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Poetik Dozentur

Ricarda Huch gilt als Braunschweigs große Stimme, welche humanistische Tradition und Geschichtsschreibung in die literarische Moderne überführte. Gleichzeitig hat sie als Frau im öffentlichen Leben und in der kulturellen Praxis ihrer Zeit weibliche (und männliche) Identitäten in Frage gestellt: Dies war für die Kooperationspartner TU Braunschweig und Stadt Braunschweig Grund genug, 2015 im Namen der berühmtesten Frau der Stadt eine Poetikdozentur für Frauen und Gender ins Leben zu rufen.

Die literarisch-kulturwissenschaftliche Reihe, die sich der Genderthematik - also der Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und sozialen Geschlechtsmerkmalen - in der Gegenwartsliteratur widmet, wurde vom Dezernat für Wissenschaft und Kultur der Stadt Braunschweig in Kooperation mit der Fakultät für Geistes- und Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Carolo Wilhelmina, Braunschweig, dem Braunschweiger Zentrum für Gender Studies (BZG) und dem Institut für Regionalgeschichte eingerichtet. Die Namensgeberin Ricarda Huch, prominente Braunschweigerin mit ungewöhnlicher Biographie, die ein faszinierend vielfältiges Werk geschaffen hat, steht beispielhaft für die einzigartige Verknüpfung von Weiblichkeit, Gender und Literatur.

Aktuelles

Ricarda Huch Poetikdozentur 2020 läuft - anders

Covid-19 hat die Gesellschaften europaweit und global im Griff. Was lässt sich aus Sicht feministischer Diskussionszusammenhänge zu der durch das Virus ausgelösten gesellschaftlichen Entwicklung sagen? Sind jetzt (ersehnte/befürchtete) Wertewechsel möglich oder wird vielmehr an alteingesessenen Strukturen umso nachhaltiger festgehalten? Welche Beobachtungen generiert die Situation, was können zu diesem Zeitpunkt Künstler*innen und Denker*innen bereits oder wieder erkennen?

Sasha Marianna Salzmann, ausgezeichnet mit der diesjährigen Ricarda Huch Poetikdozentur, initiiert vier Gespräche: mit der Soziologieprofessorin Sabine Hark, dem Autor und Dramaturg Necati Öziri, der Dramatikerin Sivan Ben Yishai und der Schriftstellerin Emma Braslavsky. Sie setzen der rasend schnellen globalen Entwicklung mit ihren naturwissenschaftsbasierten Entscheidungen und rasch gefassten Notfall-Maßnahmen eine radikal entschleunigte, intellektuelle Technik entgegen: Nachdenken; ungesehene Zusammenhänge ansprechen; ignorierte Konsequenzen benennen; blinde Voraussetzungen klären.

Die diesjährige Poetikdozentur verläuft angesichts von Covid-19 in veränderter Form: Die vier geplanten Gespräche werden aufgezeichnet und stehen Ihnen auf dieser Seite vollständig zur Ansicht bereit. 

 

6. Ricarda Huch Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt (Braunschweig): Grußworte der Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse sowie der Präsidentin der TU Braunschweig Prof. Dr.-Ing. Anke Kaysser-Pyzalla (Juli 2020)
6. Ricarda Huch Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt (Braunschweig): Laudatio von Dr. Carolin Bohn (Juli 2020)

I: Im Gespräch: Sasha M. Salzmann – Prof. Dr. Sabine Hark

„Brüderhorde“

In Sigmund Freuds Kulturtheorie ermordet die Brüderhorde den Vater, Clanchef und Alleinherrscher. Dadurch entsteht - temporär und auf ein Geschlecht beschränkt - geteilte männliche Herrschaft, was zunächst nach der Urszene der Demokratie klingt. Im Gespräch gehen Sasha Salzmann und die Soziologin Sabine Hark dem Begriff aus feministischer Perspektive nach: Ist das heute anscheinend zunehmende (Wieder-)Erstarken von "Brüderhorden" eine teils gewaltvolle, teils hilflose Reaktion auf die Möglichkeit einer nicht-binären (geschlechtlichen) Logiken folgenden Gesellschaft oder birgt es auch Potentiale für eine geschlechtergerechte Gesellschaft?

6. Ricarda Huch Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt (Braunschweig): Sasha M. Salzmann im Gespräch mit Prof. Sabine Hark (Juni 2020)

II: Im Gespräch: Sasha M. Salzmann – Necati Öziri

„Für wen schreiben wir?“

Im Gespräch zwischen den Autor:innen Sasha Salzmann und Necati Öziri, die nacheinander das STUDIO Я am Gorki Theater in Berlin geleitet haben, entspinnen sich Gedanken darüber, für wen sie schreiben – und für welches Heute, für welche Zukunft, aufgrund welcher Vergangenheit und Geschichte. Wie kann erzählt werden, was heute wirklich erzählt werden muss, weil es gesellschaftlich brennt – Desintegration, kanonische versus queere Blicke, Rassismus, Migration. In das Gespräch sind auch eine Reihe von Fragen an Sasha Salzmann eingeflossen, die Studierende der Germanistik (TU) und des Darstellenden Spiels (HBK) entwickelt haben.

6. Ricarda Huch Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt (Braunschweig): Sasha M. Salzmann im Gespräch mit Nacati Öziri (Juni 2020)

III: Im Gespräch: Sasha M. Salzmann - Sivan Ben Yishai

„The Body as an Argument“

In dem Gespräch mit der Dramatikerin Sivan Ben Yishai werden Fragen nach Geschlechtsidentität, Liebe, Immigration, Selbst-/Sabotage, Sprechen und Begehren mit ihrer körperlichen Seite kurzgeschlossen und von dort aus gestellt. Ist Identität eine Körperinschrift, ist der Körper sich selbst Inschrift? Wo fängt Sexualität an, wo hört Körper auf? Welche Rolle spielt der eigene Körper beim Schreiben einerseits von Theatertexten andererseits von Romanen?

6. Ricarda Huch Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt (Braunschweig): Sasha M. Salzmann im Gespräch mit Sivan Ben Yishai (Oktober 2020)

IV: Im Gespräch: Sasha M. Salzmann – Emma Braslavsky

„Der Android ist eine Frau“

Im Gespräch knüpfen Sasha M. Salzmann und die Schriftstellerin und Kuratorin Emma Braslavsky an deren letzten Roman „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ (2019) an. Was macht den Roboter einem Geschlecht zugehörig – Zuschreibung, Programmierung, Gelegenheit, Anpassung? Wo treffen sich Maschinenmenschen und feministische Ansätze, unsexuelle/sexualisierte Körper und anpassungsfähige, dienstbereite Hubots?

6. Ricarda Huch Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt (Braunschweig): Sasha M. Salzmann im Gespräch mit Emma Braslavsky (Oktober 2020)

6. Ricarda Huch Poetik Dozentur 2020

© Stefan LoeberSasha Marianna Salzmann

Die Roman- und Theaterautorin, Essayistin, Theatermacherin und Kuratorin Sasha Marianna Salzmann studierte Literatur, Theater, Medien in Hildesheim und Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. 2002 war sie die Mitbegründerin das Kultur- und Gesellschaftsmagazin „freitext“, das sie bis 2013 mit herausgab. Seit 2012 ist sie Hausautorin am Maxim Gorki Theater Berlin und hatte die Künstlerische Leitung der dortigen Studiobühne STUDIO Я inne („beste Experimentierbühne des Jahres“ 2014). Sie ist Mitbegründerin des „Neuen Instituts für Dramatisches Schreiben“ (NIDS), das u.a. eine innovative Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Stoff und Form, insbesondere mit Blick auf politische Inhalte, zum Ziel hat. Salzmanns Arbeiten sind international aufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Ihr Debütroman AUSSER SICH stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2017 und erhielt den Mara-Cassens sowie den Jürgen-Ponto Preis. AUSSER SICH wird momentan in 15 Sprachen übersetzt.

5. Ricarda Huch Poetik Dozentur 2019

© © Michaela Melián/Suhrkamp VerlagThomas Meinecke

Thomas Meinecke wurde 1955 in Hamburg geboren, lebte ab 1977 in München und zog 1994 in ein oberbayrisches Dorf. Von 1978 bis 1986 war er Mitherausgeber und Redakteur der Avantgarde-Zeitschrift „Mode & Verzweiflung“, in den Achtzigerjahren schrieb er Kolumnen für DIE ZEIT, ab 1986 veröffentlichte er Erzählungen und zahlreiche Romane, zuletzt den Roman „Selbst“ (2016) im Suhrkamp Verlag. Zudem war er von 2007 bis 2013 Kolumnist für das Berliner Magazin „Groove“. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Düsseldorfer Literaturpreis (2003) und dem Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst (2008). Im Wintersemester 2012 hatte er die Poetikdozentur an der Goethe-Universität Frankfurt inne, 2014 war er Writer in Residence an der Queen Mary University in London und 2016 Fellow am IFK in Wien. Thomas Meinecke ist außerdem Musiker und Texter in der 1980 von ihm mitgegründeten Band „Freiwillige Selbstkontrolle“ (FSK), Radio-DJ in seiner Sendung „Zündfunk Nachtmix“ (BR 2) und hat auch als Solokünstler Platten aufgenommen.

4. Ricarda Huch Poetik Dozentur 2018

© © Villa Massimo Foto Alberto NovelliUljana Wolf

Uljana Wolf,geboren 1979 in Berlin, Studium der Germanistik, Kulturwissenschaft und Anglistik in Berlin und Krakau, lebt als Lyrikerin und Über-setzerin in Berlin und Brooklyn. Sie ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland und der Akademie für Sprache und Dichtung. Sie erhielt 2010 ein Autorenstipendium der Villa Aurora in Los Angeles, 2013 den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis, 2015 den Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung sowie 2016 den Adalbert-von-Chamisso-Preis und lehrte u.a. am Pratt Institute Brooklyn, der New York University, der Schule für Sprachkunst in Wien und der Humboldt Universität zu Berlin. Gegenwärtig ist sie Stipendiatin der Villa Massimo in Rom.

3. Ricarda Huch Poetik Dozentur 2017

© © Peter von FelbertMarica Bodrožić

Marica Bodrožić, geboren 1973 in Dalmatien (Kroatien), lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays und unterrichtet regelmäßig an Schulen und Universitäten.

Zentrales Thema ihres bisherigen Romanwerks, wofür Marica Bodrožić in Braunschweig den Preis der Ricarda Huch Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt 2017 erhält, sind die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre, angefangen bei ihrem Erzähldebut „Tito ist tot“ (2002) über den Roman „Der Spieler der inneren Stunde“ (2004) bishin zu ihren jüngsten Büchern „Das Gedächtnis der Libellen“ (2009), „Kirschholz und alte Gefühle“ (2012) und „Mein weißer Frieden“ (2014).

Marica Bodrožić zählt zu den wichtigsten Erzählerinnen ihrer Generation auf Deutsch. Sie erhielt u. a. den Preis der LiteraTour Nord, den Literaturpreis der Europäischen Union, den Literaturpreis der Adenauer-Stiftung, den Kulturpreis Deutsche Sprache. Ihre Wiesbadener Poetikvorlesungen von 2014 erschienen 2015 unter dem Titel „Das Auge hinter dem Auge“ und beschäftigten sich bereits mit Protagonistinnen weiblichen Schreibens wie Marguerite Duras, Christine Lavant oder Nathalie Sarraute.

Mehr: www.marica-bodrozic.de 

2. Ricarda Huch Poetik Dozentur 2016

© © Peter von FelbertAnnette Pehnt

ANNETTE PEHNT, geboren 1967 in Köln, lebt mit ihrer Familie in Freiburg i.Br. Nach einem Jahr Freiwilligenarbeit in Belfast verbrachte sie mehrere Jahre in Irland, Schottland und den USA. Nach einem Studium der Anglistik, Keltologie und Germanistik in Köln, Galway, Berkeley/California und Freiburg promovierte sie über irische Literatur. Freie Mitarbeit bei der FAZ und der Badischen Zeitung, Schreibwerkstätten, Lehraufträge. Seit 2007 Dozentur an der PH Freiburg. Preise u. a.: 2001 Förderpreis zum Künstlerinnenpreis Nordrhein-Westfalen, 2001 Mara-Cassens-Preis, 2002 Preis der Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, 2004 großes Stipendium des Darmstädter Literaturfonds, 2008 Thaddäus-Troll-Preis, 2009 Italo-Svevo-Preis. 2012 Solothurner Literaturpreis, 2012 Hermann-Hesse-Preis.

Werke u. a.: Ich muß los (Roman, München 2001), Herr Jakobi und die Dinge des Lebens (Roman, München 2005), Rabea und Marili (Kinderbuch, Hamburg 2006), Mobbing (Roman, München 2007), Annika und die geheimnisvollen Freunde (Kinderbuch, Hamburg 2007). Hier kommt Michelle (Campusroman, Freiburg 2010), Lexikon der Angst (München 2013), Der Bärbeiß (Kinderbuch, München 2013).

1. Ricarda Huch Poetik Dozentur 2015

KRISTINA MAIDT-ZINKE, in Bremen geboren, studierte Germanistik, Anglistik und Skandinavistik und arbeitet seither als freie Kulturjournalistin, Kritikerin, Autorin und Übersetzerin. Nach Aufenthalten in Finnland und Italien war sie von 1996 bis 2001 vorwiegend für die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Literaturkritikerin tätig, danach wurde sie feste Feuilleton-Autorin der Süddeutschen Zeitung und Buchrezensentin für DIE ZEIT. Von 2008 bis 2010 war sie Mitglied der Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse, der sie ab 2016 wieder für drei Jahre angehören wird. 2015 wirkt sie zum vierten Mal in der Jury des Braunschweiger Wilhelm Raabe-Literaturpreises mit. Sie gehört außerdem der Jury des Deutschen Übersetzerfonds an und moderiert seit 2011 das „Lyrische Quartett“ in der Münchner Stiftung Lyrik Kabinett. Im S. Fischer Verlag hat sie zwei Bände mit Texten aus dem Nachlass von Robert Gernhardt herausgegeben. Kristina Maidt-Zinke lebt zur Zeit in München und Venedig.