Ausblick

Das Statistische Amt war während der 100 Jahre seines Bestehens den laufend, sich zum Teil sehr stark verändernden staatlichen und kommunalpolitischen Verhältnissen ausgesetzt. Es hat dabei seine Aufgabe als Erhebungsstelle, Datenlieferant, unabhängige Informationsaufbereitungsstelle, Trendmelder und kommunales Frühwarnsystem entsprechend den wechselnden gesellschaftlichen Fragestellungen und Problemlagen erfüllt. Die ersten 50 Jahre waren durch die von den Kriegen immer wieder mit Rückschlägen versehene Aufbauphase einer möglichst umfassenden, systematisch aufgebauten, kontinuierlich geführten, auf städtische Bedürfnisse ausgelegten Statistik geprägt. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Datenbestände durch die zahlreichen auf Bundesgesetzen beruhenden Großzählungen, zuletzt mit der Volkszählung 1987, stets auf den aktuellen Stand gebracht. In den vergangenen fünf Dekaden waren es nicht mehr die politischen Umbrüche, sondern die immer größeren technischen Möglichkeiten, die die Arbeit der städtischen Statistik und Stadtforschung veränderten. Mit dem Einsatz des Personal Computers seit den 80er Jahren hat sich die Arbeit der amtlichen wie auch der kommunalen Statistik grundlegend gewandelt. Vor welchen Herausforderungen steht die Stadt und was kann/könnte die städtische Statistik und Stadtforschung unter bestimmten Voraussetzungen dazu beitragen, ihnen frühzeitig zu begegnen, um absehbare nachteilige Auswirkungen (Kostensteigerungen, Versorgungsdefizite u. a. m.) zu verhindern oder zumindest so gering wie möglich zu halten? Im Folgenden werden einige konkrete Beispiele ausgeführt. Der mögliche Beitrag der städtischen Statistik und Stadtforschung hängt dabei im Wesentlichen von der Bereitschaft der Beteiligten ab, die entsprechenden organisatorischen Vorkehrungen für einen optimierten Ressourceneinsatz zu treffen. Die rasend schnelle Entwicklung und Verbreitung der neuen Informations- und Kommunikationstechnik und der neuen Medien ermöglicht und erfordert zugleich ein weit reichendes und umfassenderes Informationsmanagement der Statistikdaten in der Verwaltung als bisher. Dies zu strukturieren und systematisch zu organisieren, durch Zusammenführen der statistischen Datenbestände der anderen Fachdienststellen der Verwaltung in einer Metadatenbank (Datawarehouse-Konzept), um Synergieeffekte, Kosteneinsparungen und kürzere Vorgangsbearbeitungszeiten zu erzielen, ist eine Herausforderung für die unmittelbare Zukunft. Zahlreiche Fachabteilungen unterhalten eine lediglich auf ihr individuelles Aufgabengebiet bezogene Geschäftsstatistik. Erfolgt die Aufnahme der Daten richtig und strukturiert, können sie der o. a. Metadatenbank zugeführt werden. Dann können unter Einhaltung des Daten-schutzes auch andere Fachdienststellen darauf zurückgreifen, z. B. um kleinräumige Strukturdaten für ihre Fachplanung zu gewinnen. Wie die gerade laufenden Arbeiten zum Aufbau eines Geodatenmanagements in der Verwaltung zeigen, amortisiert sich der Einrichtungs- und Umorganisationsaufwand aufgrund der auf breiter Ebene erreichbaren Zeitvorteile von der Datengenerierung über die Datenbereitstellung bis hin zur Vorgangsbearbeitung in relativ kurzer Zeit – bei gleichzeitiger Verbreiterung der Informationsbasis für alle Beteiligten. Die Zusammenführung statistischer Daten mit unterschiedlichsten flächenbezogenen Informationen bietet dann eine Fülle individueller und schnell generierbarer Informationen für Rat, Verwaltung und Öffentlichkeit, egal ob es sich um ökologische Belange, um Verkehrsbelas-tungen oder Mobilitätsbedürfnisse, um Fragen der Einzelhandelssituation oder um kleinräumige demografische Veränderungen handelt. Die unterschiedlichsten Daten müssen aber mehr denn je mittels fachübergreifendem statistischem und planerischem Know-how verknüpft werden. Mit den Möglichkeiten der neuen Medien kann nach Umorganisation des inneren Statistikdateninformationsmanagements und dem Einsatz am Markt verfügbarer Programme ein nutzerfreundliches, selbstbedienungsfähiges, statistisches Informationssystem für Verwaltung und Politik eingerichtet werden. Damit verliert die Städtestatistik einen Teil ihres deskriptiven Charakters und entwickelt sich zu einer offenen, dynamischen und jederzeit „begehbaren“ Informationsbörse. Die amtliche Statistik, die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder haben bereits einen interessanten Schritt in diese Richtung unternommen („Masterplan Statistik“). Knappe Ressourcen und die Notwendigkeit, Bürger und Unternehmen von Statistikpflichten zu entlasten waren Anlass, nach neuen Wegen und Möglichkeiten zu suchen. So sollen nach dem Masterplan durch die Nutzung von Verwaltungsdaten und durch die Umstellung aller wesent-lichen Wirtschaftsstatistiken auf Online-Verfahren bis hin zur Nutzung von Daten aus Systemen des betrieblichen Rechnungswesens für wirtschaftsstatistische Zwecke wesentliche Entlastungseffekte für die Befragten und spürbare Effizienzsteigerungen bei den Statistikproduktionsprozessen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder erzielt werden (siehe Nieders. Landesamt für Statistik: Niedersachsen-Monitor 2004, Hannover 2004, Seite 54 ff.). Mit dem Masterplan wird ein weit reichender Systembruch vollzogen. Er führt zu einer Ausdünnung der statistischen Beobachtungsfelder, zur Reduzierung der Erhebungsfrequenz und vor allem zu einer Zentralisierung der Statistik auf Ebene der Länder und des Bundes. Die kommunale Ebene wird Stück für Stück von den Rohdateninformationskanälen abgeschnitten, wie heute bereits im Falle des genehmigungsfreien Bauens von Ein- und Zweifamilienhäusern nach § 69 a NBauO. Unter derartigen Rahmenbedingungen fundierte Planungsgrundlagen für die Fachabteilungen der Verwaltung zusammenzustellen wird für die Stadtforschung immer schwieriger. Folge: Die größten Informationsdefizite müssen von der Kommune notgedrungen durch eigene statistische Erhebungen ausgeglichen werden. Einen Vorteil wird der „Masterplan Statistik“ jedoch bringen: Wenn das System steht, werden die Daten vermutlich schneller öffentlich zur Verfügung stehen. Breit angelegte Volkszählungen, wie sie zuletzt 1987 inklusive Berufszählung, Arbeitsstättenzählung sowie Gebäude- und Wohnungszählung durchgeführt wurden, wird es trotz der Verpflichtung durch die EU aufgrund des nach dem herkömmlichen Verfahren immensen Kostenaufwands in Zukunft nicht mehr geben. An deren Stelle wird es 2010/2011 einen Zensus auf der Basis von Registerauswertungen geben. Das klingt einfach, ist es aber bei weitem nicht. Während bislang diejenigen gezählt wurden, die am Ort wohnen, werden künftig nur diejenigen gezählt, die von den Melderegistern erfasst sind. Unangemeldet am Ort lebende Personen werden daher nicht mitgezählt, ebenso wie eine unbekannte Zahl an so genannten „Karteileichen“ nicht in Abzug gebracht werden. Was von den Bundes- und Landesstatistikern als „technisch und methodisch lösbares Problem“ definiert wird, kann sich für den Stadtentwickler, den Kämmerer und den Rat der Stadt zu einem ernsthaften Problem mit nachhaltiger Wirkung entpuppen: 2.000 Einwohner mehr oder weniger nach der Registerauswertung „amtlich attestiert“ zu bekommen, kann nach dem gegenwärtigen System des kommunalen Finanzausgleichs die finanzielle Lage einer Stadt maßgeblich beeinflussen. Wenn jedoch keine eigenen verlässlichen Daten darüber vorliegen, ob die im Rahmen des Zensus amtlich festgestellte Einwohnerzahl richtig, d. h. fehlerfrei ermittelt wurde, hat die Stadt keine Handhabe, gegen eine evtl. fehlerhaft ermittelte Einwohnerzahl zu klagen. Um die Registerauswertungsergebnisse des Landes oder des Bundes qualifiziert beurteilen zu können und damit die finanzielle Basis, die kommunale Selbstverwaltungshoheit und die Planungshoheit aufrecht erhalten zu können, werden hier wie im vorherigen Beispiel ebenfalls zusätzliche eigene stichprobenartige statistische Erhebungen erforderlich werden. Die Beobachtung, Analyse und Prognose demografischer Entwicklungslinien wird daher eine der wesentlichen Aufgaben städtischer Statistik und Stadtforschung bleiben. Frühzeitige und differenzierte Kenntnisse über den demografischen Wandel sind für eine vorausschauende Planung und Sicherung der sozialen Infrastruktur (Kindergärten, Schulen, Alteneinrichtungen), der technischen Infrastruktur (Verkehr, Energie, Wasser/Abwasser), aber auch des Wohnungs- und Baulandangebotes von entscheidender Bedeutung. Gerade diese Sektoren kommunaler Daseinsvorsorge beeinflussen die Attraktivität Braunschweigs als Wohn- und nicht zuletzt auch als Wirtschaftsstandort im Kontext der Standortkonkurrenzen erheblich. In weiten Teilen verfügen Statistik und Stadtforschung über aktuelle und kleinräumige Datengrundlagen, um die o. a. kontinuierliche Analyse von Entwicklungsverläufen durchführen zu können. Daneben gibt es aber auch entscheidende Parameter, über die nur unzureichende Kenntnisse vorhanden sind. Hier ist z. B. die Zahl und die Struktur der Haushalte zu nennen. Insbesondere für die nachfragegerechte Bereitstellung von Wohnbauland oder Wohnungen ist die Zahl der Haushalte – und nicht die Einwohnerzahl – die entscheidende Bezugsgröße. Da die Zahl der Haushalte nicht von der amtlichen Statistik kontinuierlich erhoben wird – dies geschah nur in Volkszählungen –, bereitet die Stadtforschung den Einsatz eines in Kooperation mit anderen Städten entwickelten Programms vor, das aus der Einwohnerdatei heraus die Zahl der dahinter stehenden Haushalte berechnen kann. Der Einsatz des Programms ermöglicht, wesentlich früher als heute die Veränderungen der Struktur der Haushalte und ihrer Wohnungsnachfrage erkennen zu können. Der Aufbau einer „schlanken Wohnungsmarktbeobachtung“, ergänzt um das Instrument der kommunalen Umfragen, dürfte für alle Beteiligten von großem Nutzen sein. Eine zwischen der Stadtverwaltung und den wichtigsten Wohnungsanbietern in der Stadt abgestimmte Wohnungsmarktbeobachtung kann dazu beitragen, dass alle Mitwirkenden näher an der Nachfrage orientiert planen und investieren können. Kommunale Umfragen sind in vielen deutschen Großstädten fester Bestandteil des Aufgabenprofils von Statistik und Stadtforschung. Sie sind ein qualitatives „Frühwarnsystem“ zur Erfassung der vor Ort relevanten gesellschaftlichen Veränderungen. In Braunschweig war es mangels Personal bisher nur möglich, punktuell und durch Beauftragung teurer externer Befragungsinstitute Bürgerumfragen durchzuführen. Kommunale Umfragen müssen wie Kundenbefragungen in der Wirtschaft systematisch vorbereitet und aufgebaut sein, um nach einem einheitlichen Raster und in regelmäßigen Abständen das Meinungsbild eines repräsentativen Querschnitts der Bevölkerung abfragen zu können. Sie sind ein flexibles Instrument zur Gewinnung qualitativer Informationen über die sozialen oder stadtentwicklungsrelevanten Prioritäten der städtischen Bevölkerung. In Zeiten einer „Mediendemokratie“ besteht leicht die Gefahr, methodisch zweifelhaften Rankingstudien mehr Bedeutung beizumessen als eigenen fundierten Recherchen und Analysen. In jüngster Vergangenheit sind einige Zeitungen und Magazine dazu übergegangen, Forschungsinstitute oder Konsortien von Forschungsstellen mit einer vorgeprägten Fragestellung zu beauftragen, Rankinglisten über die 440 deutschen Städte und Landkreise zu erstellen. Diese Studien erweisen sich bei genauerem Hinsehen in der Regel als extrem Effekt heischend und lediglich dem Zweck der Umsatzsteigerung dienend. Oftmals werden große Mengen statistischer Daten unterschiedlicher Quellen, unterschiedlicher Konsistenz und Qualität oder einfach Blitzumfrageergebnisse in einen großen Topf geworfen, um daraus dann die „Top 10-Städte“ oder das Schlusslicht, den strukturschwächsten Landkreis o. ä. zu küren. Bei genauerer Recherche der Ergebnisse stellt sich oftmals heraus, dass lediglich ein Bruchteil (ca. 25%) des verwendeten Datenmaterials öffentlich zugänglich und damit nachvollziehbar ist, der gesamte Rest - also 75 % - eben nicht (Anmerkung: Diese Erfahrungswerte wurden im Laufe des Jahres 2004 bei zurückverfolgten Rankingstudien gewonnen). Diesen feinen Unterschied zur städtischen und zur amtlichen Statistik zu kennen, ist entscheidend, wenn eine Diskussion über den Wert, den Nutzen oder über die „gefährliche Wissenschaft der Zahlen“ geführt wird, wie es 1905 im Vorfeld der Einrichtung der städtischen Statistikstelle in Braunschweig typischerweise getan wurde. Vor dem gezielten tendenziösen Gebrauch statistischer Daten ist man heute wie damals nicht gefeit. Sich auf eine Statistik zu berufen ist leider eine oft gewählte Methode, um zum Beispiel einem auf eine einfache Formel oder „knackige“ Schlagzeile reduzierten Vor-Urteil den Schein von Wahrhaftigkeit oder Seriosität zu verleihen. Statistik wird nachweislich seit mehr als 100 Jahren kritisch betrachtet. Erfahrungsgemäß läuft jedoch nur derjenige, der nicht über die Kenntnis der Ungenauigkeiten der jeweiligen statistischen Datenbasis verfügt aufgrund eben dieser Unkenntnis leichter Gefahr, die Zahlen im falschen Sinne anzuwenden. Statistik wird gelegentlich - insbesondere wenn es gerade sachdienlich ist - als entbehrlich dargestellt oder bewusst als Mittel zum Zweck eingesetzt. Churchills Ausspruch „Ich glaube nur an Statistiken, die ich selbst gefälscht habe“, wie auch Simone de Beauvoirs Feststellung „Die hinterhältigste Lüge ist die Auslassung“ gingen nicht von ungefähr um die Welt. [Weitere erheiternde und ernüchternde Zitate und Beispiele, die über Statistik und Statistiker kursieren, befinden sich im Anhang VIII]. Bereits 1905 bei der Gründung der Statistikstelle und zum 50jährigen Bestehen 1955 wurde auf die Notwendigkeit wissenschaftlich ausgebildeten Fachpersonals für die Bearbeitung der Aufgaben der städtischen Statistik und Stadtforschung hingewiesen. Dies gilt heute gleichermaßen fort, da der Anteil einfacher Arbeiten, die kein tieferes methodisches Vorwissen erfordern und von Verwaltungskräften ausgeführt werden können, rückläufig ist. Um einen hohen praktischen Gebrauchswert der Städtestatistik nachhaltig gewährleisten zu können, ist es erforderlich, die Personalstruktur der städtischen Statistik und Stadtforschung stets an den insgesamt komplexer werdenden Arbeitszusammenhängen auszurichten. Mit moderner Informationstechnologie und entsprechend qualifiziertem Personal sind auch die Informationsbedürfnisse der Zukunft zu bewältigen. Bei der Statistik verhält es sich ähnlich wie mit dem Geld: Statistik ist längst nicht alles, aber ohne solide Statistik ist alles nichts. Dies gilt vor allem für die kommunale Ebene, die im Gegensatz zu Land und Bund aufgrund der unmittelbaren Nähe zum Bürger in besonderer Weise gefordert ist, auf statistisch und fachlich fundierten Planungsgrundlagen sachgerechte und tragfähige Entscheidungen zu treffen. In diesem Sinne ist die Feststellung von Prof. Dr. Elisabeth Noelle-Neumann, „Statistik ist das Informationsmittel der Mündigen“, eine geeignete Basis, um in der städtischen Statistik und Stadtforschung vernünftig weiter arbeiten zu können.


"Weist ein hoher Konsum von Seife auf die Reinlichkeit der Bevölkerung hin oder auf ihre Gewohnheit, sich schmutzig zu machen?"
( Walter Ludin; Schweizer Journalist, Redakteur, Aphoristiker und Buchautor, *1945)

Rechte Spalte (Hautnavigation, Suche etc.)