Ideen für urbanen Fortschritt

Quer durch nahezu alle Fachbereiche wird an der TU Braunschweig an der Stadt der Zukunft geforscht. Entsprechend breit gefächert sind die Themenfelder, die von den Wissenschaftlern beleuchtet werden.

Braunschweig wächst. Um 1.165 Einwohner hat die Löwenstadt im Jahr 2019 zugelegt, 251.551 Menschen leben heute in der zweitgrößten Stadt Niedersachsens. Und die Tendenz ist weiter steigend: An vielen Stellen im Stadtgebiet werden derzeit Häuser und Wohnungen gebaut, „vermutlich wie nie zuvor seit dem großen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg“, wie die Braunschweiger Zeitung jüngst feststellte.

© Stadt Braunschweig/ Daniela NielsenRund um den ehemaligen Nordbahnhof entsteht Braunschweigs größtes städtisch geprägtes Wohnbauprojekt seit den 70er Jahren mit bis zu 1.700 neuen Wohnungen.

Mit ihrem Wachstum liegt die Stadt Braunschweig durchaus im Trend. Die Urbanisierung, also die Ausbreitung städtischer Lebensformen und das Wachstum von Städten, ist eine Entwicklung, die weltweit zu beobachten ist. Seit 2008, so haben die Vereinten Nationen errechnet, leben erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Bis 2050 werde dieser Anteil auf rund 70 Prozent steigen, prognostiziert die UN. In Zahlen heißt das, dass zwei Milliarden Menschen mehr in Städten leben werden. Diese Entwicklung birgt die unterschiedlichsten Herausforderungen, denen sich Politik, Gesellschaft und Wissenschaft stellen müssen. Auch in Braunschweig.

© christo.cc/TU Braunschweig275 Jahre TU Braunschweig – Stadt der Zukunft ist seit fünf Jahren ein zunehmend wichtiger Forschungsschwerpunkt.

Interdisziplinär und lebensnah

© ISU/TU BraunschweigProfessorin Vanessa Miriam Carlow ist Sprecherin des TU-Forschungsschwerpunktes Stadt der Zukunft und Leiterin des Instituts für Nachhaltigen Städtebau (ISU).

An Lösungen und Strategien hinsichtlich der Stadt der Zukunft wird an der TU Braunschweig interdisziplinär gearbeitet. Seit 2015 bildet das Themenfeld einen der vier Forschungsschwerpunkte der Hochschule (die drei anderen heißen Mobilität, Metrologie sowie Infektionen und Wirkstoffe). „Die Fakultät 3 ist der Nukleus für den Forschungsschwerpunkt Stadt der Zukunft“, erklärt Professorin Vanessa Miriam Carlow. Dort sind an der TU die Architektur, das Bauingenieurwesen und die Umweltwissenschaften zu Hause. Carlow, die sich als Architektin und Leiterin des Instituts für Sustainable Urbanism (ISU) mit nachhaltigem Städtebau beschäftigt, ist die Sprecherin des Forschungsschwerpunkts. Sie betont, dass sich der wissenschaftliche Blick in die Zukunft häufig sehr nah an der Lebenswirklichkeit der Gegenwart orientiert: „Viele Projekte haben ihren Ursprung in dem, was man tagtäglich erlebt, wenn man vor die Haustür tritt.

© IGÖ/TU BraunschweigProfessor Boris Schröder-Esselbach ist ebenfalls Sprecher des Forschungsschwerpunkts und leitet die Abteilung Landschaftsökologie und Umweltsystemanalyse.

Carlow zur Seite steht Professor Boris Schröder-Esselbach, den man als Geoökologen vielleicht eher in Wäldern oder auf Agrarflächen als in Städten erwarten würde. „Aber wir sind nicht nur in Naturschutzgebieten unterwegs und vermessen Pflanzenmerkmale oder bestimmen die Biodiversität“, stellt Schröder-Esselbach klar, „wir modellieren auch, wie sich Dinge entwickeln, zum Beispiel, wie sich Szenarien des Klimawandels auf die Organismen auswirken. Und da sind Städte als ein ganz zentraler Lebensraum unheimlich spannend.“ Doch nicht nur in der Geoökologie und der Architektur, sondern in nahezu allen TU-Fachbereichen wird zur Stadt der Zukunft geforscht; darunter etwa in der Anglistik, der Elektrotechnik, in den Sozialwissenschaften oder im Maschinenbau. „Das ist extrem breit aufgestellt, weil in Städten wirklich alles zusammenkommt“, so Schröder-Esselbach.

„Seed Money“ für neue Perspektiven

Die große Bandbreite der Themengebiete bestätigt auch ein Blick auf die Website der TU, wo unter dem Schlagwort „Stadt der Zukunft“ unterschiedlichste Forschungsprojekte und -ergebnisse aufgeführt sind. Ob Brandschutz oder die Alterung von Bauwerken, die Bedeutung von Wasser im urbanen Raum, Gründächer zur Verbesserung des Stadtklimas, Forschung zu Insektenschwund oder nachhaltige Mobilität: Zu all dem und vielem mehr wird an der Braunschweiger Hochschule geforscht. Und die Vielfalt soll weiter wachsen. Eines der wichtigsten Ziele des Forschungsschwerpunkts sei es, noch mehr Forschung zur Zukunft des urbanen Lebens anzuschieben. Zu diesem Zweck gibt es seit kurzem eine Ausschreibung, bei der „Seed Money“ vergeben wird. Carlow erläutert die Idee: „Universitätsweit können sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um eine Anschubfinanzierung ihres Forschungsprojekts bewerben. Ziel davon ist auch, dass es neue Konstellationen und neue Teams gibt, in denen Menschen an Stadtthemen zusammenarbeiten. Wodurch auch neue Fragestellungen und Themen aufkommen, an die wir als Vorstand noch gar nicht gedacht haben. Dadurch wollen wir die Forschung im Bereich Stadt an der TU Braunschweig noch weiter voranbringen.“

Von Betondruckern und Libellen

Die universitäre Forschung an der Stadt der Zukunft ist kein Selbstzweck, sondern soll in Politik und Gesellschaft ausstrahlen. Auch mit Unternehmen bestehen Kooperationen. So betreibt etwa das Institut für Datentechnik und Kommunikationsnetze mit den Wohnbaugesellschaften Nibelungen und Wiederaufbau unter dem Projektnamen WOHNEN.digital sechs Forschungswohnungen in der Bochumer Straße. Dort werden mittels 600 Kleinstrechnern Daten erhoben, deren Auswertung das Wohnen der Zukunft komfortabler, nachhaltiger und sicherer machen sollen. Ein aktuelles Beispiel für eine Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen ist ein Projekt zum 3D-Druck von Beton im Bauwesen, dass das TU-Institut für Tragwerksentwurf (ITE) gemeinsam mit der TU München durchführt. „Dabei geht es auch um die Frage, wie ressourcensparender und schneller gebaut werden kann“, erklärt Carlow.

© ITE/TU BraunschweigEin Betonelement aus dem 3D-Drucker: Am Institut für Tragwerksentwurf (ITE) wird zu diesem Thema geforscht.

Durch Bevölkerungswachstum, die digitale Revolution, neue Formen der Mobilität oder die Folgen von Klimawandel und Artensterben ergeben sich im urbanen Raum ganz neue Fragestellungen, auf die es Antworten zu finden gilt. Allein dem Institut für Geoökologie biete das zahlreiche Ansätze, erläutert Schröder-Esselbach: „Wir haben Projekte zur Biodiversität in Städten durchgeführt, zuletzt am Beispiel von Libellen." 

© Frank Suhling/TU BraunschweigDie Libellenart Anax imperator entpuppt sich als ein „Klimawandel-Gewinner“. Die Art ist mittlerweile sehr häufig zu finden, gerade in Stadtrandgewässern.

„Zentral sind auch die Fragen, wie wir in der urbanen Vegetation Kohlenstoff festlegen oder wie wir mit Starkniederschlägen umgehen – beispielsweise indem wir die Stadt so verändern, dass sie das Wasser wie ein Schwamm auf den Dächern hält“, ergänzt Schröder-Esselbach. Mit Fassaden- und Dachbegrünung oder Kaltluftschneisen könne außerdem dem Hitzeinsel-Effekt von Städten entgegengewirkt werden. „Das sind alles Fragen, die bei uns im Institut betrachtet werden“, berichtet der Leiter der Abteilung Landschaftsökologie und Umweltsystemanalyse.

© Jannik Heusinger/TU BraunschweigMit mikrometrologischer Messtechnik untersucht das Institut für Geoökologie der TU Braunschweig seit 2014 die Kohlendioxidaufnahme bei einem begrünten Dach auf einem Parkdeck des künftigen Berliner Flughafens BER.

Die Mobilität von morgen

Es verwundert nicht, dass an der TU Braunschweig auch die Beschäftigung mit dem Verkehr von morgen eine zentrale Rolle spielt. „Mobilität ist nicht nur auf das Auto bezogen – das kann in unserer Region schon mal vergessen werden“, weiß Anna Lux. Die Geschäftsführerin des Forschungsschwerpunkts Stadt der Zukunft berichtet deshalb auch von Projekten, die sich Gedanken machen über autofreie Innenstädte, die Stärkung des ÖPNV oder das Zusammenspiel unterschiedlicher Verkehrsmittel. Themen, die auch Carlow in ihrem Institut für nachhaltige Stadtentwicklung behandelt. „Wir wissen unheimlich viel über den Autoverkehr. Jetzt sind wir dabei, Daten zu sammeln, die andere Verkehrsteilnehmer im Fokus haben“, berichtet die Professorin. Ein konkretes Projekt habe sich etwa mit der Frage beschäftigt, auf welcher Grundlage Menschen Mobilitäts-Entscheidungen treffen.

Und wie ist Braunschweig für die Zukunft aufgestellt? „Wenn es um die nachhaltigsten Städte Deutschlands geht, wird nicht zuerst Braunschweig genannt. Da fallen einem eher Städte wie Freiburg oder Münster ein, mit ihrem sehr großen Fahrradanteil“, sagt Schröder-Esselbach. Die Löwenstadt müsse sich im Vergleich aber keineswegs verstecken: „Hier gibt es eine Menge spannende Entwicklungen und eine große Offenheit, an diesen Themen zu arbeiten.“ Für die Zukunft von entscheidender Bedeutung sind für den Geoökologen insbesondere die großen innerstädtischen Grünanlagen. „Das ist ein wertvoller Schatz“, findet Boris Schröder-Esselbach. Auch Vanessa Carlow fühlt sich als Wissenschaftlerin mit fortschrittlichen Ansätzen an der Oker gut aufgehoben: „Wir erleben die Stadtverwaltung als sehr ambitioniert – und als einen guten Partner für unsere Forschung.“

Text: Christoph Matthies, 27.07.2020