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Elektrifizierung

Die Elektrifizierung des Braunschweiger Stadtteils Mascherode begann vor 100 Jahren

Die vor 100 Jahren initiierte Stromversorgung des Ortes Mascherode ist zur Zeit des Ausbaus von Naturstrom fast schon vergessen. Damals machten sich die Verantwortlichen in den Braunschweig umgebenden Dörfern Gedanken über eine zukünftige Versorgung mit Elektrizität. Der Anstoß kam von der Firma PreußenElektra (Preußische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft) aus Berlin. Sie hatte die Braunschweigischen Kohlenbergwerke und die Überlandzentrale Helmstedt (ÜLZ) gegründet, da sich in Helmstedts Süden große Braunkohlereserven befanden, die unmittelbar zur Stromherstellung geeignet waren. Um die erstellten Kraftwerke effizienter nutzen zu können, sollten neue Absatzchancen erarbeitet werden. Somit ergriff die Geschäftsführung die Initiative, die Dörfer im Herzogtum Braunschweig für eine Elektrifizierung zu gewinnen.

Auch die Administration war daran interessiert und so bat die Herzogliche Kreisdirektion Mascherodes Gemeindevorsteher August Bötel, die Potenziale für einen Anschluss des Ortes auszuloten. Dazu wurde ein Fragebogen an alle Landwirtschafts- und Handwerksbetriebe von ihm ausgegeben und dann ermittelt, dass 410 Einwohner zu zählen und die Ortschaft als „wohlhabend" einzuschätzen war. Es gab damals 26 landwirtschaftliche Betriebe, davon 22 mit Pferdehaltung. Neben den Angaben über Feldgrößen und angebaute Früchte listete August Bötel auch die „handwerksmäßigen Betriebe" auf. Das waren Bäcker, Stellmacher, Tischler und Zimmermann, Schmied sowie Bauunternehmer.

Gutachten des Ingenieurbüros Sander & Meyer

Das Anschlussprozedere ging weiter, als am 10.04.1913 der Gemeinderat Mascherode von der Herzoglichen Kreisdirektion einberufen wurde. Man fasste dabei einen ordentlichen Beschluss zur gewünschten Elektrifizierung, welcher dann am 05.11.1913 vom Herzoglichen Staatsministerium gebilligt wurde.

In den Akten, die ich freundlicherweise bei der Firma E.ON Avacon AG in Helmstedt einsehen durfte, befindet sich der Hinweis auf ein Gerücht, dass mögliche Konkurrenzunternehmen Strom eventuell günstiger liefern könnten. (Es handelte sich dabei um die schon 1898 eingerichtete Straßenbahn von Braunschweig nach Wolfenbüttel, die im Nachbarort Melverode vorbeiführte.) Jedoch das eigens von der Herzoglichen Kreisdirektion dafür beauftragte Gutachten der Firma „Sander & Meyer / Ingenieure – Technisches Bureau Braunschweig" entkräftete am 13.02.1913 diese Annahme.

Gleichzeitig hatten die Herzoglichen Kreiskommunalverbände Riddaghausen / Vechelde (dazu zählte Mascherode) und Wolfenbüttel das Überlandwerk Braunschweig GmbH (ÜLW BS) gegründet. Es bündelte die von 93 Landgemeinden unterschriebenen Lieferverträge und schloss mit der ÜLZ Helmstedt, der Tochter der PreußenElektra, für das erste Geschäftsjahr 1913/14 einen Strombezugsvertrag.

Schließlich erhielt die ÜLZ den Auftrag, eine 50 000-Volt-Leitung vom Kraftwerk bei der Grube „Emma" im Kreis Helmstedt bis zur Übergabestation „Moritzburg" (am Möncheweg zwischen der Lindenbergsiedlung und der Südstadt) zu installieren. Von dort verlegte das Überlandwerk Braunschweig Mittelspannungs-Versorgungsleitungen (15/20 KV) als Freilandleitungen in die angeschlossenen Dörfer. Bei genügender Ortsgröße errichtete man dort Transformatorenhäuser zur Umspannung in 220/380 Volt.

© Repro: D. HeitefußTransformatortransports zur Übergabestation Moritzburg

In Mascherode entstand 1914 das Transformatorenhaus mit der Ass. Nr. 59 (Brandversicherungs-Nummer) an der Ecke Möncheweg / Alte Kirchstraße / Hinter den Hainen. Später kamen noch die Transformatorenhäuser Schmiedeweg und Jägersruh hinzu.

Überlandleitungen 1927

Im 2. Geschäftsjahr verlangsamte sich der Bau von Leitungen und Betriebsanlagen. Durch kriegsbedingte Beschlagnahme von Kupfer gab es teilweise sogar Baustopps bei einhergehender Suche nach Ersatzmaterialien (verzinktes Eisenseil wurde benutzt, hatte allerdings eine siebenmal kleinere Leitfähigkeit als Kupfer!).

Trotzdem war die Verwendung des elektrischen Stroms nicht mehr aufzuhalten. Im Geschäftsjahr 1915/16 des ÜLW BS wird für Mascherode festgehalten, dass es bei 415 Einwohnern 40 Abnehmer gibt. 641 Glühlampen und 11 Motoren werden damit versorgt. Das sind 1,5 Lampen pro Einwohner bei einem Durchschnitt aller Gemeinden im Amt Riddagshausen / Vechelde von 0,87. Mascherode weist also am 31.03.1916 bedeutende Anschlusswerte auf, einschließlich einer durchgehenden Straßenbeleuchtung!

© Repro D. HeitefußElektromotor zum Antrieb einer Dreschmaschine

Trotz des I. Weltkrieges und der unsicheren politischen Verhältnisse anfangs der 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts setzte sich die verstärkte Nutzung der Elektrizität im Land Braunschweig durch. Es wirkten sich offensichtlich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ab 1928 nicht negativ aus. Aus kaufmännischen Gründen entwickelten sich jedoch Bestrebungen, verschiedene Stromanbieter zusammenzuführen.

Ankündigung in der Zeitung: Gründung der Hastra als Hannover-Braunschweigische Stromversorgungs- AG

In Hannover gab es die ÜSTRA (Überlandwerk und Straßenbahnen), aus der die Hastra (Hannoversche Stromversorgungs-Aktiengesellschaft) herausgelöst worden war. Die PreußenElektra, Besitzer des gesamten Aktienkapitals sowohl der ÜSTRA als auch der Hastra, strebte eine Fusion mit dem ÜLW BS an. Somit gelang am 1.10.1929 ein Zusammenschluss der Hastra mit dem ÜLW BS unter Einbeziehung der Kreiselektrizitäts-Versorgung Sulingen und des Elektrizitätswerks Söhlde GmbH in Hildesheim in die neue Hannover-Braunschweigische Stromversorgungs-Aktiengesellschaft, die die Abkürzung Hastra beibehielt. Der Hauptsitz sollte Hannover sein, während in Braunschweig und Langelsheim Zweigabteilungen angesiedelt sein sollten. Führungskräfte aus den bisherigen Vorständen bildeten den neuen Vorstand. Der Vorsitzende im Aufsichtsrat sollte fortan von der PreußenElektra kommen, sein Stellvertreter vom ÜLW BS. Diese Abmachungen beglaubigte Notar Dr. Fiehn am 17.1.1929 in Hannover. – Allerdings klagte der Freistaat Braunschweig gegen diese Fusion, weil man offenbar Angst hatte, den kommunalen Einfluss auf die Strompolitik verlieren zu können. Dadurch konnte der Vertrag erst am 1.01.1933 nach Abschluss des Verfahrens rechtswirksam werden, so dass die Hastra von diesem Tag an Mascherode versorgte.

Die Geschäftsberichte ergeben keinerlei Hinweise auf Probleme bei der Versorgung in den Folgejahren. Auch die Auswirkungen des II. Weltkrieges sind nicht ertragsmindernd wirksam geworden. Die politische Einflussnahme wird allenfalls durch Streichung der Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat deutlich und teilweise wird nicht von der Gesellschaft, sondern von der Gefolgschaft geschrieben.

Nach 1945 werden die Geschäftsberichte im gleichen wirtschaftlich-fachlichen Tenor fortgesetzt. Die Stromversorgung erfolgt trotz der Verdoppelung der Einwohnerzahl in Mascherode stets in vollem Umfang. Probleme beim Abtrennen des Kraftwerks Harbke durch die DDR konnten durch andere Werke kompensiert werden. Später kamen auf bundesrepublikanischer Seite das neue Kraftwerk Offleben und noch später das abgasarme Kraftwerk Buschhaus dazu.

In und um Mascherode legte die Hastra am Ende der 60er-Jahre nach und nach Versorgungskabel unter die Erde, wobei sie sich ungeahnte Probleme einhandelte. Pensionierte führende Mitarbeiter der Hastra, die dem Heimatpfleger bei seinen Recherchen halfen, berichten vom sogenannten „Hamsterfraß": Zwischen Mascherode und Stöckheim war eine Leitungsstörung aufgetreten, die sich keiner erklären konnte. Bauarbeiten als gemeinhin bekannter Grund für Störungen waren nicht zu verzeichnen. Es musste also zeitaufwändig geforscht werden. Schließlich stellte sich heraus, dass Hamster die PVC-Ummantelung des Erdkabels abgeknabbert und die Plastikteile in ihrem Nest verbaut hatten - Eine Erkenntnis, die aufgrund dieser häufiger bei Erdverkabelung auftretenden Beeinträchtigung zur Produktionsumstellung auf PE-Ummantelung führte.

Seit Winter 1983/84 wurden die Freilandleitungen im Ort durch Erdkabel ersetzt. Gleichzeitig errichtete man neue Straßenlichtmasten und die drei alten Mascheroder Transformatorenhäuser tauschte man gegen wenig sichtbare flache Kästen neben den Fußwegen aus.

1974 erfolgte die Eingemeindung der Landkreisgemeinden in die Stadt Braunschweig. Darauf strebte der Stromversorger Stadtwerke Braunschweig eine Integration dieser Vororte in die städtische Belieferung an. Am 1.09.1983 kündigte die Stadt durch den 1. Bürgermeister Steffens und Stadtdirektor Kuhlmann die Konzessionsverträge der ehemaligen Landkreisgemeinden mit der Hastra. Man wollte bei Auslauf der Verträge Anfang der 90er-Jahre alle Vororte von den Stadtwerken versorgt wissen. Für Mascherode lief der Vertrag am 6.03.1992 aus. Allerdings bat die Stadt mit Schreiben vom 11.02.1992 aus organisatorischen Gründen um einen festen Übergabetermin für alle betreffenden Orte. Unterzeichnet ist es vom damaligen Stadtkämmerer Dr. Zirbeck.

Die Protokolle der gemeinsamen Sitzung der Führungsebenen von Hastra und Stadtwerken vom 20.02.1992 weisen die Rahmendaten für die Übergabe aus. Es soll ein einziger mittlerer Übergabetermin vereinbart werden und Arbeitsgruppen sollen Einzelheiten des Übergabekonzepts aushandeln. Insbesondere spielen die personale Umsetzung bzw. der Verbleib bei der Hastra eine Rolle. Gleichfalls sind zukünftige Entlohnung und zu verrechnende Rentenansprüche zu bedenken. Eine Besprechung vom 29.10.1992 zwischen Hastra-Mitarbeitern und dem zu diesem Zeitpunkt schon von den Stadtwerken ausgegliederten Teilbetrieb Braunschweiger Versorgungs-AG (BVAG) erbringt alle Einzelheiten: Somit übergibt die Hastra am 7.11.1992 24.00 Uhr gegen Zahlung von 40.018.600,00 DM durch die BVAG ihre beschriebenen technischen Anlagen und ihre langjährig bedienten Kunden und damit Mascherode in die Obhut der städtischen Gesellschaft. Die Hastra versorgte Mascherode also vom 1.1.1933 bis 7.11.1992 mit Strom! Seit 2001 beliefert die Fa. BS Energy die gesamte Stadt Braunschweig. BS Energy gehört jetzt zum Veolia-Konzern, an dem die Stadt mit 25,1 % beteiligt ist.

Im Rückblick auf die Entwicklung der Stromversorgung seit 100 Jahren mit Kohleverstromung, Lieferung über Freilandleitungen und Kernkraftnutzung erscheint es interessant, darüber zu mutmaßen, wie derzeitige Aktivitäten (Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft sowie Stromspeicherung) als Neuausrichtung der Versorgung in 100 Jahren zu beurteilen sind. Ebenso wird eine gegründete Initiative zur Verhinderung einer möglichen Potenzialfläche für Windräder südlich des Ortes Mascherode in 100 Jahren zu betrachten sein.

Henning Habekost , Stadtteilheimatpfleger

Quellen:

  • Gespräche mit ehemaligen Mitarbeitern der Hastra
  • Archiv der E.ON Avacon AG Helmstedt
  • 75 Jahre Überland-Zentrale Helmstedt AG, 1980