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Der Große Exerzierplatz

Der Große Exerzierplatz an der Salzdahlumer Straße.

Im Südosten von Braunschweig – etwa dort, wo sich heute das Klinikum Salzdahlumer Straße befindet – lag um 1900 der „Große Exerzierplatz“.

Was ist aus diesem riesigen Gelände geworden?

Für die in Braunschweig stationierten Soldaten benötigte man ein neues Übungsgelände. Der alte „Kleine Exerzierplatz“ im Bereich der jetzigen Kant-Hochschule der TU Braunschweig entsprach nickt mehr den Anforderungen.

Ein Gelände, das zu den Ländereien des alten Gutes St. Leonhard gehörte, bot sich als neuer Standort an. Zwischen dem Schill-Denkmal und dem „Bürgermeistercamp“ an der damaligen Wöthstraße – heute Schillstraße – befand sich bereits die etwa 1831 angelegte und 1839 in Gebrauch genommene 39 Morgen große Schießbahn.

Da sich der Pächter des Gutes St Leonhard durch die militärischen Aktionen immer wieder beeinträchtigt fühlte, bestand jetzt die Möglichkeit, den Pachtvertrag aufzulösen und hier den Exerzierplatz einzurichten. Auf dem Gelände, das bis zur Auflösung des Klosterhaushaltes von ihm bewirtschaftet worden war, entstand 1889.der 116 ha und 67,62 ar umfassende „Große Exerzierplatz“. Die Gemeinde Rautheim musste dafür Land zur Verfügung stellen. In seiner Sitzung vom 21. Dezember 1889 beschloss daher der Gemeinderat, 9 Morgen auf dem Heidberg – einschließlich der dort befindlichen Lehmgrube – abzutreten. Dafür erhielt die Gemeinde dieselbe Fläche aus den zu St Leonhard gehörenden Ländereien.

Etwa dort, wo heute das Krankenhaus Salzdahlumer Straße steht, befand sich seit 1839 das Pulvermagazin. Im Ersten Weltkrieg hatte man in der Nähe eine Baracke errichtet, die als Quaratäne-Station für an Räude erkrankte Pferde diente.

Außerdem war auf dem Gelände des Exerzierplatzes ein Landeplatz für Luftschiffe errichtet. Am 13. Oktober 1913 machte hier erstmals ein Luftschiff – die „Hansa“ – fest. Der Regent des Herzogtums Braunschweig, Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg bestieg mit seiner Gattin das Luftschiff und flog nach Weimar. Die nächste Landung erfolgte am 16. Mai 1914 durch das in Leipzig stationierte Heeresluftschiff „Z VI“,

Im Oktober 1895 berichtete die „Braunschweiger Landeszeitung“, dass künftig strenge Kontrollen durch berittene Gendarmen das Betreten des Exerzierplatzes verhindern sollten. Diese Maßnahme war nötig geworden, da das Aufstellen der Warntafeln, die ein Betreten des Geländes verboten, wenig beachtet wurde.

Der Pachtvertrag für den „Großen Exerzierplatz“ war für die Zeit vom 1. Oktober 1889 bis 1914 abgeschlossen. Die Pachtsumme betrug 6.500 Mark. Durch den Ersten Weltkrieg verlängerte sich das Pachtverhältnis automatisch, bis es dann der Heeresverwaltung durch das Landesdomänenamt zum 1. Oktober 1923 gekündigt wurde. Ein Teil der Fläche des Exerzierplatzes war bereits 1914 an die Eisenbahn zur Erweiterung ihrer Anlagen verkauft worden.

Den Exerzierplatz verlegte man im Jahre 1924 nach Kralenriede, und zwar dahin, wo sich heute der Rodelberg befindet, der aus den Trümmern der Schloßruine aufgeschüttet ist. Die Stadt Braunschweig stellte damals dem Reichswehrministerium mit erheblichen Schwierigkeiten eine Fläche von 65.8 ha enteignetem Land zur Verfügung. Ab Herbst 1926 nutzte dann das Braunschweiger Militär den neuen Platz.

Nach der endgültigen Räumung des „Großen Exerzierplatzes“ verpachtete man das frei gewordene Gelände an den Hockey-Klub, den Jagdclub Diana und den Sportclub Leu 06. Von diesen Vereinen gab der Jagdclub Diana nach einigen Monaten seinen Betrieb auf.

Der Sportclub Leu 06 pachtete 1927 ein 14 Morgen großes Areal an der Salzdahlumer Straße und baute es zu einem Sportplatz aus. Bereits im Oktober desselben Jahres konnte der B-Platz genutzt werden. Am 14. Oktober 1928 folgte dann die Einweihung des Hauptplatzes und des Jugendhauses. Die britische Militärregierung beschlagnahmte den Leu-Platz im Jahre 1945 für ihre Soldaten. Drei Jahre später gab sie die Anlage an die Stadt Braunschweig zurück.

Der SV Süd, der seinen Sportbetrieb überwiegend auf der damaligen Radrennbahn ausübte, pachtete ab 1949 den Sportplatz, erweiterte ihn und baute ein Vereinsheim.

Als weiterer Sportverein erwarb der Hockey-Club Braunschweig eine Teilfläche des Exerzierplatzes für eine eigene Sportanlage. Nach dem Zusammenschluss mit der Braunschweiger Tennisvereinigung gibt allerdings auch dieser Verein den Platz wieder auf.

Gleich nach dem Ersten Weltkrieg entstand am 28. Juni 1919, zwischen dem heutigen Süd-Sportplatz und der Berufsbildenden Schule II, der Gartenverein „Großer Exerzierplatz“ für über 200 Gärten. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste der Gartenverein, auf Weisung der Militärregierung, umbenannt werden. Die Gartenmitglieder entschieden sich für den Namen „Kleingartenverein Sonnenschein“.

In der Zeit von 1961 bis 1978 und im Jahre 1987 gingen durch den Neubau der Berufsschule und dem Bau der A 39 insgesamt 165 Kleingärten verloren. Im Jahre 1926 pachtete der Golf-Club ein 100 Morgen großes Areal. Bereits im darauf folgenden Jahr wird mit dem Ausbau des Platzes begonnen und der Grundstein für das Klubhaus gelegt. Ein Jahr später – am 26. Juni 1928 – erfolgte bereits die Einweihung des 9-Loch-Platzes. Die Sandentnahme für die Reichsbahn seit 1938 beeinträchtigte den Spielbetrieb ganz erheblich. Dazu kamen in den Kriegsjahren weitere Einschränkungen.

Verhandlungen mit dem britischen Colonel Verby führten im Jahr 1945 zur Gründung des Anglo-German Golf Clubs. Durch diese Entwicklung war es möglich, dass die zerstörte Anlage mit Hilfe der Besatzungsmacht wieder hergerichtet werden konnte. Mit der Auflösung des Anglo-German Golf-Clubs im Jahre 1952 wurde gleichzeitig beschlossen, die Tradition des Golfclubs unter den alten Namen „Golf-Club Braunschweig e.V.“ fortzuführen. Als die Bundesbahn 1958 die Sandentnahme einstellte, konnte der Ausbau des Golfplatzes fortgesetzt werden. Erweiterungen des Areals in den folgenden Jahren ermöglichten es, die Anlage zu einem international üblichen 18-Loch-Platz auszubauen. Die feierliche Einweihung fand am 16. Juni 1982 statt.

Raum- und Lehrermangel herrschte nach dem Krieg nicht nur an den allgemein bildenden  Schulen. Auch die Berufsschulen litten unter den gleichen Problemen, hatten sich doch die Anzahl der Berufsschüler gegenüber der Vorkriegszeit verdoppelt. Anfang der 50er Jahre fehlten mindestens 25 Unterrichts- und 30 Werkräume. Es musste dringend Abhilfe geschaffen werden.

Der Rat der Stadt Braunschweig beschloss daher den Neubau einer Berufsschule zwischen dem „Kleingartenverein Sonnenschein“ und dem Klinikum Salzdahlumer Straße.

Am 25. Juni begannen dann die Bauarbeiten für die Berufsschule. Die Grundsteinlegung erfolgte am 7. September 1960 und bereits am 25. Mai 1961 konnte das Richtfest gefeiert werden. Nach Abschluss der Bauarbeiten für den 1. Bauabschnitt fand am 30. September 1963 die Übergabe der Gebäude an das Hochbauamt der Stadt Braunschweig statt.

Auf einem weiteren großen Gelände errichtete die Wehrmacht in den Jahren von 1937 bis 1939 für die Soldaten der Luftwaffe und dem Personal der Flughäfen im Luftflottenkommando 2 ein Krankenhaus, das bis heute noch von vielen Bürgern „Luftwaffenlazarett“ genannt wird. Während des Krieges – am 17. September 1944 – trafen Bomben das Hauptgebäude. Hierbei fanden 34 Soldaten und Krankenschwestern den Tod. Der durch Bomben zerstörte Westflügel konnte erst mit dem Neubau eines Funktionstraktes und dem Umbau des Bettenhauses – Baubeginn 1978 – wieder hergestellt werden.

Nach der Besetzung Braunschweigs durch alliierte Truppen am 12. April 1945 beschlagnahmte die britische Armee das Krankenhaus. Am 6. Mai 1948 übergab der englische Ortskommandant Downer Kingston eine Teil der Gebäude an Stadtmedizinalrat Dr. med. Friedrich Lube als Vertreter der Stadt Braunschweig. Ausgenommen waren das Schwesternhaus, das Personalgebäude, das Mannschaftshaus und die Absonderung. Diese Gebäude standen der französischen Militärregierung als Transithotel für die Berlin-Urlauber der französischen Armee und Verwaltung zur Verfügung. Nach Räumung dieser Häuser am 26. August 1948 durch die französische Armee konnten diese dann am 27. Oktober 1948 endgültig an die Stadt Braunschweig übergeben werden. Durch Neu- und Anbauten wurde das Krankenhaus in den nächsten Jahren ständig erweitert.

Heute ist das Klinikum Salzdahlumer Straße mit seinen mehr als 700 Betten nicht nur das größte der vier Städtischen Krankenhäuser, sondern mit seinen speziellen Kliniken wie Herz-, Thorax-, Neurochirurgie usw. das modernste im Einzugsbereich der Stadt Braunschweig.

Zwischen dem Klinikum Salzdahlumer Straße (Luftwaffenlazarett) und der Lindenbergsiedlung entstanden in den Jahren 1927 bis 1942 mehrere Kleingärten. Diese Kleingartenanlagen bilden einen Grüngürtel zwischen der Südstadt und dem Verschiebebahnhof.
Der älteste dieser Gartenvereine ist der im Jahre 1927 gegründete Kleingartenverein „Zum Frieden“. Bereits vier Jahre später folgte der Kleingartenverein „Lindenberg II“ (1931).

Am 18. August 1940 entstand für 160 Gärten die Kleingartenanlage „Lindenberg V“und am 1. November 1942 der Gartenverein "Lindenberg IV". Im selben Jahr gründeten Gartenfreunde den Kleingartenverein „Lindenberg I“. Die anlässlich der 50-Jahr-Feier herausgegebene Chronik berichtet z.B., dass die Wasserleitung im Jahre 1946 mit Hilfe von Kriegsgefangenen verlegt wurde.

Der Krieg zerstörte durch Bomben viele Gartenlauben und vernichtete mühsam angebaute Kulturen. Mit viel Freude am Garten und Energie konnten diese Schäden bald beseitigt werden. Während des Krieges und auch in der Nachkriegszeit dienten die Gärten in erster Linie der Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung. Heute steht die Freizeitgestaltung im Vordergrund.

Mit dem Bau der Lindenberg-Siedlung auf einem Teil des ehemaligen „Großen ‚Exerzierplatzes“ änderte sich die Nutzung auch dieser letzten Fläche. Erst nach Abschluss des Vertrages für den Bau des Verschiebebahnhofs am 1. Dezember 1938 begannen die Planungsarbeiten für die Lindenberg-Siedlung.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges mussten die im Sommer 1939 begonnenen Bauarbeiten eingestellt werden. Als der Wohnungsbau als „kriegswichtig“ eingestuft war – der Wohnraumbedarf für die bei der Reichsbahn Beschäftigten wurde immer dringender - konnten die Arbeiten im Jahr 1940 fortgeführt werden. Im folgenden Jahr bezogen 32 Familien die ersten Wohnungen.

Nachdem man den Wohnungsbau nach der Währungsreform wieder aufgenommen hatte, zogen im Oktober 1949 die neuen Familien ein. Andere Häuser entstanden z.B. auch, als die Firma Franke & Heidecke für ihre Betriebsangehörigen den Bau von Einfamilienhäusern förderte. Die ersten Häuser konnten bereits im Dezember 1953 bezogen werden.

Ortsheimatpfleger Wilhelm Lehmann

aus: Braunschweigischer Kalender 2007