Fließband war gestern

Sie ist einer der innovativsten Lernorte der Löwenstadt: In der Modellfabrik der Technischen Akademie TEUTLOFF werden Fachkräfte im Umgang mit modernsten Industriewerkzeugen geschult. Statt Frontalunterricht gibt es hier eine „Smart Factory“ zum Anfassen, Ausprobieren und selbst Gestalten.

© TEUTLOFF

Stets am Puls der Zeit sein, Innovationen erkennen und in sein Arbeitsumfeld implementieren: Für Caner Durgut von der Technischen Akademie TEUTLOFF gehört das zum betrieblichen Alltag. „Die Technik, die wir heute nutzen, kann morgen schon wieder veraltet sein“, weiß der Referent der Geschäftsführung in dem traditionsreichen Braunschweiger Unternehmen. Gerade in der firmeneigenen Modellfabrik, die im vergangenen Jahr erstmals ihre Türen öffnete, kann Durgut veraltete Technik überhaupt nicht gebrauchen.

© TEUTLOFFDer gebürtige Hamburger Caner Durgut (26) hat die Modellfabrik für die Technische Akademie TEUTLOFF konzipiert.

Aus- und Weiterbildung ist das große Thema bei TEUTLOFF – und das schon seit über 100 Jahren. Der private und gemeinnützige Bildungsträger bezeichnet sich selbst als die „am längsten agierende Technikerschule Deutschlands in freier Trägerschaft“. Der Hauptsitz der Bildungseinrichtung, die deutschlandweit an insgesamt acht Standorten präsent ist, befindet sich in der Frankfurter Straße 254. Die TEUTLOFF-Modellfabrik, im April 2019 aus der Taufe gehoben, ist das jüngste Aushängeschild des Unternehmens.

© TEUTLOFFSeit 1980 hat die Technische Akademie TEUTLOFF ihren Sitz in den ehemaligen Räumlichkeiten der Lutherwerke (Frankfurter Straße 254) in Braunschweig.

„Es ist schön, wenn man den Menschen erklärt, was zum Beispiel Big Data oder Augmented Reality ist. Aber noch besser ist, wenn man es ihnen zeigt“, erläutert Durgut die Idee, die der Modellfabrik zugrunde liegt. Der 26-Jährige, der an der Ostfalia-Hochschule in Wolfenbüttel gerade seinen Master in Automotive Production macht, hat die neue Lernumgebung für TEUTLOFF entwickelt. „Die entscheidende Frage ist doch: Wie kriegen wir Menschen dazu, innovativ zu denken und Prozesse und damit ihre eigene Wertschöpfung zu optimieren?“, betont Durgut. Genau dabei soll die Modellfabrik helfen.

Aha-Erlebnisse und Diskussionen

Aber was genau passiert hier, an einem der wohl experimentellsten Lernorte der Stadt, eigentlich im Detail? Die simpelste Antwort: Es werden Akkuschrauber montiert. Die abstraktere: Analoge Prozessoptimierung trifft auf digitale Tools. Die Teilnehmer des fünftägigen Workshops, den TEUTLOFF anbietet, bekommen die Aufgabe, die einzelnen Montageschritte für einen Akkuschrauber aufzubauen. Dazu braucht es zunächst einmal analoge Prozesskenntnis: Was montiere ich genau? Was benötige ich dafür? Wie ist die Reihenfolge der Arbeitsschritte? Um den Teilnehmern die größtmögliche Freiheit zu lassen, ist alles auf Rollen verschiebbar, an der Decke wird mit beweglichen Schienen gearbeitet – beim Aufbau der selbst gestalteten Montagelinie sind den Lernenden nur wenige Grenzen gesetzt.

© TEUTLOFFDas Objekt, das es (in Serie) zu montieren gilt: Ein handelsüblicher Akkuschrauber, bestehend aus 75 Einzelteilen.

Nach dem Aufbau der Montagestruktur werden die Teams – bestehend aus sechs bis neun Personen – in Werker, Logistiker, Auftragsdisponenten und einen Supervisor eingeteilt. Dann wird es spannend: Wird alles funktionieren? „Der erste Hochlauf ist eigentlich immer ein Aha-Erlebnis“, beschreibt Durgut. Jetzt treten erste praktische Probleme auf, Fehler werden gefunden, es kommt zu Diskussionen. Ein Lerncoach der Technischen Akademie hilft nun dabei, die Erkenntnisse zu ordnen und zu bewerten. Erst nach und nach werden im Laufe der Schulung die digitalen Hilfsmittel eingeführt.

© TEUTLOFFDer programmierbare Roboterarm ist ein interessantes elektronisches Tool, das in der Montagelinie eingesetzt werden kann.

Technisch ist die Modellfabrik auf dem neuesten Stand – und entwickelt sich ständig weiter. „Wir haben hier keine Raketentechnik, aber es ist alles state-of-the-art“, stellt Durgut klar. Eine Virtual-Reality-Brille und ein digitaler Arbeitstisch helfen etwa dabei, die Montagelinie zu entwerfen. Eine Speicherprogrammierbare Steuerung (SPS) mit Sensoren und einem Pick-by-Light-System erlauben eine digitale Werkerführung, wie sie in einer modernen Produktionshalle heute schon zu finden ist. Auch RFID-Tracking oder Roboterprogrammierung werden hier praktiziert. Eines der nächsten digitalen Werkzeuge, die in die Modellfabrik Einzug halten sollen, ist der intelligente Handschuh-Scanner. Ein Schlaraffenland für Technik-Begeisterte und Fans von Smart Factories und Industrie 4.0!

© TEUTLOFFSmart Glasses sind ein nützliches Hilfsmittel in der modernen industriellen Praxis – und somit auch in der TEUTLOFF-Modellfabrik.

Wenig Theorie, viel Teambuilding

Das Konzept der Modellfabrik hält Durgut für das optimale Mittel der Mitarbeiter-Qualifizierung. „Es ist das komplette Gegenteil von Frontalunterricht, es festigt das Wissen ganz anders. An Theorie vermitteln wir nur das Nötigste. Dafür werden die Teilnehmer spielerisch an die Tools herangeführt und auf diese Weise Blockaden ganz schnell abgebaut.“ Außerdem sei der fünftägige Kurs „eine super Teambuilding-Maßnahme, die eine Gruppe richtig zusammenschweißt.“ Der TEUTLOFF-Mitarbeiter hat sich auch andere, durchaus größere Modellfabriken angesehen, glaubt aber, mit der in Braunschweig etwas Besonderes auf die Beine gestellt zu haben. „Die anderen Modellfabriken waren entweder komplett analog oder total automatisiert. Hier verheiraten wir die analoge mit der digitalen Welt.“

Durgut, „ein echter Hamburger Jung“, der zum Studieren in die Region kam, wird nach eigener Aussage „immer mehr zum Braunschweiger“. Und man merkt: In seiner Lernwerkstatt in der Frankfurter Straße fühlt er sich absolut wohl. Er freut sich, wenn der Funke der Begeisterung auf seine Workshop-Teilnehmer überspringt und sie zu guten Ergebnissen führt. Denn bei all der innovativen Technik, die hier zum Einsatz kommt, ist es letztlich doch immer der Mensch, der in der Modellfabrik im Mittelpunkt steht.

Text: Christoph Matthies, 10.02.2020