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1. Gefrieranlage im Landkreis

Timmerlah, eine Hochburg des Bauerntums

Die erste Gefrieranlage im Landkreise - Offener Viehstall mit Laufhof - Technisierung vorbildlich

(Zeitungsartikel in den Braunschweiger Nachrichten Weihnachten 1953 Autor: Haneba)

Timmerlah. Gewiß, Timmerlah ist ein Dorf wie viele andere im Landkreis Braunschweig. Der Besucher, der nur einmal flüchtig durch den Ort wandert, wird auch keine besonderen Sehenswürdigkeiten finden. Vielleicht fällt es ihm bei näherer Betrachtung auf, daß an der Kirche mit dem Zwiebelturm allerlei Reparaturen notwendig sind.

Aber in Fachkreisen der Landwirtschaft hat Timmerlah einen guten Ruf als Hochburg des Bauerntums. Hier sind die Bauern, wie alle niedersächsischen Landwirte, selbständig sehr

stark denkende Persönlichkeiten, aber besonders aufgeschlossen für den Gemeinschaftsgedanken und sehr fortschrittlich gesonnen.

So ist es denn Tatsache geworden, daß im Landkreis Braunsclıweig Timmerlah die Domäne der Lehrbetriebe geworden ist und daß das Genossenschaftswesen dort blüht. Eine Gefrieranlage, ein Mähdrescher, ein Rohrstahlgerätewagen, Kohlplanzmaschinen und noch viele andere modernste Maschinen - teils im Eigenbesitz, teils im Genossenschaftsbesitz - sind hier in der Praxis eingesetzt und haben sich auch bewährt. Ein Erfolg, der neben der Initiative der Bauern, die ja letzten Endes die Entscheidung haben, vor allem der Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle Braunschweig neben anderen beratenden Stellen zu verdanken ist.

Während der Wintermonate drängt die Arbeit der Bauern nicht so. Da kommen sie schon einmal in der Gastwirtschaft des Nachmittags zusammen, um zu planen und Erfahrungen auszutauschen, was noch geschehen müßte, um.die Betriebe weiter zu intensivieren und technisieren, um eine größere Rentabılität zuerzielen.

Die Zeiten der Großväter sind endgültig vorbei. Alle einst tausendfach bewährten Methoden müssen as acta gelegt werden. Nur der fortschrittliche Bauer wird sich auch in Zukunft durchsetzen können. Geändert haben sich die Zeiten und der Bauernhof, wie er sıch in seinem alten Aufbau seit Jahrhunderten mehr oder minder bewährte, mit all seiner Romantik wird schon verhältnismäßig kurzer Zeitspanne der Vergangenheit angehören wie die schwerbeladenen von Pferden gezogenen Erntewagen, die über das holperige Dorfplaster schwanken.

© Quelle Heimatpfleger B.Aumann1.Gefrieranlage im Landkreis

Gespräche am runden Tisch

Im Gasthof „Zur alten Schmiede“ haben sich einige Bauern zusammengefunden, um zu beraten und zu planen. So ganz zwanglos geschieht das am besten. Und der Direktor der Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle, Landwirtschaftsrat Hempelmann, ist auch dabei. Wir haben Glück, daß wir hier zufällig Einkehr hielten.

Da sitzen nun die Bauern Probandt und Schulte, der Vorsitzende des Aufsichtsrats und der Vorsitzende des Vorstandes der Genossenschafts-Gefrieranlage, der Bauer M um m e, der nach einem bewährten amerikanischen Muster aus einer alten Scheune einen Tiefstall mit Hoflauf und moderner Melkanlage baute, und noch einige Berufskollegen. Nur zwei Themen gibt es hier: "Gefrieranlage" und "moderner Kuhstall". Wirklich Grund genug, einmal scharf aufzupassen.

Direktor H e m p e l m a n n sagte, dass die genossenschaftliche Gefrieranlage die erste im Landkreise Braunschweig ist. Die Timmerlaher Bauern seien mit gutem Beispiel vorangegangen.

Die Vorsitzende der Genossenschafts-Gefrieranlage, Bauer Probandt, gibt dann einen kleinen Überblick und stellt die großen Vorteile heraus.

© Quelle Heimatpfleger B.AumannBauer legt Gefriergut in eins der 63 Gefrierfächer

So eine Gefrier-Truhe für einen einzelnen Betrieb kostet 2400 DM. Diese errichtete Gefrieranlage hat 63 verschließbare Fächer. Jedes Fach kostet in der Anschaffung 240 DM und kann ein 3 bis 4 Zentner schweres Schwein aufnehmen. Das ist schon etwas! Die Betriebskosten sind sehr gering. `

Bestimmt eine erstklassige Sache. Aber wie steht es mit den wirtschaftlichen Vorteilen?

Das ist unsere Frage.

„Sie werden staunen“, entgegnet Bauer Probandt. "Alle Kalkulationen stimmen. Wir sind mit der Anlage sehr zufrieden. Ganz abgesehen von der Arbeitsersparnis im allgemeinen. Unsere Frauen werden entlastet. Wir können jetzt zu jeder Jahreszeit schlachten, wenn es uns paßt, wenn wir Zeit haben, die Schweinepreise nicht hoch sind. Alles kommt in die Gefrierfächer. Immer haben wir Frischfleisch und die alte Methode des Einpökelns gibt es bei uns nicht mehr. Dann ist eine ganz andere Verwertung des Schlachtgeflügels möglich. Immer rein in die Gefrieranlage. Wir haben immer frisches, vollwertiges Fleisch."

Sind denn schon alle Fächer belegt? Direktor Hempelmann erkundigt sich danach. "Noch sind einige frei", sagt Bauer Schulte und meint, daß man auch aus der Nachbarschaft mal ein paar interessierte Landwirte in dieGemeirıschaft aufnehmen könnte. Einige Broitzemer Bauern sind schon dabei. Diese würden sicher die besten Werbe für eine genossenschaftliche Gefrier-Anlage.

Selbstverständlich mußte die Anlage nun besichtigt werden, die im Gasthaus untergebracht ist. Von der Giebelseite führt eine Tür in den Vorraum. Hier ist das Aggregat aufgestellt. Zwei Motoren summen ihr eintöniges Lied. Weht hier ein kühles Lüftchen, so ist es doch schon in dem dahinter liegenden Raum, der vor dem Gefrierraum liegt, recht kalt. Haken zum Aufhängen von Wild, Geflügel und größeren Fleischteilen, die zum baldigen Verbrauch bestimmt sind, wurden angebracht.

Die hermetisch schließende Tür zum Gefrierraum mit den bereits erwähnten 63 Fächern zeigt schon eine dicke Eiskruste, und als sie geöffnet wird, schlagen die Besucher den Mantelkragen hoch. Das Thermometer zeigt 18 Grad minus. Am Ende des Ganges ist noch eine besondere Zelle, in der das eingelieferte Gut bei 28 Grad minus erst eingefroren wird, bis es in die Fächer zur Aufbewahrung kommt. Wirklich eine vorbildliche Einrichtung. Wir kehren in die molligwarme Gaststube zurück,

um mit einem Grog einer etwaigen, Erkältung vorzubeugen.

Der viel diskutierte Kuhstall

„Die Timmerlaher sind wirklich in jeder Beziehung fortschrittlich“, beginnt Direktor Hempelmann das Gespräch wieder. "Herr Mumme ist mit seinem offenen Tiefstall, Laufhof und Melkanlage der Entwicklung so etwa 20 Jahre voraus."

Aber das will Bauer Mumme nicht wahr haben. Aus der Not heraus habe er das Problem angefaßt und mit primitiven Mitteln aus einer alten Scheune diese ganze Anlage geschaffen. Ich kann nicht Unsummen in ein Gebäude investieren, die sich nicht verzinsen, erklärte er. Der Bauer legt viel zu viel Kapital in Gebäuden an. Eine Tatsache, die die Rentabilität eines Hofes beeinträchtigt.

Nach vielen eingehenden Beratungen, vor allem mit der Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle, dem Versuchsring und der Forschungsanstalt Völkenrode habe ich mich entschlossen, die Kombination Tiefstall und Laufhof einschließlich einer modernen Melkanlage und Milchkammer zu schafffen. Letzten Endes ist es ja mein Geld, was ich verbaue. Der Geldbeutel bestimmt nun mal den Umfang aller Bauvorhaben.

Bei dieser Anlage habe ich allein eine Arbeitsersparnis von 40 Prozent, außerdem kann ich die Menge der Mistproduktion bestimmen. Da der Stall nach Süden offen ist, wird mir von einigen Kollegen ein Fehlschlag vorausgesagt. Nun, die Milchproduktion geht selbstverständlich im offenen Stall zurück, da die Kühe weniger Wasser aufnehmen. Aber der Fettgehalt, nachdem ja die Milch bezahlt wird, steigt.

Mein Vieh wird durch diese Haltungsweise abgehärtet, bleibt gesünder und länger leistungsfähig. Die Tiere fühlen sich äußerst wohl, und meine Beobachtungen berechtigen mich zu dieser Behauptung.

Vielleicht interessiert es noch, fügt Bauer Mumme nach Direktor Hempelmann gewandt zu, daß ich meinen Viehbestand neu aufbaue. Die Kühe werden, da sie gewohnt sind, nur mit der Maschine gemolken zu werden, nicht mehr nachgemolken. Ich habe in meiner Praxis festgestellt, daß dies, eine Gewöhnung der Tiere vorausgesetzt, nicht mehr erforderlich ist.

© Quelle Heimatpfleger B.AumannKälber im Tiefstall

20 Kühe fühlen sich im neuen Stall wohl

Da ist nun die alte, zum modernen Tiefstall umgebaute Scheune, an der offenen Südseite schließt sich der Laufhof an mit einer Rübenblattmiete, aus der die Tiere sich das entnehmen, was sie verzehren. Jedes kann gehen, wohin es will. Im Stall befindet sich die Tränke, den Tieren jederzeit zugänglich, und die lange Futterkrippe an der breiten, hohen Rampe. Von hier aus erfolgt die Fütterung des Viehs mühelos; denn die Futtervorräte liegen in großen Kammern gegenüber. Dazu sind weder Karren noch Wagen erforderlich. Einige große Gabeln, die bereitgestellt sind, genügen vollauf.

Der Melker treibt gerade die Kühe zusammen. Es ist Melkzeit. Ein stromgeladener Draht hält die Tiere auf einem kleineren Geviert vor der Melkkammer zusammen. Als der Betreuer die Tür zur Melkkammer öffnet, schieben sich schon zwei Kühe - sie scheinen es besonders eilig zu haben - durch das Tor, gehen ohne jeden Zuruf ein paar Stufen hinauf zum Melkstand und warten geduldig bis die Melkmaschine angesetzt wird.

Sehr interessant und vorbildlich ist die Melkkammer mit der daneben liegenden Milchkammer. Doch darüber in den nächsten Tagen mehr.