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Dr.Wedemeyer u. Lazarettzug 820

Zeitzeugenbefragung von Dr. P. F. Wedemeyer am 19.12.1990

(durch den damaligen Ortsheimatpfleger G.Sauer (gestorben 2012), abgeschrieben und zusammengefasst vom Ortsheimatpfleger B. Aumann)

(Kurzeinführung: nach mehreren Fronteinsätzen "als Bataillons- bzw. Abteilungsarzt (Panzerjäger) einer aktiven mecklenburgischen Infantriedivision" wurde er "...als Abteilungsarzt an ein Schwerverwundetenlazarett in Neustrelitz versetzt."):

Aufgrund des schnell näher rückenden "Russen" im April 1945 galt es zu fliehen. "Was sollte aber mit denen passieren, die nicht auf diese Art aus dem bedrohten Gebiet fortgeschafft werden konnten? Das Schicksal - Glück oder wie immer man es nennen will - half uns.

Meine Sekretärin war die Tochter eines höheren Reichsbahnbeamten, der in dem weitgehend evakuierten Gebiet zur Abwicklung des Rückzuges noch Dienst tat. Durch ihn bekam ich zunächst eine Lok zur Verfügung gestellt. Bei anderen Stellen gelang es mir, unter Hingabe von Schnaps und Zigaretten 20 gedeckte Güterwagen zur Zusammenstellung eines Zuges zugesagt zu bekommen....

Am 27.04.45 nachmittags begann der Transport der Verwundeten in den Zug: wenige dreistöckige Betten waren bereits in aller Eile von den Tischlern unter Hilfestellung unserer Sanitätsdienstgrade gebaut. Ansonsten wurden die Verwundeten mir den Strohsäcken auf den Wagenboden "dicht bei dicht" gepackt. Anders war es nicht möglich, weil sonst der Raum für etwa 1000 Schwerstverletzte nicht gereicht hätte.... In der Zwischenzeit waren dann Ehefrauen und Kinder des Lazarettpersonals wie Ameisen nach Neustrelitz gekommen, um die letzte Möglichkeit zur Flucht zu nutzen. So war auch meine eigene Frau mit den beiden Söhnen (der dritte wurde erwartet) aus dem etwas 40 Kilometer entfernten Woldegk gekommen....

Am 28.04.45 früh rollte dann die Lok vollgebunkert mit Kohle und Wasser an.... Für die etwas 30 Kilometer bis dort Neubrandenburg, Anmerk.d.Verf.) brauchten wir neun Stunden. Von einer Blockstelle der Reichsbahn zur anderen - es wurde nur auf Sicht gefahren - mußten wir unter Opferung von Schnaps und Zigarren mit viel Überredungskunst die Beamten bewegen, das Signal auf Grün zu stellen. ... In der Ferne hörten wir Geschützfeuer und das Rasseln von Kettenfahrzeugen. Der Bahnsteig war voller Zivilisten, die hofften, noch einen Zug in den Westen zu erreichen. Wir taten unser Möglichstes, Zivilisten mitzunehmen. .....Wir waren bereits einige hundert Meter aus dem Bahnhof heraus, als ein zweiter Angriff der russischen Jäger auf die Stadt geflogen wurde. Unsere Sanitätsdienstgrade hatten inzwischen ihre Malerarbeiten auf den Waggondächern mit Weißen und mit roten Kreuzen beendet. So kamen wir dann etwa 24 Stunden später nach Güstrow unter Mißachtung der auf "Stop" stehenden Signale....

Am 01.05. ging`s dann ab Grevesmühlen nach Lübeck. .... Wir kamen etwa 30 Kilometer in nördlicher Richtung weiter bis in Höhe Pansdorf. Die Strecke vor uns war blockiert durch einen zerbombten Munitionszug. Wir hatten nun Zeit, etwas Ordnung zu schaffen....

Jetzt wurde ein illegales "Entlassungsbüro" eingerichtet. Das offizielle Kriegsende war in wenigen Tagen zu erwarten. Wer sich von den Schwestern, Arbeitsmaiden, Unterärzten uns sonstigem Personal absetzen wollte ... bekam eine entsprechende Bescheinigung mit Stempel (!) Wir waren froh über jeden "Fahnenflüchtigen", weil dann mehr Platz und Verpflegung zur Verfügung standen....

Am 02.05. hörten wir auf einer Parallelstraße zur Bahnlinie Kettengerassel, wurden aber nicht behelligt.

Am 03.05. erschien dann ein englischer Offizier in Begleitung eines Adjutanten mit Aktentasche ganz friedlich am Zuge. Ich machte zackig-stramm Meldung....Er nahm diese Meldung schmunzelnd zur Kenntnis, machte sich einige Notizen, befahl uns, weitere Befehle abzuwarten und verschwand. Dann war es an mir, erleichtert zu schmunzeln: Am 06.05. war die Bahnstrecke vor und hinter uns geräumt.

Am 13.05. wurde der Zug in den Hauptbahnhof Lübeck zurückgeführt. Dort wurden wir entwaffnet und auf SS-Zugehörigkeit überprüft (Blutgruppentätowierungen). Die Verwundeten waren zunächst ausgenommen von dieser Kontrolle. Zum Personal gehörten keine SS-Angehörigen. Auf dem Nebenbahnsteig stand ein leerer italienischer Lazarettzug, in dem 270 Schwerverwundete verlegt wurden. Ich wurde als Chefarzt mit dem verbliebenen Personal für diesen Lazarettzug 820 eingesetzt. ....

Am 15.05. wurde der Zug nach Ratzeburg gefahren und dort mit fünf weiteren Zügen quasi als ständiges Lazarett abgestellt. ... Nach etwa vier Wochen war der letzte Verwundete unseres Zuges in solche Einrichtungen (Lazarette oder zivile Krankenhäuser, Anmerk.d.Verf.) verlegt. ...

Ich ... schrieb an etliche Ärztekammern in Nord und Süd der drei westlichen Besatzungszonen Zulassungsgesuche, doch eine Antwort erhielt ich nie. Ebenso erging es mir bei Bewerbungen um Anstellung an Krankenhäusern. Alles vergebens!

... Am 05.06. begannen bei meiner Frau die Wehen. Sie hatte so tapfer während der vergangenen Wochen die Nöte, Schwierigkeiten und Gefahren getragen, nie den Mut verloren, ......Von unserem Hab und Gut war nur in drei Koffern etwas gerettet. Wie wir später erfuhren, war unser Haus am 22.04.1945 zerbombt und ausgebrannt. Nicht viel anders erging es den wenigen noch im Zug mitreisenden Familien. Aber das gleiche Schicksal ließ manches leichter ertragen. In dem bereits ausgeräumten Operationssaal - ein Tisch war noch vorhanden - war genug Platz zur Entbindung. Ich fungierte als Hebamme ..... So ging dann alles glatt ...

Doch rechte Freude über die Geburt des Jungen kam weder bei meiner Frau noch bei mir auf. Es war eine weitere Sorge auf uns geladen ...

Am 29.08. kurz nach Mitternacht wurde wieder eine Lok vor den Zug gespannt, Abfahrt nach Oldenburg in Oldenburg. Laden von kriegsgefangenen deutschen Soldaten und Fahrt nach Flensburg.

Am 09.10. nach Hamburg-Langenfelde zur Reparatur eines Waggons.

Am 11.10. abends nach Hannover über Lehrte mit etlichen Zwischenhalten.

Am 13.10. Fahrt nach Braunschweig, nach zwölf Stunden Aufenthalt in Helmstedt-Jerxheim. Dort wieder Pause.

Am 27.10. Abfahrt nach Alversdorf, dort laden von 882 Kindern aus Berlin-Tiergarten, Charlottenburg und Villmersdorf, die nach den schrecklichen Kriegserlebnissen an der Grenze der britischen zur sowjetischen Besatzungszone der Kämpfe um Berlin und den Entbehrungen der Zeit danach zur Erholung in den Westen der britischen Besatzungszone gebracht werden sollten. ... Die Berliner Kinder wurden nach Oldenburg in Oldenburg gebracht.

Danach fuhr der Zug zurück nach Alversdorf zur Fortsetzung der Aktion "Storch" (offizielle Bezeichnung). Dieses Mal kamen 1408 Kinder aus Berlin-Spandau. Transport nach Aurich, sofortige Rückfahrt nach Alversdorf.

Am 03.11. erneut Aufnahme von 408 Kindern und Betreuern, Abfahrt 14 Uhr, Ankunft am 05.11., 9.30 Uhr (!!) in Osnabrück.... Rückfahrt nach Helmstedt, dort Reparatur des "Wäschewagens".

Am 09.11. wieder einmal "Besuch" vom Engländer; dieses Mal von einem General. Alarm wurde gegeben. Sämtliche Kinder wurden versteckt. Solche Kontrollen waren immer sehr gefürchtet, weil böse Entscheidungen über unser weiteres Schicksal, vor allem aber über das der Kinder fallen konnten. Wir hatten trotz laufender Bemühungen nirgends eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten.

Am 18.11. erneut Aufnahme von 585 Kindern ....

Am 22.11.45 Ankunft in Groß Gleidingen (acht Kilometer westlich von Braunschweig). Dort standen wir auf einem Abstellgleis ohne Lok, ohne Heizkesselwagen in der spätherbstlichen Kälte. ....

Ein historischer Augenblick war gekommen, nachdem mein Hauptfeldwebel und ich durch bundesbrüderliche Hilfe die restlichen Familien mit den Kindern im Landkreis Braunschweig unterbringen konnten. Drei Familien erhielten Zuzugsgenehmigung nach Wierthe .... Meine Frau erhielt für sich und die drei Kinder zwei Räume zugeteilt, aus denen die Gardinen und der Großteil der Möbel entfernt waren!

Am 03.01.1946 wurde die gesamte Zugbesatzung aus der "Gefangenschaft" vom Engländer entlassen und gleichzeitig "dienstverpflichtet". Der Zug wurde abgewrackt, d.h. Betten und restliches Sanitätsmaterial abgegeben.

Am 07.01. kamen dann wieder eine dampfende Lok mit Heizkesselwagen - bis dahin hatten wir jämmerlich gefroren ...

Am 08.01. 12.00 Uhr Abfahrt mit zunächst unbekanntem Ziel. Mit vielen Zwischenaufenthalten ging`s in den Süden: ... Innsbruck nach Völs zur Abstellung gefahren. ...

Am 23.01.46 ... kam wieder eine Lok ... Wir hatten nun etwa 1100 Personen an Bord. ... Kurz vor der Abfahrt kam ein Begleitkommando von etwa zwölf bewaffneten Franzosen an Bord. ... Nach einer Fahrt von fast drei Tagen kamen wir ... nach Braunschweig, wo 230 Personen ausgeladen wurden. ... Abends (21.15 Uhr) ging`s weiter über Harburg nach Bad Segeberg. Dort wurden unsere letzten Fahrgäste ausgeladen. ... Am letzten Tag unserer langen Reise ging`s über Ratzeburg nach Hamburg-Langenfelde, wo die Reste der Besatzung aus englischen Diensten nach Hause - soweit es so etwas für uns gab - entlassen wurden in ein ungewisses Leben in Freiheit.

Dort war das Ende des italienischen Lazarettzuges 820."