Das Rüstzeug für die Arbeit von morgen

In der Technikakademie der Stadt Braunschweig (TAB) werden „Staatlich geprüfte Techniker:innen“ ausgebildet. Der beruflichen Karriere kann dieser Abschluss einen ordentlichen Schub verleihen.

Wenn man Lutz Barfels durch die langen Flure seines Arbeitsplatzes begleitet, kann er einem viel erzählen über die Institution, die hier, an der Kastanienallee 71, seit Ende der 60er Jahre zu Hause ist. Im Jahr 2004 heuerte Barfels als Lehrkraft an der Technikakademie der Stadt Braunschweig (TAB) (Öffnet in einem neuen Tab) an, 17 Jahre später, im Juli 2021 wurde er zum Schulleiter befördert. Mit der Geschichte seiner Fachschule für Technik hat er sich eingehend beschäftigt. „Wir haben gemeinsame Wurzeln mit der Hochschule für Bildende Künste“, erzählt er von den Anfängen des Lehrinstituts, das aber von Beginn an keine Künstler:innen, sondern Techniker:innen ausbildete. Im Jahr 2026 wird die TAB ihr 100-jähriges Bestehen feiern. Noch mehr als die Vergangenheit hat der studierte Maschinenbauer aber die Zukunft im Blick. Eine Technikerschule, so viel ist klar, muss stets mit der Zeit gehen – sobald sie auf der Stelle tritt, Innovationen verpasst, Unterrichtsinhalte nicht regelmäßig auf den Prüfstand stellt und aktualisiert, verliert sie den Anschluss. Diese Befürchtung hegt Barfels allerdings nicht. „Was die Digitalisierung in der Schule angeht, sind wir jahrelang immer ganz weit vorne gewesen“, betont er beispielsweise. „Das werden wir auch weiterhin versuchen.“

Lutz Barfels ist seit Sommer 2021 Schulleiter der Technikakademie der Stadt Braunschweig (TAB) im Östlichen Ringgebiet.© Christoph Matthies / BSM

Stark in Entwicklung, Forschung und Konstruktion

Die Technikakademie ist keine gewöhnliche Schule. So besteht keine Schulpflicht für die hier angebotene Weiterbildung und es kommt - entgegen den Vorgaben vom Kultusministerium - schon einmal vor, dass die Schülerinnen und Schüler hier Studierende genannt werden, die Klassen Semester heißen und es anstelle der Schülervertretung einen AStA gibt, der sich um die Interessenvertretung der Schülerinnen und Schüler kümmert.

Ähnlich wie an einer Universität wird hier an die Eigenverantwortung der Lernenden appelliert. Und die sind in der Regel hochmotiviert, denn ihr großes Ziel, nach der Weiterbildung an der TAB den Titel „Staatlich geprüfter Techniker / Staatlich geprüfte Technikerin“ führen zu dürfen, bringt messbare Vorteile mit sich; sei es auf dem Arbeitsmarkt, im Unternehmen oder auf dem Gehaltsscheck. Der Abschluss eröffnet gleichsam den Weg zu einem Hochschulstudium. Barfels spricht außerdem vom „praxistauglichen Rüstzeug“, das man aus der Weiterbildung mitnehme, und das der weiteren beruflichen Karriere einen entscheidenden Schub geben könne. „Gerade in den Bereichen Entwicklung, Forschung und Konstruktion sind wir sehr gut aufgestellt“, erläutert der Schulleiter, wo seiner Meinung nach die Stärken der TAB liegen.

Der 3D-Druck als neuartige Technologie, deren Möglichkeiten bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind, darf auch in der TAB nicht fehlen. Hier gibt es gleich mehrere unterschiedliche 3D-Drucker.© Christoph Matthies / BSM

Insgesamt 268 Schüler:innen besuchen derzeit die TAB, sie kommen aus der gesamten erweiterten Region, „von Lüneburg im Norden bis Seesen im Süden“, wie Barfels berichtet. Alle haben bereits eine Erstausbildung hinter sich, viele sind oder waren bei mittelständischen Industrieunternehmen tätig, andere kommen aus dem Handwerk und wollen sich industriell orientieren. Unterrichtet werden die Schüler:innen von derzeit 17 Lehrkräften. Anders als in privaten Technikerschulen ist die Qualifizierung an der TAB für die Lernenden kostenlos. Zwei Jahre lang besuchen sie die Akademie und nehmen an insgesamt 2400 Unterrichtsstunden teil, das sind 30 Stunden pro Woche, 40 Wochen im Jahr. Wer seinen Job währenddessen nicht ruhen lassen möchte, kann sich auch für ein Teilzeitmodell entscheiden, bei dem der Unterricht in den Abendstunden stattfindet. Bis zum Abschluss dauert es dann allerdings doppelt so lange. Knapp 100 Schüler:innen haben sich aktuell für die vierjährige Fachschule entschieden.

An zahlreichen Arbeitsplätzen werden Schüler:innen der Technikakademie in den Grundlagen der Pneumatik unterrichtet.© Christoph Matthies / BSM

Elektrotechnik, Informatik, Maschinentechnik und Mechatronik

Streift man mit Barfels an einem Freitagmittag durch das backsteinerne Hauptgebäude, luschert man mit ihm in die zu diesem Zeitpunkt meist schon leeren Klassen- und Laborräume, erhält man einen Eindruck davon, was und wie hier gelernt wird. Rechner und Beamer in fast jedem Raum. Hier eine Wand mit Automatisierungssteuerungen, dort ein Aufbau mit pneumatischen Komponenten. Auch einen programmierbaren Kuka-Roboter findet man hier. Elektrotechnik, Informatik, Maschinentechnik und Mechatronik heißen die Fachrichtungen in denen die Schüler:innen hier ihren „Techniker“ machen. Ein Curriculum der Fachrichtung Elektrotechnik mit Schwerpunkt „Industrie 4.0“ zeigt, dass an der TAB auch für die Arbeit von morgen gelernt wird. Neben berufsübergreifenden Fächern wie Mathematik, Englisch oder Betriebswirtschaft geht es um berufsbezogene Basics, etwa die Grundlagen elektrotechnischer Systeme. Doch dann gibt es eben auch noch Lerninhalte, die sich ganz stark mit Digitalisierung, Robotik und Informatik beschäftigen. Mit jeweils 80 Stunden stehen etwa Additive Fertigung, Robotersysteme und Netzwerke sowie Softwareentwicklung auf dem Lehrplan. Hier unterstützt zukünftig die Kooperation mit der Cisco Networking Academy. Barfels weiß, dass seine Fachschule immer am Puls der Zeit bleiben, immer wieder neue Trends aufgreifen muss. „Auch Industrie 4.0 als etwas Neues wird in einigen Jahren keinen mehr interessieren“, glaubt der 59-Jährige, der stets nach jungen Lehrkräften Ausschau hält, um dem Bedarf nach zeitgemäßen Lehrinhalten gerecht zu werden.

Aufbauten und Anlagen, die Einblicke in die Automatisierungstechnik gewähren, begegnen einem in der Technikakademie immer wieder.© Christoph Matthies / BSM

Der typische Lernende an der TAB ist zwischen 20 und 30 Jahre alt – und männlich (es gibt aber auch knapp 20 Schülerinnen an der TAB, die sich in der männlich dominierten Fachschulwelt selbstbewusst behaupten). Diese Beschreibung des Schulleiters deckt sich ziemlich genau mit der Klasse, die wir am Freitagnachmittag noch im Hauptgebäude, in einem Unterrichtsraum ganz am Ende eines langen Korridors antreffen. Rund 25 Fachschüler inklusive einer Fachschülerin des Abschlusssemesters Mechatronik sitzen hier noch zusammen und büffeln, viele haben ihr persönliches Notebook oder Tablet dabei – die TAB setzt auf das „Bring your own device“-Prinzip. Die Schüler:innen sind aus freien Stücken hier, lassen das Wochenende aus eigenem Antrieb warten, und das ganz ohne Lehrkraft. Hier stimmt die Motivation ganz offensichtlich, hier muss man keinen zwingen. Die Stimmung ist konzentriert, aber entspannt. Und hier wird zusammengearbeitet.

Motiviert und wissbegierig: Eine Mechatronik-Klasse der Technikakademie büffelt an einem Freitagnachmittag auch schon mal ohne Lehrkraft.© Christoph Matthies / BSM

Mehrere Fliegen mit einer Klappe

Teamwork, das bestätigt Barfels, ist ein ganz wichtiger Faktor in der Weiterbildung der Technikakademie. Dies mache sich vor allem im zweiten Jahr bemerkbar, wenn auf die Pflicht die Kür folgt: „Als Baustein der Techniker-Weiterbildung sind die Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe, also im zweiten Jahr, angehalten, eine Projektarbeit zu verwirklichen.“ Dabei tun sich zwei oder drei Lernende zusammen und bearbeiten, betreut von einer Lehrkraft und einem Unternehmen, ein von ihnen selbst gewähltes Thema. Das darf schon mal 250 bis 300 Stunden in Anspruch nehmen und sich gerne mit innovativen Themen beschäftigen. „Konzeption eines automatisierten Endeffektors für die 3D-Betondrucktechnik“ steht auf dem an der Wand hängenden A1-Projektposter einer Elektrotechnik-Projektarbeit aus der jüngeren Vergangenheit, die gemeinsam mit einem Institut der TU Braunschweig umgesetzt wurde. „Bei der Projektarbeit kann man viele Fliegen mit einer Klappe schlagen“, weiß der Schulleiter, der selbst auch als Projektbetreuer tätig ist. „Einerseits ist es eine Pflicht, die man erledigen muss. Aber zugleich kann man den Fuß in die Tür eines Unternehmens oder Instituts bekommen und sich ein Aufgabengebiet suchen, in dem man später tätig sein möchte.“ Auch für die Lehrenden der TAB seien die Projektarbeiten wertvoll, „hier holen wir uns unser Spezial-Knowhow in bestimmten Bereichen“, so Barfels.

Den Campus an der Kastanienallee teilt sich die Technikakademie mit der BBS V und der Gaußschule.© Matthies / BSM

Bis in vier Jahren das große Schuljubiläum ansteht, will Barfels noch einiges bewegen. Herausforderungen gibt es genug. Fachschulen für Technik, insbesondere die der öffentlichen Hand, die meist über eine vergleichsweise geringe finanzielle Ausstattung verfügen, hatten es zuletzt schwer. „Wir haben in den letzten sieben bis acht Jahren einen ziemlichen Aderlass hinter uns“, räumt der Leiter der TAB ein. „Wir kommen von 700 bis 800 Schülern und liegen jetzt bei knapp 300. Dieses Niveau haben wir in den vergangenen drei Jahren gehalten und ich hoffe, dass wir das jetzt auch wieder hochfahren werden.“ Rund 100 Schüler mehr dürften es schon sein, findet Barfels. Dafür möchte er auch noch intensiver als bisher auf Unternehmen zugehen, die Verzahnung mit der Wirtschaft verstärken: „Das Ziel ist, dass man die Technikakademie dort als aktiven Part der Personalweiterbildung wahrnimmt.“ Denn qualifizierte Fachkräfte mit einer guten Ausbildung, das weiß nicht nur TAB-Leiter Lutz Barfels, kommen nie aus der Mode.

Text: Christoph Matthies, 09.02.2022