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Anekdoten

Wilhelm Raabes Leben und Wirken in Anekdoten

 

Schlagfertig
Aufdringliche Rundfragen waren dem Dichter zuwider. So antwortete er einmal auf die Frage, welche Bücher für seinen Werdegang von grundlegender Bedeutung gewesen seien: „Das meiste verdanke ich dem Kochbuch meiner Mutter und dem Sparkassenbuch meiner Frau."

 

Der Rabe der Familie Raabe
In seinen Kindheitstagen besaß Wilhelm Raabes Familie einen echten Raben. Der Dichter, der Jahrzehnte später in seiner historischen Erzählung „Das Odfeld" einen wilden Raben als Zimmergenossen des Magisters Buchius von Amelungsborn auftreten läßt, hat aus seiner Kindheitszeit einmal diese Rabengeschichte erzählt:
„In meinem Elternhause wurde ein zahmer Rabe gehalten, der uns Kinder auf unseren Streifzügen wie ein Hund begleitete, uns auch in der Schule besuchte. Als wir unsere Wohnung wechselten, blieb der Rabe an der alten Stätte zurück; er besuchte uns zwar oft, war aber in der neuen Wohnung nicht zu halten.
Da er jedoch ziemlich verwaiste, so schloß er Freundschaft mit einem an der Kette liegenden Fuchs des von Campeschen Hauses, mit dem er die Mahlzeiten teilte. Der Vogel trieb von Tag zu Tag mehr Unfug, und es wurde deshalb beschlossen, dem Raben den Garaus zu machen. Da ihm schwer beizukommen war, benutzte der junge Campe die Gelegenheit, ihn durch gezielten Schuß zu töten, als der Rabe bei dem Fuchs zu Gaste war. In dem Augenblick, da der Vogel tödlich getroffen zusammenbrach, stürzte sich der Fuchs über den Raben, um ihn - auszuweiden."

 

Steckbrief
Als Wilhelm Raabe in Magdeburg seine Buchhändlerlehre absolvierte, las der Lehrling seinen Namen zum ersten Male in einem Wochenblättchen. Freilich gab es keinen Grund, darüber froh zu sein. Wilhelm Raabe hatte versäumt, sich zur Musterung zu stellen und die strengen, braunschweigischen Behörden suchten ihn mit einem Steckbrief. „Im Betretungsfall zu verhaften", lautete kategorisch die Anordnung. Sofort begab sich Raabe nach Braunschweig, wurde mißtrauisch untersucht, aber wegen Kurzsichtigkeit zurückgestellt.
Mit dieser Veröffentlichung erlebte Wilhelm Raabe zum ersten Mal, daß er „gedruckt" wurde.

 

Schlafmittel
In Wilhelm Raabes Stuttgarter Wohnung verkehrten Schriftsteller, Verleger, Juristen, Gelehrte und Offiziere, wo es einfach, aber gemütlich zuging. An einem dieser Gesellschaftsabende erzählte ein junger Dichter: „Wenn ich bis tief in die Nacht gearbeitet habe, fällt es mir schwer einzuschlafen."
Raabe sah ihn ernst, aber fast besorgt an und meinte: „Lesen Sie denn das Geschriebene vor dem Zubettgehen nicht noch einmal?"

 

Das heilige Manuskript
Das noch unfertige Manuskript galt Wilhelm Raabe als unantastbares persönliches Eigentum. Niemand durfte ein noch nicht abgeschlossenes Werk sehen. In der Stuttgarter Zeit warf Raabe einmal den Anfang eines neuen Werkes ins Feuer, weil seine Frau darin gelesen hatte, und erklärte feierlich: „Im Augenblick, wo der echte Künstler schafft, hat er weder Weib noch Kind und am allerwenigsten Freunde."

 

Aus-dem-Fenster-gucken
Wilhelm Raabe pflegte bei der Arbeit häufig hin und her zu gehen und regelmäßig einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Bald setzte er seinen Rundgang in seinem Arbeitszimmer fort. Seine Schwiegermutter aber meinte einmal verwundert: „Wilhelm verdient sein Geld doch rein mit seinem Aus-dem-Fenster-gucken".
„ "Da hat sie ganz recht", bekräftigte Raabe in vollem Ernst, denn der Rat Miltons „Das Auge ist das große Tor der Weisheit", war ihm zur wichtigen Übung geworden.

 

Das Haus von 1624
Auf dem Heimweg kommen (Raabe) und Freunde auf den Abriß alter Braunschweiger Gebäude zu sprechen. Sie beklagen, daß schon viele alte Häuser der Braunschweiger Altstadt hätten der modernen Spekulation weichen müssen. Das jüngste „Opfer" sei das Fachwerkhaus "Der Stern" am Kohlmarkt.
„Ja", klagt Engelbrecht, „jetzt hat man wieder ein Haus abreißen lassen, das 1624 erbaut wurde."
„Nun", meinte Raabe, „wenn Sie schimpfen wollen, da schimpfen Sie doch auf den, der 1624 dort das Haus weggerissen hat. Das war noch viel älter."

 

Ich will nicht!
Raabe wußte sehr wohl, daß sein Stil und seine Art zu erzählen, der Volkstümlichkeit und Verbreitung seiner Werke abträglich waren. Aber er dachte nicht daran, der Masse durch Aufgabe seiner krausen Schreibart entgegenzukommen. Lieber lebte er in bescheidenen Verhältnissen. Als er einmal mit seiner Familie spazierenging und man an einem schönen, neuen, von Gärten umgebenen Landhaus vorüberkam, meinte seine Frau: „Wer dort wohnen könnte!" Raabes Antwort war: „Könnten wir haben, wenn ich bloß wollte! Ich will aber nicht!"

 

Kein Eigenheim
Als zu Raabes 70. Geburtstag geplant wurde, dem Dichter vom Ertrag einer Sammlung ein Haus zu bauen, meinte er: „Wollen Sie mich durchaus zum unglücklichen Menschen machen?" So beängstigend war ihm der Gedanke, für ein Haus sorgen und es instand halten zu müssen. Der Plan wurde sogleich aufgegeben.
Auch für die Idee, ihm ein richtiges „Raabe-Nest" mit Schiefer belegt und von Weinlaub umrankt, mit weißen Fensterkreuzen und grünen Fensterläden zu schaffen, konnte er sich nicht erwärmen. Er fühlte sich in modernen Häusern recht wohl und hat in Braunschweig stets in Etagenwohnungen neuer Mietshäuser gelebt.

 

Schlafrock
Zu Hause hüllte sich der Dichter in einen karogemusterten Schlafrock mit nachgedunkelten roten Aufschlägen, den Paul Keller einmal eine „Humoreske" genannt hatte. In dieser Kleidung empfing er hin und wieder auch seine Besucher. Bei den Damen machte er keine Ausnahme. Raabe selbst hat über den Schlafrock einmal geäußert: „Darin werdet ihr mich noch einmal auf dem Marktplatz stellen!"
In der Tat gibt es eine Kleinstatue, die Wilhelm Raabe in seinem berühmten Schlafrock zeigt. Der Braunschweiger Hermann Siedentop schuf sie zwei Jahre nach dem Tode Wilhelm Raabes. Allerdings eignete sie sich nicht zur Aufstellung auf einen Marktplatz, denn sie war nur ganze 43 Zentimeter hoch. Sie erinnert aber daran, daß der Dichter im vorgeschrittenen Alter seinen Schlafrock besonders liebte.

 

Sämtliche Anekdoten aus: Wilhelm Raabes Leben und Wirken in Anekdoten." Gesammelt und bearbeitet von Kurt Hoffmeister, Braunschweig 1983.