Vorwort des Stadtbaurates

Die Städtestatistik und mit ihr die Stadtforschung hat in den vergangenen 100 Jahren im öffentlichen Leben einen bemerkenswerten Bedeutungswandel erfahren. Vor 100 Jahren galt es noch, mit Hilfe der systematischen Erfassung statistischer Daten das Wachstum der Städte in geordnete Bahnen zu lenken und soziale Spannungen sowohl im Allgemeinen als auch in speziellen Stadtquartieren zu vermeiden. Nach dem 1. Weltkrieg und auch nach dem 2. Weltkrieg trug die Städtestatistik ihren Teil dazu bei, die nötigen Vorkehrungen zur Bewältigung des Bevölkerungswachstums in den Städten zu treffen. Seit Mitte der 70er Jahre haben wir jedoch eine andere Situation. Die Trennung der Funktionen innerhalb der Stadt und die räumlich-funktionale Arbeitsteilung zwischen Stadt und Umland schreiten unaufhörlich voran. Die Verflechtungsbeziehungen zwischen Umland und Stadt innerhalb der Wirtschafts- und Arbeitsmarktregion Braunschweig werden von Jahr zu Jahr intensiver und vielschichtiger. Stadt und Umland ergänzen sich mit ihren Ressourcen, unabhängig von administrativen Grenzen, die mit der Lebenswirklichkeit kaum etwas zu tun haben.

Die Komplexität der Zusammenhänge des Organismus Stadt bzw. Stadtregion hat über die Jahre zugenommen und die Taktzahl, mit der auf Veränderungen in vielen kommunalen Aufgabenbereichen statistisch belegt und fachlich fundiert reagiert werden muss, erhöht sich stetig. Zwei Zitate aus 1955 und 1979 sollen an dieser Stelle genügen, um deutlich zu machen, dass eine funktionsfähige städtische Statistikstelle trotz aller Veränderungen im Laufe der Zeit, trotz des allgemeinen Sparzwangs, heute und auch in Zukunft als laufende Raumbeobachtungsstelle und strategische Informationsquelle für die Stadtspitze sinnvoll und notwendig ist:

„Es ist unmöglich, in einem klaren, sparsamen, modernen Gemeindewesen wichtige Entscheidungen nur mit dem Herzen und nur mit gutem Menschenverstand, mit Höflichkeit, Fingerspitzengefühl und gutem Fach- und Sachwissen zu treffen. Wir müssen uns für alle im öffentlichen Leben auftretenden Zusammenhänge vom Grundsatz her mit der Materie und der Idee beschäftigen, die Zusammenhänge prüfen und eine möglichst weitgehende Unterrichtung über die Voraussetzungen, über die Gegebenheiten und über die voraussichtlichen Auswirkungen einer beabsichtigten Maßnahme anstreben. Die Unterlagen für eine derartige, vom Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Allgemeinheit getragene Disposition der öffentlichen Belange vermag innerhalb der Verwaltung am besten das Statistische Amt bereitzustellen“ (Oberstadtdirektor Dr. Lotz, in: 50 Jahre Städtestatistik in Braunschweig, Kommunalpolitische Schriften der Stadt Braunschweig, Heft 17, April 1955, Seite 3).

„Die Bedeutung der Statistik für den kommunalen Bereich ist heute unbestritten. Die Weiterentwicklung der Städte, die sich angesichts knapper werdender Entscheidungsspielräume auf den verschiedenen Gebieten existenzbedrohenden Fragen gegenüber sehen, ist ohne eine gesicherte Datenbasis und ohne Kenntnis des Entwicklungsprozesses nicht mehr möglich. Dazu ist es weiter unerlässlich, den Blick in die mutmaßliche Zukunft zu wagen und die gegenwarts- und vergangenheitsbezogenen Kenntnisse durch Prognosen zu ergänzen, die trotz aller Schwächen und Grenzen den Verwaltungen und den Räten Anhaltspunkte für die Bewertung planerischer Notwendigkeiten an die Hand geben. Wenn man investieren will, muss man wissen, „wohin der Zug fährt“ und „wohin er fahren soll“. Stadtentwicklung kann weniger denn je im Blindflug erfolgen. Die Datenbasis der Statistik und die Ergebnisse der Stadtforschung halten Erkenntnisse bereit, die einfach Voraussetzung dafür sind, die Entwicklung planvoll lenken zu können“ (Oberbürgermeister Schmalstieg und Oberstadtdirektor Dr. Lehmann-Grube, Hannover, in: Städtestatistik und Stadtforschung 1879 - 1979. Leistungen, Aufgaben, Ziele. Verband Deutscher Städtestatistiker, Hamburg 1979, Seite 5).

Auf die heutige Zeit und die absehbare Zukunft bezogen bleibt nur noch zu ergänzen: Wenn bislang mögliche Leistungen der öffentlichen Hand aufgrund des Sparzwangs deutlich reduziert werden mussten, muss man wissen, mit welchem Maßnahmenbündel die unterstützungsbedürftigen Teile der Stadtgesellschaft am wenigsten von notwendigen Einschnitten belastet werden.

Die städtische Statistik ist nach wie vor Datenproduzent, Datenlieferant und in Verbindung mit der Stadtforschung ein wichtiger, unverzichtbarer Bestandteil der Verwaltung, wenn die sachliche, unabhängige Analyse und Bewertung komplexer sozialer, ökonomischer und struktureller Veränderungsprozesse zur Grundlage von Entscheidungen der Verwaltungsspitze und des Rates über den künftig einzuschlagenden Weg der Stadt gemacht werden soll.

Mit Hilfe der modernen Informations- und Kommunikationstechnik ist im Internet inzwischen eine schnelle Verfügbarkeit vieler Statistiken der Städte, der Länder und des Bundes gegeben. Die städtische Statistik und Stadtforschung kann daher heute in bislang ungeahnt kurzer Zeit Fragen nach Ursachen und Folgen bestimmter Entwicklungsprozesse beantworten und Prognosen erstellen. Um diese Leistungsausbeute aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln, kann eine im europäischen Rahmen erfolgreich operierende Großstadt ihre Wettbewerbsfähigkeit nur dann nachhaltig sichern, wenn die Statistikdienststelle und die Stadtforschung über einen festen Stamm an wissenschaftlich ausgebildeten Fachkräften verfügt, der die Klaviatur der laufenden Raumbeobachtung als Trendmelder und „Frühwarnsystem“ für die Stadtspitze zu bedienen versteht.

Global denken und lokal Handeln gewinnt im Zuge der voranschreitenden Globalisierung der Wirtschaft und der europäischen Integration weiter an Bedeutung. Den Veränderungen im interkommunalen und im internationalen Wettbewerbsumfeld wird die Städtestatistik in Zukunft immer mehr Beachtung schenken müssen, um ihrer Rolle als stiller strategischer Berater der Stadtspitze weiterhin gerecht werden zu können.

Der zum 100jährigen Bestehen der städtischen Statistikstelle vorgelegte Berichtsband soll der interessierten Öffentlichkeit einen schlaglichtartigen Überblick über die wesentlichen Entwicklungsstationen der Stadt und der damit verbundenen Entwicklung des Aufgabenspektrums und der Aufgabenschwerpunkte des Statistischen Amtes im Laufe dieses Zeitraums geben. Es ist ein Beitrag, auf die Bedeutung der überwiegend im Hintergrund ablaufenden Arbeit der städtischen Statistik und Stadtforschung aufmerksam zu machen. Mit Blick auf die absehbaren, in den kommenden Jahrzehnten (notgedrungen) bevorstehenden grundlegenden Veränderungen in Staat und Gesellschaft, wie z. B. der demografische Wandel, die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte und die Reduzierung staatlicher Leistungen ist es zugleich ein Plädoyer, aufgrund des hohen praktischen Gebrauchswertes der Arbeitsergebnisse, die Leistungsfähigkeit von Statistik und Stadtforschung aufrecht zu erhalten und ihre Potenziale für eine fachlich fundierte und objektive Aufbereitung von Entscheidungsgrundlagen weiterhin ausgiebig zu nutzen.

 

Wolfgang Zwafelink
Stadtbaurat

"Statistische Daten und Kenntnisse bloß zu sammeln ist genauso schlecht wie Geld zu horten. Auch Wissen will umgesetzt sein."(Robert Frost)

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