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Wissenswertes zu Konrad Koch (1846-1911)

Hintergrundinformation

 

Braunschweig, 3. Februar 2011

Zu seinem 100. Todestag erinnert der Kinofilm „Der ganz große Traum« an Konrad Koch, der Deutsche Fußball-Bund würdigt den Fußball-Pionier im Rahmen einer Feierstunde an seiner Schule, dem Martino-Katharineum, und die Stadt Braunschweig beabsichtigt die Taufe einer Sportstätte auf den Namen „Konrad-Koch-Stadion“. Doch wer war der historische Konrad Koch wirklich? 

Das erste Fußballspiel

Am Michaelistag, dem 29. September 1874 begann in Braunschweig die Erfolgsgeschichte des deutschen Fußballs mit einem Experiment der beiden Lehrer Konrad Koch (1846-1911) und August Hermann (1835-1906): Wie Koch später berichtete, war es August Hermann, der einer Gruppe Schüler ihres Gymnasium Martino-Katharineum einen echten Fußball zuwarf, den er sich aus England hatte kommen lassen. Mündlich wurden einige Grundregeln des Spiels mitgeteilt und auf einem Braunschweiger Spielplatz konnte – ohne dass „irgend Aufhebens von der Sache gemacht wurde“ – das erste deutsche Fußballspiel beginnen. Zwar glich das Spiel, welches die Braunschweiger Jungen bald regelmäßig unter der Anleitung ihrer Lehrer spielten, zunächst noch mehr dem heutigen Rugby, doch der unermüdliche Einsatz Konrad Kochs für die Etablierung des Fußballs als Schulspiel wurde zu einer wichtigen Keimzelle für die Entwicklung des Fußballs in der Kaiserzeit. Die Begeisterung der Schüler vom Martino-Katharineum stand damit am Anfang einer Erfolgsgeschichte, die in Braunschweig ihren Ausgang nahm, aber schon bald ganz Deutschland erfasste.

Filmische Inszenierung und historische Tatsachen des Fußball-Pioniers aus Braunschweig

In dem Kinofilm „Der ganz große Traum“ von Sebastian Grobler können die Zuschauer bundesweit auf der Leinwand verfolgen, wie der Braunschweiger Lehrer Konrad Koch (gespielt von Daniel Brühl) 1874 den Fußball nach Deutschland brachte. Die Geschichte des jungen Englischlehrers, der seinen Schülern die fremde Sprache nur über ein aus England mitgebrachtes neues Spiel, den Fußball, nahe bringen kann, lässt auf berührende Weise die Anfänge eines Sportphänomens lebendig werden, das heute aus Gesellschaft und Alltagskultur nicht mehr wegzudenken ist. So emotional packend der – u.a. an historischen Schauplätzen in Braunschweig, im benachbarten Wolfenbüttel und der Region entstandene – Film die Faszination Fußball darstellt, so viel Freiheit nahmen sich die Drehbuchautoren im Umgang mit dem historischen Stoff. Um dramaturgischen Anforderungen des filmischen Genres Schul- bzw. Sportdrama zu entsprechen, musste manches historische Detail verändert werden. Obwohl zugunsten der erzählten Geschichte an vielen Stellen zugspitzt und dramatisiert wurde, nehmen die Macher um Regisseur Sebastian Grobler für sich in Anspruch, vom authentischen Geist der frühen Fußballjahre ausgegangen zu sein, um den Stoff für ein heutiges Publikum spannend nachzuerzählen. Keine Frage, dass das im Ganzen genommen auf packende Weise gelungen ist. Trotzdem lohnt es sich nicht nur die Filmfigur in den Blick zu nehmen, sondern zurückzuschauen auf den historischen Konrad Koch und sein „großes Anliegen“.

Den englischen Fußball kannte er wohl nur aus Büchern

Anders als im Spielfilm war der historische Konrad Koch keineswegs Englischlehrer, sondern unterrichtete Deutsch und Alte Sprachen. Als Koch in Braunschweig das Fußballspiel einführte, war er selbst noch nicht in England gewesen. Den Hinweis auf den englischen Ballsport verdankte er dem Mediziner Friedrich Reck (1827-1879), der als Militärarzt die Insel besucht hatte und die englischen Verhältnisse gut kannte. In späteren Jahren plante Konrad Koch zu Studienzwecken eine Englandreise. Sein Antrag auf einen Zuschuss wurde von der Schulbehörde aber abgelehnt. Ob Koch seine Pläne trotzdem umsetzen konnte, ist nicht vollständig geklärt. Seine späteren Schriften über den englischen Spielbetrieb lassen jedenfalls keine unmittelbar persönlich gefärbte Kenntnis des englischen Spielbetriebes durchscheinen. Vielmehr beschreiben sie den englischen Sport mit der Distanz eines Sportwissenschaftlers.

Koch hatte Glück mit seiner Schule

Wichtiger als die Frage der Englandreise ist jedoch die Tatsache, dass Koch an seinem Braunschweiger Gymnasium in einem Umfeld wirkte, das offen war für Anregungen. Im Herzogtum Braunschweig gab es schon durch die lange welfische Vergangenheit eine historische gewachsene Nähe zu England, die es erleichterte neue Ideen von der Insel aufzunehmen. Eine vergleichsweise liberale Schulpolitik setzte zudem günstige Rahmenbedingungen für die Reformanliegen Kochs und seiner Braunschweiger Kollegen. Keineswegs zufällig war deshalb das Braunschweiger Martino-Katharineum die erste Schule im Deutschen Reich, die 1872 Schulspiele einführte und ab 1879 für alle Schüler verpflichtend machte.

Koch setzt die ersten Schulspiele durch

Heute wird an den Braunschweiger Lehrer Konrad Koch (1846-1911) vor allem im Zusammenhang mit der Einführung des Fußballs an seiner Schule erinnert. Weil er damit 1874 der erste in Deutschland war, gilt Koch heute als deutscher Fußball-Pionier. Dem historischen Koch ging es freilich gar nicht um Fußball allein. Am Anfang seiner Bemühungen stand vielmehr die Beobachtung, dass viele seiner Schüler die alten Spiele der Turnerbewegung nicht mehr kannten und nur selten im Freien spielten. Dafür stand den jungen Leuten in der sich industrialisierenden Stadt einerseits immer weniger Raum zur Verfügung. Das aus der Turnerbewegung hervorgegangen Schulturnen fand andererseits meist in geschlossenen Hallen statt und war geprägt von Befehlston und starrer Disziplin. Demgegenüber erkannte Koch, obwohl er selbst kein Turnlehrer war, den die Gesundheit und Sozialkompetenz fördernden Wert von gemeinschaftlich betriebenen Spielen an der frischen Luft. Mit der Unterstützung von Kollegen wie dem Turnlehrer August Hermann (1835-1906) konnte er schließlich erreichen, dass am Martino-Katharineum als erster Schule in Deutschland überhaupt im Jahre 1872 Schulspiele als Ergänzung zum bisherigen Turnunterricht eingeführt wurden. Konrad Koch selbst formulierte es im Jahre 1895 so: „Es ist gewißlich im Sinne Jahns [d.i. der deutsche „Turnvater“], wenn neben das Turnen zur Ergänzung das Spiel und vor allem der Fußball tritt, oder besser: unter die Turnübungen aufgenommen wird.“

Es ging nicht um den Fußball allein

Doch mit dem Fußballerfolg ließ es Konrad Koch keineswegs bewenden: Um das Interesse seiner Schüler wach zu halten, experimentierten Koch und seine Mitstreiter mit verschiedenen traditionellen Ballspielen. Das 1874 eingeführte Fußballspiel, welches zunächst noch stark dem Rugby glich, wurde begeistert aufgenommen. Schon bald war es das beliebteste Winterspiel der Schüler vom Martino-Katharineum. Doch Koch und Hermann ließen es dabei nicht bewenden, sondern erprobten an ihrem Braunschweiger Gymnasium weitere Spiele, so 1875 das amerikanische „Eckballspiel“ (Baseball) und 1876 das englische Cricket. Ein Vorläufer des späteren Handballspiels war „Raffball“, welches Koch im Jahre 1891 einführte. August Hermann – auf der Suche nach einem geeigneten Spiel für die Mädchen – führte 1896 den „Korbball“ (Basketball) ein. Keines dieser Spiele konnte es zwar an Beliebtheit mit dem Fußball aufnehmen, doch zeigt ihre Einführung, worum es der sogenannten Spielbewegung, deren führender Kopf Koch in diesen Jahren war, wirklich ging: Der „große Traum“ des Konrad Koch war nicht die Etablierung eines einzelnen Spiels, des Fußballs, sondern die Reform des schulischen Unterrichts durch die Einbeziehung modernerer und pädagogisch wertvoller Spiele.

Ein neues Regelwerk für mehr pädagogischen Wert

Im Unterschied zur parallel entstehenden Sportbewegung stand bei Koch und seinen Mitstreitern immer die pädagogische Zielrichtung im Vordergrund. Ambivalent blieb auch Konrad Kochs Verhältnis zum Wettkampfcharakter des Fußballspiels: Zwar erkannte er schon früh die motivierende Wirkung von „Wettspielen“, doch wandte er sich gegen einen rein leistungsorientierten Spieltrieb, bei dem der Sieg wichtiger war als die umfassende körperliche Ausbildung. Konrad Koch tat sich deshalb schwer damit, das Spiel in seiner englischen Ausprägung unverändert zu übernehmen. Gesundheitsvorschriften und Verhaltensregeln für den Spielplatz waren daher ein wichtiger Bestandteil seiner Fußballregeln von 1874. Das alles bedeutet übrigens nicht, dass Konrad Koch den Fußball ausschließlich aus akademischer Perspektive betrachtete. Durchaus im Einklang mit der filmischen Darstellung war der Fußball-Pionier aus Braunschweig mit Hingabe auf dem Sportplatz aktiv und beteiligte sich selbst engagiert an den Schulspielen.

Fußball spricht bis heute "Kochsches" Deutsch

Trotzdem musste sich Konrad Koch wegen der englischen Herkunft des Spiels mit zahlreichen Anfeindungen von deutschnationaler Seite auseinandersetzen. Darauf reagierte der Braunschweiger Fußball-Pionier von Anfang an mit einer konsequenten Übersetzung der englischen Fußballbegriffe. Anders als im Film ging es ihm nicht darum, über die Faszination Fußball seine Schüler für die englische Sprache zu gewinnen. Dem Vorwurf, der Fußball habe einen „undeutschen Charakter“, versuchte er durch die konsequente Eindeutschung der Spielsprache und historische Abhandlungen zum Ursprung des Fußballs entgegenzutreten. Auch wenn für viele Schüler und Sportanhänger die Faszination von Fußball gerade auch in seiner englischen Herkunft lag: Konrad Koch wollte einen Fußball der auch sprachlich und kulturell in Deutschland „heimisch“ werden sollte. Dazu führte er neue, deutsche „Kunstausdrücke“ ein. Im Kern ging es Koch darum, den Fußball zu einem deutschen Spiel werden zu lassen. Im Jahre 1903 veröffentlichte er in diesem Sinne in der Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, dessen Gründer der Braunschweiger Museumsdirektor und Kunstprofessor Herman Riegel (1834-1900) war, eine Liste mit deutschen Fußballbegriffen und ihren englischen Entsprechungen. Zwar konnten sich einige seiner Neuschöpfungen langfristig nicht durchsetzen (z.B. der „Fußballkaiser“ statt des englischen „Captain“ oder „Mal“ statt „Goal“), doch von den 81 dort aufgeführten Begriffen sind viele noch heute üblich (z.B. „Stürmer“ für englisch „Forward“ oder „Strafstoß“ statt „Penalty kick“). Auch wenn die englischen Originalbegriffe der Verbreitung des Fußballs – zumindest außerhalb des Schulunterrichts – eigentlich nicht abträglich waren und zunächst in den entstehenden Vereinen vielfach Verwendung fanden, wurde Konrad Koch damit auch zum wichtigsten Begründer der deutschen Fußballsprache.

Zum Weiterlesen:

Konrad Koch „Über die Erziehung zum Mute“

Konrad Kochs pädagogisches Hauptwerk „Die Erziehung zum Mute durch Turnen, Spiel und Sport – Die geistige Seite d. Leibesübungen“ (Berlin 1900) wurde von der Universitätsbibliothek Braunschweig digitalisiert und wird als elektronische Ressource unter der Adresse http://www.digibib.tu-bs.de/?docid=00028554 zum Download als PDF-Dokument angeboten.

Literaturhinweise (Auswahl) 

Biographisches zu Konrad Koch 

Kurt Hoffmeister: Professor Dr. phil. Konrad Koch (1846-1911). Ein Braunschweiger Lehrer als Begründer der Schulspiele in Deutschland. Braunschweig 1986. 

Kurt Hoffmeister: Der Wegbereiter des Fußballspiels in Deutschland: Prof. Dr. Konrad Koch, 1846-1911. Eine Biografie. Braunschweig 2011. 

Malte Oberschelp: Der Fußball-Lehrer. Wie Konrad Koch im Kaiserreich den Ball ins Spiel brachte. Göttingen 2010. 

Konrad Koch und die Ursprünge der deutschen Fußballsprache 

Armin Burkhardt: Sprache und Fußball. Linguistische Annäherung an ein Massenphänomen.  In: Muttersprache. Vierteljahrsschrift für deutsche Sprache 116.2006, S. 53-73. 

Armin Burkhardt: Wörterbuch der Fußballsprache. Göttingen 2006. 

Armin Burkhardt: Anglizismen in der Fußballsprache. Eine historische und kontrastive Betrachtung.? In: Der Sprachdienst, 2.2008, S. 57-69. 

Armin Burkhardt: „Wenn das Leder im Kasten klingelt...“ Der deutsche Fußball und seine Sprache. In: Gutjahr, Jacqueline/Yu, Xumei (Hrsg.): Aspekte der Studienvorbereitung und Studienbegleitung. Beiträge zur chinesisch-deutschen Fachkonferenz: "Aspekte der Studienvorbereitung/Studienbegleitung" vom 21. bis 22. Mai 2007 am Deutschkolleg der Tongji-Universität Shanghai. München 2008, S. 76-97. Online verfügbar unter: http://ubt.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2008/475/ , Dokument 6 (PDF, zuletzt abgerufen am 01.02.2011). 

Konrad Kochs Mitstreiter und die Braunschweiger Sportgeschichte

Kurt Hoffmeister: Braunschweiger Turnpioniere und ihr Beitrag für Spiel und Sport in Deutschland. Braunschweig 1982. (= Sonderdruck aus: Schriftenreihe des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte, Bd. 4: Beiträge zur Niedersächsischen Sportgeschichte: Der Dr.-Bernhard-Zimmermann-Preis 1984. Duderstadt, 1986) 

Kurt Hoffmeister: August Hermann (1835-1906). Pionier des Mädchenturnens und braunschweigischer Schriftsteller. Braunschweig 1986. 

Kurt Hoffmeister: Fußball. Der Siegeszug begann in Braunschweig. Braunschweig 2004. 

Kurt Hoffmeister: Zeitreise durch die Braunschweiger Sportgeschichte. Überarb. und erw. Neuaufl. Braunschweig 2010.

Weitere spannende und unterhaltsame Informationen und Lesetipps zu Konrad Koch gibt es im Internet unter der Adresse www.braunschweig.de/fussball

Gerne vermitteln wir für Interviews den Kontakt zu dem Braunschweiger Autor Kurt Hoffmeister, dessen jahrzehntelange Forschungen Konrad Koch überhaupt erst ins öffentliche Bewusstsein gerückt haben.

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