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Gedenkgottesdienst für Lucie Heiligentag

Texte: Erdmute Trustorff

Einladungsflyer zum Gottesdienst in der Zwiebelkirche am 29.5.2016 um 10.30 h

Ein Mensch brennt

Im Mai 1613 wurde Lucie Heiligentag aus Timmerlah als „Hexe“ verbrannt. Zuvor war ihr unter der Folter das Geständnis abgepresst worden, „Schwarze Magie“ betrieben zu haben. Auch ihrer Verwandten Grete Heiligentag aus Timmerlah wurde „Hexerei“ vorgeworfen.
Mehrere zehntausend Menschen im deutschsprachigen Raum, die meisten von ihnen Frauen, fielen dem religiösen Wahn der „Hexen“verfolgungen zum Opfer. Von vielen wissen wir die Namen nicht.
Der Jesuit Friedrich Spee, Zeitgenosse von Lucie und Grete Heiligentag und Beichtvater vieler „Hexen“, trat unter Lebensgefahr diesem grausamen Unwesen entgegen.
Im Gottesdienst wird auf das Schicksal der Lucie Heiligentag sowie auf die Bedeutung von Friedrich Spee eingegangen werden. Es werden mehrere Gemeindelieder mit Texten von Spee (Ev.Gesangbuch) und eine Vertonung seines Gedichtes „in stiller Nacht“ durch Johannes Brahms gesungen.
Alte Instrumente wie Renaissanceblockflöte, Gemshorn und Harfe sowie Sopran Solos werden den Gottesdienst begleiten.
Die Predigt hält Pfarrer Harald Welge.

Im Anschluss an den Gottesdienst wird neben der Kirche eine weiße Rose gepflanzt.

Ablauf des Gottesdienstes

Gottesdienst 2.Sonntag nach Trinitatis
29.Mai 2016
Timmerlah 10.30 Uhr

„Ein Mensch brennt“ (Mai 1613)

Instrumentalmusik zum Eingang und Vorspiel zum
Gemeindelied: Die ganze Welt…EG 110,1-6 Text: Friedrich Spee(1591-1635)

Begrüßung
Eingangsliturgie
Kollektengebet

Über Lucie und Grete Heiligendag
Zwischenmusik

Über Friedrich Spee
Musik: In stiller Nacht; Text: Friedrich Spee; Vertonung/Satz: Johannes Brahms(1833-1897)

Gemeindelied: O Heiland reiß den Himmel auf EG7 Text: Friedrich Spee

Predigt

Gemeindelied: Die Erde ist des Herrn EG 623, 1-4
624 im Kanon, Quartett

Credo

Prozessionslied: Gaude -Freu dich!

Abkündigungen – mit Wort zur Blume

Fürbittengebet
Vater Unser
Sendung – Segen
Prozessionsmusik zum Ausgang, Rosenpflanzung: „Cuncti simus..(d:wir singen gemeinsam..“)

Predigt: Harald Welge
Texte: Erdmute Trustorff
Solosopran und Harfe: Eva Karras
Nyckelharfe: Elke Hinrichs
Gemshorn, Renaissanceflöte, Bordun, Orgel: Erdmute Trustorff
Quartett aus der Propstei Vechelde: Dagmar Lührig (Alt), Florian Pultke (Tenor) Andreas Steingröver (Bass), Erdmute Trustorff (Alt/Sopran) und Eva Karras (Sopran)

Gottesdienst: Gedanken zu Lucie Heiligentag (Hilgendag)

Sie sagen voller Zorn – ich wünsche mir, dass der Sturm endlich den Kirschbaum der Nachbarin umknickt - ich habe keine Lust zum Laub Fegen - und es passiert. Der Baum fällt im Sturm um. 1613 liest sich das in der Denkweise vieler Menschen so: Sie haben der Nachbarin den Sturm und den Baumfall angehext. Könnten Sie das Gegenteil beweisen? Nein! Im Gegenteil: Sie würden unter Folter zugeben, dass Sie alles und noch viel mehr herbei gehext haben. Dafür gehe ich jede Wette ein. Denken Sie sich bitte bei dem Wort „Hexe“ immer Anführungszeichen. Ich meine – es gibt Aberglauben, aber keine Hexen. Es gibt Satansglauben, aber keinen Satan. Es sind Menschen, die anderen Menschen Fürchterliches antun.

1613 wurde Lucie Hilgendag, eine ältere Frau aus Timmerlah, als Hexe angeklagt und gefoltert, wahrscheinlich auch ihre Verwandte Grete. Lucie gab auf der Folter zu, alles Mögliche mit dem Satan getrieben zu haben und dem Vieh des Küsters Sander eine Krankheit angehext zu haben. Zu ihrer Zeit glaubten die Menschen, dass durch die Folter die Wahrheit ans Licht kommt. Welch furchtbarer Irrtum.

Vielleicht hat Lucie ihren Lebensunterhalt damit verdient, Menschen und Vieh zu heilen oder auch einen kleinen oder größeren Schadenszauber zu versuchen. Vielleicht ist auch von dem Sohn des Küsters Oppermann nur behauptet worden, dass sie die Hexenkrüge unter der Schwelle vergraben hat, um sich für etwas zu rächen. Die Denunziation trieb ein unvorstellbar grässliches Unwesen.

Über Lucie Hilgendag wissen wir Bescheid, weil sich die Gemeinden um die Bezahlung der Folter und des Henkers gestritten haben. Akribisch wurde jeder Pfennig für jede Grausamkeit aufgelistet. Sie können es im Archiv einsehen, wenn Sie wollen. Letztendlich wurde Lucie und wahrscheinlich auch ihre Verwandte Grete Hilgendag aus Timmerlah in Lechlum hingerichtet, wahrscheinlich verbrannt, vielleicht auch vorher enthauptet. Das war im Mai 1613.Vor ziemlich genau 403 Jahren. Besuchen Sie doch einmal den Gedenkstein bei Wolfenbüttel!

Massenhafte Hexenverfolgungen sind keine Erscheinungen des sog. finsteren Mittelalters, sondern gingen einher mit den Anfängen des Humanismus und der Aufklärung. Zwischen dem 16.Jahrhundert und dem 18. Jahrhundert wurden im deutschsprachigen Raum mehrere zehntausend Menschen als Hexen im Feuer hingerichtet: vorwiegend Frauen, wie Lucie und Grete, aber auch deren Kinder, aber auch Männer. Die Ursachen sind vielschichtig: Klimawechsel, Missernten, ganz besonders die Kriegswirren des 30-Jährigen Krieges.

Auch Überbleibsel heidnischer Bräuche haben eine Rolle gespielt: Wir haben das quasi vor der Haustür. Jedes Jahr werden im Harz unter Jubel der Anwesenden Strohpuppen verbrannt.

Für die Menschen zur Zeit der Frauen Hilgendag war der Hexenglaube kein Spaß, sondern religiöser Wahn und grausamer Alltag. Lucie war bereits zum Tode verurteilt, als Peter Sander sie denunzierte. Ihr Schicksal, und das von abertausenden von Menschen, davon viele anonym, sei uns Mahnung vor religiösem Wahn und dessen Folgen.

Der Hexenhammer

Ende des 15. Jahrhunderts erschien der sog. „Hexenhammer“ des Dominikaners Heinrich Kramer, eine Art Grundlagenwerk zur Erkennung, Vernehmung und Verurteilung sogenannter Hexen; auch für die Folter und die Art der Hinrichtung. Ich will auf die scheußlichen Einzelheiten nicht eingehen. Wichtig ist mir: die Schrift begründet die angeblich besondere Anfälligkeit der Frau, mit dem Teufel einen Bund einzugehen, mit der Rolle der Frau beim Sündenfall in der Bibel. Damit standen alle Frauen unter theologisch begründetem Generalverdacht. Mit den bekannten Folgen.

Eingebunden in den Vortrag singt Eva Karras ein Volkslied, das die Stimmung der damaligen Zeit wiedergibt und wohl auch unter dem Eindruck eines Klimawandels entstanden ist.

Es geht eine dunkle Wolk herein
mich deucht es wird ein Regen sein (dünkt)
ein Regen aus den Wolken
wohl in das grüne Gras

Und kommst du, liebe Sonn, nit bald ( nicht)
so weset alls im grünen Wald (verweset)
und all die müden Blumen
die haben müden Tod

Es geht eine dunkle Wolk herein
es soll und muss geschieden sein
ade- Feinslieb, dein Scheiden
macht mir das Herz so schwer

Der Hexenhammer war ein Bestseller, stand auch in Luthers Bücherschrank und galt als wichtigster Leitfaden für Folter und Hinrichtung sog „Hexen“. Insbesondere der Herzog Heinrich Julius von Braunschweig und Wolfenbüttel, der als gebildeter Mann galt, hat sich zu Lucies und Gretes Lebzeiten bis Juli 1613 als sog.“Hexenbrenner“ hervorgetan. Zeitgenossen schrieben, die Hinrichtungsstätte Lechlum hätte vor lauter Pfählen ausgesehen wie ein kleiner Wald.

Bedeutender Kritiker der Hexenverbrenung: Friedrich Spee

In unserer unmittelbaren Umgebung, in Peine, steht aber ein Gemeindezentrum, das den Namen einer der bedeutendsten Gegner der Praxis der Hexenverfolgungen trägt: Friedrich Spee (1591-1635), Jesuit, katholischer Moraltheologe und für mich in seiner Dichtkunst so etwas wie der Paul Gerhard der katholischen Kirche. Er ist Zeitgenosse von Lucie und Grete Hilgendag. 1628 wurde er mit dem Auftrag nach Peine geschickt, den Katholizismus wieder einzuführen. 1629 wurde er bei einem Überfall schwer verletzt und kehrte Peine den Rücken.

Mit seiner Kritik an den Hexenverfolgungen stand er mit einem Bein immer auf dem Scheiterhaufen, wie alle Kritiker. Seine Gegenschrift gegen den Hexenhammer „ Cautio criminalis“ erschien zunächst 1613, im Todesjahr unserer Frauen, anonym und war wegweisend für die Beendigung der Hexenverbrennungen. Mutig wandte er sich insbesondere gegen die Folter als Wahrheitsfindung. Möglicherweise war er Beichtvater von zum Tode verurteilten Frauen; auf jeden Fall war er Zeuge der entsetzlichen Folterpraktiken und Hinrichtungen. Das beeinflusste sein Denken und Fühlen. Spee war katholischer Christ, zugleich ein Humanist, der Gedichte und Liedtexte geschrieben hat, die zu den schönsten und beliebtesten im Evangelischen Gesangbuch gehören. Wir singen sie so selbstverständlich; uns ist meistens nicht bewusst, wer sie getextet hat.(es lohnt sich, hier und da hinten im Gesangbuch nachzugucken) Berühmte Musiker vertonten seine Texte, wie Johann Sebastian Bach, der seine Texte in den großen Passionen verwandte; die Romantiker entdeckten Spee Anfang des 19.Jahrhundert neu. Da Spee viele Texte anonym verfasste um sich zu schützen, brauchte es Forschungen, um die Texte ihm zuordnen zu können.

Brahms hat ein Gedicht vertont, das Friedrich Spee zugeordnet wird; mit dem Wissen, dass ihm bei den Hinrichtungen offensichtlich unschuldiger Frauen beinahe das Herz brach, bekommt der Text eine noch tiefere Bedeutung. Friedrich Spee fühlt sich in seiner Trauer über die klagende Stimme am frühen Morgen mit der ganzen Schöpfung verbunden.
Sie hören den vierstimmigen Satz von Johannes Brahms, gesungen von einem Quartett aus der Propstei.

In stiller Nacht

Text: Friedrich Spee (1591-1635)
Vertonung: Johannes Brahms(1833-1897 )

In stiller Nacht, zur ersten Wacht,
ein Stimm begunnt zu klagen. (beginnt)
Der nächtge Wind hat süß und lind (nächtliche)
zu mir den Klang getragen:
Von herbem Leid und Traurigkeit
ist mir das Herz zerflossen,
die Blümelein, mit Tränen rein (Blümchen)
hab ich sie all begossen.

Der schöne Mond will untergahn, (untergehn)
für Leid nicht mehr mag scheinen,
die Sterne lan ihr Glitzen stan, (lassen, Glitzern, stehen)
mit mir sie wollen weinen.
Kein Vogelsang, noch Freudenklang
man höret in den Lüften.
Die wilden Tier traurn auch mit mir (trauern)
in Steinen und in Klüften.

Die Frauen Hilgendag können Spee nicht begegnet sein. Aber ich wollte bei der Spurensuche nicht bei dem grausamen Schicksal der beiden bleiben, sondern auch auf ihren mutigen Zeitgenossen, der kurze Zeit in dieser Gegend tätig war, verweisen. Friedrich Spee war seiner Zeit weit voraus und hat den Umgang mit Menschen in Gerichtsverfahren in kommenden Zeiten stark beeinflusst hat: ein mitfühlender Mensch, nach dem ein Gemeindezentrum in unserer Nachbarschaft benannt ist!

Pflanzung einer weißen Gedenkrose

© Quelle Ernst-Otto TrustorffPflanzung der Rose A.Steingröver_E.Trustorff_H.Welge_E-M.Karras_D.Lührig_E.Hinrichs

von li.: Andreas Steingröver, Erdmute Trustorff, Harald Welge, Eva Karras, Dagmar Lührig, Elke Hinrichs. Auf dem Bild fehlt Florian Pultke.