Schnittstelle ins 21. Jahrhundert

Der Informationstechnik-Dienstleister Netzlink unterstützt vor allem regionale Mittelständler und hilft in der Pandemie bei der Kontaktnachverfolgung. Mit seinem IT-Campus am Braunschweiger Westbahnhof hat das Unternehmen aber noch ganz andere Ziele.

Wenn sich Sven-Ove Wähling auf seinem Firmensitz umschaut, dann sieht er gleichermaßen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wo einst Fabriken, Holzhandel und die Eisenbahn den Alltag bestimmten, prägt heute der IT-Campus der Netzlink Informationstechnik GmbH das Bild des Quartiers am Westbahnhof maßgeblich. „Im 19. Jahrhundert hat sich hier Industrie 1.0 abgespielt. Wir sind definitiv Industrie 4.0“, sagt er. Es sei schon eine interessante Wendung der Geschichte, „dass wir als IT-Unternehmen einer der größeren Arbeitgeber im Quartier sind und es mit bearbeiten“, findet Wähling, der die Firma Netzlink gemeinsam mit Tamara Ostermann und Harald Lies als Geschäftsführer leitet.

© Netzlink GmbHBeeindruckende Kontinuität: Seit über 20 Jahren bilden (von links) Harald Lies, Tamara Ostermann und Sven-Ove Wähling gemeinsam die Geschäftsführung des mittelständischen Unternehmens, das auf ein lineares Wachstum zurückblicken kann.

Nach sechsjähriger Standortsuche und Planungsphase begann das Unternehmen im Jahr 2016 mit dem Bau seines neuen Hauptgebäudes im Westen Braunschweigs. Anfang 2018 wurde der Neubau bezogen. Der Firmensitz am Büssinghof an der Wolfenbütteler Straße, wo Netzlink zuvor fast 20 Jahre lang residiert hatte, war irgendwann zu klein geworden. „Wir haben uns dann an die Stadt gewandt“, erinnert sich Wähling an die Phase der räumlichen Neuorientierung, „und die Braunschweig Zukunft GmbH hat sich sehr gut um uns gekümmert.“ Die Entscheidung für das Quartier am Westbahnhof würde Wähling heute noch genauso treffen. Die Verkehrsstruktur, mit Tangente, Ringgleis-Radweg und selbst zu Fuß recht schnell erreichbarer Innenstadt, gefällt ihm ebenso wie das Freizeit-, Sport- und Kulturangebot, das rund um den IT-Campus zu finden ist.

Der 61-Jährige, der eigentlich aus Dithmarschen in Schleswig-Holstein kommt, aber auch schon in München und Berlin gelebt hat, fühlt sich wohl in der Löwenstadt – privat, aber auch als Firmenchef: „Wir sind hier gut aufgehoben mit dem, was wir können und machen. Es gibt hier viel Industrie und jede Menge innovativer Betriebe. Und es gibt eine TU und eine Ostfalia, mit denen wir in engem Kontakt stehen und die immer wieder inspirierend sind. In meinen Augen ist das ein cooler Standort. Wir haben es nicht bereut, im Gegenteil: Es war die richtige Entscheidung.“

© Netzlink GmbHMit seiner Ziegel- und Glasfassade schafft die Netzlink-Firmenzentrale eine optische Symbiose aus industrieller Vergangenheit und Moderne.

Updates für alle deutschen Gesundheitsämter

In Zeiten, in denen immer mehr Firmen auf externe IT-Dienstleister setzen, hat sich Netzlink als eben solcher längst erfolgreich am Markt etabliert. Neben der Zentrale in Braunschweig verfügt das Unternehmen seit vielen Jahren auch über Standorte in Hannover und Kassel, sowie, seit 2019, im polnischen Danzig („Netzlink Polska“). Cloud-Lösungen und IT-Sicherheit, WLAN- und 5G-Netze oder eHealth und IT-Containerisierung heißen die Themen, mit denen sich die mehr als 100 Netzlink-Mitarbeiter täglich beschäftigen. Wichtige Kunden sind beispielsweise große kommunale Krankenhäuser wie das Städtische Klinikum Braunschweig, aber auch mittelständische Unternehmen aus der Region oder große, international agierende Mittelständler – etwa die Aerzener Maschinenfabrik, ein Kompressor-Hersteller aus Südniedersachsen, oder auch der Verpackungsmaschinen-Hersteller Focke & Co. aus Verden an der Aller.

Eine Zusammenarbeit, die zuletzt für größeres öffentliches Interesse sorgte, ist die mit dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig-Stöckheim. Netzlink ist dabei als Managed Service Provider für Datenschutz, IT-Sicherheit und Betrieb von SORMAS zuständig. Dies ist eine Software, die von Gesundheitsämtern bundesweit genutzt wird, um während der Pandemie Infektionen und Kontakte nachzuverfolgen. „Wenn es ein neues Release oder ein Bugfix gibt, können wir das über Nacht weltweit für alle SORMAS-Instanzen ausrollen“, beschreibt Wähling einen typischen Arbeitsprozess, von dem die 375 deutschen Gesundheitsämter, die an SORMAS angeschlossen sind, im besten Fall gar nichts bemerken. Der Netzlink-Chef empfindet die Beteiligung am Open-Source-Projekt SORMAS, an dem außer seiner Firma und dem HZI noch weitere Partner beteiligt sind, als unheimlich motivierend. Zumal man in gerade einmal zehn Monaten extrem weit gekommen sei: „Wenn es in dem Tempo weitergeht, haben wir die Chance, die Digitalisierung der Gesundheitsämter bis Ende des Jahres einen entscheidenden Schritt voranzubringen.“

Ausverkauf in „Oker Valley“

Dass Netzlink im Jahr 1997 ausgerechnet in Braunschweig aus der Taufe gehoben wurde, hatte auch mit einem ersten IT-Boom in „Oker Valley“ zu tun – und dessen Ende. „Auf Braunschweig fiel die Wahl, weil hier eine niedergehende Computer-Industrie gerade ihren Schlussakkord hatte“, erinnert sich Wähling. Tatsächlich war im Jahr der Netzlink-Gründung der Braunschweiger Grafikkarten-Produzent Miro, damals ein echtes Branchen-Schwergewicht, von einem US-Konkurrenten gekauft und zerschlagen worden. Die Produktion von Commodore-Computern in der Löwenstadt war bereits 1993 eingestellt worden, drei Jahre zuvor hatte sich Atari zurückgezogen. Der Computer-Großhändler Frank & Walter (unter anderem durch die Marke „Yakumo“ bekannt), ebenfalls von überregionaler Bedeutung, meldete schließlich 1999 Insolvenz an. Wähling, der in Braunschweig Elektrotechnik studiert hatte, wusste in seinem Freundeskreis einige (ehemalige) Mitarbeiter dieser Unternehmen; Co-Geschäftsführerin Ostermann hatte beispielsweise bei Commodore gearbeitet. „Ich dachte mir: Fachpersonal findest du hier, die Kosten sind niedriger als in Berlin oder München – und in der IT ist es ja eigentlich egal, wo man sitzt“, denkt Wähling an die Anfänge der Firma zurück, die seitdem linear gewachsen ist und noch immer auf flache Hierarchien setzt.

© Netzlink GmbHAuch innen überrascht das Netzlink-Hauptgebäude mit interessanten und kreativen Ideen.

Rund 21 Jahre später erfolgte der Umzug an den IT-Campus Westbahnhof, der eine neue Epoche in der Geschichte der Firma einläutete. Für den neuen Unternehmenssitz, mit den beiden geklinkerten Büro-Würfeln mit Verbindungstrakt im Zentrum, wurden rund 7,5 Millionen Euro investiert. Die Vision dahinter war, nicht nur eine Unternehmenszentrale, sondern einen echten Campus – Wähling spricht von einer „Begegnungsstätte“ – zu schaffen. „Wir haben hier kein repräsentatives Headquarter gebaut, wie man das vielleicht in den 70er oder 80er Jahren gemacht hätte“, stellt der Geschäftsführer klar. Stattdessen berichtet er von einem hochmodernen Gebäude mit einer zeitgemäßen, an die Bedürfnisse der Belegschaft angepassten Raumaufteilung, dazu „aus heimischen Rohstoffen, mit niedrigem CO²-Footprint, von regionalen Architekten“. Auch in den Strukturen des Quartiers engagiert sich die Firma, entsandte Mitarbeiter in die ansässigen Vereine, besuchte fast alle Bürgerversammlungen und nahm die Wünsche und Bedürfnisse der Nachbarn ernst.

IT-Campus in ständigem Wandel

Seit seiner Fertigstellung bietet der IT-Campus, getreu der Netzlink-Philosophie, die auf Kooperationen setzt (etwa im 2004 gegründeten Partnernetzwerk Grouplink), nicht nur den eigenen Mitarbeitern, sondern auch anderen innovativen Unternehmen, Start-ups und Freiberuflern ein Zuhause. Neun Firmen aus ganz unterschiedlichen Branchen sind derzeit auf dem Gelände als Mieter vertreten und profitieren von den Strukturen, Ressourcen und dem Know-how der Hausherren. Die Warteliste für Firmenräume auf dem Netzlink-Campus am Westbahnhof ist lang.

© Netzlink GmbHDer IT-Campus von Netzlink setzt im Quartier rund um den Braunschweiger Westbahnhof unübersehbare architektonische Akzente.

Wirklich fertig ist der Firmensitz derweil noch lange nicht – und vielleicht wird er es niemals ganz. „Der Campus bleibt eine Art Labor, das ständig an die Anforderungen der Mitarbeitenden angepasst wird. Gerade auch in der Zeit der Pandemie hat sich da viel verändert“, berichtet Wähling.

© Netzlink GmbHAuf der Terrasse des IT-Campus lässt es sich aushalten - zumindest, wenn das Wetter mitspielt.

Auf dem Nachbargrundstück, zwischen dem aktuellen Campus und dem angrenzenden Kletterpark, hat Netzlink mittlerweile, auch wegen der großen Nachfrage externer Firmen, mit der Planung eines weiteren Neubaus begonnen. Im Jahr 2022 sollen die Bagger wieder rollen. Sven-Ove Wähling, der ein wenig ins Schwärmen gerät, wenn er von „seinem“ Quartier spricht, hat merklich Spaß daran, weiter an der Zukunft des Viertels rund um den Westbahnhof zu arbeiten: „Wir können hier als mittelständischer Betrieb wirklich mitgestalten und eine Spur hinterlassen.“

Text: Christoph Matthies, 07.06.2021