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Die Geschichte des Stadtteils Viewegsgarten - Bebelhof

Viewegsgarten - Bebelhof, vordergründig ein Stadtteil ohne einheitliche Identität. Stark gegliedert, aufgeteilt in sehr verschiedene Wohnbereiche, zerrissen durch die Bahnanlagen reicht dieser Bezirk von der östlichen Stadtgrenze bis zum Bürgerpark und von der A 39 südlich des eher vornehmen Zuckerbergs bis zum Altewiekring und der Stadthalle. Dennoch ist eine geschlossene Darstellung dieses erst 1981 entstandenen Stadtbezirks möglich.

Im 12. Jahrhundert befand sich draußen vor der Stadt an der heutigen Leonhardstraße ein Siechenheim. Schwestern betreuten die aus der Stadt verstoßenen Aussätzigen und bauten auch eine Kapelle, St. Leonhard. Zum Stift St. Leonhard gehörten ursprünglich weite Teile des heutigen Stadtbezirks. Als im 19. Jahrhundert große Flächen an die Magdeburger Eisenbahn (heute Strecke nach Berlin), an den Staat für Exerzierplätze und später für die Stadterweiterung abgegeben werden mussten, verlor auch die inzwischen entstandene staatliche Domäne ihre Existenzberechtigung. Bis heute allerdings stehen Scheunen, Schmiede und Verwalterhaus am Leonhardplatz. In diese Gebäude zogen zuerst die Pferde des herzoglichen Marstalls und später die Polizei ein. Inzwischen ist im ehemaligen Verwalterhaus die Gustav-Karg-Grundschule untergebracht. Ein weiteres Haus wurde von der Christengemeinschaft, der auch die Kapelle gehört, zu einem Gemeindezentrum umgebaut. Die Scheunen bilden einen Schandfleck im Stadtbild und warten seit Jahren auf sinnvolle Nutzung. Eine erste Erkenntnis bleibt. Der Stadtbezirk entstand aus dem ehemals zum Stift St. Leonhard gehörenden Besitz.

Bereits 1817 wurden die Torhäuser des Steintores im Zuge des Abbaus der Befestigungsanlagen neu errichtet. Dies war der Beginn der Bebauung der Helmstedter Straße. Die alte Reichstraße führt auch heute noch als Bundesstraße 1 durch den Stadtbezirk. Die eigentliche Entwicklung des Stadtbezirks begann jedoch mit dem Plan zur Stadterweiterung, den der Stadtbaumeister Carl Tappe im Jahre 1870 erarbeitete. Seine Planungen wurden südöstlich der Wolfenbütteler Straße, im Krähenfeld Wilhelm Raabes, fast 1:1 umgesetzt. Heute ist das inzwischen sanierte "neue Bahnhofsviertel" ein Kleinod bürgerlicher Wohnviertel. Der Nachfolger Tappes, Ludwig Winter, erweiterte die Stadtplanung vor allem für den Bereich des Östlichen Ringgebietes. Dadurch erhielt die Bautätigkeit zwischen Helmstedter Straße und Viewegs Garten ebenfalls Auftrieb. Bis 1910 waren wohl die meisten Grundstücke bis zum Marienstift bebaut. Zweitens, der Stadtbezirk entwickelte sich aus der Planung der Stadtbaumeister Tappe und Winter.

Die Entwicklung und der Ausbau der Bahnanlagen haben diesen Stadtteil in besonderer Weise geprägt. 1866 wurde die Bahnstrecke nach Berlin gebaut, sie durchschnitt wichtige Verbindungswege nach anderen Orten, wie Wolfenbüttel, Salzdahlum, Helmstedt. 1925 wurde das damalige Reichsbahnausbesserungswerk errichtet, gleich daneben entstand die Bahnarbeitersiedlung Lämmchenteich. Danach baute die Gewobau den Bebelhof, eine Siedlung für einkommensschwache Bevölkerungsschichten. In den 30er und 40er Jahren wurde der große Rangierbahnhof gebaut. Von der Wolfenbütteler Straße bis nach Rautheim verschwanden ganze Landschaften unter Schotter und Schienen. Die alte Rautheimer Straße gibt es seitdem nicht mehr, die Boltenbergbrücke an der Helmstedter Straße wurde abgerissen und durch eine neue Konstruktion ersetzt. Seit dieser Zeit verläuft dort hinter Opel Dürkop die B 1 in einem Bogen Richtung Magdeburg. In den 50er Jahren wurde schließlich der neue Hauptbahnhof gebaut. Die schienengleichen Überwege an der Salzdahlumer Straße und an der Helmstedter Straße verschwanden. Bahnbrücken sorgen seitdem für störungsfreien Verkehr. Fast gleichzeitig entstanden an der Ackerstraße ganze Häuserreihen für Bahnarbeiter. Die Bahn prägt bis heute den gesamten Stadtteil. Im Jahr 2000 wurde im Zusammenhang mit der Expo in Hannover ein weiteres Großprojekt eingeweiht. Der Nahverkehrsterminal - direkt vor dem Haupteingang des Hauptbahnhofs - veränderte auch das Gesicht des Berliner Platzes. Neun Jahre später entstand anstelle der ehemaligen Güterabfertigung am Braunschweiger Güterbahnhof das neue Straßenbahndepot der Verkehrs AG. Hier könnten in Zukunft auch die größeren Zugeinheiten der geplanten Regiobahn abgestellt werden.

Eine vierte Annäherung an eine Gesamtschau des Stadtteils gelingt über die wunderschönen Parks. 1768 wurde beim Schlösschen Richmond mit dem Bau eines klassischen, englischen Landschaftsgartens begonnen. Bis heute ist die Grundstruktur erhalten geblieben, ein Teil des Wegenetzes und die großen Ausblicke in die freie Landschaft. Spätestens 1797 legte Johann Heinrich von Campe den Grundstein für seinen Landschaftsgarten. Seine Erben übernahmen den Park und die Familiengrabanlage, ersetzten das Wohnhaus von Campe jedoch durch eine großzügige Villa des Architekten Konstantin Uhde. Zusammen mit einem Teil des nun Viewegs Garten genannten Parks musste aber auch die Villa den Baumaßnahmen für Zufahrten zum neuen Hauptbahnhof weichen. Fast hundert Jahre später entstand nach Plänen des Promenadeninspektors Friedrich Kreiß der Bürgerpark, noch heute für viele stressgeplagte Großstädter ein Ort der Ruhe mitten in der Stadt.

In diesem Zusammenhang lassen sich auch die Friedhöfe einordnen, bieten sie doch durch ihre Anlage herrliche Spazierwege. Nahe Viewegs Garten haben wir Dom- und Magnifriedhof und an der Helmstedter Straße den Evangelischen Hauptfriedhof, den Stadtfriedhof, den Ausländerfriedhof und den Katholischen Friedhof.

Schließlich findet sich in der ab 1901 erbauten neugotischen St. Johanniskirche eine fünfte Identifikationsmöglichkeit. Mit dem Wachsen seiner Einwohnerzahl brauchte die neue Großstadt Braunschweig auch eine neue Kirche. Als Abzweig der mittelalterlichen St. Magni-Gemeinde sollten sich in diesem ersten Kirchbau nach der Reformation die Menschen im "Neubauviertel" des vorigen Jahrhunderts einfinden. Stadtbaurat Ludwig Winter war für diese bedeutende Baumaßnahme ebenso verantwortlich wie für den Bau des Rathauses und der Paulikirche. Der Einzugsbereich reichte von der Wolfenbütteler Straße bis an die Stadtgrenze im Osten, umfasste also praktisch den heutigen Stadtbezirk.

Erst nach dem Bau der Siedlung Lämmchenteich und des Bebelhofs (seine Grundsteinlegung jährte sich am 5. September 2004 zum 75. Mal) verlor die Johannis-Gemeinde ihre zentrale Bedeutung. Am Zuckerbergweg entstand für Bebelhof und Charlottenhöhe die Martin-Luther-Kirche. Auch die Martin-Chemnitz-Gemeinde inj der Lindenbergsiedlung, die in den 1950er Jahren gegründet wurde, ist eine Tochter der St. Johannis-Gemeinde. In den 1980er Jahren wurde zum Erhalt der St. Magni-Gemeinde auch das Bahnhofsviertel ausgegliedert. Nun aber besteht seit einigen Jahren eine Kooperation zwischen St. Johannis und Martin-Luther, die bei einer Ausweitung auf die St. Magni-Gemeinde wieder in etwa das ursprüngliche Gebiet von vor 1900 umfassen würde. Es würde zusammenwachsen was zusammengehört und der Stadtbezirk Viewegsgarten - Bebelhof könnte die nötige Klammer bilden.

St. Leonhard-Kapelle von Süden (Archiv Löffelsend)
St. Leonhard-Kapelle von Süden
Torhaus an der Helmstedter Straße (Archiv Löffelsend)
Torhaus an der Helmstedter Straße
Nahverkehrsterminal am Hauptbahnhof (Foto: Karl-Heinz Löffelsend)
Nahverkehrsterminal am Hauptbahnhof
Neues Straßenbahndepot (Foto: Karl-Heinz Löffelsend)
Neues Straßenbahndepot
Fotostrecke (16 Bilder)
Güterbahnhof an der Helmstedter Straße (Archiv Löffelsend)
Güterbahnhof an der Helmstedter Straße
Bürgerpark - Okerpartie (Foto: Brunswyk, Wikipedia)
Bürgerpark - Okerpartie
Löwenwall (Foto: Brunswyk. Wikipedia)
Löwenwall
Bootsstation am Löwenwall (Foto: Karl-Heinz Löffelsend)
Bootsstation am Löwenwall
Viewegs Garten 1962 (Städtischer Bilddienst)
Viewegs Garten 1962
St. Johanniskirche von oben (Herbert Tietz)
St. Johanniskirche von oben

Viewegs Garten-Bebelhof - kurzer geschichtlicher Abriss -

1797 Johann Heinrich Campe übernimmt den späteren Viewegs Garten
1817 Bau der Torhäuser am Steintor, beginnende Bebauung der östlichen Stadtteile
1849 Gründung der Voigtländer-Werke an der Campestraße
1870 Stadterweiterungsplan von Carl Tappe, Systematische Erschließung zwischen Wolfenbütteler und Helmstedter Straße
1874 1. Fußballspiel in Deutschland auf dem Leonhardplatz
1887 Gründung des Hauptfriedhofs
1901 Gründung des Katholischen Friedhofs
1905 Einweihung der Johanniskirche
1910 Fast vollständige Bebauung bis zum Altewiekring
1929 Fertigstellung des Bebelhofs
1934 Gründung der Martin-Luther-Gemeinde am Zuckerbergweg
1960 Einweihung des neuen Braunschweiger Hauptbahnhofs
1965 Eröffnung der Stadthalle am Leonhardplatz
1981 Bildung des Stadtteils Viewegsgarten - Bebelhof als politische Einheit

 

Hinweis:

Die Informationen zu den Stadtteilen werden von den jeweiligen Heimatpflegerinnen und Heimatpflegern betreut. Für den Inhalt sind diese ausschließlich verantwortlich.