EN

"Roxy Film-Casino"

Das ehemalige "Roxy Film-Casino" in der Südstadt

Das Interesse und die Beteiligung wachsen an dem jährlich in Braunschweig stattfindenden Filmfest. Gleichzeitig ist auch ein Anstieg der Besucherzahlen in den deutschen Kinos zu beobachten. Wie war es eigentlich damals mit dem "ROXY Film-Casino" in der Südstadt?

Erinnern wir uns:

Mit der Zerstörung der Städte durch die Luftangriffe im zweiten Weltkrieg wurden auch viele Kinos vernichtet. Wie konnte man den Menschen jetzt nach dem Kriege Unterhaltung und Abwechselung bieten?

Mit dem Wiederaufbau der Städte begann sich das Kulturleben neu zu beleben, wozu auch der Aufbau der Lichtspielhäuser gehörte. Aber was bedeutete es in dieser Zeit, ein Kino einzurichten oder neu aufzubauen? Das Kulturamt der Stadt musste z.B. erst einmal den Bedarf für die Errichtung eines neuen Kinos prüfen; die Militärregierung hatte ihre Zustimmung zu geben usw.

Schon im Jahr 1946 wurde bei der britischen Militärregierung der Antrag auf Zustimmung und Einrichtung eines Kinos im Aufbauhaus Braunschweig-Mascherode – so hieß das Gemeinschaftshaus in jener Zeit – gestellt.

Die Metropol-Lichtspiele erhielten dann im Februar 1947 vom Gewerbeamt der Stadt Braunschweig die erforderliche Genehmigung dafür. Wer weiß, wie schwer es damals war, das entsprechende Baumaterial zu bekommen, den wundert es nicht, wenn es mit der Eröffnung des Kinos bis Ende 1949 dauerte.

Am 2. Dezember 1949 konnte der erste Spielfilm "Die tolle Miss" mit Ray Ventura und Giselle Pascal vorgeführt werden. Zur Eröffnung des "ROXY-Kino" hielt Stadtrat Prof. Wilhelm Staats in Vertretung von Oberstadtdirektor Dr. Erich Lotz die Einweihungsrede.

Das Eröffnungsprogramm unterhielt die Gäste mit Tanz und Sketchen, Walter Beißner sang u.a. das Lied des Bajazzo usw. Musikalisch umrahmt wurde das Programm von der Kapelle Hans Huhn.

Mit 630 Sitzplätzen war das "ROXY" in Braunschweig das zweitgrößte Kino. Besonders auffällig waren die für die damalige Zeit große Bildwiedergabe sowie die gute Ton- und Bildproduktion. Eine zusätzlich eingebaute Bühne ermöglichte die Aufführung von Theaterstücken.

Zum ersten Weihnachtsprogramm erschien am 1. und 2. Weihnachtstag 1949 vor Beginn der Filmvorführung "Das Leben beginnt" der Weihnachtsmann persönlich. Außerdem traten  Bor und Rias mit einer heiteren Clownerie auf; klein Behr, ein 7jähriger als Zwerg und Musikalvirtuose sowie Les Lind als Engel und Sängerin. Dazu spielte, wie es so schön hieß, die Hauskapelle.

Um das "ROXY" bekannter und für die Besucher interessanter zu machen, wurden nun auch Theateraufführungen gezeigt. Den Anfang mit Operetten- und Schauspielaufführungen machte die Schauspielbühne Braunschweig am Donnerstag, dem 12. Januar 1950 mit der Operette "Das Schwarzwaldmädel", es folgten später "Der fidele Bauer" und andere Stücke. In Zeitungen und Anzeigen wurde besonders auf die "volkstümlichen" Preise von 1,00 DM bis 2,30 DM hingewiesen. Bei fast immer ausverkauften Vorstellungen wurden von den Wanderbühnen Schauspiele und Operetten aufgeführt.

Oft trafen sich nach den Vorstellungen Schauspieler und Einwohner, um den Erfolg zu feiern. Hans-Jörg Felmy, heute ein bekannter und erfolgreicher Schauspieler, war ein gern gesehener Gast.

Mit Beginn der Theateraufführungen und der Einrichtung eines Cafés erfolgte die Umbenennung von "ROXY-Casino" in "ROXY-Betriebs GmbH".

Von dem großen Kinosterben Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre wurde auch das "ROXY" betroffen. Die Besucherzahlen gingen so stark zurück, dass im Jahr 1962 das Kino geschlossen werden musste.

Der Versuch, den Raum zu erhalten und das Gemeinschaftshaus zu einem Kulturzentrum für die Südstadt auszubauen, schlug fehl.

Im Jahr 1963 wurde der Kinosaal zu einem Supermarkt umgebaut. Später wurden Räume für den Altenkreis der Südstadt und als Jugendtreff erstellt. Dadurch konnte ein kleiner Teil des Gemeinschaftshauses für die Bürgergemeinschaft und die Vereine erhalten werden.

In der Stadt Braunschweig ist das Kino – und damit auch der Name "ROXY" – vergessen; nicht so in der Südstadt: Hier heißt das Gemeinschaftshaus auch heute noch "ROXY".

Wilhelm Lehmann

Stadtteilheimatpfleger Südstadt

aus: Festschrift Volks- und Schützenfest 1998