Der Weg ins Dritte Reich

Georg Althaus trat sein Amt in Timmerlah also 1933 an, dem Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung. Daher soll hier zunächst die damalige politische Situation in Braunschweig und Timmerlah betrachtet werden. Der Freistaat Braunschweig war das erste Reichsland, in dem die Nazis dauerhaft bereits seit 1930 mit in der Regierung saßen. Er galt als braune Hochburg in Deutschland. Auch auf dem Land hatte der für Braunschweig charakteristische frühe Aufschwung für die Nationalsozialisten stattgefunden. Das läßt sich anhand der Wahlergebnisse im Wahlkreis Braunschweig-Land im Vergleich zu den Reichstagswahlergebnissen nachvollziehen1. Zu diesem Landtagswahlkreis gehörte auch Timmerlah:

Tab. 1: Vergleich der Wahlergebnisse Braunschweig-Land (Landtagswahlen) und Reich (Reichstagswahlen) (in Klammern)  während der Weimarer Republik2.

BS-L. (Reich)

KPD

SPD

DDP*

Zentrum

DVP

DNVP

NSDAP

Andere

1920

0,4 (2,0)

49,0 (21,6)

5,7 (8,4)

0,4 (13,6)

32,8 (14,0)

8,5 (15,1)

- (-)

2,6 (22,2**)

1924 a

7,7

26,6

10,1

0,4

21,4

21,0

6,0

6,0

1924 b

3,4 (8,9)

33,3 (26,0)

9,2 (6,3)

0,8 (13,5)

23,4 (10,6)

23,0 (20,4)

3,1 (2,9)

3,1 (11,4)

1928

2,7 (10,6)

47,3 (28,7)

3,8 (4,9)

0,8 (11,9)

17,9 (8,7)

10,7 (14,2)

9,2 (2,6)

6,9 (18,4)

1930

4,4 (13,1)

38,6 (24,5)

2,0 (3,7)

0,7 (11,7)

5,8 (4,5)

6,1 (7,0)

33,1 (18,3)

8,2 (17,2)

1932 a

7,6 (14,2)

29,2 (21,5)

0,3 (1,0)

0,7 (12,4)

1,0 (1,1)

4,7 (5,9)

55,1 (37,2)

0,7 (6,7)

1932 b

10,2 (16,8)

30,0 (20,4)

0,3 (0,9)

0,7 (11,9)

1,7 (1,7)

6,5 (7,2)

48,8 (33,0)

1,0 (8,1)

1933

6,5 (12,3)

26,7 (18,3)

0,3 (0,9)

0,7 (11,2)

1,0 (1,1)

7,8 (8,0)

55,7 (43,9)

0,3 (4,3)

*später Staatspartei. **davon 18 % USPD. Angaben in Prozent.

Es fällt zunächst auf, daß die Kommunisten im Kreis Braunschweig-Land stets unter Durchschnitt blieben, während die Sozialdemokraten Ergebnisse erzielten, die deutlich über dem Reichsdurchschnitt lagen. Die Deutschen Demokraten spielten ebensowenig eine Rolle wie erwartungsgemäß das katholische Zentrum. Interessant ist die Wählerwanderung innerhalb des bürgerlichen Lagers. Während in den Jahren bis 1924 hier die DVP klar die stärkste Kraft war, konnte sie bis 1928 diese Position nur noch knapp behaupten, während die reaktionären Deutschnationalen für einige Jahre starken Zulauf für sich verbuchen konnten. Am Ende dieses Radikalisierungsprozesses der bürgerlichen Wählerkreise stand, beginnend 1928 und v.a. nach erdrutschartigen Gewinnen ab 1930 frappierend klar, der steile Aufstieg der NSDAP. Hier schlug sich die Entwicklung nieder, die aus Braunschweig eine Hochburg der Nazis und das erste „braune“ Reichsland machte.

Interessant ist der Vergleich der Landtagswahlergebnisse vom 14.9.1930 in den Dörfern in unserem Bereich dieses Wahlbezirks, denn dabei fallen einige Unterschiede auf. In Timmerlah und den Nachbardörfern fielen die Ergebnisse folgendermaßen aus (BS: Amt Braunschweig, VE: Amt Vechelde):

Tab. 2: Vergleich von örtlichen Wahlergebnissen der Landtagswahlen vom September 1930. Die jeweilige Liste mit den meisten Stimmen ist fett, die Stimmenzahl in Klammern gedruckt3.

Ort KPD SPD

BEL*

NSDAP

andere

gesamt
Rüningen (BS)

14,8 % (107)

58,2 % (422)

17,8 % (129)

8,3 % (60)

0,9 % (7)

100 % (725)

Broitzem (BS)

5,7 % (44)

56, 4 % (438)

22,1 % (172)

12,9 % (100)

2,9 % (23)

100 % (777)

Timmerlah (BS)

7,1 % (27)

46,7 % (177)

24,6 % (93)

19,0 % (72)

2,6 % (10)

100 % (379)

Klein Gleidingen (VE) -

38,5 % (30)

24,4 % (19)

30,7 % (24)

6,4 % (5)

100 % (78)

Denstorf (VE)

0,4 % (1)

30,6 % (78)

33,9 % (86)

32,7 % (83)

2,4 % (6)

100 % (254)

Groß Gleidingen (BS) -

29 % (56)

25,4 % (49)

41,5 % (80)

4,1 % (8)

100 % (193)

Sonnenberg (VE)

0,5 % (1)

25,1 % (47)

16,6 % (31)

56,7 % (106)

1,1 % (2)

100 % (187)

* Bürgerliche Einheitsliste (DVP, DNVP, Wirtschaftsgruppen)

Die ausgewählten Dörfer können ihren Wahlergebnissen von 1930 nach in drei Gruppen eingeteilt werden. In Rüningen, Broitzem und Timmerlah gab es klare linke Mehrheiten, wobei die staatstragende SPD in den ersten beiden Orten über eindeutige Mehrheiten verfügte. In Klein Gleidingen und Denstorf hatten die republikfreundlichen Kräfte von SPD und BEL4 ebenfalls eine Mehrheit, hier unter sozialdemokratischer, dort unter bürgerlicher Führung. Allerdings beträgt ihre Mehrheit nicht einmal mehr 2/3, in Denstorf konnte sich die BEL nur knapp vor den Nazis behaupten. In Groß Gleidingen und Sonnen-berg schließlich gaben die Wähler den Faschisten sogar die meisten Stimmen. Während die republikanischen Parteien in Groß Gleidingen zusammen noch knapp über eine Mehrheit verfügten, wählte in Sonnenberg mehr als jeder zweite nationalsozialistisch.

Eine Ursache für die unterschiedliche Anfälligkeit gegenüber dem Nationalsozialismus in diesem Bereich scheint u.a. in der Situation der Landwirtschaft zu suchen sein. Die Landwirtschaft war von der Kriegswirtschaft und Inflation besonders hart betroffen5. Nach der Inflation verfielen die Preise für Agrarprodukte rapide, so daß schließlich viele Landwirte durch Kreditaufnahmen in eine hohe Verschuldung gerieten. In dieser Lage hatte v.a. die DNVP mit ihrer rechtspopulistischen Demagogie von den bäuerlichen Wurzeln des Deutschen Reiches, das um seiner Stärke willen ein starkes Bauerntum brauche, ein relativ leichtes Spiel bei vielen Landwirten. Später agitierte auch die NSDAP ähnlich: „Erst in dem von uns erstrebten [...] deutschen Staate werden Landvolk und Landwirtschaft diejenige Berücksichtigung finden, die ihrer Bedeutung als Hauptstütze eines wahren deutschen Volksstaates zukommt.9a

Bei den Wahlen 1930 erreichte die NSDAP in den Dörfern mit kleinen und mittleren Höfen, die besonders anfällig gegenüber der Agrarkrise waren, starke Stimmenanteile, z.T. schon die absolute Mehrheit6. So war es in Sonnenberg. Timmerlahs Höfe dagegen hatten eine relativ große Durchschnittsgröße. Sie waren daher krisenfester, und so erklärt sich der weit über dem Durchschnitt liegende Anteil der bürgerlichen Parteien der BEL. Dabei spielt eventuell auch noch eine Rolle, daß bis zu diesen Wahlen der Timmerlaher Landwirt Cramm jahrelang für die DVP im Reichstag und vorher auch im Landtag gesessen hatte und die Interessen seiner Berufskollegen bei seiner Partei offenbar gut aufgehoben zu sein schienen. Außerdem gab es durch die höhere Durchschnittsgröße der Höfe einen größeren Anteil von abhängig Beschäftigten, was sich in dem guten Ergebnis der Sozialdemokraten niederschlug. Trotz der Stärke des linken Lagers in Timmerlah darf aber nicht übersehen werden, daß fast jeder fünfte Wähler für die NSDAP gestimmt hatte und deren Anteil damit zwar klar unter dem Landesniveau, aber leicht über dem des Reichs lag (s. Tab. 3).

Tab. 3: Vergleich der Wahlergebnisse von Reich (Reichstagswahlen), Braunschweig-

Land und Timmerlah (Landtagswahlen) vom September 19307.

 Ort

KPD

SPD

BEL

NSDAP

andere

Reich

13,1

24,5

11,5*

18,3

32,6**

BS-Land

4,4

38,6

11,9

33,1

10,9

Timmerlah

7,1

46,7

24,6

19,0

2,6

*DVP und DNVP, die BEL gab es nur auf Landesebene. **davon Zentrum 11,7 %, Wirtschaftspartei 3,9 %, DDP 3,7 %, Landvolk 3,1 %, BVP 3 %, Sonstige 7,2 %.

Die Nationalsozialisten waren also seit Ende 1930 in einer Koalition mit der Bürgerlichen Einheitsliste (BEL) an der Regierung beteiligt, wo sie zwar nicht über die Stimmenmehrheit verfügten, aber trotzdem bald die Ebene der Landespolitik beherrschten. Zunächst gaben sie sich unter ihrem Minister Franzen gemäßigt und lieferten dem bürgerlichen Lager relativ wenig Anlaß zur Klage. Ab September 1931 trat Dietrich Klagges an die Stelle von Franzen und ermöglichte es dem staatenlosen Hitler, in Braunschweig eine Anstellung als Beamter und damit die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen. Damit konnte Hitler 1932 gegen Hindenburg für das Amt des Reichspräsidenten kandidieren.

Nach der Machtergreifung vom 30. Januar 1933 folgten aber schnell schwere Vorfälle. Am 9. März wurde das Volksfreunde-Haus der SPD überfallen, die erste Terrorwelle überzog das Braunschweiger Land. Menschen wurden verfolgt, gefoltert und getötet. Braunschweigs Oberbürgermeister Böhme (SPD) wurde unter entwürdigenden Umständen abgesetzt und im Triumph durch die Stadt geführt. Im Juli folgte eine zweite Terrorwelle, die mit den Morden von 12 oppositionellen Arbeitern in Rieseberg begann. Im Zuge der Gleichschaltungen verlor auch das Land Braunschweig am 30. Januar 1934 seine politische Eigenständigkeit. Es war ein Verlust, der des kurzen Intermezzos zwischen dem Zusammenbruch von 1945 und der Gründung des Landes Niedersachsen 1946 ungeachtet, endgültig und abgesehen von den Umständen, unter denen er sich vollzog, wohl auch sinnvoll war.

Während der zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft war in Timmerlah der Landwirt Hermann Olms, Ohlenhofstraße, Bürgermeister. Er äußerte allerdings nach dem Krieg, er sei angeblich zur Über-nahme des Amtes gezwungen worden und erst später in die Partei eingetreten8. Innerhalb der Partei-organisation bildeten Timmerlah, Groß Gleidingen und Sonnenberg eine Ortsgruppe innerhalb der NS-Kreisorganisation Braunschweig-Land, die ihren Sitz in Braunschweig, Fallersleber-Tor-Wall 8, hatte. Ortsgruppenleiter war 1937 Otto Siedentopf aus Denstorf. Der NS-Zellenwart für Timmerlah war zur selben Zeit Franz Krane Senior, Kirchstraße, Ortsbauernführer war Landwirt Gehrs, Timmerlahstraße. Der Jungbauer Rudolf Meyer war Gefolgschaftsführer der Hitlerjugend für Timmerlah, Sonnenberg und Broitzem09.

Die Veränderungen auf politischer Ebene fanden ihre Entsprechung auch in der Landeskirche. Bischof Bernewitz, ein nationalkonservativer Kirchenführer, der aus den ehemals deutschen Ostgebieten stammte, führte die Kirche an die nationalsozialistische Bewegung heran. Als er 1933 aus Altersgründen zurücktrat, wurde mit Beye ein überzeugter „Deutscher Christ“ zu seinem Nachfolger gewählt. Während über die insgesamt reaktionäre Einstellung eines Großteils der deutschen Pfarrerschaft schon in der Weimarer Republik gespottet worden war: „Die Kirche ist neutral und wählt deutsch-national!10, galt nun offenbar nahezu unangefochten Beyes Motto für die Landeskirche: „Gut lutherisch und stramm nationalsozialistisch!11. Zwar mußte Beye bereits nach kurzer Zeit wegen krimineller Amtsvergehen zurücktreten, auch sein Nachfolger Johnsen bezeichnete sich jedoch selbst als überzeugter Christ und Nationalsozialist. Obwohl selbst aus der DC stammend, versuchte er, eine gruppenfreie Landeskirche zu erreichen. Sowohl von der Bekennenden Kirche als auch von der DC bekämpft, konnte sich Johnsen aber weitgehend durchsetzen, weil keine der beiden Gruppen eine Mehrheit hinter sich hatte. „Die Gemeinden wollten nicht in den Widerstand geführt werden, sondern gesagt bekommen, wie man als Christ in der nationalsozialistischen Umwelt leben und glauben kann.12 Der Notbund, der auch nicht aus antinationalsozialistischen, sondern aus innerkirchlichen Motiven gegründet worden war, glich in Braunschweig in den meisten Gemeinden „einer Schar von Offizieren ohne Soldaten13.

Unter Johnsen war das Verhältnis, verglichen mit der Mehrzahl der anderen Landeskirchen, relativ entspannt. Allerdings wurde auch hier 1936 der Landeskirche vom Staatsministerium eine Finanzabteilung aufgezwungen, die mit so weitreichenden Kompetenzen ausgestattet war, daß man sie als „ein verstecktes Staatskommissariat“ bezeichnen kann14. Sie hatte Zugriff auf das kirchliche Vermögen und verschleuderte es z.T. im Interesse von Partei, Staat oder einzelner NS-Exponenten. So verlor die Kirche viel Land, als die Hermann-Göring-Werke in Salzgitter-Watenstedt gegründet wurden. Auch in den meisten Gemeinden wurden Parteimitglieder als Finanzbeauftragte eingesetzt. In Timmerlah übernahm Bürgermeister Olms dieses Amt, jedoch, wie er später betonte, „nur um Schlimmeres zu verhindern15. Widerstand dagegen war eher selten und dann lokal begrenzt. Propst Ernesti charakterisierte die allgemeine Haltung kritisch als „passive Resignation, die weithin unter der Pfarrerschaft Platz gegriffen hat. Man ist scheu und mißtrauisch geworden...16. Während des Krieges vermied die Landeskirche aus einer unkritisch-patriotischen Grundeinstellung heraus jede weitere Konfrontation.

1 Auch wenn der Vergleich von Reichs- und Landtagswahlergebnissen problematisch scheint, bietet er sich je- doch hier wegen der Konzentrierung auf das ländliche Umland Braunschweigs an. Der entsprechende Reichstagswahlkreis Südhannover-Braunschweig umfaßte z.b. auch die Stadt Braunschweig.

2 Zahlen für Braunschweig-Land nach Franz, G.: Die politischen Wahlen in Niedersachsen 1867 - 1949. 3., erg. Auflage mit einem Anhang: Die Wahlen 1951 - 1956. (Veröffentlichungen des nieders. Amtes für Landesplanung und Statistik, Reihe A I Bd. 33) Bremen 1957. Zahlen für das Reich nach Erdmann, K.D.: Die Zeit der Weltkriege. (Handbuch der deutschen Geschichte - Gebhardt, Band 4/2) Stuttgart 91976, S. 832 f.

3 Bein, R. (Hg.): Braunschweig zwischen rechts und links. Der Freistaat 1918 - 1930. Materialien zur Landes- geschichte. Braunschweig 1989, S. 256.

4 Dies ist der Kürze wegen natürlich stark vereinfacht, die DNVP war zweifellos nicht republikfreundlich.

5 Dazu und zum Folgenden: Bein, Braunschweig zwischen rechts und links..., S. 118 - 122, 142 - 144.

9a NS-Propaganda vom März 1930, zit. nach Bein, Braunschweig zwischen rechts und links..., S. 144.

6 Bein, Braunschweig zwischen rechts und links..., S. 249.

7 s. Anmerkungen zu Tabellen 1 und 2.

8 LABS Personalakte Althaus Bd. 1 Bl. 317 ff.

9 LABS Personalakte Althaus Bd. 6 Bl. 39 - 58.

10 Kuessner, D. (Hg.): Materialsammlung zur Ausstellung „Die evangelisch-lutherische Landeskirche in Braunschweig und der Nationalsozialismus“. Braunschweig 1982, S. 36.

11 Kuessner, D.: Geschichte der Braunschweigischen Landeskirche 1930 - 1947 im Überblick; in: Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte 79 (1981), S. 61 - 203 (zit. als Kuessner, Landes- kirche 1930 - 1947), hier S. 106.

12 Kuessner, Materialsammlung..., S. 224.

13 Palmer, O.: Material zur Geschichte des Kirchenkampfes in der Braunschweiger Landeskirche. Braun- schweig masch. 1957, S. 6.

14 Kuessner, Landeskirche 1930 - 1947, S. 139.

15 LABS Personalakte Althaus Bd. 1 Bl. 317 ff.

16 Kuessner, Landeskirche 1930 - 1947, S. 151.

Erläuterungen und Hinweise