Einführung

Die Städtestatistik ist weit älter als 100 Jahre. Bremen (1861), Berlin (1862), Frankfurt (1865) und Hamburg (1866) zählen zu den ersten Städten in Deutschland, die städtestatistische Ämter eingerichtet haben. In den 20 Jahren danach folgen ca. 15 weitere Städte, u. a. München (1875), Magdeburg (1885) sowie Dortmund und Mannheim (1895).

Die kleineren Städte gingen erst sehr viel später als die meisten großen Großstädte dazu über eigenständige Statistikstellen einzurichten, Hannover z. B. erst im Jahre 1894, Karlsruhe in 1896, Nürnberg erst in 1900 (Dr. Bernhard Mewes, Werden und Wesen städtestatistischer Ämter, in: Städtestatistik in Verwaltung und Wissenschaft, VDSt (Hrsg.), Berlin 1950, S. 94 ff).

Im Lande Braunschweig reichen die ersten Anfänge der Bevölkerungsfortschreibung in das Jahr 1756 zurück. Prediger mussten neben der Ermittlung der Bevölkerungsbewegung auch den Stand der Bevölkerung regelmäßig und pünktlich feststellen. „Die Braunschweiger Fürsten waren also moderne Fürsten, die den Wert derartiger statistischer Nachweise für ihre Regierungstätigkeit erkannten. ... Mit der Gründung des Statistischen Bureaus des Herzogl. Braunschw.-Lüneburgischen Staatsministeriums am 1. Januar 1854 setzte eine rege statistische Tätigkeit ein. ... Das herzogliche Statistische Bureau konnte bereits auf sein 50jähriges Bestehen zurückblicken, ehe der Gedanke eines städtestatistischen Amtes in Braunschweig ernsthaft erwogen wurde“ (Stadt Braunschweig (Hrsg.): 50 Jahre Städtestatistik in Braunschweig, 1955, Seite 10 f).

Mit dem vorliegenden Bericht soll ein Einblick in die 100jährige Geschichte des Statistischen Amtes der Stadt Braunschweig gewährt werden, dem ab 1925, also seit 80 Jahren zugleich auch die Funktion des Wahlamtes zugeordnet ist. Zu den ersten 50 Jahren werden hier nur herausragende Ereignisse erwähnt, weil in der oben bereits zitierten Veröffentlichung über „50 Jahre Städtestatistik in Braunschweig“ aus dem Jahr 1955 recht ausführlich die schwierigen und vergleichsweise schnell wechselnden Verhältnisse beschrieben sind, unter denen seinerzeit gearbeitet wurde, mit dem enormen Aufgabenwandel und -umfang in den jeweiligen Zeitabschnitten – geprägt von friedlichen, von Mangel regulierenden und nicht zuletzt auch von kriegsbedingten Erfordernissen. „Durch den Luftangriff am 15. März 1944 verlor das Statistische Amt sein gesamtes Aktenmaterial und den wertvollsten Teil seiner Bücherei. ... Am Ende des Krieges stand das Amt vor dem Nichts, ohne Akten und ohne Wahlkartei, jahrzehntelange Aufbauarbeit war vernichtet worden“ (Stadt Braunschweig (Hrsg.): 50 Jahre Städtestatistik in Braunschweig, 1955, Seite 25). Trotz all dieser Widrigkeiten ist es den Verantwortlichen in den Nachkriegsjahren gelungen, den fachlichen Anspruch, mit dem die Städtestatistik geführt wurde, sukzessive auszubauen und damit nicht nur den praktischen, sondern auch den wissenschaftlichen Gebrauchswert der Städtestatistik zu erhöhen.

Das 100jährige Bestehen des Statistischen Amtes ist zugleich Anlass, um dem interessierten Leser anhand einiger weniger Rahmendaten – Bevölkerungsentwicklung und Stadtgebietserwei-terungen – einen Überblick über die wesentlichen Entwicklungsabschnitte der Stadt Braunschweig zu geben. In dem anschließenden Kapitel über den demografischen Wandel werden die Ursachen und die wesentlichen Einflussfaktoren der Bevölkerungsentwicklung sowie die nach derzeitigem Kenntnisstand prognostizierbaren Entwicklungsperspektiven und strukturellen Veränderungen der Bevölkerung dargestellt.

In vielen Städten, insbesondere in größeren, wurden weit früher als in Braunschweig Statistische Ämter geschaffen. Das Besondere am Fall Braunschweig sind die Rahmenbedingungen, unter denen die Städtestatistik zu einer amtlichen städtischen Aufgabe erhoben wurde. Das Statistische Amt der Stadt Braunschweig begann mit der Einstellung von Dr. Bernhard Mewes im Jahr 1934 eine deutschlandweit beachtliche Bedeutung zu erlangen. Seinem fachlichen Engagement ist es zu verdanken, dass 1936 bereits eine Statistische Tagung – die 43. des Verbandes Deutscher Städtestatistiker – in Braunschweig durchgeführt wurde.

Dr. Mewes war nach dem 2. Weltkrieg der wohl profilierteste und einflussreichste deutsche Städtestatistiker. Von 1934 bis 1950 war er unmittelbar verantwortlich für die Arbeit des Statistischen Amtes. Anschließend war er in seiner Funktion als Stadtrat/Kulturdezernent bis zu seinem Ruhestand (1965) und auch noch danach „innen- und außenpolitisch“ für den Ver-band Deutscher Städtestatistiker (VDSt) und den Deutschen Städtetag (DST) aktiv. Zu seinen herausragenden Leistungen als „Diplomat“ und kompetenter Fachmann (mit dem dazu erforderlichen Durchsetzungsvermögen) gehören schon bald nach dem 2. Weltkrieg die Zusammenführung der statistischen Arbeitsgemeinschaften in der amerikanischen und der britischen Besatzungszone zum wieder gegründeten Verband Deutscher Städtestatistiker.

Auf dieser Basis hat Dr. Mewes mit viel Geschick als Vermittler zwischen den Interessensphären der Kommunalstatistik und des Deutschen Städtetages einerseits sowie den statistischen Ämtern des Bundes und der Länder andererseits gewirkt. Er führte darüber hinaus mit besonderem Weitblick den VDSt in die Mitgliedschaft beim Internationalen Statistischen Institut (ISI). Das 1890 neu geschaffene Statistische Jahrbuch Deutscher Gemeinden erweckte er im Rahmen des Deutschen Städtetages mit Städtestatistikern als Fachautoren zu neuer Bedeutung. Es ist seither ein unentbehrliches Nachschlagewerk für Fachleute ebenso wie für Politiker und deren Berater.

In den 60er und 70er Jahren hat sich mit dem Wandel der Aufgaben, der Arbeitsweise und dem Umgang mit Daten in Braunschweig die Rolle der städtischen statistischen Stelle verändert. Anfang der 70er Jahre wurde das Referat für Stadtentwicklung eingerichtet, das mit seinem fachübergreifenden Ansatz die gesamtstädtischen Funktionszusammenhänge im Fokus hatte und eine Reihe von Fachprogrammen auf den Weg gebracht hat. Die Fachämter haben auf dieser Grundlage dann die Detailplanungen ausgeführt. Die städtische Statistik und Stadtforschung wird stets eingeschaltet bzw. hinzugezogen, wenn die Revision der Fachplanung ansteht oder die Stadtforschung Trendänderungen festgestellt hat.

In den 80er, vor allem aber in den 90er Jahren, nach der Öffnung des europäischen Binnenmarktes und der innerdeutschen Grenze, wird der wirtschaftliche Strukturwandel zunehmend zum Untersuchungs- und Beobachtungsgegenstand von Statistik, Stadtforschung und Stadtentwicklung. Der Abteilung Stadtentwicklung wird in diesem Zuge die Aufgabe Europaangelegenheiten zugeordnet. Es dauert aber gut 12 Jahre, bis im Jahr 2001 eine ausgebildete Fachkraft engagiert werden kann, die seitdem pro Jahr mehrere hunderttausend Euro Fördermittel aus den Strukturfonds der Europäischen Union für stadtentwicklungsrelevante Projekte vieler Fachabteilungen der Verwaltung erfolgreich akquiriert. Die heutige Rolle Braunschweigs in der deutschen Städtestatistik ist bedingt durch neue Aufgabenkonstellationen und -schwerpunkte weitaus bescheidener als zu Dr. Mewes Zeiten. Heute profitieren wir mehr von der Mitwirkung in themenspezifischen Arbeitsgemeinschaften der deutschen Städtestatistiker und bringen gemeinsam entwickelte Werkzeuge und Produkte zum Einsatz. Dies ist eine der Ressourcen sparenden Lösungen zur Nutzbarmachung von fachlichem und methodischem Wissen für die eigene Arbeit.

Die städtische Statistikdienststelle führt heute turnusmäßig zahlreiche Erhebungen für die Landes- und die Bundesstatistik aus. Sie ist z. B. eine von nahezu 200 kommunalen Erhebungsstel-len für die bundesweite monatliche Preisermittlung. Sie hat u. a. aber auch den gesetzlichen Auftrag, landwirtschaftliche Erhebungen, wie z. B. Viehzählungen durchzuführen, deren Ergebnisse bundesweit durchaus, für eine Großstadt jedoch kaum von Belang sind. Anders verhält es sich mit Daten, die auf der Grundlage städtischer Satzungen z. T. selbst erhoben oder aus dem Verwaltungsvollzug der jeweils zuständigen Fachabteilungen gewonnen werden, wie z. B. über Fremdenverkehr, Standesamtsdaten, Bautätigkeit, Gewerbean- und -abmeldungen etc.. Darüber hinaus werden aus dem Finanz- und dem Umweltbereich Daten der Stadt für die Landesstatistik zusammengestellt.

Der Datensammlung folgt die Verarbeitung zur Information: Der jährlich aktualisierte Datenbestand wird dem Deutschen Städtetag (Statistisches Jahrbuch Deutscher Gemeinden, Vergleichende Großstadtstatistik) und dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung in speziell aufbereiteter Form zur Verfügung gestellt. In die Pflege und laufende Aktualisierung von ca. 230 Tabellen des Statistischen Jahrbuchs sind nahezu alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Referates eingebunden.

Das Referat Stadtentwicklung und Statistik ist nicht nur für die Beschaffung und Erhebung von Daten und die Bereitstellung von Statistiken zuständig, sondern hat auch die Aufgabe, die gewonnenen Daten so weit wie möglich auszuwerten und die Ergebnisse in Form von Stellungnahmen und Berichten mit Tabellen, Grafiken und Karten darzustellen: Aus Information (Rohdaten) „Wissen“ um Strukturen und Trends generieren. Die analytische Darstellung von Sachverhalten durch die Stadtforschung orientiert sich im Wesentlichen an den jeweils akuten gesellschaftlichen Fragestellungen und Problemlagen. Die Arbeitsergebnisse finden ihren Niederschlag in den fachlichen Stellungnahmen, die regelmäßig insbesondere gegenüber den Fachbereichen Schule, Soziales, Jugend sowie Stadtplanung und Umweltschutz zu ganz unterschiedlichen Fragestellungen abgegeben werden. Um fachlich fundierte Prognosen mit einer hohen Eintreffwahrscheinlichkeit erstellen zu können, wie es im letzten Jahrzehnt möglich war, bedarf es nicht nur einer möglichst breiten, lückenlosen soliden Datenbasis, sondern auch einer kontinuierlichen Beobachtung räumlicher und struktureller Entwicklungen durch eine bzw. mehrere wissenschaftliche Fachkräfte.

Die städtische Statistik und Stadtforschung ist auch für die Pflege der Gebäudedatei und des statistischen Raumbezugsystem verantwortlich. Das Straßenschlüsselsystem und das Straßenverzeichnis müssen laufend aktualisiert, dokumentiert und für die übrigen Verwaltungsabteilungen zur Verfügung gestellt werden. Baublöcke (mit Untereinheiten), Wahlbezirke, statistische Bezirke (mit Untergliederung), Stadtteile und Stadtbezirke sind die Teilräume des Stadtgebietes, für die statistische Daten bereit stehen, die ausgewertet werden können. Stadtbezirks- und Nahversorgungsbereichsdaten bilden wichtige Grundlagen für

  • die Stadtentwicklungs-, die Einzelhandels- und die Planungspolitik,
  • die Dimensionierung, den Ausbau oder die Umstrukturierung von Infrastruktureinrichtungen (von Spielplätzen, Kinderkrippen, Kindergärten, Kinderhorten, Schulen, Jugendeinrichtungen über Sportstätten bis hin zu Altentagesstätten) sowie
  • die fachlichen und politischen Prioritätensetzungen.

Dem Statistischen Amt in Braunschweig ist ab 1925 das Wahlamt zugeordnet worden, ähnlich wie in vielen anderen Städten zu dieser Zeit. Diese Verknüpfung beider Aufgabenkomplexe erfolgte nicht ohne Grund. Die Vorbereitung und Durchführung von Wahlen erfordert regelmäßig mehr Personal als der Mitarbeiterstamm des Wahlamtes besitzt. Gleiches trifft im Falle von breit angelegten statistischen Erhebungen, wie z. B. bei Wohn und Arbeitsstätten- oder bei Volkszählungen zu. Die Durchführung der Wahlen erfolgt mit Unterstützung der Mitarbeiter der Statistikstelle. Die Statistikarbeit muss dann zwangsläufig weitgehend zurückgestellt werden. Im Gegenzug helfen die Mitarbeiter der Wahldienststelle bei der Durchführung von Zählungen und Erhebungen sowie bei der Erstellung des statistischen Jahrbuchs. Es hat sich bis heute bewährt, wechselseitig auf den Erfahrungsschatz des Mitarbeiterstamms zurückzugreifen. Es gibt Städte, die aus innerbetrieblich-organisatorischen Gründen andere Lösungen gewählt haben. In Braun-schweig hat sich im Laufe der Jahre gezeigt, dass sich in Bezug auf Ressourceneinsatz und Durchführungssicherheit die Kombination der Wahldienststelle mit dem Bereich Statistik bewährt hat.

Zwischen 1925 und 1938 hat das Wahlamt mehr als 20 Wahlen und Abstimmungen durchgeführt. Seit 1946 wurden insgesamt 58 gesamtstädtische Wahlen organisiert (jeweils 15 Gemeinde-, Landtags- und Bundestagswahlen, 5 Stadtbezirksratswahlen, je eine Oberbürgermeisterwahl und Oberbürgermeister-Stichwahl sowie 6 Europawahlen (siehe Anhang). In den 70er Jahren fanden außerdem noch Ortsratswahlen in den seit 1974 neu eingemeindeten Ortsteilen und 1988 sowie 1992 Wahlen für die Vorschlagslisten der Bürgermitglieder des Ausschusses für Äusländerangelegenheiten statt. Im Durchschnitt war damit zumindest rechnerisch in jedem der vergangenen 80 Jahre eine Wahl durchzuführen.

Darüber hinaus ist das Wahlamt stets bei landesweiten Volksinitiativen und Volksbegehren sowie städtischen Bürgerbegehren oder Bürgerbefragungen nach der niedersächsischen Gemeindeordnung gefordert. Neben politischen Wahlen ist das Wahlamt auch örtlicher Verfahrensführer bei den Wahlen zu den Landwirtschaftskammern und es betreut die Vorverfahren zur Aufstellung der Vorschlagslisten der Schöffen für die Amts-, Land- und Sozialgerichte und der ehrenamtlichen Richter für das Verwaltungsgericht, die alle fünf Jahre neu zu bestellen sind.

Diese Ausführungen sollen genügen, um die Rahmenbedingungen, den Umfang und das Spektrum der Tätigkeiten der städtischen Statistik und Stadtforschung einschl. des Wahlamtes im „Referat Stadtentwicklung und Statistik“ zu erläutern, in dem einschließlich dem EU-Beauftragten insgesamt 15 Kräfte, davon drei in Teilzeit arbeiten.

Die Aufmachung des vorliegenden Berichtes und dessen Präsentation im Internet ist zugleich Ausdruck eines Wandels des Arbeitsstils, der von der rapiden Entwicklung der neuen Informations- und Kommunikationstechnik ausgelöst und von der Erhöhung der Taktzahl von internen Anfragen mit immer kürzer vorgegebenen Bearbeitungszeiten bei steigender Informationsflut geprägt ist.

In einer Zeit des Informationsüberangebots, in der jeder gefordert ist, interessierende Informationen schnell herauszufiltern, wird die Suche so lange fortgesetzt bis das Stichwort gefunden und per Mausklick das Vertiefungsangebot „aufgeschlagen“ ist. Wir nutzen daher parallel das Medium Internet, um diesen Bericht zu präsentieren und den interessierten Lesern den Zugang zu weiteren Informationen zu ermöglichen, welche aufgrund der Materialfülle die bereits recht umfangreiche gedruckte Fassung eher unlesbar machen würden.

Diese Veröffentlichung soll nicht nur eine kurz gefasste Bilanz über ein seit 100 Jahren bestehendes Aufgabengebiet sein, sondern auch den Bedarf und die Perspektiven der weiteren Entwicklung aufzeigen. Sie soll zum Reflektieren anregen, was städtische Statistik und Stadtforschung zu einer städtische Ressourcen schonenden Entwicklung der Stadt beitragen kann und nicht zuletzt auch zu einem vorurteilsfreien Informations- und Wissensaustausch zwischen Öffentlichkeit und Fachleuten aus Politik und Verwaltung motivieren.

Hermann Klein
Referatsleiter

"Statistik ist das Informationsmittel der Mündigen."(Prof. Dr. Dr. h.c. Elisabeth Noelle-Neumann, Wissenschaftlerin, Gründerin des Institutes für Demoskopie; *1916)

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