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Ursprünge

Auf der Suche nach dem Ursprung von Timmerlah

Die älteste bekannte Quelle, die Auskunft über das Alter unseres Ortes geben kann, ist der Codex Eberhardi. Benannt nach dem Mönch, der für das Kloster Fulda eine Aufstellung seiner Besitzungen in zwei Bänden anhand von Originalschenkungsurkunden anfertigte. Die Urkundenbücher mit dem Güterverzeichnis des Klosters Fulda befinden sich im Hessischen Staatsarchiv in Marburg.

Das erste Bild illustriert sehr schön die Arbeit von Eberhardi und zeigt die ersten beiden Seiten der friesischen Ländereienliste des Kloster Fuldai

© Quelle: www.keesn.nl/sources/en2_fulda_pics.htmFriesische Ländereienliste des Kloster Fulda im Codex Eberhardi

Die für uns bedeutsame Seite befindet sich im 1. Bandii und gibt Auskunft über Schenkungen in unserer unmittelbaren Umgebung.

© Quelle:Staatsarchiv Marburg, Band 1, Nr. 493, Abt. Hss. K 425 und 426Codex Eberhardi u.a. Schenkung Dörfer westl. der Oker

Im Buch von Joannis Friderici Schannat aus dem Jahre 1724 finden wir eine chronologische Aufstellung ab dem Jahre 744 inkl. des obigen Codex Eberhardi und somit einer "lesbaren" Abschrift des obigen Dokuments (auf S.300).iV

© Quelle: https://books.google.de/books?id=I35QAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q=300&f=falseSchannat 1724
© Quelle: https://books.google.de/books?id=I35QAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q=300&f=falseCodex Eberhardi u.a. Schenkung Dörfer westl. der Oker

Der für uns wichtige Punkt 4. beginnt in der obigen Originalabschrift links in Zeile 21 und endet Zeile 3 rechts oben):

"Uodiltag und seine Gemahlin Wentelsvint übertragen Gott und dem heiligen Bonifatius ihre Güter in zwanzig Orten im Liergau, darunter zu Beddingen (Bettingen), Sonnenberg (Sunnebore), Gielde (Gelidishusen), Schwülper (Suibbore), Tihidhusen (wahrscheinlich südwestlich von Neubrück, jetzt wüst), Tideshusen, Groß-Stöckheim (Stocheim), Flöte (Flotide), Thiede (Tihide), Groß und Klein Gleidingen (Gledinge, Rudergletinge (aus Sudergletinge wurde Rudergletinge), Lamme (Lammari)."

(Übersetzung übernommen aus einer Vorlage von Heimatpfleger Otto Dierling, Geitelde)

Es werden diverse Orte in unserer direkten Umgebung genannt, aber leider ist Timmerlah nicht darunter. Erst unter Nr.72 auf Seite 303 des obigen Buches unter Traditiones Fuldenses (Traditiones bezeichnen Registrierungen von Schenkungsvorgängen des Schenkenden. Der Schenker durfte davon ausgehen, dass die Geistlichen im Klöster für den/die Wohltäter intensive Fürbitten beten) werden wir fündig:

© Quelle: https://books.google.de/books?id=I35QAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q=300&f=falseCodex Eberhardi u.a. Schenkung Dinbarloha

Ego IRMINVUART Comes trado Sancto Bonifatio, in Pago Lingewe in villa que dicitur Dinbarloha omnem Proprietatem et Hubas III. Dominicales et mancipia cum Prole.

Ich, Graf Irminwart, übergebe dem heiligen Bonifacius im Lirgewe-Gau im Dorf, das Dinbarloha genannt wird, den ganzen Besitz mit drei Herrenhufen sowie Hörigen und Nachkommen.

Interessant ist an dieser Stelle, dass der vielfach zitierte DronkeiV den Codex Eberhardi 1844 erneut editierte, dabei aber zum Teil eigenmächtige Veränderungen vornahm, so dass dort die obige Schenkung mit identischem Text unter Nr. 83 (S.100) erscheint.

Somit ist auf jeden Fall gesichert, dass es Dinbarloha bereits zu Zeiten des Mönchs Eberhardi gegeben haben muss.

Da Eberhardi auf Veranlassung von Abt Marquard I. die Schenkungen niederschrieb, liegt der gesicherte Nachweis unseres Ortes vor der Amtszeit des Abtes (1150 - 1165)V.

Doch wie weit reicht unsere Geschichte zurück?

Die Traditiones beruhen auf Originalurkunden, die heute leider weitgehend verlorengegangen sind.vi "Ein Teil davon war schon in der Zeit um 822 - 842 unter Abt Hrabanus Maurus von Eberhards Vorgänger Rudolf in einem achtbändigen Gesamtverzeichnis erfaßt worden, das nun erkennbar auch als Vorlage genutzt wurde. (...) Vom Verzeichnis Rudolfs aus dem 9. Jahrhundert gibt es nur noch einen Originalband."vii viii

In der wissenschaftlichen Datenbank "Regnum Francorum Online" findet sich eine weiteren Quelleix , die die Editierung von Dronke zugrundelegt und somit die Nr. 083 trägt. Auf dieser Karte sehen wir einen Ausschnitt des damaligen Frankenreichs mit Timmerlah und Fulda (blaue Mehrecke).

Spannend ist, dass von den Wissenschaftlern die Schenkung auf das Jahr 830 datiert ist.

© Quelle: francia/ahlfeldt.se/page/documents/18377Timmerlah im Fränkischen Reich

In der derselben Datenbank (ebenda.) sind die Orte der Schenkung unter Nr. 4 datiert auf den Zeitraum 780-802, z.B. Sonnenberg (Nr. 11613), Geitelde (12129), Lamme (12133), Thiede (12131), Beddingen (11614).

Das folgende Bild (ebenda.) zeigt Geitelde in seiner geschichtlichen Einordnung.

© Quelle: francia/ahlfeldt.se/page/documents/12129Geitelde im Fränkischen Reich

Wie muss man sich Timmerlah in der damaligen Zeit vorstellen?

"Anstelle des Dorfes dominierte das einzeln gelegene, primitive Haufengehöft, das mit einem Zaun umgeben und damit ein eigener Rechtsbereich war. Hier standen um das Hauptgebäude mit der Feuerstelle einige Speicher und Grubenhäuser herum. Diese Bauten darf man sich aber nicht als feste Häuser vorstellen. Sie waren einfache Konstruktionen, deren Wände mit Winden zusammengebunden waren (daher das Wort „Wand“). Dabei fanden sich diese Siedlungen zuerst v.a. dort, wo der Boden nicht bewaldet war, da dort Ackerbau betrieben werden konnte. Solch ein Gehöft wurde meistens nach einem größeren Raumzusammenhang benannt, d.h. es gab statt eines Ortsnamens im heutigen Sinn einen Namen für einen mehr oder weniger eindeutigen Bereich, eine Gemarkung.

Differenzierter wurden Ortsnamen erst in der Zeit der Siedlungsverdichtung im Hochmittelalter. (...) Die adlige Herrschaft war demnach zu jener Zeit auf das Gehöft konzentriert, nicht auf einen größeren Siedlungszusammenhang."(Kai Sauer, ebenda)

Dinbarloha, kleine Siedlung in Sachsen

Dinbarloha gehörte zu Sachsen mit seinen drei Gebieten Ostfalen (Ast), Engern und Westfalen.

Die Grenzen von Ostfalen waren im Osten die Oker, im Westen die Leine, Süntel und Deister. Im Norden die Ilmenau und im Süden Hils und Harz.

Ostfalen war unterteilt in 14 Gaue. Einer davon, das "Liergewe" bzw. das Liergau o. Leragau, zu dem auch Dinbarloha gehörte, erstreckte sich westlich der Oker.

Nach Karl dem Großen übernahm Herzog Ludolf die Regentschaft von Sachsen. Er war der Vater von Bruno, der der Legende nach Brunswick als sein Herzogtum übernahm und Braunschweig seinen heutigen Namen gab.

Der spätere Enkel von Ludorf, Heinrich I., wurde König des Ostfrankenreiches (919 - 936). Sein Sohn aus 2.Ehe, Otto der Grosse, übertrug dem Grafen Hermann Billung die herzogliche Gewalt.

"Nach deren Aussterben (1106) vereinigte der Süpplingenburger Graf, spätere Herzog und nachmalige Kaiser Lothar I. die Güter der Brunonen, Nordheimer und Billunger Grafen. Ihn beerbte sein Schwiegersohn Heinrich der Stolze, der Vater Heinrich des Löwen (1139 - 1195).

Dieser verlor sein Lehen, Sachsen und Bayern, im Kampfe mit Friedrich Barbarossa.

Er behielt nur seinen Familienbesitz - also auch unsere Heimat. Von Kaiser Friedrich II. (1215 - 1250) wurde der Welfe Otto, das Kind mit dem Herzogtum Braunschweig - Lüneburg, belehnt.

1267 trat die Teilung zwischen Braunschweig - Lüneburg und Braunschweig - Wolfenbüttel ein. Zu letzterem gehört seitdem unsere Gegend." (F.W.Cramm, Höfe, Häuser und Menschen in Timmerlah, Band 3, Vorspann D, Timmerlah 1930)

Was erfahren wir durch eine sprachwissenschaftlichen Untersuchung des Schenkungstextes

Versuchen wir nun also, den Schenkungsvermerk, der Timmerlah betrifft, in diese Zusammenhänge einzuordnen. Zunächst läßt sich vermuten, daß mit villa in unserem Fall ebenfalls ein Gebiet bezeichnet wurde, in dem ein Gehöft existierte. Der Ortsname Dinbarloha setzt sich sprachwissenschaftlich betrachtet aus zwei Teilen zusammenx. Der erste, timber oder zimber stellt das Bestimmungswort zum Grundwort loh, dar, das in der Schenkungsnotiz mit einer latinisie-renden a-Endung versehen wurde.

Dieses Grundwort gehört zu „den älteren Schichten der germanischen Benennungenxi und ist in allen germanischen Sprachen bezeugt:

sprachliche Variante (german. Sprachen) Bedeutung

ahd. st. m. lôh Hain, bewachsene Lichtung, niedriges Gebüsch, Gehölz

mhd. st. m. n. lô(ch) Gebüsch, Gehölz, Hain, Wald

dt. dial. lo, loh Gehölz, Waldung

mnd. lô(ch), loh, loch, loge, lage, loy Gehölz, Busch, Waldwiese, Waldaue, niedr. Grasanger

angels. léah Gebüsch, offenes Land, Wiese

an. Ebene, niedrig gelegene Wiesenfläche

darüber hinaus im Bereich der indogermanischen Sprachen:

lat. lucus Hain, Lichtung

lit. laûkas, lett. laûks freies Feld, Acker und Wiesen insges.

rekonstruierbarer Stamm des germanischen Ursprungsworts:

lauha- Hain, Lichtung

Orts- und Flurnamen, denen der gemeinsame germanische Stamm lauha- zugrundeliegt, kommen v.a. in England, im Gebiet zwischen Elbe und Rhein, Nordsee und Main sowie in Holstein und vereinzelt in Norwegen vor. Die Ausprägung lah ist eine lautliche Variante des Wortes v.a. aus Ostfalen und Hessen. Folgende Beispiele zeigen einige Varianten aus dem gesamten Verbreitungsgebiet:

Name           Lage         frühe Namensformen         

Hesel Ostfriesland = Hesilo (14. Jh.), Hesselo (15. Jh.), Hezele (um 1500)

Ackley England/ Co. Kent = Acleah (um 1000)

Venlo Niederlande = Uennelon (1100), Venla (1170)

Waterloo Belgien = Waterlots, Waterloes (12. Jh.)

Oslo Norwegen = Åslo (?)

Ursprünglich waren diese Namen fast immer Flurnamen, die auf ein Gebüsch oder ein Waldstück bezogen waren und meist also noch keine Siedlungen bezeichneten. Das läßt trotzdem darauf schließen, daß die Gegend von Timmerlah bereits in eine frühe germanische Besiedlung einbezogen war, da es ohne Bewohner zu dieser Zeit überhaupt keinen Namen für diese Gemarkung gegeben hätte. Die wohl später entstandene Siedlung hat also wahrscheinlich einen schon bestehenden und bekannten Namen übernommen.

Das Bestimmungswort dinbar findet sich ebenfalls recht häufig, und zwar in der althochdeutschen Form zimbar, mittelniederdeutsch timber, timmer, altsächs. timbar, und wird übersetzt mit „Bauholz, Ort, wo Bauholz geschlagen wird, Holzbauxii. Heute lebt es weiter in Vokabeln wie Zimmermann, zimmern etc. Folgende Ortsnamen finden sich im norddeutschen Raum, ohne daß die Liste einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebtxii:

Name Lage (Kreis) früheste Namensformen Quellen:

Timmerlah St. Braunschweig = Dinbarloha (9.Jh.), Timberlo (12. Jh) GOV-BS

*Timmerlah St. Salzgitter (*ehem. Wald) = ? GOV-BS

Timmerloh Kr. Soltau = ? MOB

Timmerlade Kr. Stade = ? MOB

Timmerlage Kr. Cloppenburg = ? MOB

Timmersiek Kr. Flensburg = Timmersyk (1472) GOV-SH

Tümmers Kr. Viersen = Timmerhusen (?) Bach

Timmel Kr. Aurich = Timberlae (10. Jh.) Fö./Udol.

Timmern Kr. Wolfenbüttel = Timbron (10./11. Jh.), Thimbere (12. Jh.) GOV-BS

Timmern Teutoburger Wald = ? MOB

Quellen: GOV = Geschichtliches Ortsverzeichnis, BS = Kleinau, SH = Laur, MOB = Müller, Fö. = Förstemann, Udol. = Udolph, nähere Angaben s. Literaturliste.

Eine Verbindung zum althochdeutschen timber, dunkel, die auch häufig angenommen worden ist und beim Entwurf des Ortswappens 1980 zugrunde gelegt wurdexiv, kann zwar nicht völlig ausgeschlossen werden, ist aber aufgrund der Beleglage für den Ortsnamen Timmerlah höchst unwahrscheinlich. Die beiden Bestandteile des Namens Dinbarloha ergänzen sich also dahingehend, daß man den Namen übersetzen könnte mit „Gehölz, wo es Bauholz gibt“. Auch aus dem Zusatz villa „que dicitur“ Dinbarloha (der Ort, der D. genannt wird) geht ganz offensichtlich hervor, daß es sich zumindest zur Zeit der Schenkung (9. Jh.) um einen älteren, bereits eingebürgerten Namen handelte.

Der Schenkende wird als comes, also Graf bezeichnet, er führte diesen Titel für ein Gebiet, ohne daß es sich zu dieser Zeit bereits um ein konkretes Amt mit bestimmten Rechten und Pflichten gehandelt hätte.

Pagus war eine sehr undifferenzierte Raumbezeichnung, so daß das Gebiet des Grafen keineswegs mit dem genannten Lera- oder Liergau (pagus lirgewe) identisch gewesen sein muß, der sich links der Oker als schmaler Streifen am späteren Braunschweig vorbei zog.

Irminwart scheint ein alter Name gewesen zu sein, der sich uns nur sehr selten überliefert hat. Außer in unserer Schenkungsnotiz kennen wir ihn nur noch aus einer Notiz des Klosters Lorsch (Hirminward) und aus verschiedenen Schenkungen an das Kloster Corvey (Yrmynward)xv. Letztere sind hier wegen der relativen Nähe zu Timmerlah interessant, denn es ist nicht auszuschließen, daß es sich bei den Yrmynward genannten Personen um ein und dieselbe handelt, die mit unserem Graf Irminwart identisch sein könnte. Letzterer wird wohl in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts gelebt haben. Yrmynward ist quasi gleichzeitig, nämlich zwischen 822 und 875, folgendermaßen aktenkundig geworden:

  • Yrmynwardus et Adalwardus tradiderunt mansum I in Stotinghusen. Der geschenkte Mansus (Landeinheit) lag wahrscheinlich im heutigen „Stotesser Grund“, 6 km westnordwestlich von Höxter.

  • Schenkung von zwei Personen in Guddingun und Northgu an der Leine, bezeugt u.a. von einem Yrmynwardus.

  • Tradidit Yrmynward quidquid habuit in Holtesmynne, tam in campis quam in silvis. Die verschenkten Felder und Waldgebiete lagen im Landstrich von Holzminden.xvi

Wie man sieht, tritt der Yrmynward der Corveyer Traditionen v.a. im Gebiet zwischen Höxter und Leine auf. Trotzdem kann er auch in weiter entfernten Gegenden wie dem Leragau Besitz gehabt haben, die andere Schreibweise wäre dadurch erklärbar, daß der Schreiber in Fulda im 9. Jahrhundert andere Schreibgewohnheiten hatte als jener in Corvey bzw. wohl Eberhard im 12. Jahrhundert den Namen nicht mehr kannte und auf eine „modernere“ Art aufschrieb.

Eine noch weitergehende, konkretere Möglichkeit der Identifizierung sieht Wenskusxvii, der es für gut möglich hält, daß Irminwart zum Geschlecht der Immedinger gehörte. Der Name Irminwart spricht tatsächlich dafür, denn der Leitname der Immedinger, Immed, ist eine Kurzform zu einer Namengruppe, der auch Irmin- angehörte, und ist seit dem 8 Jahrhundert bezeugt. Die Immedinger waren ein weit über Sachsen hinaus bedeutendes, nicht klar faßbares Adelsgeschlecht. Es gehörte ursprünglich wohl den Thüringern zu, so hieß z.B. der letzte Thüringerkönig im 6. Jahrhundert Irminfrid. Seinen Machtschwerpunkt hatte es aber wohl in Ostsachsen. Die bekanntesten Immedinger sind Königin Mathilde (+ 968), Erzbischof Unwan von Hamburg-Bremen (+ 1029) und die Bischöfe Meinwerk (+ 1036) und Immed (+ 1076) von Paderborn. Da zumindest für die Gattin Heinrichs I., Mathilde, auch eine Abstammung von der Sippe Widukinds, des legendären Führers des sächsischen Aufstands (778 - 785) gegen die Franken unter Karl dem Großen bezeugt ist, und im Mittelalter die Verwandschaftsbeziehungen von zentraler Bedeutung waren, ergibt sich für die Forschung das Problem, die beiden Geschlechter zu unterscheiden. Es scheint tatsächlich, daß es sich um zwei Namen für ein und denselben Personenverband handelt. Der Grund, warum im 11. Jahrhundert der namengebende Spitzenahn gewechselt wurde, dürfte in Hamburg-Bremen zu suchen sein. Dort wird von einem comes Emmiggo aus dem Lerigau bei Wildeshausen berichtet, der als christlicher Gefolgsmann des heiligen Willehad den Märtyrertod erlitt. Dies geschah aber auf Anlassung des den fränkischen und christlichen Einfluß bekämpfenden Widukind, der damit anders als im frühen nun im hohen Mittelalter für den immedingischen Erzbischof als Namenspatron des eigenen Geschlechts ungeignet erschienen sein muß.

Das Endglied -wart ist übrigens ebenfalls ein dieser Familie eigentümlicher Namenbestandteil. So ist es also gut möglich, daß Irminwart identisch ist mit Graf Immed I. und somit Vorfahre Ottos des Großen und seiner Nachfolger Otto II. und III. Von Immed I. sprechen mehrere Quellen:

  • um 822: Immed I. (Ymmad) schenkt Besitz im Harudengau, was u.a. der Immedinger Graf Thuring bezeugt (Trad. Corb. A § 4 / B § 228).

  • um 829: Immed I. bezeugt als erster Zeuge eine Schenkung Thurings in Kissenbrück (wichtigste Okerfurt, bei Ohrum) und in Neindorf südlich von Braunschweig (Trad. Corb. A § 42 / B § 255).

  • Immed (Ymmed) zeugt für Thuring (Trad. Corb. A § 42 / B § 266).

  • um 830: Immed I. (Ymmadus comes) schenkt Besitz in Liedingen, was wiederum Thuring als erster Zeuge bestätigt (Trad. Corb. A § 47 / B § 271) => Entfernung zu Timmerlah 8 km!

  • Immed (Himmas) schenkt Besitz in Kohnsen bei Einbeck (Trad. Fuld. Kap. 41 Nr. 60) => Schenkung Irminwarts in Timmerlah: Trad. Fuld. Kap. 41 Nr. 83!

Wenskus hält es sogar für möglich, daß Immed I. Vater eines Waltbert gewesen ist, der mit Mathilde, der Großmutter der gleichnamigen und schon erwähnten Königin, verheiratet warxviii. Dann wäre Immed sogar ein wichtiger Stammvater dieser so bedeutenden Sippe gewesen. Sollten Immed I. und Irminwart also identisch sein, wofür einiges spricht, hätten wir es mit einem höchstrangigen mittelalterlichen „Prominenten“ zu tun. Die Tatsache, daß er seine Timmerlaher Schenkung ans Kloster Fulda tat, könnte sich daher erklären, daß Fulda das zentrale Kloster für den gesamten sächsischen Bereich gewesen war, bevor es in dieser Rolle von Corvey abgelöst wurde. Irminwart / Immed zählte offensichtlich zum frankenfreundlichen und daher christlichen Teil der sächsischen Adelssippe Widukinds, wie auch schon der erste bekannte Träger dieses Namens 782 zu den Opfern des antifränkischen Aufstands unter eben diesem Widukind gehört hatte.

Das Land, daß Irminwart schenkte, bestand aus 3 Herrenhufenxix. Wahrscheinlich heißt das, daß der Graf direkter Nutzer dieses Landes war bzw. daß er es von angesiedelten Unfreien unter seiner Verantwortung bewirtschaften ließ. Diese Unfreien dürften die mancipia sein, die mit ihren Nachkommen (prole) ebenfalls an die Fuldaer Kirche verschenkt wurden. Hier fällt allerdings auf, daß diese karolingische Bezeichnung sonst in den Fuldaer Traditionen erst ab 965 gehäuft verwendet wurde.

Wenn die Datierung der Schenkung auf die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts richtig ist - und dagegen spricht bisher nichts - handelt es sich hier wohl um eine frühe Verwendung dieses Ausdrucks, denn gegen eine eigenmächtige Änderung eines anderen, ursprünglichen Begriffs wie Laten oder servi durch den Mönch Eberhard im 12. Jahrhundert spricht, daß zu seiner Zeit bereits nicht mehr von mancipia gesprochen wurde.

Zusammenfassung

Zusammenfassend können wir also feststellen, daß der sehr alte Name Timmerlahs auf eine frühe germanische Besiedlung der Region deutet. Zur Zeit der ersten nachweisbaren Erwähnung bestanden hier wahrscheinlich ein einzelnes oder einige wenige Gehöfte, die zum Leragau gezählt wurden und auf deren einen Unfreie für ihren Herrn, den wohl zu den Immedingern zu zählenden Graf Irminwart, arbeiteten.

Er schenkte seinen hiesigen Besitz dem für Sachsen wichtigen Kloster Fulda, wo er in einem Schenkungsverzeichnis erscheint. (Zeitlich auf das Jahr 830 datiert! Anm.d.Verf.)

Ziel der Schenkung war es, in die Memoria-Gebete der Mönche aufgenommen zu werden und so etwas für das Seelenheil zu tun.

Abschließend sei noch darauf verwiesen, daß im näheren Umfeld aus dieser Zeit vor der Jahrtausendwende noch die Namen von Vechelde (973), von Groß und Klein Gleidingen, Lamme, Rüningen und Sonnenberg sowie von Lamme, Rüningen und Geitelde (wohl 780-802) urkundlich überliefert sind, zum Teil in den Fuldaer Schenkungslisten, zum Teil in anderen Quellen.

Andere Namen deuten ebenfalls auf einen weiter zurückliegenden Ursprung hin (z.B. Broitzem). Archäologische Befunde gibt es in Querum (Körpergräber, 9./10. Jh.), Stöckheim (Urnen- und Brandgräber, 5./6. Jh.)xx und in Geitelde (Grubenhäuser, 7. - 9. Jh.)xxi."

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Literaturverzeichnis u. Fussnoten

© Quelle: Heimatpfleger Bernd AumannLiteraturverzeichnis u. Fussnoten