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Wilhelm Raabe-Literaturpreis

Clemens J. Setz mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2015 ausgezeichnet

 ((c) Tylor Photography)

Der Schriftsteller Clemens J. Setz hat für seinen Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ den von der Stadt Braunschweig und Deutschlandfunk gestifteten und mit 30.000 Euro dotierten Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2015 erhalten. Der Braunschweiger Oberbürgermeister Ulrich Markurth und Deutschlandradio-Programmdirektor Andreas-Peter Weber überreichten die Auszeichnung am Sonntag, den 1. November.

Der diesjährige Preisträger Clemens J. Setz entwirft in seinem Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ mit großem Sprachwitz einen Thriller, mit zahllosen Bezügen sowohl zur Hoch- als auch Populärkultur, heißt es in der Begründung der Jury.

Setz führt mitten hinein in zentrale Fragen unsere Gegenwart: was ist krank und was ist normal, was real, was eingebildet, was ist menschlich, was ist technisch, wo verschwimmen die Grenzen zwischen beiden? Mit einer Ästhetik der Drastik unterläuft er moralische Üblichkeiten, alles Eindeutige und Erwartbare. Und das erwartbar Provokative gleich mit. Die Gegenwart erscheint einem neu und anders nach der Lektüre.

Die Laudatio hielt der Germanist und Literaturkritiker Prof. Dr. Klaus Kastberger.

Mit der Verleihung des Wilhelm Raabe-Literaturpreises zeichnen die Stadt Braunschweig und Deutschlandfunk jährlich ein in deutscher Sprache verfasstes erzählerisches Werk aus, das einen besonderen Stellenwert in der Entwicklung des Preisträgers markiert. Es muss im Vergabejahr erschienen sein. Ausgeschlossen ist die Würdigung eines Erstlingswerkes oder des Gesamtwerkes.

Die Jury

• Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel (Präsident der Internationalen Raabe-Gesellschaft e.V.)

• Alexander Cammann (DIE ZEIT)

• Thomas Geiger (Literarisches Colloquium Berlin)

• Dr. Anja Hesse (Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig)

• Sandra Kegel (FAZ)

• Kristina Maidt-Zinke (DIE ZEIT)

• Dr. Michael Schmitt (3sat)

• Prof. Dr. Renate Stauf (Germanistisches Institut, TU Braunschweig)

• Dr. Hubert Winkels (Deutschlandfunk)

Die Begründung der Jury „Unsere Gegenwart ist noch verrückter, als wir ohnehin glauben. Und es gibt die andere, verborgene und faszinierende Seite unserer scheinbaren Normalität – wir müssen nur genau hinschauen. Das zeigt Clemens J. Setz mit seinem 1000-seitigen Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“. Hier entwirft der 33-jährige österreichische Autor eine neue, verstörende und zugleich hochkomische Dimension unserer Realität – von der man am Ende nicht weiß, ob sie den Kern unseres Daseins ausmacht.

Die einundzwanzigjährige Natalie wird in einem Wohnheim für Behinderte Betreuerin von Alexander Dorm, der im Rollstuhl sitzt und einst als frauenfeindlicher Stalker die Ehe von Christoph Hollberg und dessen Frau zerstört hat. Hollberg allerdings besucht nunmehr den Täter Dorm wöchentlich, und es entsteht eine eigentümlich schillernde Beziehung, zwischen perverser Abhängigkeit und subtiler Quälerei. Will sich Hollberg rächen? Natalie hat diesen Verdacht.

Mit großem Sprachwitz entwirft der universal gebildete Autor einen Thriller, mit zahllosen Bezügen sowohl zur Hoch- als auch Populärkultur, spielerisch werden Erzählarten integriert und Realitätsversionen ausprobiert. Sämtliche Wissensfelder scheinen hier zusammenzuströmen und neu abgemischt zu werden. Und Setz führt mitten hinein in zentrale Fragen unsere Gegenwart: was ist krank und was ist normal, was real, was eingebildet, was ist menschlich, was ist technisch, wo verschwimmen die Grenzen zwischen beiden? Organisches und Mechanisches werden verschränkt – Technik und Natur vermählen sich. Selbst die Menschenhelferin Natalie sprengt mit ihren kalt exerzierten Leidenschaften alle herkömmlichen Maßstäbe, so wie das gesamte Buch es tut.

Wie in seinen bisherigen Büchern und Essays erweist sich Clemens Setz auch in diesem Roman als phantastischer avantgardistischer Welterfinder. Mit einer Ästhetik der Drastik unterläuft er moralische Üblichkeiten, alles Eindeutige und Erwartbare. Und das erwartbar Provokative gleich mit. Die Gegenwart erscheint einem neu und anders nach der Lektüre: Das Verrückte ist normal, das Normale verrückt. Und manchmal rührt es direkt ans Herz, wie verrutscht der Mensch in seiner selbstgeschaffenen Welt ist.“