Das Phänomen des "demografischen Wandels" - Fortsetzung
Das über Jahrzehnte beobachtete geringe Geburtenniveau hat im Zusammenhang mit einer wei-ter steigenden Lebenserwartung – in Braunschweig aktuell 74,9 bzw. 81,6 Jahre (Männer/Frauen) - zwangsläufig eine weit reichende Umverteilung der Altersstruktur zur Folge. Der Anteil jüngerer Altersgruppen nahm im letzten Jahrhundert kontinuierlich ab, die älteren Bevölkerungsgruppen gewannen immer mehr an Gewicht (vgl. Abb.2).
Abb. 2
Die Zunahme der Zahl älterer Menschen führt schließlich auch zu einem Anstieg der Sterbefallzahlen, was sich wiederum negativ auf die natürliche Bevölkerungsbilanz auswirkt. Auch in den kommenden Jahren ist daher bei annähernd stagnierenden Geburtenzahlen weiter mit einem konstanten Sterbefallüberschuss von 700 bis 1000 Personen pro Jahr zu rechnen – eine demografische „Hypothek“, die die weitere Bevölkerungsentwicklung entscheidend prägen wird. Selbst bei einer Fortsetzung des Trends leicht positiver Wanderungssalden aus den letzten Jahren, ist bei Annahme jährlicher Wanderungsgewinne von ca. 500 bis 700 Personen dennoch aufgrund des Geburtendefizits ein leichter Bevölkerungsrückgang von durchschnittlich 500 Einwohnern pro Jahr in Braunschweig bis 2020 vorprogrammiert. Alle derzeit vorliegenden Prognosen für Braunschweig sehen für die nächsten Jahre mäßige, aber kontinuierliche Einwohnerrückgänge voraus (IES-Institut, GEWOS, Nds. Landesamt für Statistik, Referat Stadtentwicklung und Statistik).
Die quantitative Größenordnung des jährlichen Einwohnergewinns oder -verlusts spielt bei einer 240.000 Einwohner-Stadt wie Braunschweig eine eher untergeordnete Rolle. Langfristig wichtiger ist die altersstrukturelle Zusammensetzung dieser Population. Die Frage nach der zukünftigen Entwicklung wichtiger Altersgruppen ist im Rahmen der Diskussion des demografischen Wandels von entscheidender Bedeutung für unterschiedlichste kommunale Planungsbereiche. Was hat also die Stadt Braunschweig in den kommenden Jahren zu erwarten? Wird sich insbesondere das Szenario einer „vergreisenden Gesellschaft“ auch hier abzeichnen? Antworten auf diese Fragen sollen anhand einer prognostischen Vorausschätzung ausgewählter Altersgruppen bis zum Jahr 2020 diskutiert werden (vgl. Abb.3 (Öffnet in einem neuen Tab)).
Die Zahl der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren wird dem Trend der letzten Jahre folgend weiter sinken. Über das Niveau der letzten Jahre hinausreichende Bedarfsspitzen in der Infrastrukturversorgung im Hinblick auf Kindergärten und Schulen deuten sich damit nicht an.
Die Zahl junger Erwachsener im Alter von 18 bis unter 40 Jahren wird nach anfänglich zunächst rückläufiger Tendenz langfristig weitgehend stabil bleiben.
Die ältere Hälfte des Erwerbspersonenpotentials, d. h. die 40- bis unter 65-Jährigen werden ihren absoluten Höhepunkt erst nach dem Jahr 2010 erreichen, danach jedoch auf das heutige Niveau wieder zurückfallen.
Die Zahl älterer Menschen über 65 Jahre wird zunächst weiter steigen und im Jahr 2008 ihre Maximalbesetzung erreichen. Anschließend ist bis zum Jahr 2020 ist danach ein vorläufiger Rückgang zu erwarten, ebenfalls ungefähr auf die heutige Ausgangszahl. Ein dramatischer Anstieg der „Altenbevölkerung“ ist somit in Braunschweig bis 2020 zunächst nicht wahrscheinlich. Erst mit dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge der 60er Jahre in das Rentenalter ist ab 2025/2030 mit einer deutlichen Zunahme der Senioren zu rechnen. Das im Zuge des demografischen Wandels allseits ge-fürchtete Phänomen der schnellen Vergreisung kann damit für Braunschweig im Zeitraum bis 2020 nicht bestätigt werden. Indirekt profitiert Braunschweig hier von den zwar schmerzlichen Wanderungsverlusten geburtenstarker Jahrgänge in den 60er und auch 90er Jahren, die heute bzw. erst nach 2020 als Senioren auftauchen würden.
Auch eine Betrachtung der prozentualen Altersstrukturverteilung zeigt, dass die massivsten Ver-änderungen im Sinne eines demografischen Wandels bereits im Verlauf der letzten 100 Jahre vollzogen worden sind (vgl. Abb. 2). Während um das Jahr 1900 der Anteil der unter 18-Jährigen noch 37 % betrug, liegt dieser heute nur noch bei rund 15 %, im Jahr 2020 wird dieser Anteil immer noch knapp über 14 % betragen. Ähnlich verhält es sich mit der älteren Bevölkerungsgruppe über 65 Jahre. Im Jahr 1900 waren nur knapp 4 % der Bevölkerung in Braunschweig 65 Jahre oder älter. Insbesondere dank des medizinischen Fortschritts und der dadurch gestiegenen Lebenserwartung ist der Anteil der über 65-Jährigen bis heute um mehr als das Fünffache auf über 20 % gestiegen. Dieser Anteil wird voraussichtlich im Jahr 2008 mit rund 21,5 % einen Höhepunkt erreichen, wobei der Anstieg jedoch getragen wird von der „jüngeren Hälfte“ der Alten, also der 65- bis 75-Jährigen (starke Geburtsjahrgänge 1934-43).