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Digitale Ärzt:innen: Wie Braunschweig mit Telenotfallmedizin den Rettungsdienst neu denkt

Sirenen, Blaulicht, Zeitdruck: Der Rettungsdienst ist auf Geschwindigkeit angewiesen. Doch immer häufiger fehlt eine entscheidende Ressource: ein Notarzt oder eine Notärztin. Fachkräftemangel, hohe Arbeitsbelastung und lange Anfahrtszeiten stellen die präklinische Notfallversorgung vor große Herausforderungen. Mit der Telenotfallmedizin wird ärztliche Expertise in Braunschweig deshalb auch digital an den Einsatzort gebracht.

„Notärzte sind mittlerweile Mangelware“, sagt Dr. Andreas Höft, Oberarzt am Städtischen Klinikum Braunschweig (Öffnet in einem neuen Tab) und ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes (Öffnet in einem neuen Tab). Die Tätigkeit kommt oft zusätzlich zur regulären Arbeit dazu. Oft nachts, an Wochenenden oder Feiertagen. Die Folge: Immer weniger Ärzt:innen sind bereit, diese Zusatzbelastung dauerhaft zu übernehmen. In einem Flächenland wie Niedersachsen verschärft sich das Problem durch lange Wege und dünne Besiedelung.

Gleichzeitig hat sich der Rettungsdienst stark weiterentwickelt. Mit der Einführung des Berufs der Notfallsanitäter:innen vor rund elf Jahren wurden nichtärztliche Kompetenzen systematisch ausgebaut. „Notfallsanitäter können heute Maßnahmen durchführen, die früher ausschließlich Notärzten vorbehalten waren“, so der Facharzt für Anästhesie. Dennoch bleibe in vielen Situationen eine ärztliche Entscheidung notwendig, etwa bei Medikamentendosierungen oder der Einschätzung, ob ein Transport ins Krankenhaus nötig ist.

© Landkreis Goslar

Ärztliche Entscheidung ohne Anfahrt

Genau hier setzt die Telenotfallmedizin an. Statt auf das Eintreffen eines Notarztes oder einer Notärztin zu warten, können sich Notfallsanitäterinnen und -sanitäter mit dem telenotärztlichen Dienst in der Leitstelle verbinden. Bild, Ton und Vitaldaten wie EKG, Blutdruck oder Sauerstoffsättigung werden in Echtzeit übertragen. „Häufig braucht man den Notarzt gar nicht praktisch vor Ort, sondern nur seine situative Bewertung“, so Höft. Die ärztliche Verantwortung bleibt erhalten, nur der Weg dorthin wird digital.

Der Telenotarzt oder die Telenotärztin sitzt an einem Arbeitsplatz mit mehreren Monitoren, verfolgt das Einsatzgeschehen live und trifft gemeinsam mit dem Team vor Ort therapeutische Entscheidungen. Die Maßnahmen werden durch das Rettungsfachpersonal umgesetzt, die Verantwortung trägt die zugeschaltete ärztliche Betreuung. Ein System, das vor allem Zeit spart: Es gibt keine zusätzlichen Anfahrtswege, keine lebensbedrohlichen Verzögerungen. Und die fahrenden Einsatzkräfte werden spürbar entlastet.

Dr. Andreas Höft, Oberarzt am Städtischen Klinikum Braunschweig und ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes© Kevin Galasso

Vom Offshore-Park nach Braunschweig

Seinen Ursprung hat das Konzept nicht an Land, sondern auf hoher See. In Offshore-Windparks war es schon früh notwendig, medizinische Expertise über große Distanzen bereitzustellen. Heute wurde das Modell im Landkreis Goslar auf den ländlichen Raum übertragen. Mit großem Erfolg: Bereits seit 2021 ist die Telenotfallmedizin dort fester Bestandteil des Rettungsdienstes. Die Telenotärzt:innen selbst sind ausnahmslos medizinische Führungskräfte mit höchster Qualifikation: Leitende Fachärzt:innen mit vielen Erfahrungen im Einsatz als Notärzt:in.

„Nachdem es sich in Goslar bewährt hatte, sind wir niedersachsenweit in die Ausrollung gegangen“, sagt Höft. Das Land plant langfristig bis zu acht vernetzte Telenotarzt-Standorte. Braunschweig hat sich dem Modellprojekt 2024 angeschlossen und setzt das System inzwischen im Regelbetrieb ein. Die technische Hürde ist bewusst niedrig gehalten: Ein Smartphone in einem Brusttragesystem, ein Headset und eine App reichen aus. „Durch den Einsatz von handelsüblicher Technik lässt sich Telenotfallmedizin sehr einfach und kostengünstig betreiben“, betont Höft.

Mehr als nur eine Notlösung

Ihre Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig, insbesondere profitieren aber Fälle in Grauzonen: Wenn keine akute Lebensgefahr besteht, aber eine ärztliche Einschätzung hilfreich oder gar notwendig ist. Die telenotärztliche Beratung kann zudem entscheiden, ob ein Kliniktransport erforderlich ist oder aber ein Besuch in einer hausärztlichen Praxis am nächsten Tag ausreicht. Auch wenn alle fahrenden Notärzt:innen gebunden sind, bietet das System zusätzliche Flexibilität und Sicherheit.

Und Höft denkt bereits weiter: Zukünftig sei auch die Zuschaltung von Fachspezialist:innen denkbar, etwa bei Vergiftungen, psychiatrischen Ausnahmesituationen, pädiatrischen Notfällen oder sogar bei Geburten. Auch bei Großeinsätzen und in Katastrophenfällen könne zusätzliche ärztliche Expertise digital bereitgestellt und so Engpässe überbrückt werden. „Wir stehen erst ganz am Anfang“, prognostiziert er.

© Landkreis Goslar

Willkommene Unterstützung, keine Entmündigung

Zugleich möchte Höft auch Bedenken nehmen: Die Entscheidung, telenotärztliches Personal hinzuzuziehen, liege stets beim Team vor Ort. Die Technologie solle unterstützen, nicht ersetzen. „Wir schmälern durch den Telenotarzt nicht die Kompetenz der Notfallsanitäter, sondern geben ihnen eine zusätzliche Option, die ihren Handlungsspielraum erweitert und ihnen zugleich mehr Sicherheit bietet“, erklärt er. In Braunschweig sind mittlerweile alle Notfallsanitäter:innen für die Telenotfallmedizin geschult.

Für den Rettungsdienst Braunschweig, welcher mehr als 250.000 Bürger:innen versorgt, bedeutet die Telenotfallmedizin vor allem eines: mehr Flexibilität, mehr Sicherheit und eine zukunftsfähige Antwort auf den strukturellen und demographischen Wandel. Und für die Patient:innen bedeutet es noch bessere und schnellere Hilfe, wenn jede Minute zählt.

Text: Stephen Dietl, 10. Februar 2026


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