogik.“ Für Schulleitungen, Lehrende und Lernende bietet IServ zahlreiche Smart-School-Funktionen, vom E-Mail-Server über Lehrmittel-Austausch bis hin zu Raumbuchungen oder dem Stundenplan, bei dessen Änderungen Push-Nachrichten an das Smartphone gesendet werden. „IServ ist eine vielfältige Sammlung aus verschiedenen Werkzeugen, mit denen wir 80 bis 90 Prozent der Anforderungen einer normalen Schule abdecken können“, beschreibt Ludwig sein modular aufgebautes Produkt mit intuitiver Bedienoberfläche. Da es unzählige Anregungen seiner User adaptiert habe, befinde es sich „unheimlich nah an der Praxis“, ergänzt er.

© IServDie Web-Oberfläche der Schulplattform IServ sieht nicht nur gut aus, sondern ist auch intuitiv zu bedienen - egal ob auf dem Notebook, Tablet oder auf dem Smartphone.

Im Zuge der Corona-Pandemie kam schließlich auch eine Homeschooling-Anwendung hinzu, die – neben Interviews mit dem Geschäftsführer – Schulunterricht per Videokonferenz möglich macht. „Wir haben das Videokonferenz-System quasi über die Osterferien mit einigen Entwicklern zusammengebaut. Es ist pünktlich zum Ende der Ferien online gegangen, so dass die Schulen direkt mit dem Distance Learning starten konnten“, erinnert sich Ludwig an die Zeit des ersten Lockdowns. Der Unternehmenschef betont, dass seiner Meinung nach „Präsenzunterricht besser ist als Distance Learning“. Letzteres sei nur eine Notlösung. „Aber ich denke dennoch, dass man sich aus der aktuellen Digitalisierung einige Sachen mitnehmen kann, die sich bewähren werden.“

Der Mangel an Fachkräften, der nicht nur in unserer Region häufig beklagt wird, habe auch IServ immer wieder vor Probleme gestellt, berichtet Ludwig. „Wir haben hier viel Konkurrenz: VW, Siemens und viele andere große und innovative Firmen, die auch einfach bekannter sind als wir“, erklärt der gebürtige Braunschweiger. Während der Pandemie habe sich diese Problematik für IServ allerdings deutlich entspannt: „Einige Leute mussten sich in den vergangenen Monaten neu orientieren. So haben wir seit März sehr gute Mitarbeiter gefunden.“

Braunschweig: ein gutes Pflaster für IT-Gründer

Vielleicht hätte Ludwig die Geschichte von IServ auch erzählen können, wenn er an einem anderen Ort als Braunschweig aufgewachsen wäre. Doch es waren auch die Strukturen seiner Heimatstadt, welche die Entstehung und das Wachstum von IServ beflügelten. Beginnend mit den Schulen, die internen Digitalisierungsprozessen früh offen gegenüberstanden – das Hoffmann-von-Fallersleben-Gymnasium und die IGS Querum waren die ersten Lehranstalten, die auf IServ setzten –, über die TU, an der Ludwig Informatik studierte, während er parallel sein junges Unternehmen aufbaute, bis hin zum Braunschweiger Technologiepark hat sich der Software-Entrepreneur in der Löwenstadt stets gut aufgehoben gefühlt. „Wir waren sechs, sieben Jahre im Technologiepark und es hat uns unglaublich nach vorne gebracht“, erinnert sich der Firmenchef, der anfangs noch Zweifel am Umzug an den Rebenring hegte. Doch die ersten eigenen Büroräume und das gute Netzwerk im Gründerzentrum in Sichtweite vom Hauptcampus hätten sich schnell bezahlt gemacht: „Ich kann das jedem Gründer nur empfehlen.“

© IServDie Büros des über 100 Mitarbeiter starken Unternehmens befinden sich derzeit am Bültenweg (Foto) und in der Langen Straße. Im Jahr 2022 soll IServ dann nach Gliesmarode umziehen.

Nach all dem verwundert es nicht, dass der IServ-Chef auch die Zukunft seines Unternehmens in Braunschweig sieht. Anfang 2022 soll ein moderner Büro-Neubau im entstehenden Quartier an der Berliner Straße in Gliesmarode bezogen werden. Das rasante Wachstum von IServ vollzieht sich indes in ganz Deutschland, mit Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen als den derzeit wichtigsten Märkten. Die Erfolgsgeschichte, die Jörg Ludwig mit mir geteilt hat, ist noch lange nicht zu Ende erzählt.

Text: Christoph Matthies, 7.12.2020