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Kindheitserinnerungen

Skizzen einer Nachkriegsjugend in Timmerlah - von Kristina Richter

© Quelle K.RichterEinschulung K.Richter in Timmerlah

(Redigiert und herausgegeben von Heimatpfleger Bernd Aumann)

Mit wachsenden Lebensjahren und Falten geht der Blick auch schon mal zurück auf die Zeit, in der für uns alles begann – die Kindheit.

© Quelle K. RichterKinderhochzeit

("Das Bild zeigt den zeitlosen Reiz kleiner Mädchen zum Verkleiden mit Textilien aus der Mottenkiste, erweitert durch Krepp-Papiergebilde. Auf dem "Hochzeitsfoto" sind zu sehen von links: Heike Matthies, Helga Tessmann, Erika Krause, Helmtrud Geyer (Enkelin von Oma Geyer), vorn Kristina Gehrs (heute Richter"))

Wer das Glück hatte, in einem Dorf wie Timmerlah aufzuwachsen, brauchte keine technischen Unterhaltungselemente wie heute.

Kommunikationen fand noch dabei statt ohne SMS-Kürzel, viele der knapp 1000 Einwohner kannten sich meist mit Namen. Einheimische wie Flüchtlinge wuchsen allmählich zusammen durch gemeinsames Wohnen – Arbeiten – Feiern, letzteres notfalls noch mit Resten von selbst gebranntem Rübenschnaps und den bescheidenen Dingen, die gerade da waren; aber auch Luxus wie z.B. Pumpernickel-Ecken mit Schmelzkäse, Käseigel, Tomaten mit Fleischsalat und Mayonnaisetupfer drauf.

Der Krieg hatte materielle und soziale Unterschiede nivelliert, die meisten Einwohner lebten in bescheidener Zufriedenheit.

Wie gut, dass vor den Höfen noch Milchbänke standen. Sie waren bevorzugt abends ein beliebter Treffpunkt für einen regen Gedankenaustausch der alleinstehenden und älteren Frauen.

Ebenso der Kiosk von Familie Lühr – das Herz des Dorfes für Groß und Klein. Hier gab es Süßigkeiten – Zigaretten – Bier, Lottoscheine für die Hoffnung auf den großen Tipp-Gewinn und stets ein nettes Wort.

Herr Lühr fuhr zur Freude der Kinder in einem dreirädrigen „Auto“ im Sommer das Eis aus – stolze drei Sorten Vanille, Erdbeer und Schokolade zu erschwinglichen Preisen.

Wenn wir Kinder nach Feierabend den ermüdeten Landarbeitern Overstolz, Senoussi oder ein Bier bei „Lucy" holen durften, fielen gelegentlich auch ein paar Pfennige ab, die sofort in Himbeer-Bonbons oder ähnliche seltene Schätze umgesetzt wurden. Eine ganze Tafel Schokolade? Das war ein fürstliches Geschenk, wenn mal Besuch kam – sie wurde in kleinen Stücken über Wochen verteilt genossen.

Eine zweite Institution war das Gasthaus „Zum Afrikaner“ der Familie Trümper. Ernst (Senior), mit grauem Schnauzbart, hatte aus der deutschen Kolonialepoche in Afrika mehrere Trophäen (exotische Antilopen, Büffel und ähnliches jagdbares Getier) an den Wänden hängen, unter denen dann so manches Feierabend - Bier, oft notfalls mit Schnaps verlängert, die Last des Tages heruntergespülte; mitunter über den Durst hinaus...

Der Gaststubentür gegenüber lag der Eingang zur Heißmangel. Emma Trümper bot damit zu jeder Jahreszeit ein warmes „Zuhause“, in dem die gebügelte Wäsche als Stolz der Hausfrau („im Schranke weißes Linnen, im Herzen reines Sinnen“) in einem besonderen Ritual gefaltet wurde: Kopfkissen stets dreiteilig und halbiert, Bettbezüge längs gefaltet ebenso wie Tischdecken, deren scharfe Knicke Familie und Gästen bewiesen, dass das Tuch auch wirklich frisch und sauber aufgelegt war.

Eile war nicht angesagt; manche Frauen kamen auch ohne Wäschekorb, verließen die enge Stube aber randvoll mit Neuigkeiten aus dem Dorfleben oder dem Rezeptbuch. Eine wahre Datenbörse ersetzte hier die spätere Regenbogenpresse.

Hinter dem Haus ging es zum Festsaal, multifunktional für Veranstaltungen jeglicher Art, im Winter begleitet vom Bullern des großen Eisenofens.

Freitags war dort Kinotag; Herr Baars aus Vechelde stellte eine große Tuchleinwand auf gegenüber dem mächtigen Vorführapparat. Die Garten-Klappstühle waren am Vormittag frisch entstaubt durch Frau Geyer, die für diese mühsame Beschäftigung gratis an dem abendlichen Genuss teilnahm: „Die Förster-Christel“ (1962), „Heidi“, „Zorro“ und Heinz Rühmann in vielfältigen Rollen rührten jeden Zuschauer.

Auch bei Festen ging es nicht ohne die ostpreußische Flüchtlingsfrau, die sonst bescheiden in einem kleinen Zimmer hauste. Sie hatte eine wunderbare Stimme und erfreute die ergriffenen Zuhörer mit dem Ostpreußenlied „Land der dunklen Wälder ...“ oder „Oh du klarblauer Himmel ...“. Für die bessere Akkustik stieg sie dabei auch schon mal auf den Tisch oder den (kalten) Ofen. Als Festgewand, anstelle der obligaten Kittelschürze, hatte sie einen Samtmantel aus Elbing gerettet, den ein schon etwas aus der Mode gekommener Hut krönte.

Ihre damals köstliche „Klunkernsuppe“ aus Milch, Mehl und Ei entstand mithilfe einer kleinen Kochplatte auf einem alten Nachttisch mit Marmorplatte. Die Haare waren zu einem Zopf geflochten und als Kranz mit langen, u-förmigen Haarnadeln auf dem Kopf fixiert.

Auf dem Gehrshof war sie die einzige, die mit dem scharfen Kettenhund Arco klarkam, wenn er mal frei herumlaufen durfte. Sämtliche Kinder wurden vorher in Sicherheit gebracht, denn Arco verteidigte den Hof verbissen mit Zähnen und Krallen.

Es kamen damals häufig Bettler ins Haus – Strandgut des Krieges, die sogar für ein Butterbrot dankbar waren, aber auch unerwünschte Zeitgenossen mit „einnehmendem Wesen“.

Timmerlah hatte den Luxus eines eigenen Dorfarztes. Dr. Wedemeyer überwachte jahrzehntelang als guter Engel die Gesundheit seiner anvertrauten Bürger in bescheidenen Praxisräumen erst bei Familie Gall, dann mit Wohnung im ersten Stock bei Ebelings (Spindler), bis er sich 1955 ein eigenes Haus mit Praxis am Dorfrand baute.

Die Patienten der umliegenden Dörfer wurden zunächst per Motorrad aufgesucht, später mit einem legendären Käfer Cabrio, in dem seine Frau, vier Söhne, Hund und Gepäck für Reisen ausreichend Platz empfanden. „Onkel Doktor" kannte sämtliche Befindlichkeiten seiner Schützlinge und hat mit viel Einfühlungsvermögen und Herzlichkeit so manche psychosomatischen Erkrankungen dadurch besser heilen können als heutige Spezialisten.

Was spielten wir als Kinder? Viel Spielzeug gab es nicht, die Kreativität der Kinder war noch gefragt. Draußen gab es Ballspiele, „Ballprobe“ an eine Wand mit „Gnuwwe, Lawwe, Knete“ und weiteren Verrenkungen, um den Ball nicht vor dem zehnten Schubs wieder aufzufangen.

Beim Huckekasten rutschte eine Tonscherbe besonders gut, beim „Dschangeln“ mit bunten Glas- oder Tonkugeln erwies sich der vereinzelte Besitz von marmorierten Glaskugel als Luxus.

Im Mai wurde jede Menge Maikäfer gesammelt und mit Himbeerenblättern in durchlöcherten Zigarettenkästen gehütet.

Seilspringen, Brummkreisel und Holzreifen bewegten die staksigen Kinderbeine ebenso wie Puppenwagen, Roller oder Dreirad. Erste Radfahrversuche meist auf großen Rädern der Eltern endeten zunächst an einer stabilen Wand als Bremse, bis man die Technik besser beherrschte.

Größere Kinder hatten häufig kleinere im Schlepptau, weil die Eltern arbeiteten und die Geschwister erstaunlich zuverlässige Babysitter waren. Und weil auf den Grundstücken überall Leben war, hatten viele Erwachsene stets einen Blick auf den Nachwuchs.

Bei schlechtem Wetter wurde drinnen „Mensch ärgere Dich nicht“, Quartett oder Elfer-raus gespielt, sofern jemand Zeit dafür hatte.

Ab 1951 gab es auch einen Kindergarten in einer Baracke am Mühlenweg, von „Tante Hanna“ Lüddecke liebevoll geleitet. Vogelhochzeit und Faschingsauftritte der Kleinen vor den stolzen Eltern fanden auf dem Saal des Dorfkrugs statt.

Nach der Einschulung kamen die Jüngeren unter die Fittiche von Ehepaar Senske, die zwei Jahrgänge zusammen einfühlsam unterrichteten. Die größeren wurden vom strengen Lehrer Staats betreut und auf das harte Leben ab 14 Jahren vorbereitet.

Konfirmandenunterricht und zunächst auch Gottesdienste fanden im Pfarrhaus von Pastor Althaus statt, der mit seinen zahlreichen Kindern eine geachtete Institution des Dorfes war. Getauft wurde meist daheim. Nach der allmählichen Beseitigung der Bombenschäden konnte dann die Kirche wieder die Gläubigen versammeln.

Das Feuerwehrhaus stand zunächst neben dem Lühr´schen Kiosk; so wurde das dahinter liegende Areal „Spritzengarten“ genannt.

Die „Droscherie" Schütte rechts daneben beglückte die Hausfrauen mit Reinigungs- oder Gesundheitsartikeln. Zu hören war bis dort noch das Hämmern aus der Schmiede zwei Häuser weiter, von Herrn Tietze später an den Dorfrand verlegt.

Im Nettlingskamp gab es zwei weitere wichtige Institutionen: die Posthalterei der Familie Mohrmann/Maasberg, und daneben konnte man bei Milchfahrer Fernkorn Butter und den Luxusartikel Natur-Joghurt erwerben, mit etwas Zucker eine Köstlichkeit im Glas.

Die übrige Verpflegung übernahmen Bäcker Strube, Schlachter Grünhage und Familie Freitag (später Milkau). Hier gab es alles für Küche und Haus. Besonders begehrt bei uns Kindern war der Einkauf von Margarine, denn pro Würfel durften wir eine 3 cm große weiße Plastikfigur aussuchen: Zootiere, Haustiere, etc. bis hin zu kleinen Krippenfiguren; eine Kostbarkeit.

Bei Familie Scherb gegenüber von Bäcker Strube gab es Haushaltswaren, Küchenhelfer, Marmeladendosen, Glasteller und anderes.

Frau Hanke sammelte Gartenfrüchte für den Markt und verhalf damit zum Aufbessern magerer Einkünfte für Gartenbesitzer. Die Grundversorgung des Dorfes war also gesichert. Im Winter ging es zum Rodeln in die Kippe oder zur Böschung beim Gleisdreieck, Zeitungspapier als Kälteschutz in den Schuhen und selbst- gestrickte Fausthandschuhe. Der Kampf um die beste Bahn abwärts fiel meist zu Gunsten der robusteren Knaben aus ... Der „Sommer“ begann mit der Maiglöckchensuche im Timmerlaher Busch. Endlich konnten die selbst gestrickten Pullover mit den Leibchen (= Hemd mit Strumpfhaltern) abgelegt werden und somit auch die kratzigen Strümpfe. Und wurde am Sonntag die „gute Bekleidung“ angezogen, war der Abstand zum Alltag optisch besonders deutlich. Neue Kleidung war etwas Besonderes und würdig für den Weihnachtstisch. Der Rest war häufig „vererbt“ oder auf einer Nähmaschine der Zwischenkriegszeit mit Tretpedal mühsam aus Resten genäht.

Höhepunkt des Jahres waren die Schulausflüge per Bus. Der Romkerhaller Wasserfall im Harz wurde ehrfürchtig bestaunt, ließ die Augen leuchten, und wenn das Tagegeld noch für einen Anstecher mit Brockenhexe oder eine Souvenirvase reichte, konnte man sich daheim noch lange mit diesem wohlbehüteten Schatz an den großen Tag erinnern.

Im Timmerlaher Busch wurde nicht länger „schwarz“ geschlachtet und die Dosen dann im Rollladenkasten oder Klavier versteckt. Wer ein Schwein das Jahr über gut gefüttert hatte, ließ es im Winter bei klirrender Kälte von Schlachter Vollbrecht zerlegen und zu Schnitzeln, Dosenwurst und Darmwurst umwandeln, letztere an einem Wurstbaum luftig aufgehängt.

Für Kinder gab es kleine Würste, die bis in die Nachbarschaft gemeinsam mit der Schlachtebrühe ausgetragen wurden. Das Zuschauen bei sämtlichen Schlachtevorgängen wurde als normal und interessant betrachtet, Vegetarier oder Veganer waren noch Fremdworte.

Eine „Veilchenbahn“ verband die Zuckerfabrik Broitzen mit Gleidingen. Voller Nervenkitzel legten die Kinder das Ohr auf die Schiene, um zu hören, ob ein Zug kam. Denn bei der Feldarbeit in der Nähe durften sie dabei sein und ihren Spaß haben. Interessant waren die Kartoffelfeuer auf dem Acker, in denen die frischen Kartoffeln gebrutzelt wurden und trotz verbrannter Schale köstlich schmeckten.

Wagte sich eine Maus auf dem Acker hervor, begann eine wilde Verfolgung durch die Kinder mit gelegentlichem Jagdglück, ein recht robustes Spiel.

Der Umgang mit Tieren war auf dem Dorf eben weniger verantwortungsbewußt als in späteren Jahren.

© Quelle K. RichterKristina Richter als Stadtführerin

Vieles hat sich in den folgenden Jahrzehnten gewandelt – ob zum Guten oder Schlechteren, das sind persönliche Erfahrungen. Der obige Rückblick birgt individuelle Erinnerungen, die von anderen Personen und Erlebnissen ergänzt werden sollten.

Oktober 2015                      Kristina Richter

Liebe Mitbürger/-innen, Frau Richter hat uns mit Ihren "Skizzen" ein großes Geschenk gemacht und gerne unterstütze ich ihren Appell bzw. ihre Bitte, noch weitere "Puzzlebausteine" unserer lebendigen Geschichte zusammentragen zu können.

Danke für Ihre Mitarbeit

Ihr Heimatpfleger Bernd Aumann