Netzwerker für den Verkehr von morgen

Die Region Braunschweig-Wolfsburg spielt bei der Entwicklung von smarten Lösungen für die Zukunft von Mobilitätskonzepten und -technologien ganz vorne mit. Vielleicht denkt man da zuerst an Volkswagen, zusammen mit all den Zulieferern, an die Ingenieurbüros und Forschungseinrichtungen, die für Arbeitsplätze und Innovationen sorgen. Doch neben diesen Playern gibt es weitere Akteure, die wegen ihrer Schnittstellenfunktion eine wichtige Rolle spielen. So wie die Allianz für die Region GmbH und der Verein ITS mobility.

eCall kann Menschenleben retten – laut EU-Kommission europaweit bis zu 2500 im Jahr. Das Notrufsystem, das im Falle eines Autounfalls sofort automatisch einen 112-Ruf mitsamt Fahrzeugdaten abschickt, ist in der EU seit März 2018 in allen neuen PKW-Modellen Pflicht. Damit ist eCall ein Leuchtturmprojekt im Bereich des vernetzten Fahrens, der Smart Mobility, das es in die Praxis geschafft hat.

Dass eCall Marktreife erlangt hat, freut Hinrich Weis ganz besonders. Weis ist Geschäftsführer von ITS mobility, einem in Braunschweig ansässigen Verein, der sich selbst als „das Mobilitätscluster in Norddeutschland“ bezeichnet. Seit Jahren ist eCall eines seiner Kernthemen: ITS mobility trieb Konzeption und Erprobung voran, unterstützte die Aufrüstung der Rettungsleitstellen und richtet jährlich die „eCall Days“ aus, die europaweit größte Konferenz, die sich mit Entwicklungsstand und Forschungsperspektiven des Notrufsystems beschäftigt. „eCall ist eine tolle Innovation, bei der sich Akteure aus der Region in eine gute Position bringen konnten“, berichtet Weis. Zwei hiesige Unternehmen seien mit ihrer Technologie auf diesem Gebiet heute Weltmarktführer, führt er aus. Damit hat ITS mobility im Bereich eCall zwei seiner vorrangigen Ziele erfüllt: Die Förderung von Innovationen – und die Einbindung und Stärkung der Region.

Verein als Initiator und Enabler

ITS mobility – das ITS steht für „Intelligent Transportation Systems“ – ist im Bereich Mobilität eng mit der Regionalentwicklungsgesellschaft Allianz für die Region GmbH (AfdR) verknüpft. Auch personell gibt es Überschneidungen, so ist Hinrich Weis nicht nur Geschäftsführer von ITS mobility, sondern auch bei der AfdR tätig. Dort arbeitet er mit Thomas Ahlswede-Brech, dem Leiter für regionale Mobilitätsprojekte, zusammen. Folgerichtig ziehen Verein und Unternehmen bei ihren Vorhaben oft an einem Strang. Aber welche Funktion haben sie im Mobilitätsnetzwerk der Region? „Unsere Aufgabe ist, die richtigen Akteure für das richtige Thema an einen Tisch zu holen. Um dann zum Beispiel einen Förderantrag zu stellen“, erklärt Ahlswede-Brech. Und Weis erläutert: „Wo es passt, sind wir bei einem Projekt natürlich auch aktiv dabei. Ansonsten haben wir vor allem diese Initiierungs- oder Enabler-Funktion. Damit die Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft Innovationen für die Region generieren.“

© Christoph MatthiesHinrich Weis (ITS mobility, links) und Thomas Ahlswede-Brech (Allianz für die Region) verfolgen das gemeinsame Ziel, die Mobilitätsregion Braunschweig-Wolfsburg voranzubringen.

Der am Braunschweiger Forschungsflughafen angesiedelte Verein ITS mobility, 2007 mit 20 Unterstützern gegründet, zählt heute rund 220 Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus ganz Norddeutschland in seiner Mitgliederliste. Auch wegen seiner Gemeinnützigkeit machte sich das Kompetenznetzwerk mit guten Kontakten in Politik und Verwaltung schnell einen Namen. „Wir haben als gemeinnütziger Verein keine ökonomischen Eigeninteressen, sondern sind eine neutrale Plattform, ein Makler. So können wir auch Akteure zusammenbringen, die auf dem Markt eigentlich miteinander konkurrieren“, erklärt Weis. Über 40 Fachveranstaltungen organisiert der Verein mit der gleichnamigen GmbH nach eigenen Angaben jährlich, ähnlich viele Verbundprojekte hat er initiiert, koordiniert und moderiert. Als organisatorische Klammer für viele Projekte dient die „Allianz für intelligente und vernetzte Mobilität“, in der ITS mobility, AfdR und das Niedersächsische Forschungszentrum Fahrzeugtechnik (NFF), eine Einrichtung der TU Braunschweig, zusammenarbeiten.

Forschung zu Batteriezellen und automatisiertem Parken

Thematischer Schwerpunkt ist die vernetzte Mobilität, wie sie bei eCall im Vordergrund steht – oder bei der Initiative ANIKA, die sich mit der Idee einer digitalen Aufrüstung vorhandener Notrufsäulen an Autobahnen beschäftigte. Auch Themen wie Autonomes Fahren oder die E-Mobilität spielen in dem Partnernetzwerk eine wichtige Rolle. Im Forschungsparkhaus am Braunschweiger Flughafen werden, angeregt von den genannten Akteuren und umgesetzt als Verbundprojekt „SynCoPark“ mit vielen Partnern, Parkvorgänge in verschiedenen Automatisierungsstufen getestet, und das herstellerunabhängig. Zum ITS-Weltkongress 2021 in Hamburg soll, so der Plan, auch das Parkhaus der Elbphilharmonie mit einer entsprechenden Infrastruktur ausgerüstet werden, um die Möglichkeiten des automatisierten Parkens in der Praxis zu demonstrieren.

© Isabell Massel/NFFMit dem Forschungsfahrzeug TEASY 3 (Testing and Engineering of Automated Driving Systems) erprobt das Team vom NFF das autonome Parken im Forschungsparkhaus.

Auch der Batteriesicherheits-Campus Deutschland in Goslar geht auf einen Impuls der Braunschweiger Netzwerker zurück. „Wir haben damals die Fahne gehoben und gesagt: Wir haben hier echte Experten auf diesem Gebiet, die etwas Einmaliges machen“, erinnert sich Ahlswede-Brech an die Entstehung. Oft sei man in der Region noch zu bescheiden, wenn es um das Herausstellen der eigenen Expertise gehe, findet der 37-Jährige. Auch in dieser Hinsicht wollen AfdR und ITS mobility voranschreiten.

© PixabyDie Elektromobilität nimmt langsam aber sicher Fahrt auf. Hinrich Weis und Thomas Ahlswede-Brech rechnen damit, dass um das Jahr 2030 erstmals mehr Neuwagen mit E-Antrieb als mit Verbrennungsmotor zugelassen werden.

Die Mobilitäts-Experten Weis und Ahlswede-Brech sind sich einig, dass die Region zwischen Gifhorn und Goslar, Helmstedt und Peine auch für die Zukunft richtig gut aufgestellt ist. Auch, aber keineswegs nur wegen VW. „Über 30 Prozent der Brutto-Wertschöpfung werden hier noch vom produzierenden Gewerbe geleistet. Das ist in Deutschland fast einmalig“, betont Weis. „Eine Zeit lang wurde das als Fluch dargestellt, inzwischen stellt es sich doch wieder als Segen heraus. Weil wir die Tradition und die Strukturen haben, sind wir jetzt wieder ganz vorne mit dabei – zum Beispiel, wenn es um Batteriezellenfertigung geht.“

Mobilität verändert sich – besonders in der Stadt

Wer die Vermutung hegt, dass bei einem Verein, der sich vorwiegend mit der Zukunft des Automobils beschäftigt, ausschließlich glühende Auto-Enthusiasten tätig sind, liegt falsch. Hinrich Weis wählt für seinen täglichen Arbeitsweg aus dem Osten Braunschweigs in die Frankfurter Straße in der Regel das Fahrrad. „Damit bin ich immer schneller als mit dem Auto“, sagt der 50-Jährige, der sich so nach Feierabend außerdem die lästige Parkplatzsuche erspart. Und er ist sich sicher: „Insbesondere im urbanen Raum wird sich Mobilität in den nächsten 20 Jahren gravierend verändern. Nicht umsonst entwickelt sich VW immer mehr vom Fahrzeugbauer zum Mobilitätsanbieter.“ Ahlswede-Brech wird noch deutlicher: „Auch um eine Klimawende herbeizuführen, muss man die Individualmobilität mit dem Auto drastisch reduzieren. Daran führt kein Weg vorbei.“ Einig sind sich beide aber auch darin, dass diese Kurskorrektur gerade in unserer Region, die ökonomisch so stark vom Automobil geprägt ist, Augenmaß erfordere. „Das ist ein evolutionärer, kein revolutionärer Prozess“, stellt Weis klar.

© Christoph MatthiesWie sieht die Stadt von morgen aus? Das Verkehrsaufkommen wird weiter wachsen, die Zahl der PKW aber leicht schrumpfen – das zumindest prognostiziert eine Studie des Mineralölkonzerns Aral und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) über die Mobilität im Jahr 2040. Mit dem DLR, das über einen Standort in Braunschweig verfügt, arbeiten auch ITS mobility und die Allianz für die Region immer wieder zusammen.

Den Durchbruch des Elektroautos als echten Verkaufsschlager erwarten die beiden Experten übrigens bis zum Jahr 2030. Voranzugehen scheint es derweil auch im Bereich der Verkehrssicherheit. 2019 hatte Deutschland die wenigsten Toten im Straßenverkehr seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen vor über 60 Jahren zu verzeichnen (nämlich 3059). Nicht unwahrscheinlich, dass auch der eCall dazu schon seinen kleinen Beitrag geleistet hat.

Text: Christoph Matthies, 20.04.2020