Das technische Klassenzimmer der Region

Das Protohaus ist aus der Braunschweiger Gründerszene nicht mehr wegzudenken. Der Makerspace im Rebenpark bietet als offene Hightech-Werkstatt eine Anlaufstelle für alle, die ihre innovativen Ideen handwerklich in die Tat umsetzen wollen. Mit der makerAcademy wurde dort nun ein Programm entwickelt, das sich gezielt an den Nachwuchs in der Löwenstadt richtet: Spielerisch lernen Kinder und Jugendliche nicht nur die Grundlagen von 3D-Drucker und Laser-Cutter, sondern auch kreatives und ökologisch nachhaltiges Denken in einer inspirierenden Arbeitsumgebung.

© ProtohausConstanze Geishauser ist seit Anfang 2020 Projektmanagering der makerAcademy beim Protohaus.

„Wir wollen junge Menschen für die digitale Zukunft, also für Technik, Design und Nachhaltigkeit begeistern“, erzählt Constanze Geishauser. „Dabei vermitteln wir einerseits fachliches Wissen, widmen uns aber auch den Zukunftskompetenzen, damit die Kids ihre Fähigkeiten selbständig anwenden können.“ Dazu gehöre insbesondere das Erlernen von Resilienz, also das Aufbauen einer selbstbewussten Frustrationstoleranz: „Es ist wichtig, möglichst früh den Mut zu erlangen, sich kreativ auszuprobieren“, so die Projektleiterin der makerAcademy. „Und zu wissen, dass es absolut okay ist, dabei auch Fehler zu machen.“

© ProtohausWegen der Pandemie finden die Workshops zurzeit mit halbierter Teilnehmerzahl statt.

Kreative Erfolge im Team

Zu diesem Zweck bietet die makerAcademy Ferienkurse an, die thematisch in drei Bereiche unterteilt sind: das techLab, das designLab und das greenLab. Im techLab stehen 3D-Druck, Programmieren, Elektronik und Robotik auf dem Programm. Hier können die Kids beispielsweise im Computerspiel „Minecraft“ mit begrenzten digitalen Ressourcen eine der bekannten Klötzchen-Welten bauen. Anschließend wird das virtuelle Ergebnis im 3D-Drucker faszinierende Realität. „Es macht total viel Spaß, gemeinsam an einer größeren Sache zu arbeiten, die man alleine so nicht schaffen würde“, erzählt der 11-jährige Leo im Sommerferien-Workshop und ist auch allgemein begeistert: „Es gibt hier super viel zu sehen, und man bekommt für alles eine Erklärung.”

© ProtohausDie virtuelle Minecraft-Welt wird Realität im 3D Drucker.

Im designLab geht es an die Laser-Cutter und CNC-Fräsen der Holzwerkstatt. Im Mittelpunkt steht dabei der Gedanke, wie man von der ersten Idee zum fertigen Produkt gelangt. Und das greenLab arbeitet ganz im Zeichen von Umwelt und ökologischer Nachhaltigkeit: Pilze werden als Rohstoff für ökologisches Baumaterial genutzt, und in Gewächshäusern experimentieren die Kids an platzsparenden, vertikalen Beeten und sparsamen Bewässerungssystemen. „Im Workshop haben wir ganz viel selbst gestaltet und gebastelt. Da ist man dann echt stolz drauf“, schwärmt auch Luzie (11) beim „Kreativtag mit Pflanzen“.

© Mira ObermeitDer Kreativtag mit Pflanzen vereint Natur und Handwerk mit Innovation und Digitalem.

Digitale Bildung für alle

Besonderen Wert legt die makerAcademy darauf, Kindern und Jugendlichen aus allen Schichten die Teilnahme zu ermöglichen. „Wir arbeiten mit Schulen, Jugendzentren und sozialen Vereinen zusammen, gehen gezielt auf sie zu und erstellen individuelle Konzepte“, so die 26-jährige Betriebswirtin. Finanziert wird die makerAcademy hauptsächlich von der Volkswagen Belegschaftsstiftung und der AKB Stiftung, das Lehrpersonal besteht größtenteils aus Werkstudierenden der jeweiligen Fachrichtung sowie aus Ehrenamtlichen. Die geringen Teilnahmegebühren sind daher eher symbolischer Natur: „Dank der Förderung können wir unser Angebot für benachteiligte Kinder zum Materialkostenpreis oder sogar kostenfrei anbieten.“

© ProtohausMit dem Laser Cutter gestalten die Kids individuelle Notizbücher.

Ab November wird es auch ein wöchentliches Programm geben, bei dem die Kids innerhalb von sechs Monaten alle Basics lernen. „Dabei werden sie, ähnlich wie in Videospielen, Punkte für das Erlernen von Fähigkeiten bekommen“, so Geishauser über den motivierenden Gamification-Ansatz. Hat man eine bestimmte Anzahl von Punkten erreicht, kann man diese einsetzen, um „große“ Projekte durchzuführen, die eine Kombination aus bestimmten Punkten voraussetzen.

© ProtohausEin selbst programmierter Halt-Stop-Bot reagiert mit bunten Lichtsignalen und lustigen Tönen bei Unterschreitung eines Mindestabstands.

Bisher beschränkt sich das Angebot noch auf Braunschweig, doch Geishauser blickt bereits ins kommende Jahr: „Wir möchten das Konzept unseres technischen Klassenzimmers über die Region hinaus erweitern, sind in Gesprächen mit umliegenden Städten, denn der Academy-Gedanke funktioniert überall.“ Und langfristig träumt das Protohaus gar von einer mobilen makerAcademy: Ein umgebauter Bus, der alle Geräte und Lehrmaterialien vereint und am Heck mit dem vertikalen hydroponischen System der Gewächshäuser ausgestattet ist. „Der Bus könnte auf die Schulhöfe fahren und dort für eine Projektwoche stehen“, schwärmt Geishauser. „Das wäre besonders für kleine Städte und Dörfer ein Gewinn, die bisher noch keinen Zugang zu digitaler Bildung haben.“

Text: Stephen Dietl, 15.09.2020