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Gedenkstätte Veltenhof

Historischer Hintergrund

Die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Sintize wurde vom nationalsozialistischen Regime systematisch betrieben. Die Basis der Vernichtungspolitik bildete ein biologistisches Rassedenken, für das insbesondere die 1936 gegründete "Rassenhygienische Forschungsstelle" des Neurologen und Psychiaters Robert Ritter die Argumente lieferte. Seit 1934 wurden nach dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" Sterilisationen an Sinti und Sintize vorgenommen. Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 wurden die "Zigeuner" zur "außereuropäischen Fremdrasse" erklärt. Die daraus resultierende Diskriminierung und Ausgrenzung, die vollständige Erfassung und die seit 1939 erfolgende "Festsetzung" der Sinti und Sintize in sogenannten Sammellagern waren Schritte auf dem Weg zur Vernichtung dieser Menschen. Auch in Braunschweig-Veltenhof wurden Sinti und Sintize in einem solchen Lager ghettoisiert. Am 03. März 1943 wurden sie von dort zum Braunschweiger Bahnhof gebracht und in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur wenige überlebten.

Diejenigen, die zurückkehrten, hatten alles verloren:

"Dann bin ich aus dem Zug ausgestiegen und bin da hingegangen, nach Veltenhof... Da hab ich nicht einen Wohnwagen gesehen! Und wo unser Wohnwagen gestanden hat, da ist eine Bombe reingefallen. Stellen Sie sich mal vor, ich komme da an und sehe keinen Menschen! Kein Mensch war da."

Elvira R., Braunschweiger Sintizza.
Aus: "Es war unmenschenmöglich". Sinti aus Niedersachsen erzählen - Verfolgung und Vernichtung im Nationalsozialismus und Diskriminierung bis heute. Hrsg. vom Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti e.V., Hannover 1995, S. 38f.

© Stadt Braunschweig/ Michaela HeyseOrt des 1938 errichteten sogenannten „Sammellagers“ in Veltenhof

Die Verfolgung der Sinti und Sintize in Braunschweig-Veltenhof

Im Braunschweiger Stadtteil Veltenhof hinter den Gleisen der Hafenbahn, gegenüber dem heutigen Heizkraftwerk, hatten Sinti und Sintize ein Wanderlager aufgeschlagen.

Der Oberbürgermeister von Braunschweig ordnete in seinem Schreiben vom 25. Februar 1938 an, dass die Aufstellung der Wohnwagen der Sinti und Sintize ab dem 1. Juli 1938 nur noch auf diesen Platz in Braunschweig - Veltenhof gestattet sei.

Im Oktober 1939 wurde allen Sinti und Roma im Deutschen Reich verboten, ihren jeweiligen Aufenthaltsort ohne polizeiliche Erlaubnis zu verlassen.

Das Wanderlager Veltenhof erklärte man 1943 zum offiziellen Sammellager für Sinti und Sintize aus ganz Niedersachsen. Anfang März 1943 wurde das Lager von der Polizei umstellt.

Frau T., eine Dorfbewohnerin, erinnert sich: "Drei Tage vorher wurde das Telefon stillgelegt. Die Aktion muss bei Dunkelheit früh morgens oder abends stattgefunden haben."

Den Sinti und Sintize nahm man alle Wertsachen ab und ihre Wohnwagen wurden verbrannt. Anschließend wurden die Braunschweiger Sinti und Sintize zusammen mit Sinti und Sintize aus Minden und Hannover nach Auschwitz - Birkenau deportiert, wo sie am 3. März 1943 ankamen.


Gedenktafeln für die vor 75 Jahren deportierten Braunschweiger Sinti und Sintize

Um die Gräueltaten auch nach 75 Jahren nicht zu vergessen und daran zu erinnern, wie viel Leid, Angst und Schrecken das NS-Regime vor allem in der Sinti-Gemeinde verbreitet hat, erfolgte im März 2018, unter Mitwirkung und auf Initiative von Schülerinnen und Schülern der Nibelungen-Realschule, die Aufstellung einer Informationstafel am Ort des ehemaligen sogenannten „Sammellagers“ in Veltenhof, sowie die Enthüllung einer neuen Texttafel an der Tafelwand der Gedenkstätte Schillstraße.

© Stadt Braunschweig/ Michaela HeyseNeu eingeweihte Gedenktafel am Sandanger in Veltenhof

Transkript Infotafel - Sammellager Veltenhof

Auf dem Gelände der Hafenbahn und der „Kippe“, die bei der Anlage des Hafens aufgeschüttet worden war, befand sich seit Mitte 1938 ein „Sammellager“. 
Hier wurden auf Vorschlag des Braunschweiger Oberbürgermeisters Dr. Wilhelm Hesse und auf Anordnung des nationalsozialistischen Ministerpräsidenten Dietrich Klagges Braunschweiger Sinti von unterschiedlichen Wohnplätzen zusammengeführt. Für die Verwaltung war der Bürgermeister von Veltenhof und Rühme zuständig. Schon bald lebten 244 Sinti in 44 Wohnwagen auf dem Platz. 
Alle wurden von der Kriminalpolizei erkennungsdienstlich erfasst. Sie gingen zur Arbeit, in die Stadt oder halfen auf umliegenden Bauernhöfen. An der Volksschule Veltenhof gab es ab September 1938 eine separate „Zigeunerklasse“. 
Die Bewohnerzahl des Sammellagers stieg in den folgenden Jahren noch. 
Am Morgen des 3.März 1943 wurde das Lager von Gestapo, Kriminal- und Schutzpolizei umstellt. Auf Befehl des Reichsführers-SS waren alle „zigeunerischen Personen“ in ein Konzentrationslager zu bringen. Die Bewohner des Sammellagers wurden auf einem Braunschweiger Bahnhof in einen Zug verladen. 
Ziel des Transportes war das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. 
Die Wohnwagen der Deportierten wurden in den Folgetagen verbrannt.

Nur ein kleiner Teil der Sinti aus Veltenhof überlebte die Konzentrationslager.

Das Projekt des Wahlpflichtkurses Geschichte der Nibelungen Realschule

© Stadt Braunschweig/ Michaela HeyseHerr Bezirksbürgermeister Degering-Hilscher, Mitglieder der Familien der Opfer der Deportation und der heutigen Braunschweiger Sinti-Gemeinde, Frau Weiss, Schüler*innen der Nibelungen Realschule, Bürgermeisterin Annegret Ihbe
© Stadt Braunschweig/ Michaela HeyseTexttafel der Schülerinnen und Schüler der Nibelungen Realschule, Gedenkstätte Schillstraße